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Sonntag, 21. November 2010

Papst erlaubt Kondome

Papst Benedikt XVI (Foto: AFP)
Papst Benedikt XVI. sagt erstmals nicht mehr strikt Nein zum Gebrauch von Kondomen - und sorgt damit auch in den eigenen Reihen für Aufregung. Und auch wenn der Papst seine Aussage zur Kondombenutzung auf Einzelfälle im Kampf gegen Aids beschränkt - es ist ein radikaler Kurswechsel.

Von Stefan Troendle, ARD-Hörfunkstudio Rom

Für die katholische Kirche kamen die Aussagen des Papstes zur Lockerung des Kondomverbots überraschend - das ist offensichtlich. Beim Empfang in der Botschaft am Heiligen Stuhl in Rom gestern Abend anlässlich der Ernennung der beiden neuen deutschen Kardinäle wollte sich kein Geistlicher offiziell dazu äußern. Man ist wohl gerade bemüht, die neue Linie abzustimmen. Unter der Hand äußerten die meisten katholischen Würdenträger jedoch Zustimmung. Tenor: Das sei schon lange nötig gewesen. Ein Vatikan-Insider sagte, durch diese Aussage würden Dämme brechen.

"Keine wirkliche und moralische Lösung"

Die Vatikanzeitung "Osservatore Romano" hatte gestern Auszüge aus einem Interview mit Benedikt XVI. veröffentlicht, das am Dienstag als Buch vorgestellt wird. Darin hieß es, der Papst sei nicht mehr grundsätzlich gegen den Gebrauch von Kondomen. Anschließend berichteten andere Medien weitere Details: Auch wenn die katholische Kirche Kondome natürlich nicht als "wirkliche und moralische Lösung" ansehe, wird der Papst zitiert, können Kondome im einen oder anderen Fall in der Absicht, Ansteckungsgefahr zu verringern, ein erster Schritt sein auf dem Weg hin zu einer anders gelebten, menschlicheren Sexualität.

Papst Benedikt XVI.  (Foto: dpa)Papst Benedikt XVI. erlaubt Kondome in "begründeten Einzelfällen".
Benedikts Aussage enthält allerdings noch weit Explosiveres: Der Papst führte nämlich als Beispiel männliche Prostituierte an, die so die Ausbreitung von Aids verhindern könnten - ein weiteres Tabuthema, da dies erstens auf käuflichen Homosexuellen-Sex hindeutet und da es zweitens diese Form der Sexualität nach Ansicht der katholischen Kirche gar nicht geben dürfte. Die Vatikanzeitung hat die Passage übrigens falsch mit der weiblichen Bezeichnung für Prostituierte übersetzt - der Papst hat jedoch tatsächlich die männliche Formulierung gewählt.

Rückblick: Afrika-Reise 2009

Unabhängig davon sind diese Papstaussagen ein radikaler Wandel der bisherigen Haltung. Benedikt XVI. ist der erste Papst, der sich so dezidiert äußert und damit die Benutzung von Kondomen unter bestimmten Auflagen erlaubt. Noch bei seiner Afrika-Reise 2009 hatte der Papst gesagt, man könne das Aids-Problem mit Kondomen allein nicht lösen. Diese würden das Problem nur vergrößern.

Lob vom Zentralrat der Juden

Für diese Aussage war das Oberhaupt der katholischen Kirche scharf kritisiert worden. Jetzt kommt Lob - unter anderem von Charlotte Knobloch, der Präsidentin des Zentralrats der Juden. In einer ersten Reaktion sagte sie dem ARD-Hörfunkstudio Rom: "Die Fortschritte, die man im Vatikan beobachten kann, sind jetzt noch zusätzlich ersichtlich. Ich hoffe, dass das noch weiter ausgedehnt wird." Viele Menschen seien hell auf begeistert, wie sich der Papst nun zu diesem Thema verhält.

Auch von der bayerischen Regierung kam Zustimmung. Kultusminister Ludwig Spaenle sagte, die Wirklichkeit sei an diesem Papst nie vorbeigegangen, diese Lockerung sei ein wichtiges Zeichen. Mehr noch: "Das ist ein Schritt nach vorne."

