Mittwoch, 21. Januar 2009

Die Offensive der Menschenrechtler

Internationale Organisationen werfen Israel vor, Phosphorgranaten eingesetzt zu haben - Ärzte berichten von Wunden, aus denen Rauch aufstieg.
Von T. Schmitz und P.-A. Krüger
Die israelische Armee hat erstmals indirekt zugegeben, bei der dreiwöchigen Militäroffensive im Gaza-Streifen auch Phosphorgranaten eingesetzt zu haben. Einem Bericht der Tageszeitung Haaretz zufolge hat die Armee-Spitze eine interne Untersuchung eingeleitet, mit deren Hilfe herausgefunden werden soll, weshalb eine Fallschirmjägereinheit von Reservisten etwa 20 Phosphorgranaten in einem bewohnten Gebiet im Norden des Gaza-Streifens eingesetzt habe.
Ein Sprecher der Armee bestätigte der Süddeutschen Zeitung, dass der Einsatz von Phosphorgranaten geprüft werde. Es handle sich jedoch um keine offizielle Untersuchung, sondern um eine Armee-interne.

Dem Zeitungsbericht zufolge soll die Armee Artillerie-Rauchgranaten mit niedriger und Mörsergranaten mit hoher Phosphorkonzentration eingesetzt haben. Sie seien auf Beit Lahija im Norden des Gaza-Streifens abgeschossen worden. Ihr Einsatz ist zwar offiziell nicht verboten, dennoch regelt die Waffenkonvention von 1980, dass sie nicht auf Zivilisten und bewohnte Gebiete abgeschossen werden dürfen.

Bereits während des Gaza-Kriegs hatte die internationale Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch behauptet, die Armee habe wie im Libanonkrieg vor drei Jahren Phosphorgranaten eingesetzt.
Desorientierung als Ziel
Im Krieg werden diese Geschosse üblicherweise zur Desorientierung des Gegners eingesetzt. Der Rauch macht den Feind blind, zusätzlich fügen ihm die Brandsätze, wenn sie auf Hautstellen auftreffen, schwere Wunden zu. Besonders bei Bodenoffensiven werden Phosphorgranaten eingesetzt, auch von britischen und amerikanischen Truppen in Irak. Ärzte aus dem Schifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt berichteten von auffälligen Brandwunden.

Nafiz Abu Schaban, der seit 15 Jahren dort die spezielle dermatologische Abteilung leitet, äußerte sich in jüngster Zeit oft "erstaunt über ungewöhnliche Brandverletzungen". Die Wunden mancher Patienten hätten stundenlang gebrannt, aus manchen sei Rauch aufgestiegen. Selbst Patienten, deren Haut nur zu 15 Prozent verbrannt gewesen sei, seien "plötzlich gestorben". Der Arzt hat Hautproben gesammelt und will sie nun prüfen lassen.

"Nicht verhältnismäßig"
Acht israelische Menschenrechtsgruppen, darunter Betselem, Jesch Din und Gischa, haben am Mittwoch Generalstaatsanwalt Menachem Masus aufgefordert, eine regierungsunabhängige Untersuchungskommission zum Gaza-Krieg einzusetzen. Die acht Gruppen verdächtigen die Armee, international gültige Regeln der Kriegführung missachtet zu haben.

Die Anwältin der Gruppe, Limor Jehuda, sagte, die Zahl der getöteten palästinensischen Frauen und Kinder sei "erschreckend hoch". Etwa 410 Kinder und Jugendliche seien getötet worden. Nach palästinensischen Angaben wurden mehr als 1300 Palästinenser getötet und etwa 5300 verletzt. Der Verdacht liege nahe, so die Anwältin, dass die Armee nicht zwischen Kämpfern und Zivilisten unterschieden und das Prinzip der Verhältnismäßigkeit nicht befolgt habe. Amnesty International hat ein Ermittlerteam in den Gaza-Streifen entsandt. Die Menschenrechtsorganisation wirft Israel vor, im Gaza-Streifen Kriegsverbrechen verübt zu haben.

Der saudische Botschafter übermittelte der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien am Mittwoch eine offizielle Note arabischer Staaten, in der Israel beschuldigt wird, es habe im Gaza-Streifen auch uranhaltige Munition verwendet. In palästinensischen Opfern seien Uranspuren gefunden worden. IAEA-Sprecherin Melissa Fleming sagte, die Behörde werde die Sache untersuchen, ,,soweit es uns möglich ist‘‘. Über das weitere Vorgehen sei aber noch nicht entschieden. Ein Sprecher des israelischen Außenministeriums bezeichnete den Vorwurf als "üble Propaganda".

Abgereichertes Uran wird wegen seiner hohen Dichte in panzerbrechenden Geschossen als Kern verwendet, da es aufgrund seiner hohen kinetischen Energie Panzerungen durchschlagen kann. Neben seiner Radioaktivität ist Uran auch als Schwermetall giftig. Es gilt als gesichert, dass ein Krebs- und Vergiftungsrisiko besteht, wenn der Staub, der beim Aufprall der Geschosse entsteht, eingeatmet oder mit dem Körper in Kontakt gebracht wird.

In Bosnien hatte es im Umfeld der Einsatzgebiete der Munition eine Häufung von Krebsfällen gegeben, die Kritiker darauf zurückführten, dass die Menschen Uran-Spuren über die Nahrungskette oder das Grundwasser aufgenommen hätten. Eine Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation WHO fand dafür aber keine Belege.

Die sogenannte DU-Munition wurde bislang von den USA auf dem Balkan, im Irak und in Afghanistan eingesetzt. Die Verwendung im Gaza-Streifen halten Militärexperten für unwahrscheinlich, da es dort kaum gepanzerte Ziele gegeben habe. Israel besitzt Panzer und Kampfhubschrauber, die uranhaltige Munition verschießen können. Es ist unklar, ob die USA Israel solche Munition geliefert haben. Israel dürfte diese aber auch selber herstellen können. Nach dem Libanon-Krieg 2006 war der gleiche Vorwurf erhoben worden. Die UN-Umweltorganisation Unep fand bei einer Untersuchung aber keine Belege, dass Israel die Munition verwendet haben könnte.

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