Samstag, 27. November 2010

Stuttgart 21 - nichts als Chaos

Stuttgart 21, S21, Bahnhof, Abriss, Projekt S 21, nicht als ChaosZüge brauchen Strom, Züge brauchen Signalanlagen, ohne die können sie nicht fahren. Bei dem Bahnprojekt Stuttgart 21 ist das in den Planungen jedoch nicht vorgesehen. Das zeigen interne, vertrauliche Dokumente, aktuelle Projektanalysen und -berichte von Deutschlands umstrittenstem Bauprojekt, die dem stern vorliegen. Danach herrschen bei den Planern Chaos und Panik. In Briefen an die DB Projektbau AG wird "das Risikopotenzial" beklagt, weil "rohbaurelavante Angaben" für die vorgesehenen Tunnelarbeiten fehlen. Intern sieht man das "Gesamtprojekt auf kritischem Weg".

Demnächst sollen die Arbeiten für die Tunnel vergeben werden, allerdings, wie die Projektberichte zeigen, "ohne eisenbahntechnische Ausrüstung". Oberleitungen sind in den Tunnel ebenso wenig vorgesehen wie Signalanlagen. In einem Protokoll vom Juli heißt es: "Aktuell fehlen systemrelevante Entscheidungen im Hinblick auf Oberleitungsanlagen und Signaltechnik." Und: "Derzeit keine Zulassung für System Stromschiene bei Geschwindigkeit 160 km/h."

Insgesamt sind für S21 Tunnelröhren von mehr als 60 Kilometer Länge in Stuttgart geplant. Da der Untergrund in der baden-württembergischen Landesshauptstadt sehr tückisch ist, werden die Tunnel von den üblichen "Regelprofilen" abweichen: Sie werden kleiner und enger, sie haben einen reduzierten Radius von nur 4,05 Metern - zu schmal für die übliche bahntechnische Ausrüstung.

Und so wird in Stuttgart mit dem modernen europäischen Signalsystem, dem European Train Control System (ETCS), für Hochgeschwindigkeitszüge geplant. Der Vorteil: Man braucht keine klobigen Masten, in den Gleisen liegen winzige Kästchen, sogenannte Balisen. Über Funk werden die Loks gesteuert. Allerdings: In Deutschland gibt es keinen Zug, der mit dem ETCS-System fährt. In Stuttgart wird also ein Verkehrsknoten geplant, der auch in Zukunft für die meisten Züge unerreichbar sein wird, denn: Die Aufrüstung der Züge mit ETCS ist extrem teuer, sie kostet pro Lok gut 300.000 Euro. S-Bahnen, Nahverkehrs- und Regionalzüge, die S21 anfahren sollen, werden damit in den kommenden Jahrzehnten kaum ausgestattet werden.

Kosten geraten aus dem Ruder

Absehbar: Die Tunnel in Stuttgart werden mit üblichen Signalsystemen nachgerüstet werden müssen - das wird Zeit und viel Geld kosten.

Ständig ist in den Projektanalysen die Rede von "Handlungsbedarf", "Mehrkosten", "erhöhten Kosten", "Kostenrisiken". So ist aus den Dokumenten ersichtlich, dass die offiziellen Kosten von S21 in Höhe von 4,088 Milliarden nach oben korrigiert werden müssen. In einer Analyse vor einigen Wochen heißt es lapidar, dass die vom Bauherrn gewünschte "Kosteneinsparung nicht in vollem Umfang erzielt werden" kann.

Auf Hunderten von Seiten werden Mängel aufgelistet, Verstöße gegen Normen angemahnt. In einem Protokoll "Talquerung mit Hauptbahnhof" heißt es: "Wenn Auflagen aus den Fachtechnischen Prüfungen nicht in der Planung umgesetzt werden, wird keine Freigabe der Planung erfolgen, das Projekt kann nicht weitergeführt werden." Selbst grundlegende Sicherheitsfragen sind noch unbeantwortet. So monieren Ingenieure, dass die gültigen Auflagen für "Brandschutztore bisher in der Entwurfsplanung noch nicht umgesetzt" wurden und dass "die Umsetzung der Brandschutzmaßnahmen (...) bisher nicht geplant" sind.

Die Cousine der Kanzlerin

Für Stuttgart 21 soll der denkmalgeschützte Bahnhof zum Teil abgerissen werden, der Nordflügel ist schon weg. Wie der Rest des alten Bahnhofs aussehen soll, ist unklar, es gibt Streit mit der Denkmalbehörde. Klar ist bislang nur eins: "Korrektur der Kostenberechnung. Budgeterhöhung für S21 oder Ausgliederung aus S21 erforderlich."

Kanzlerin Angela Merkel hat sich rückhaltlos hinter S21 gestellt. In ihrer Familie ist, wie der stern erfahren hat, das Bauprojekt heftig umstritten. Ihre Cousine in Stuttgart ist "Parkschützerin", hat also per Unterschrift erklärt, sich gegen das für S21 notwendige Abholzen der Bäume im Stuttgart Schlosspark zu wehren. Wenn es sein muss, wird sich die Cousine der Kanzlerin an die Bäume ketten.

Freitag, 26. November 2010

Skandal: Wasserballer mit erigiertem Halbmond - Queer.de

Ein Fall für Aussiebum: Singapurs Wasserballer tragen Badehosen, die die Fantasie der Medienwächter entfachen.

