Mittwoch, 28. Juli 2010

Im falschen Film: Wie Friseurlehrling Cumali zum Dichter wurde


Bücher lesen? Nö, lieber kicken gehen. Rechtschreibung? Geh mir fort! Der Deutsch-Türke Cumali Zengin, 18, hatte ganz andere Interessen, als sich Gedanken über Sprache zu machen. Doch dann schrieb er Liebeslyrik und ist heute ein preisgekrönter Dichter - mit einer miserablen Deutschnote.



Wenn Cumali Zengin das Deutschbuch aufschlägt, Seite 89, kann er es nicht richtig glauben. Er, der gerade eine Ausbildung zum Friseur macht, in einem Schulbuch. Als Vorbild. Als Dichter. "Dabei bin ich einer, der oft zu spät kommt und auch mal seine Hausaufgaben nicht macht", sagt er.

Doch Cumali, 18, der von sich selbst sagt, dass er noch nie freiwillig ein Buch gelesen habe, wird nun vielen Schülern als Dichter bekannt sein. "Erste große Liebe" heißt sein Werk. 16 Verse ist es lang.

In der Stadt
am Rande eines Hauses
sah ich dort
das erste Mal
meine große Liebe
alles klar
doch jetzt
der Traum zerplatzt

Schwarz gelocktes Haar
an deiner Seite
lieben gelernt
meine Seele gewärmt
verlassen
Schicksal entscheidet
kein Gedicht
das Leben
Es steht links oben auf Seite 89, rechts daneben sein Foto: Ein dunkelhaariger Jugendlicher grinst spitzbübisch in die Kamera. Aus einem Kasten erfahren die Schüler, dass Cumali 1991 geboren ist, die türkische Staatsangehörigkeit hat und den Hauptschulabschluss. Unter dem Gedicht stehen Aufgaben: Schüler sollen sich etwa über Cumalis Sprachrhythmus Gedanken machen.

Cumali schrieb sich seine Enttäuschung von der Seele
Hätte Cumali vor zwei Jahren nach seinem Hauptschulabschluss einen Ausbildungsplatz bekommen, er wäre wohl nie auf die Idee gekommen, ein Gedicht zu schreiben. Er landete damals im Übergangssystem, das Jugendliche wie ihn auffangen, das den Stillstand verhindern soll. In Herrenberg nahe Stuttgart machte er sein Berufseinstiegsjahr an der Hilde-Domin-Schule. Die hat der Seite "Schularten" auf ihrer Homepage das Bonmot eines italienischen Dichters vorangestellt: "Der Mensch weiß erst dann, was er leisten kann, wenn er es versucht."

Für Cumali hieß das: Unterricht ohne Chance auf einen weiteren Abschluss, mit wöchentlichen Praxistagen im Sägewerk, mit Unterricht zu Dingen, die ihn wenig interessierten. Und wozu sollte er sich Gedichte anhören, geschweige denn selbst eines schreiben?

Doch seine Lehrerin und die Schulsozialarbeiterin ließen nicht locker. Sie wollten den Jugendlichen einmal etwas anderes zeigen - und luden den Schriftsteller Walle Sayer, 49, ein. Er las Gedichte vor, dann waren die Schüler dran. Cumali steckte die Kopfhörer seines MP3-Players in seine Ohren und kritzelte seine Gedanken auf ein Papier. Die drehten sich um Liebe: Seine Beziehung zu einem Mädchen war gerade zu Ende gegangen. Die russischstämmigen Eltern lehnten es ab, dass ihre Tochter einen Türken zum Freund hatte.

Cumali schrieb sich seine Enttäuschung von der Seele. "Das kam so aus dem Bauch heraus", sagt er heute, als stammten die Worte seines Gedichts von irgendjemand anderem, nur nicht von ihm. Nach wenigen Stunden war er fertig.

Erst der große Auftritt, dann ein Rückschlag
Bei dem Workshop entstanden zahlreiche Gedichte, 20 davon wählten die Lehrerin und die Schulsozialarbeiterin aus und sendeten sie zur Mörike-Gesellschaft. Die hatte einen Lyrikwettbewerb für Schüler ausgerufen, Thema: "Enttäuschte Liebe". Aus rund 500 Einsendungen wurden zwölf Sieger gekürt - einer davon heißt Cumali Zengin.

Als der Anruf in den Sommerferien kam, war er baff. "Und meine Mutter wahnsinnig stolz", sagt der Deutsch-Türke. Zusammen mit ihr und einem Freund fuhr er einige Wochen später, ganz schick in Hemd und Krawatte, nach Stuttgart ins Literaturhaus zur Preisverleihung. Dass es so etwas gibt, ein Haus nur für Bücher, Gedichte und Autoren - das wusste er gar nicht.

Bei der Preisverleihung traf Cumali auf Gymnasiasten, Waldorfschüler, einen Realschüler. Jugendliche, die sich in ihrer Freizeit mit Literatur beschäftigen. Cumali geht gern kicken. Doch das spielte keine Rolle, sagt er, "die waren alle nett". Er spricht langsam und ruhig, in knappen Sätzen. Manchmal verschluckt er eine Silbe.

Den großen Auftritt im Literaturhaus hatte er im Herbst 2008. Doch dann folgte ein Rückschlag: Cumali wollte nach dem Berufseinstiegsjahr seinen Realschulabschluss nachholen, doch sein Zeugnis war nicht gut genug. Oder genauer: die Note in einem Fach - Deutsch. Ausgerechnet. "Rechtschreibung ist nicht mein Ding, Groß- und Kleinschreibung und so", sagt er, als müsste er sich entschuldigen.

"Gedichte schreiben, das ist mein Traum"
Inzwischen hat Cumali einen Ausbildungsplatz, er arbeitet in einem Friseurladen. Er will das durchziehen. Der Preis habe ihn selbstbewusster gemacht, sagt er. Und sein Stolz ist greifbar, wenn er erzählt, dass sein Gedicht auch in einer renommierten Literaturzeitschrift erschienen ist, dass er Interviews gegeben hat und von der Lokalzeitung porträtiert wurde.

Freunde, die ihn anfangs belächelten, sind heute beeindruckt, wenn sie seinen Namen googeln. Mädchen haben ihm via Internet geschrieben und ihn in der S-Bahn angesprochen. "Einige haben gefragt, ob ich ihnen auch ein Gedicht schreiben kann. Aber das geht natürlich nicht so einfach", sagt Cumali.

Eine richtige Überraschung war der Anruf seines Cousins aus dem wenige Kilometer entfernten Böblingen. Der saß gerade in der Berufschule im Deutschunterricht. Thema: Lyrik. Beispiel: "Erste große Liebe", Cumalis Gedicht. Seine Lehrerin könne nicht glauben, dass er den Autor kenne, sagte der Cousin. Cumali beantwortete ein paar Fragen der Klasse, die Schüler klatschten.

Viele Gedichte hat er seit dem Erfolg beim Mörike-Wettbewerb nicht geschrieben. Aber er hat nun oft ein kleines Büchlein bei sich, in dem er Gedanken und Satzfetzen aufschreibt. "Gedichte schreiben, das ist mein Traum", sagt Cumali.
Die nächste Gelegenheit hat er schon: Er wird bald Hauptschülern von seinem Werdegang erzählen. Es ist ein Projekt, mit dem Erwachsene Jugendlichen Perspektiven aufzeigen wollen. Cumali wird sagen, dass er nun eine Ausbildung zum Friseur macht. Und ein Gedicht vortragen. Über das Finden eines Berufs.

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