Sonntag, 28. März 2010

Diese Häftlinge sollen nach Deutschland reisen

Von Florian Flade
 
Der eine war ein überzeugter Dschihadist, der andere landete angeblich rein zufällig in einem Haus voller Al-Qaida-Terroristen: Zwei aktuell im Gefangenenlager Guantánamo einsitzende Häftlinge sollen nach dem Willen der USA bald nach Deutschland reisen können. WELT ONLINE stellt sie vor.
Deutschland steht offenbar kurz vor der Aufnahme von Ex-Häftlingen des US-Gefangenenlagers Guantánamo Bay. Nach Informationen des „Spiegel“ legte die US-Regierung bereits Ende 2009 eine Liste mit möglichen Kandidaten für eine Abschiebung nach Deutschland vor. Seither laufen Verhandlungen zwischen Berlin und Washington. Eine deutsche Delegation soll bereits in Guantánamo gewesen sein und Interviews mit den ehemaligen Terror-Häftlingen geführt haben.
Von den einst 779 Guantánamo-Häftlingen der amerikanischen Anti-Terror-Kriege wurde ein Großteil bereits in die Heimatländer oder andere aufnahmebereite Staaten transferiert. 183 Insassen befinden sich aktuell noch im Gefangenenlager. US-Gerichte haben viele von ihnen für unschuldig befunden und ihre Freilassung angeordnet.
Die Bundesrepublik soll nach Willen Washingtons mindestens fünf Guantánamo-Insassen aufnehmen. Es soll sich um einen Syrer, einen Palästinenser und einen Jordanier handeln, die allesamt in Afghanistan verhaftet wurden und sich seit Jahren in US-Gewahrsam befinden.

Der Wunsch, in den Dschihad zu ziehen

Bei einem der drei nun genannten Guantánamo-Häftlinge, die demnächst von der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen werden sollen, handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um den Syrer Mahmud Salem al-Ali. Der 35-Jährige ist seit sieben Jahren und neun Monaten im US-Gefangenenlager Guantánamo inhaftiert.

Al-Alis Geschichte beginnt in Kuwait, wo der syrische Staatsbürger den Großteil seines Lebens verbrachte. Auf dem Al-Waq-Basar der Stadt Fahahil erwarb al-Ali nach eigenen Angaben Videos, auf denen muslimische Opfer in Bosnien, Tschetschenien und Afghanistan zu sehen waren. Die Kriegsbilder weckten in ihm den Wunsch, in den Dschihad zu ziehen.

Zwei Wochen nachdem er im September 2001 eine Fatwa, ein religiöses Rechtsgutachten, eines saudischen Gelehrten zur Verteidigung der Muslime gelesen habe, habe al-Ali beschlossen nach Afghanistan zu reisen. Er habe sich nach eigenen Angaben den Taliban und al-Qaida anschließen und „gegen die Feinde des Islam, die Nordallianz, kämpfen“ wollen, so heißt es in den Guantánamo-Verhörprotokollen.
Der verheiratete Vater einer Tochter habe zuvor seine Ehefrau und seine Mutter über seinen Wunsch informiert, nach Afghanistan in den Dschihad zu ziehen. Um seine Reise in die Ausbildungslager der al-Qaida finanzieren zu können, arbeitete Mahmud Salem al-Ali angeblich auf einem kuwaitischen Gemüsemarkt. Er versuchte zunächst ein Visum für seine Reise nach an den Hindukusch zu erhalten, was ihm jedoch nicht gelang.

Anweisung, nach Kandahar zu reisen

Am 20. Oktober 2001 reiste al-Ali schließlich über die syrische Hauptstadt Damaskus in den Iran. Von Teheran aus führte sein Weg nach Mashad und dann in die Stadt Zabol. Dort überquerte al-Ali am 24. Oktober 2001 die Grenze zu Afghanistan.

Ein nicht näher identifizierter Taliban-Führer habe ausländischen Rekruten die Anweisung gegeben nach Kandahar zu gehen, um dort in Trainingscamps ausgebildet zu werden. „Der Häftling wurde informiert, dass die Basis in Kandahar (durch US-Bombardement) beschädigt wurde und er nach Kabul zur militärischen Ausbildung gehen solle“, heißt es in den Dokumenten der US-Ermittler.

Mahmud Salem al-Ali reiste daraufhin in die afghanische Hauptstadt Kabul und kam im Azzam-Gästehaus der al-Qaida unter. „Eine Quelle, die für hochrangige al-Qaida Führer gearbeitet hat, gab an, dass das Azzam-Gästehaus in Kabul genutzt wurde für Kämpfer, die von und an die Frontlinien gegen die Nordallianz reisten“, so die Beschreibung in den amerikanischen Verhörprotokollen.
In Kabul sei er krank geworden, so al-Ali, und habe eine Klinik aufgesucht. Während er sich dort erholt habe, sei ihm gesagt worden „dass Kabul gefallen sei und er nach Hause gehen solle“. Laut Verhörprotokoll versuchte al-Ali in einem Taxi aus der Stadt zu fliehen, sei jedoch gestoppt, geschlagen und ausgeraubt worden. Wer genau dafür verantwortlich sein soll, wird aus den amerikanischen Unterlagen nicht deutlich.