Von Christian Scheuß

Dass im chinesischen Guangzhou derzeit die Asienspiele stattfinden, interessiert hier in etwa so sehr wie der berühmte Sack Reis, der in derselben Region ständig umzufallen pflegt. Doch jetzt haben die Wasserballer aus Singapur, die an der asiatischen Mini-Olympiade teilnehmen, unsere volle Aufmerksamkeit erlangt. Tragen sie doch knallrote Badehöschen mit weißen Symbolen, die den Sittenwächtern des Löwenstaates ein erigierter Dorn im Auge sind.

Es geht weniger um die Farben. Die entsprechen ganz denen der Nationalflagge. Auch die fünf Sterne und der Halbmond sind staatstragend der Fahne entliehen. Alles hochsymbolisch: Die Farbe Rot symbolisiert die universelle Brüderlichkeit und Gleichheit der Menschen, Weiß Reinheit und Tugend. Die fünf Sterne stehen für Singapurs Ideale: Demokratie, Frieden, Fortschritt, Gerechtigkeit und Gleichheit. Der Halbmond für eine junge, aufsteigende Nation.

Na ja, und aufsteigend zeigt sich eben auch der Mond bei den Badehosen, direkt über dem Genital. Das Ministerium für Information, Kommunikation und Kunst bedauert, dass man dort die Entwürfe der Schwimmkleidung vorab nicht gesehen habe: "Wir hätten gesagt, dass das Design unangemessen ist, da wir die Symbole der Flagge mit Würde behandelt sehen wollen."

Angeblich, so heißt es in der Singapurer Tageszeitung "Strait Times", sei dem Wasserballteam das Design ebenfalls peinlich gewesen, wechseln dürfen sie es laut dem Regularium der Wettkämpfe aber nicht mehr. Einen Vorteil haben die Badehosen: Sie verdecken perfekt, dass es in kaltem Wasser zwangsläufig zu genitalen Schrumpfungsprozessen kommt.

Wir empfehlen dem australischen Unterhosen-Produzenten Aussiebum, das Design aus Singapur zu adaptieren. Es wird garantiert ein Renner in der schwulen Zielgruppe.

Wasserballer mit erigiertem Halbmond

Brasilien: Schwuler Telenovela-Autor misshandelt

Daniel Sena
Daniel Sena

Er musste Benzin trinken und Dreck essen: Der Autor und Regisseur der schwulen brasilianischen Serie "Apenas Heróis" (Nur Helden) ist von Unbekannten überfallen und vergewaltigt worden - offenbar aus Schwulenhass.

Wie die Zeitung "Correio" berichtet, ist der 24-jährige Daniel Sena am vergangenen Sonntagabend überfallen worden, als er gerade sein Haus in Salvador (Bundesstaat Bahia) verlassen hat. Er wurde von einem jungen Mann niedergeschlagen und gemeinsam mit zwei anderen in eine Seitenstraße gezerrt. Zunächst sagten die Täter: "Wenn du leise bist, passiert dir nichts". Sie zwangen ihr Opfer dann, Benzin zu trinken und auf dem Boden liegenden Schmutz zu essen. Danach versuchten sie, Sena mit einer Eisenstange zu penetrieren. Dabei erklärte einer der drei Männer: "Ein echter Schwuler erträgt den Schmerz. Lass uns sehen, ob du ein echter Schwuler bist". Die Täter ließen erst nach rund zehn Minuten von Sena ab, als ein Lkw-Fahrer die Tat beobachtete und eingriff.
Sena ist sich sicher, dass es die Täter aus Schwulenhass auf ihn abgesehen haben. Seine schwule Serie, die im Web veröffentlicht wird, ist in den Lokalmedien ausführlich besprochen worden. So wurden mehrere Interviews mit Sena von Zeitungen, Radio- und Fernsehstationen veröffentlicht.

Homohass im Land weit verbreitet




Der erste Teil der Serie


Die Serie "Apenas Heróis" berichtet von den Hoffnungen und Sorgen junger Schwuler.

Brasilien ist das gefährlichste Land für Schwule und Lesben auf dem amerikanischen Kontinent. In den letzten Jahren wurden hunderte Morde verübt, die auf Homohass zurückzuführen sind. Aktivisten warnen deshalb vor einem "Homocaust". Erst vor einer Woche kam es wieder zu Gewalttaten am Rande des CSDs von Rio de Janeiro. Die USA erkannten zuletzt sogar einen schwulen Asylbewerber aus Brasilien an, weil er sich in seiner Heimat nicht mehr sicher fühlen könne.

Dienstag, 23. November 2010

«Sie sind ein Pädophiler»

Der französische Präsident Nicolas Sarkozy verlor am Freitag bei einer Pressekonferenz die Nerven, als ein Journalist ihm eine unbequeme Frage zur Affäre Karachi stellte.

storybild «Sie sind ein Pädophiler», lautete Sarkozys Antwort, als er nach der Affäre Karachi befragt wurde. (Bild: Reuters)
 
Nicolas Sarkozy ist einer von fünf Politikern, die in der sogenannten Karachi-Affäre um ein U-Boot-Geschäft mit Pakistan involviert sein soll. Wie die Tageszeitung «L’Express» berichtet, habe ein Journalist am Freitagabend beim NATO-Gipfel in Lissabon erwähnt, dass der Name Sarkozys auf Dokumenten auftauche, die Schmiergeldzahlungen aus Pakistan via einer luxemburgischen Scheingesellschaft belegen. Daraufhin antwortete das französische Staatsoberhaupt schroff: «Und Sie? Ich habe nichts gegen Sie. Es scheint aber, als seien Sie pädophil. Wer mir das gesagt hat? Ich habe die innere Überzeugung. Können Sie sich rechtfertigen?» Der Journalist behaupte Dinge, «ohne sie verifiziert zu haben», polterte Sarkozy weiter. Danach brach er die Fragerunde ab und verabschiedete sich mit: «Pädophile Freunde, bis morgen.».

