Donnerstag, 18. Juni 2009

Italiens verfolgte Unschuld

Italien rechnet seit Tagen mit neuen Enthüllungen - jetzt heißt es: Premier Berlusconi soll in einen Prostituierten-Skandal verwickelt sein. Er selbst sieht sich als Opfer von Verschwörungen.
Von Stefan Ulrich, Rom

Silvio Berlusconi: Seit Tagen rechnet Italien mit neuen Enthüllungen.

Es ist die Chronik eines angekündigten Skandals: Seit Tagen rechnet Italien mit neuen Enthüllungen über seinen umtriebigen Premier. Silvio Berlusconi selbst erging sich in Verschwörungsszenarien, raunte von Umsturzversuchen, von "Roten Roben" - so nennt er gern Richter und Staatsanwälte -, von angeblich böswilligen Zeitungen und ihm feindlichen ausländischen Mächten wie dem Verleger Rupert Murdoch. Berlusconi befürchtete, es werde noch vor dem G-8-Gipfel weitere peinliche Enthüllungen über ihn geben.

Bereits in den vergangenen Wochen waren sein unklares Verhältnis zu einer minderjährigen Neapolitanerin sowie freizügige Fotos aus seiner Luxusvilla auf Sardinien publik geworden. Auf der anderen Seite orakelte der linke Spitzenpolitiker Massimo D'Alema, die Opposition solle sich für eine Machtübernahme bereithalten, da der Regierung Berlusconi womöglich "Stöße" bevorstünden.

Jetzt hat es einen solchen Stoß gegeben: Wie diese Woche bekannt wurde, ermittelt die Staatsanwaltschaft im apulischen Bari gegen zwei Unternehmer wegen Verleitung zur Prostitution. Die Ermittler hatten die Telefone der Unternehmer wegen einer Korruptionsaffäre im Gesundheitsdienst abgehört. Dabei fielen ihnen die häufigen Gespräche der beiden Verdächtigen mit jungen Frauen auf, in denen es um die Bezahlung für Dienste "in exklusiven Orten in Rom und auf Sardinien" ging, wie sich die Staatsanwaltschaft ausdrückt. Gemeint sind Berlusconis Villa Certosa auf der Insel und sein Palazzo Grazioli in der Hauptstadt.

Als Zeugin tritt unter anderem eine Patrizia D. auf, die behauptet, ihr seien 2000 Euro versprochen worden, wenn sie zu einem Fest mit Berlusconi im Palazzo Grazioli komme. Sie sei in ein Flugzeug gesetzt und in einem Hotel in Rom untergebracht worden, bevor sie eine Limousine mit verdunkelten Fenstern zu Berlusconi gebracht habe. Da sie an jenem Abend nicht im Palazzo Grazioli übernachtet habe, sei ihre Bezahlung halbiert worden. Bei einem zweiten Besuch Anfang diesen Jahres "bin ich geblieben und habe den Palazzo Grazioli erst am folgenden Morgen verlassen".

Die Staatsanwaltschaft hat bereits fünf junge Damen in der Prostituierten-Affäre verhört und will weitere vernehmen. Berlusconis Anwalt und Parteifreund Nicolò Ghedini betont, der Premier selbst werde nicht beschuldigt. Selbst wenn die Behauptungen der jungen Frauen wahr wären, so wäre Berlusconi nur "der Endverbraucher und somit niemals strafrechtlich belangbar", argumentiert der Ghedini.

Der mögliche "Endverbraucher" gibt sich derweil als verfolgte Unschuld. "Schmutz und Lügen" würden ihn nicht bremsen. "Ich lasse mich nicht von einem umstürzlerischen Plan aus dem Weg räumen." Die Italiener würden das auch nie erlauben.

Kritiker Berlusconis fragen sich dagegen, wie lange es die Italiener ihrem Premier noch erlauben, den Ruf des Landes zu schädigen. Der Ministerpräsident benutzt seine Privatvillen auf Sardinien und in Rom auch dafür, um von dort aus Politik zu machen und ausländische Staatsmänner wie den russischen Premier Wladimir Putin zu empfangen.

Es ist also nicht nur Berlusconis Privatsache, sondern von öffentlichem Interesse, ob er sich in diesen Häusern Prostituierte zuführen lässt. Zudem stellt sich die Frage, ob sich der 72 Jahre alte Regierungschef erpressbar macht. Die Zeugin Patrizia D. behauptet, sie habe bei ihren Besuchen in der Villa Grazioli heimlich Ton- und Bildaufnahmen gemacht.

Senator Luigi Zanda von der oppositionellen Demokratischen Partei gibt zu bedenken, der Regierungschef gebiete über die Geheimdienste und die Armee und kenne Nato-Geheimnisse. Es müsse daher auch im internationalen Interesse geklärt werden, ob Berlusconi erpressbar sei. "Das ist eine Frage der nationalen Sicherheit." Der Premier solle im Parlament Stellung nehmen.

Das ausschweifende Leben Berlusconis und sein Faible für zweideutige Situationen und Späße schädigen zudem das Ansehen Italiens, eines der wichtigsten Industriestaaten der Erde. Ausländische Regierungen betrachten den Premier teils amüsiert, teils indigniert. Italien büßt so an Gewicht ein. Viele Italiener scheinen das zu übersehen, weil sie sich vor allem über das Fernsehen informieren, das gern ein Bild Berlusconis als großen Staatenlenker zeichnet.

Im Umfeld des G-8-Gipfels könnte nun die ausländische Sicht auf Berlusconi im Inland publik werden. Davor dürfte sich der Premier fürchten. Er kündigte an, auf die neuen Enthüllungen mit Schweigen zu reagieren. "Ich spreche nicht mehr über diese Dinge. Die Italiener werden mich nach meinen Taten beurteilen."

Rahmen

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