"Gegen alle Nicht-Muslime kämpfen"

Schließlich sei al-Ali im Tufan-Gefängnis von Kabul untergebracht worden, bevor man ihn erst nach Bagram, dann nach Kandahar und letztendlich nach Camp Delta in Guantánamo Bay brachte.
US-Ermittler sind sich sicher, dass Mahmud Salem al-Ali von Osama Bin Ladens Rolle bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wusste. Er habe gewusst, dass die Trainingscamps in Afghanistan von al-Qaida betrieben wurden, und er sei auch über die unterstützende Rolle der Taliban informiert gewesen. Auf die Frage, ob er den Wunsch hege „gegen US-Truppen zu kämpfen“, habe al-Ali geantwortet, er wolle „kategorisch gegen alle Nicht-Muslime kämpfen“.
Als mögliches Argument für eine Freilassung des Syrers aus Guantánamo, heißt es in den Verhörprotokollen, „der Gefangene gibt an, kein militärisches Training erhalten zu haben. Er fühle sich auf Kuba wohl und das Leben im Gefängnis habe ihn verändert.“
Der westliche Einfluss im Nahen Osten, so erzählte al-Ali in Guantánamo, sei eine „wunderbare Sache und es macht das Leben für jeden einfacher“. Sollte er Kuba jemals verlassen, werde er eine zweite Frau heiraten und ein Geschäft eröffnen.

Die Absicht, "den Islam zu studieren"

Mohammed Tahan Matan, Guantánamo-Häftling Nr. 684, ist ein weiterer Kandidat für die Aufnahme in Deutschland. Geboren 1979 in Burqa im Westjordanland, verfügt er über langjährige familiäre Kontakte zu militanten Palästinensergruppen. Zwei Onkel, so berichtete Matan in Verhören den US-Ermittlern, seien Mitglieder der Hamas und hätten bereits mehrfach in israelischer Haft gesessen. Er selbst habe aber keine Kontakte zu Terrorgruppen, weder Hamas, noch PLO oder al-Qaida.

Seit seinem 14. Lebensjahr sei er ein Anhänger der fundamentalistischen Missionsbewegung Tablighi Jama´at, verriet Matan im November 2006 im US-Verhör. Um ein Visum für ein religiöses Studium in Pakistan zu erhalten, sei er im Oktober 2001 nach Jordanien gereist.
 
„Meine Absicht war es, für immer in Pakistan zu leben und dort den Islam zu studieren, aufgrund der sich verschlechternden Sicherheitslage in Palästina“, so erklärte Matan im Dezember 2005 in einem amerikanischen Verhör. In Jordanien habe er seinen Pass an Vertreter der Tablighi Jama´at übergeben und diese hätten schließlich das Visum für ihn besorgt. Vom pakistanischen Hauptquartier der Tablighi Jama´at in Raiwand habe er zweimal an einer missionarischen Reise teilgenommen. Während einer Predigt im Februar 2002 habe er zwei Afghanen kennen gelernt, die ihm vorgeschlagen hätten, trotz des Reiseverbotes der Tablighi-Organisation ins Nachbarland Afghanistan zu reisen.

Der Mann mit der Wunde am Arm

Mohammed Matan reiste mit den beiden Afghanen zunächst in die südpakistanische Stadt Quetta und besuchte dort eine Religionsschule. Hier traf er auf afghanische Flüchtlinge und wohl auch einige Araber. „Der Sponsor der Schule, ein alter Mann, wurde wütend, als er herausfand, dass ich Araber bin“, erklärte der Palästinenser später in US-Haft, „weil die Amerikaner nach Arabern und Taliban in Afghanistan suchen.“ Zwei Araber, die Matan in Quetta getroffen habe, hätten ausgesehen wie Kämpfer, heißt es in den Verhörprotokollen. Einer habe eine Wunde am Arm gehabt und habe Matan davon abgeraten, ins umkämpfte Afghanistan zu reisen. Schließlich habe er sich entschieden, zum Hauptquartier der Tablighi-Bewegung in Raiwand zurückzukehren. Zusammen mit seinen zwei afghanischen Begleitern und den Arabern sei der 30-jährige Palästinenser dann zunächst mit einem Bus von Quetta nach Lahore gereist. Ein Pakistaner habe ihm angeboten, einige Tage in seinem Haus in Faisalabad zu wohnen, berichtete Matan. Nachdem er dem Pakistaner seine Geschichte erzählt habe, habe dieser offenbart, er kenne einige Araber in der Nachbarschaft, die Matan helfen könnten, ein Islamstudium in Pakistan zu beginnen.

"Ich habe nichts gegen die Amerikaner"

Tatsächlich schloss sich Mohammed Tahan Matan im März 2002 einer Gruppe von Arabern an, die in einem Gebäudekomplex in Faisalabad wohnten. Angeblich wusste der spätere Guantánamo-Häftling nicht, dass es sich um Al-Qaida-Leute handelte. Insgesamt 16 mutmaßliche Terroristen, darunter der Bin-Laden-Vertraute Abu Zubaidah, wurden bei der Razzia im al-Qaida-Haus von Faisalabad festgenommen.

„Eines Nachts kamen die pakistanische Polizei und Amerikaner in Zivil“, berichtete Mohammed Tahan Matan über seine Verhaftung im März 2002. „Seit dieser Zeit bin ich bei den Amerikanern. Ich habe nichts gegen die Amerikaner. Ich möchte nicht gegen sie kämpfen oder gegen irgendwen.“

Die Verhörprotokolle aus Guantánamo zeichnen jedoch ein anderes Bild des Palästinensers, der angeblich rein zufällig in ein Hauptquartier al-Qaidas geraten war. „Der Häftling gibt an, er glaube, Christen und Juden seien seine Feinde, und er müsse gegen sie kämpfen, habe aber noch nie zur Waffe gegriffen.“ Je länger er in Kuba sei, desto wütender würde er werden, heißt es in einem Dokument aus der Guantánamo-Haft über Mohammed Tahan Matan. Im Falle einer Freilassung wolle er nicht mehr in die Palästinensergebiete zurück, sondern ein Leben in Saudi-Arabien oder Katar führen.

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