«Karachigate» bedroht Sarkozys Wiederwahl
Der Fall um die angeblichen Schmiergelder aus Pakistan wurde Ende letzter Woche wieder aktuell, nachdem die Familien der französischen Opfer eines Attentats Anzeige gegen Frankreichs früheren Präsidenten Jacques Chirac und Ex-Premierminister Dominique de Villepin erstattet hatten. Der Vorwurf laute auf fahrlässige Tötung und Gefährdung von Dritten.

Die Opferfamilien vermuten, dass Schmiergeldzahlungen eingestellt wurden und so der Anschlag im Jahr 2002 provoziert wurde, obwohl es Warnungen vor einem Terror-Risiko gegeben habe. Die französische Justiz untersucht, ob aus Frankreich Schmiergelder in Millionenhöhe für Waffengeschäfte nach Pakistan gezahlt und teils als verdeckte Kommissionen zurückgeflossen sind. Mit den illegalen Geldern soll der Wahlkampf von Präsidentschaftskandidat Edouard Balladur mitfinanziert worden sein, der 1995 gegen Chirac verlor.

Racheakt des Geheimdienstes?
Nach seinem Wahlsieg soll Chirac angeordnet haben, die Zahlungen nach Pakistan zu überprüfen und einzustellen. Villepin war zu dem Zeitpunkt Generalsekretär im Elysée-Palast. Eine Vermutung ist, dass der spätere Anschlag auf die Franzosen im Jahr 2002 vom pakistanischen Geheimdienst wegen der ausbleibenden Gelder verübt wurde.

Die Hinterbliebenen hatten auch eine Vernehmung des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy verlangt, der derzeit aber durch seine Immunität als Staatschef geschützt ist. Sarkozy war damals Haushaltsminister und zugleich Sprecher das Wahlkampfes von Balladur. Es bestehe der Verdacht, dass er die Verwaltung der illegalen Geldströme aus Pakistan mitorganisierte.

Bei dem Anschlag im Mai 2002 hatte ein Selbstmordattentäter ein mit Sprengstoff beladenes Auto vor dem Sheraton-Hotel in Karachi in einen Bus gelenkt. 14 Menschen kamen ums Leben, unter ihnen elf Franzosen. Sie gehörten zu einer Gruppe von rund vierzig Technikern und Ingenieuren der staatlichen französischen Rüstungswerft DCN, die in Pakistan am Bau eines U-Boots beteiligt waren.

Sonntag, 21. November 2010

Papst erlaubt Kondome

Papst Benedikt XVI (Foto: AFP)
Papst Benedikt XVI. sagt erstmals nicht mehr strikt Nein zum Gebrauch von Kondomen - und sorgt damit auch in den eigenen Reihen für Aufregung. Und auch wenn der Papst seine Aussage zur Kondombenutzung auf Einzelfälle im Kampf gegen Aids beschränkt - es ist ein radikaler Kurswechsel.

Von Stefan Troendle, ARD-Hörfunkstudio Rom

Für die katholische Kirche kamen die Aussagen des Papstes zur Lockerung des Kondomverbots überraschend - das ist offensichtlich. Beim Empfang in der Botschaft am Heiligen Stuhl in Rom gestern Abend anlässlich der Ernennung der beiden neuen deutschen Kardinäle wollte sich kein Geistlicher offiziell dazu äußern. Man ist wohl gerade bemüht, die neue Linie abzustimmen. Unter der Hand äußerten die meisten katholischen Würdenträger jedoch Zustimmung. Tenor: Das sei schon lange nötig gewesen. Ein Vatikan-Insider sagte, durch diese Aussage würden Dämme brechen.

"Keine wirkliche und moralische Lösung"

Die Vatikanzeitung "Osservatore Romano" hatte gestern Auszüge aus einem Interview mit Benedikt XVI. veröffentlicht, das am Dienstag als Buch vorgestellt wird. Darin hieß es, der Papst sei nicht mehr grundsätzlich gegen den Gebrauch von Kondomen. Anschließend berichteten andere Medien weitere Details: Auch wenn die katholische Kirche Kondome natürlich nicht als "wirkliche und moralische Lösung" ansehe, wird der Papst zitiert, können Kondome im einen oder anderen Fall in der Absicht, Ansteckungsgefahr zu verringern, ein erster Schritt sein auf dem Weg hin zu einer anders gelebten, menschlicheren Sexualität.

Papst Benedikt XVI.  (Foto: dpa)Papst Benedikt XVI. erlaubt Kondome in "begründeten Einzelfällen".
Benedikts Aussage enthält allerdings noch weit Explosiveres: Der Papst führte nämlich als Beispiel männliche Prostituierte an, die so die Ausbreitung von Aids verhindern könnten - ein weiteres Tabuthema, da dies erstens auf käuflichen Homosexuellen-Sex hindeutet und da es zweitens diese Form der Sexualität nach Ansicht der katholischen Kirche gar nicht geben dürfte. Die Vatikanzeitung hat die Passage übrigens falsch mit der weiblichen Bezeichnung für Prostituierte übersetzt - der Papst hat jedoch tatsächlich die männliche Formulierung gewählt.

Rückblick: Afrika-Reise 2009

Unabhängig davon sind diese Papstaussagen ein radikaler Wandel der bisherigen Haltung. Benedikt XVI. ist der erste Papst, der sich so dezidiert äußert und damit die Benutzung von Kondomen unter bestimmten Auflagen erlaubt. Noch bei seiner Afrika-Reise 2009 hatte der Papst gesagt, man könne das Aids-Problem mit Kondomen allein nicht lösen. Diese würden das Problem nur vergrößern.

Lob vom Zentralrat der Juden

Für diese Aussage war das Oberhaupt der katholischen Kirche scharf kritisiert worden. Jetzt kommt Lob - unter anderem von Charlotte Knobloch, der Präsidentin des Zentralrats der Juden. In einer ersten Reaktion sagte sie dem ARD-Hörfunkstudio Rom: "Die Fortschritte, die man im Vatikan beobachten kann, sind jetzt noch zusätzlich ersichtlich. Ich hoffe, dass das noch weiter ausgedehnt wird." Viele Menschen seien hell auf begeistert, wie sich der Papst nun zu diesem Thema verhält.

Auch von der bayerischen Regierung kam Zustimmung. Kultusminister Ludwig Spaenle sagte, die Wirklichkeit sei an diesem Papst nie vorbeigegangen, diese Lockerung sei ein wichtiges Zeichen. Mehr noch: "Das ist ein Schritt nach vorne."

Chef sagt, wo es lang geht...

Und ganz offenbar auch eine Änderung der Medienstrategie: Der Chef ändert die Linie alleine und macht die PR dafür selbst. Das Interview wurde nämlich schon im Juli aufgezeichnet und ganz offensichtlich war der brisante Inhalt niemandem im Vatikan vorab bekannt.

Aus dem Papstbuch "Licht der Welt" kursieren übrigens inzwischen weitere Aussagen: So spricht sich der Papst gegen ein allgemeines Burka-Verbot aus, plädiert für Moscheen in westlichen Ländern und äußert sich auch dezidiert zu einem Rücktritt: Wenn ein Papst physisch, psychologisch oder spirituell unfähig sei, seiner Aufgabe nachzukommen, dann habe er auch das Recht - unter bestimmten Umständen sogar die Pflicht - zurückzutreten. Das deutet darauf hin, dass Benedikt XVI. Anweisungen für den Fall seiner Erkrankung gegeben hat.

Audio: Papst lockert striktes Kondomverbot

 AudioStefan Troendle, ARD-Hörfunkstudio Rom 21.11.2010 03:44 | 3'34

... und gibt Versäumnisse des Vatikan zu

Der "Focus" berichtet, dass Benedikt XVI. in dem Buch auch gezielt auf die Affäre um die Piusbrüder eingeht. Der Papst gibt zu, dass im Vatikan niemand im Internet nachrecherchiert hat, um wen es sich bei dem umstrittenen Bischof Richard Williamson handelte. Hätte er von Williamsons Holocaust-Leugnung gewusst, hätte er die Rücknahme der Exkommunikation nicht unterschrieben und den Fall abgetrennt. Die Affäre rund um den rechtsradikalen Piusbruder hatte 2009 zur bislang schlimmsten Krise des Pontifikats von Benedikt XVI. geführt.

Doppelmoral: Pfarrer verbietet Gemeinde Facebook - und beichtet Orgien

Facebook-Kritiker: US-Pfarrer Cedric Miller will seiner Gemeinde das Netzwerken verbieten
US-Pfarrer Cedric Miller will seiner Gemeinde das Netzwerken verbieten
Für US-Pfarrer Cedric Miller ist Facebook eine Gefahr für die Ehe, deshalb will er Gemeindeältesten das Netzwerken verbieten. Die Versuchung "körperlicher Begegnungen" sei einfach zu groß. Nun kommt heraus: Lange vor Facebook pflegte Miller Gruppensex nach der Sonntagsmesse.

Anfang der Woche zeichnete Cedric Miller die Welt schön schwarz-weiß. Der Pfarrer einer evangelikalen Gemeinde in New Jersey erklärte der Presse, er werde seinen 1100 Gemeindemitgliedern zum Facebook-Verzicht raten, für die Amtsträger der Gemeinde sei er verpflichtend.

Miller begründete das Facebook-Verbot so: "In den vergangenen anderthalb Jahren habe ich Paare intensiv wegen ihrer Eheprobleme beraten, die mit Facebook zu tun hatten." Die Ursachen für den Ehezwist seien oft sehr ähnlich: Jemand von gestern, ein Ex-Partner, tauche wieder auf, das führe zum Austausch von Nachrichten. Schon oft habe es dann körperliche Begegnungen gegeben. "Die Versuchung ist einfach zu groß", sagte der Pfarrer.

Mit dieser Botschaft machte Miller weltweit Schlagzeilen, dann recherchierte eine Reporterin der Lokalzeitung " Asbury Park Press" und entdeckte eine Zeugenaussage Millers, in der er 2003 vor einem Gericht von seinen Sexualpraktiken berichtete. Die sind nun überhaupt nicht anrüchig, lassen Millers Facebook-Warnungen aber in einem anderen Licht erscheinen.
Der Priester hatte mit seiner Frau, einem Gemeindeangestellten und manchmal auch dessen Frau Gruppensex - bei den Bibelabenden am Donnerstag, ab und an auch sonntags nach dem Gottesdienst. Die Treffen endeten, als sich herausstellte, dass der Angestellte auch Affären mit mehreren Frauen aus der Gemeinde hatte.

Auf diese Vorkommnisse angesprochen, schrieb Priester Miller der "Asbury Park Press", es gebe einen Grund, dass die "Vergangenheit eines Menschen seine Vergangenheit" ist. Miller erklärte, der alte Fall sei vor Jahren geklärt worden, die Gemeinde wisse das seit langem, man werde sich davon nicht abhalten lassen, "so viele Ehen wie möglich zu retten". Im Hinblick auf seine viel zitierten Äußerungen über Facebook gesteht Miller einen Fehler ein: "Zu der Facebook-Sache: Kontext ist immer wichtig. Ich werde an diesem Sonntagmorgen diesen Kontext liefern." Da spielt der Pfarrer wohl auf seine Predigt an.

Die Anwürfe gegen seine Person kommentiert er so: "Ich habe auch ein süßes Brötchen gestohlen, als ich sieben oder acht Jahre alt war, daran wurde ich nun auch erinnert."

Natürlich, warum sollte ein Mensch nicht aus Fehlern lernen und darüber sprechen dürfen. Eine fast zehn Jahre alte Affäre verbietet den Priester ja nicht kritische Anmerkungen über Gegenwartsphänomene. Sie lässt nur an Millers Facebook-Kurzschluss zweifeln - die von ihm erwähnten "Fehler der Vergangenheit" haben mit Facebook gar nichts zu tun, das Netzwerk wurde erst 2004 gegründet.

„Ich möchte unter freiem Himmel sterben“

Michael de Ridder. - Foto: Mike Wolff
Moderne Medizin kann vieles – doch wann darf ein Mensch das Leben verlassen? Michael de Ridder ist dem Tod 1000-mal begegnet. Ein Gespräch zum Totensonntag

Michael de Ridder, 63, ist als Internist Chefarzt der Rettungsstelle im Berliner Urban-Krankenhaus, wo er seit 25 Jahren arbeitet – lange Zeit als Notarzt und auf der Intensivstation. De Ridder gilt als wichtige Stimme in der Debatte um die Palliativmedizin. Sein Buch „Wie wollen wir sterben?“ erschien bei DVA

Herr de Ridder, es war Allerheiligen und Volkstrauertag, dieses Wochenende ist Totensonntag. Bedeuten Ihnen solche Gedenktage etwas?
Nein. Ich bin zwar streng katholisch erzogen worden: Messdiener, Weihrauch schwenken bei Hochämtern, Jesuitenschule... Davon ist gar nichts übrig geblieben. Also geben mir auch diese Tage nichts.

Sie meiden die Grabstätten Ihrer Angehörigen?
Ich gehe gerne auf Friedhöfe, ich pflege auch das Grab meiner Mutter in Kreuzberg, ich pflanze Blumen an. Nur nicht an speziellen Tagen, sondern wenn ich Lust dazu verspüre. Ich vergegenwärtige mir dann meine Mutter, ich weiß, dass Fäulnisprozesse sie da unten längst mit dem Erdreich haben eins werden lassen, ich denke an meine eigene Endlichkeit und spüre, dass ich mit großer Unsicherheit vor den Ereignissen Sterben und Tod stehe.

Macht Sie das melancholisch?
Ich lebe gerne, bin noch weitgehend gesund und genussfähig, und in diesem Zustand vom Leben scheiden zu müssen, dieser Gedanke macht mich wehmütig. Wie das wäre im Zustand von Krankheit und schwerstem Leid? Hoffentlich fällt mir da der Abschied leicht.

Sie haben als Rettungsarzt und Intensivmediziner hunderte Male Menschen sterben oder tot gesehen...
...vielleicht sind es tausend gewesen...
...und wissen: Hilft da der Glaube an einen Himmel, an Wiedergeburt?
Es kommt mir manchmal so vor, als hätten tief religiöse Menschen einen Vorteil. Auch mein Vater, er hatte eine schwere Tumorerkrankung, schien mir gut aufgehoben in dem Rückgriff auf seine Religiosität. Es steht ja das Versprechen auf etwas Jenseitiges im Raum, ewiger Friede, das Paradies.

Andererseits drohen Fegefeuer und Höllenqualen.
Dafür gibt es Rituale der Entlastung, das Sakrament der letzten Ölung, die Beichte, um Sünde und Schuldhaftigkeit zu überwinden.

Wenn das Konzept Religion so gut hilft: Glauben Sie doch einfach wieder!
Auch wenn es arrogant klingen mag: Ich habe das nicht nötig. Ich fühle mich in der Natur gut aufgehoben, als Teil eines Prozesses vom ewigen Werden und Vergehen. Auch das kann Ruhe und Gelassenheit vermitteln.

Erinnern Sie sich, wann Sie das erste Mal eine Leiche gesehen haben?
Das war meine Großmutter, ich war fünf Jahre alt. Ich muss da gestanden haben mit offenem Mund, völlig konsterniert. Denn ich habe die Großmutter sehr geliebt. Als der Arzt kam, um den Tod festzustellen, hat er das gut mit mir gemacht und gesagt, komm, fühl mal den Fuß. Und der war eiskalt. Großmutter war für mich die Wärme in Person, morgens durfte ich zu ihr ins Bett schlüpfen, ein wahres Heizkraftwerk, diese Geborgenheit war ein großes Glück. Und dieser kalte Fuß signalisierte mir: Jetzt ist etwas Schreckliches passiert.

Sie starb daheim.
Ja, es wurden Kerzen aufgestellt, Heiligenbilder, der Rosenkranz um die gefalteten Hände geschlungen. Es war still im Zimmer, aber auch Leben, es wurde gegessen. Ich habe das als angenehme Situation in Erinnerung.

Haben Sie mal jemanden sterben sehen und gedacht: So möchte ich das auch hinbekommen?
Ein Freund von mir war schwer krank, konnte aber bis kurze Zeit vor seinem Tod gehen und differenziert sprechen. Er hat eine sehr bewusste Entscheidung getroffen und das Essen und Trinken eingestellt. Er wollte die Hoheit über sein eigenes Sterben nicht aus der Hand geben. Er erschien mir völlig angstfrei, er konnte glaubwürdig vermitteln, er erlebe das Sterben als Befreiung, fast hätte ich gesagt: mit Freude. Das hat mich tief beeindruckt.

Wenn Sie beruflich mit dem Tod zu tun haben, können Sie sich Gefühle nicht leisten.
Oh doch, ich erlaube mir zu weinen, nicht in jeder Situation, sondern wenn der Tod mich ergriffen hat. Selbst im Krankenhaus habe ich Menschen begleitet, die mir dann als Tote begegnet sind, das konnte mir schon die Tränen in die Augen treiben.

Das klingt nicht gerade professionell.
Es ist auch nicht unproblematisch. Doch das passiert mir ja nicht, solange ich jemanden ärztlich versorgen muss. Da habe ich mich im Griff. Es tritt nur irgendwann der Moment ein, da sehe ich, das Sterben steht unmittelbar bevor. Und das ist die Situation, in der jede Hektik des Tuns und Machens unterbrochen werden muss. Nichts macht mich ärgerlicher, als wenn ich sehe, dass der Sterbeprozess eines Menschen durch völlig sinnlose medizinische Interventionen gestört wird. Da noch eine Braunüle legen, eine Infusion anlegen, ein Medikament spritzen! Obwohl offensichtlich ist, dass da jemand in den nächsten Minuten das Leben verlässt und man nur noch Respekt davor walten lassen sollte.

Der betreffende Arzt wollte vielleicht einfach keinen Fehler machen und...
...das ist wahnwitzig! Wann darf der Mensch denn sterben? Es gibt für mich keinen größeren Kunstfehler, als den Sterbeprozess zu verkennen. Medizin ist doch nicht dazu da, das Sterben grundsätzlich zu verhindern. Medizin ist dazu da, vorzeitiges und qualvolles Sterben zu verhindern. Der für mich zentrale Begriff ist das Patientenwohl. Nur daran muss ich mich als Arzt orientieren. Wenn ich nicht mehr kurieren kann, muss ich palliativ behandeln und begleiten. Letzteres ist ein dem kurativen Auftrag gleichwertiger Teil des ärztlichen Auftrags.

Können Sie das erklären?
Palliativ bedeutet, nicht die Heilung steht im Vordergrund, sondern allein das Wohlbefinden, unabhängig von der zu erwartenden Lebensdauer.

Die Linderung von Leiden und Schmerz?
Schmerz ist am Lebensende ein untergeordnetes Symptom. Viel häufiger sind Angst und Unruhe. Und das kann und muss der Arzt lindern.
Was denken Sie: Spüren wir unser Ende kommen?
Ich glaube, ja.

Immer wieder berichten Menschen vom Nahtod, von hellem Licht oder einer Vogelperspektive auf die Welt. Harald Juhnke meinte: „Ich sah alles rosarot.“
Die Herzaktion setzt aus, das Bewusstsein schwindet, Sie werden mit einem elektrischen Schock reanimiert, innerhalb von Sekunden schlägt das Herz wieder, Sie öffnen die Augen und wissen nicht, was geschah – das ist die einfachste Form, die Nähe von Tod und Leben zu erfahren. Was in diesem Moment erinnert wird, gilt als Nahtoderlebnis.

Haben Sie ein Beispiel?
Ein Bekannter von mir erzählte das so: Er fühlte sich in eine immer enger werdende Spirale gleiten, einem Strudel ähnlich, und als seine Sinne nach dem elektrischen Herzschock zurückkehrten, wurde er durch die Röhre zurückkatapultiert.

Den friedlichen Tod haben Sie beschrieben, wie sieht der grässliche aus?
Wenn er auf grausame Weise kommt und bei Bewusstsein erlebt wird. Ich habe das als Notarzt bei einer türkischen Hochzeit in der Hasenheide erlebt. Die Braut hatte ein zu großes Stück Hühnerfleisch in die Luftröhre bekommen, es hing dort fest. Trotz aller Versuche sie wiederzubeleben, die Braut ist an ihrem Hochzeitstag erstickt.

Werden Sie solche Eindrücke wieder los?
Ich habe Bilder im Kopf, die bleiben. Das Bild eines Erhängten im Dachstuhl. Wir wurden nachts um vier nach Schöneberg gerufen, gingen die Treppen hoch, und im fahlen Licht der Taschenlampen hing einer am Balken. Oder „Person unter Zug“, so der Alarmierungsbegriff der Feuerwehr, die sehen in der Regel grauenhaft aus. Ich war mehrfach in U-Bahnhöfen und habe nur noch ölverschmierte Bündel gefunden mit amputierten Gliedmaßen.

Träumen Sie davon?
Das quält mich nicht im Schlaf. Ich beschäftige mich mehr mit dem Sterben, wenn ich wach bin.

Und dann denken Sie nie: Verdammt, warum arbeite ich nicht auf der Geburtsstation, da sieht man meist glückliche Gesichter!
Nein, ich habe mich mit der Montaigneschen Idee angefreundet, die Herausforderung des Lebens bestehe darin, das eigene Sterben zu gestalten.

Sie lasen als Medizinstudent die Schriften von Montaigne, einem Philosophen der Renaissance, und...
...nein, nein, da war ich älter. Es hat gedauert, meinen Weg als Arzt zu finden. Ich bin sehr froh, dass ich Vorbilder und Lehrer hatte wie Professor Dißmann. Ich empfand es immer als Privileg, viel lernen zu dürfen. Das Wichtigste daran ist vielleicht, dass ich mit dem Gedanken an das Sterben vertraut werden konnte. Ich habe berufliche Erfahrung mit allen Facetten des Todes, mit seiner Banalität, seiner Zufälligkeit und seiner Grausamkeit. Wie Millionen andere habe ich die Sehnsucht, friedlich zu sterben. Manche sprechen vom würdigen Sterben. Für mich ist würdiges Sterben friedliches Sterben, das wünsche ich jedem Menschen.

Wie vielen ist das vergönnt?
Man weiß nie, wie sich das von innen anfühlt, diese Erlebnisdimension hat kein Lebender. Doch wenn ich bedenke, dass fast drei Viertel der Menschen im Krankenhaus sterben, dazu kommen gewaltsame Tode... Friedlich zu sterben ist nicht die Regel.

In Skandinavien werden 60 Prozent durch Palliativmedizin versorgt, in Deutschland 2,5 Prozent. Bei der Vergabe von Morphium an Schwerkranke liegt Deutschland unter allen EU-Ländern an letzter Stelle. Wird so friedliches Sterben verhindert?
Ja, und das ist ein Fiasko. Wer Schmerzen hat, auch Angstzustände, für den ist Morphium ein wichtiges Mittel. Man muss dazu um seine Wirkung wissen. Morphium wirkt nicht am Ort, wo der Schmerz entsteht, es verändert das Schmerzerleben. Sie spüren den Schmerz, doch er interessiert Sie nicht. Zudem erleben Sie eine Euphorisierung. Diese und die damit einhergehende Gleichmut ist eine wunderbare Möglichkeit, den Sterbeprozess zum Wohl des Kranken zu steuern. Ich werde nie den Satz von Professor Dißmann vergessen: „Knausern Sie nicht mit der Dosis! Ich will den Patienten bei der nächsten Visite lächeln sehen.“

Was also läuft falsch?
Opiate werden immer noch stigmatisiert. Die bürokratischen Hürden ihrer Verordnung sind hoch, der Arzt muss die Mittel im Tresor verwahren, die Rezepte wieder woanders, es gilt besondere Vorschriften zu beachten und so weiter. Und dann ist da die vermeintliche Suchtgefahr.

Morphinisten wie der Schriftsteller Hans Fallada waren extrem süchtig.
Diese Leute suchten ganz andere Erlebnisse, den Kick, den Rausch. Alle Erfahrung von Ärzten sagt: Schmerzpatienten werden nie süchtig.

Es gibt Menschen, für die ist das Leben schlimmer als der Tod.
Es gibt da furchtbare Schicksale. Ich denke an eine junge Frau, sehr lebens- und bewegungsfroh, eine hochbegabte Naturwissenschaftlerin, die nach einem Unfall vom Hals an querschnittsgelähmt ist. Sie kann sprechen, essen, klar denken. Aber von ihrem Lebensentwurf ist nichts mehr übrig. Sie braucht rund um die Uhr Pflege. Nichts wird sich daran ändern, sie kann so noch 40 Jahre verbringen. Seit eineinhalb Jahren bin ich in engem Kontakt mit ihr, und ihr dringender Wunsch ist es zu sterben. Sehen Sie, die Errungenschaften der Intensivmedizin retten tagtäglich Tausende, und das ist wunderbar. Sie bringt aber auch Menschen in Existenzweisen, die maximale Qual bedeuten können. Die junge Frau fühlt sich lebendig begraben.

Sie wollen ihr beim Suizid helfen?
Ich sagte ihr, ich bleibe an ihrer Seite. Selbstverständlich muss sie optimale Bedingungen erfahren, um am Leben bleiben zu können und zu wollen, so viel Zuwendung wie möglich. Und der Sterbenwunsch muss lange durchdacht sein. Ein assistierter Suizid kann nur als äußerste Option gelten.

In der Schweiz ginge das.
Moment, ich will keine organisierte Sterbehilfe. Eine solche Hilfeleistung gehört in den Intimraum von Arzt und Patient, dazu gehört ein gewachsenes Vertrauensverhältnis zwischen den beiden. Sonst geht so etwas für mich nicht.

Sie haben da die Standesethiker gegen sich, die Kirchen sowieso: Das Leben, sagen die, ist in Gottes Hand und nicht in der eines Arztes.
Wo ist denn Gottes Hand auf der Intensivstation?! Die Schwester vergisst abzusaugen. Der Arzt beginnt zu spät mit der Reanimation. Jedes Jahr gibt es in deutschen Krankenhäusern 17 000 vermeidbare Todesfälle! Gottes Hand ist dann tatsächlich die Hand eines Arztes. Wir haben ein Grundgesetz, das die Selbstbestimmtheit festschreibt, und die beschränkt sich nicht nur auf das Leben, sondern auch auf das Sterben.
Sie schreiben in Ihrem Buch von einer „neuen Sterbekultur“. Wo, bitte, soll die herkommen?
Wir leben in einer Zeit von Botox-to-go, wo Alterslosigkeit heroisiert wird, das Motto ist: forever young! Da ist die Akzeptanz des Sterbens kein kommodes Thema. Selbst manche Wissenschaftler halten das Sterben für einen Unfall der Evolution, den es zu überwinden gilt.

Es gibt ganze Bücher mit letzten Worten von Prominenten. Heinrich Heine soll gesagt haben „Gott wird mir verzeihen, das ist sein Metier“, Winston Churchill „Es ist alles so langweilig“. Ist das realistisch?
Ich kenne niemanden, der mit einem bedeutungsschweren Satz auf den Lippen gestorben ist.

Der Schriftsteller Gore Vidal hat sich schon frühzeitig eine Grabstelle auf einem Friedhof in Washington gekauft, samt Stein darauf. Verstehen Sie das?
Ich finde es nicht eigenartig, ich würde es nur nicht machen. Ich unterscheide ja zwischen Sterben und Tod. Auf meinen Sterbeprozess möchte ich unbedingt Einfluss nehmen, was danach kommt, ist nicht bedeutend. Ein Freund von mir wurde verbrannt und seine Asche im Wald verstreut. Das ist mir sympathisch.

Der Philosoph Jacques Derrida meinte: „Es gibt keine Kultur ohne die Ritualisierung der Trauer und ohne Orte der Bestattung.“
Da mag er recht gehabt haben, vielleicht leben wir in einer Zeit, in der sich das auflöst. Viele brauchen keinen konkreten Ort des Erinnerns mehr, ich sehe darin keine kulturelle Verwahrlosung.

Wir vermuten mal, Sie würden gerne in einem Hospiz sterben, wenn schon nicht zu Hause.
Es gibt sehr schöne Hospize, ein wunderbares zum Beispiel über den Dächern von Neukölln. Aber wenn ich schon einen Wunsch frei habe: Da ich sehr naturverbunden bin, würde ich gern unter freiem Himmel sterben.

"Großer Teil der katholischen Kleriker ist homosexuell"

Theologe David Berger

Harte Worte vom Ex-Herausgeber eines konservativen katholischen Magazins: Der Theologe David Berger behauptet im Gespräch mit dem SPIEGEL, ein "großer Teil der katholischen Kleriker" sei homosexuell. Berger sieht eine Verbindung zwischen verdrängter Sexualität und Schwulenhass.


Hamburg - Der Theologe David Berger, der als korrespondierender Professor für die Päpstlichen Akademie des heiligen Thomas von Aquin in Rom arbeitete, verlangt im Gespräch mit dem SPIEGEL ein Ende der kirchlichen Schwulendiskriminierung: "Es muss anerkannt werden, dass ein großer Teil der katholischen Kleriker und Priesteranwärter in Europa und den Vereinigten Staaten homosexuell veranlagt ist."

Berger berichtet, er selbst habe als katholischer Theologe, der mit einem Partner zusammenlebe, viele Jahre unter der schwulenfeindlichen Atmosphäre seiner Kirche wie unter einem "Alptraum" gelitten. Seine Arbeit bei der theologischen Zeitung sei überwacht und zensiert worden, berichtet er dem SPIEGEL. So habe er in Artikeln nicht "Lebensgefährte" schreiben sollen, sondern "Unzuchtpartner". "Homosexuell" habe als zu neutraler Begriff gegolten, er habe "widernatürliche Unzucht" schreiben müssen.

Dabei gehe "die größte Schwulenfeindlichkeit in der katholischen Kirche von homophilen Geistlichen aus, die ihre Sexualität krampfhaft verdrängen", meint der inzwischen von seinen Ämtern zurückgetretene Berger. "Offensichtlich werden diejenigen, die ihren Trieben nachgehen, besonders heftig abgelehnt, wenn man die Veranlagung bei sich selbst so schmerzhaft unterdrückt."

Der Theologe, der heute als Gymnasiallehrer bei Köln arbeitet, outete sich im April dieses Jahres, nachdem der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck in der Talkshow "Anne Will" während der Debatte um sexuellen Missbrauch Homosexualität als widernatürlich und Sünde bezeichnet hatte. Über seine Erfahrungen in der Kirche hat Berger ein Buch geschrieben, das unter dem Titel "Der heilige Schein. Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche" diese Woche erscheint.

Theologe Berger wirft seiner Kirche eine Wagenburgmentalität vor: "Die Angst vor der Welt, vor einer verdorbenen gottlosen Zivilgesellschaft, von der man sich abgrenzen will", führe in eine Isolation und seinen Erfahrungen nach auch zum "Schulterschluss mit Evangelikalen, Bibelfundamentalisten und extrem reaktionären Kräften".