Chef sagt, wo es lang geht...

Und ganz offenbar auch eine Änderung der Medienstrategie: Der Chef ändert die Linie alleine und macht die PR dafür selbst. Das Interview wurde nämlich schon im Juli aufgezeichnet und ganz offensichtlich war der brisante Inhalt niemandem im Vatikan vorab bekannt.

Aus dem Papstbuch "Licht der Welt" kursieren übrigens inzwischen weitere Aussagen: So spricht sich der Papst gegen ein allgemeines Burka-Verbot aus, plädiert für Moscheen in westlichen Ländern und äußert sich auch dezidiert zu einem Rücktritt: Wenn ein Papst physisch, psychologisch oder spirituell unfähig sei, seiner Aufgabe nachzukommen, dann habe er auch das Recht - unter bestimmten Umständen sogar die Pflicht - zurückzutreten. Das deutet darauf hin, dass Benedikt XVI. Anweisungen für den Fall seiner Erkrankung gegeben hat.

Audio: Papst lockert striktes Kondomverbot

 AudioStefan Troendle, ARD-Hörfunkstudio Rom 21.11.2010 03:44 | 3'34

... und gibt Versäumnisse des Vatikan zu

Der "Focus" berichtet, dass Benedikt XVI. in dem Buch auch gezielt auf die Affäre um die Piusbrüder eingeht. Der Papst gibt zu, dass im Vatikan niemand im Internet nachrecherchiert hat, um wen es sich bei dem umstrittenen Bischof Richard Williamson handelte. Hätte er von Williamsons Holocaust-Leugnung gewusst, hätte er die Rücknahme der Exkommunikation nicht unterschrieben und den Fall abgetrennt. Die Affäre rund um den rechtsradikalen Piusbruder hatte 2009 zur bislang schlimmsten Krise des Pontifikats von Benedikt XVI. geführt.

Donnerstag, 9. September 2010

Wenn die Kippa mitkickt

Der Tel Aviv-Stürmer Itay Schechter zieht nach seinem Tor in der Champions League seine Kippa aus dem Stutzen, betet – und sieht Gelb. Was ist der Grund für die Verwarnung?

VON MARTIN KRAUSS

Ein Gebet mitten auf dem Fußballfeld: Itay Schechter nach seinem Tor gegen Red Bull Salzburg in der Champions League-Qualifikation. Foto: ap

Hammer! Sichel! Rot! Und das in der Champions League! Itay Schechter hatte gegen Red Bull Salzburg gerade das entscheidende Tor geschossen, da sahen die Zuschauer auf seinem Hinterkopf diese Symbole in dieser Farbe. Der Stürmer des israelischen Spitzenclubs Hapoel Tel Aviv hatte im CL-Qualifikationsspiel nach dem dritten Tor für die Israelis eine rote Kippa aus seinem Stutzen gezogen. Auf die runde Kopfbedeckung war das Vereinssymbol gestickt: Hammer und Sichel, denn Hapoel steht für die traditionsreiche jüdische Arbeitersportbewegung. Dafür gab's Gelb.

Schechter wollte sich nach dem Tor, das ihn und seinen Klub in die Champions League - und also auch bald in die Arena auf und gegen Schalke - katapultierte, bei seinem Gott bedanken. Weil Juden, anders etwa als Christen oder Muslime, nur mit Kopfbedeckung beten. Er zog also die Kippa aus dem Stutzen und betete mitten auf dem Salzburger Rasen. "So etwas habe ich in meinem ganzen Schiedsrichterleben noch nicht gesehen, auch nicht in einem israelischen Ligaspiel", sagt Abraham Klein, 74-jährige Schiedsrichterlegende des kleinen Mittelmeerlandes, unter anderem an der Pfeife, als Deutschland 1978 gegen Österreich mit 2:3 narrisch verlor.

So ganz klar ist allerdings bis jetzt noch nicht, warum Schechter die Gelbe Karte sah: Klein vermutet, weil es nicht erlaubt ist, einen Gegenstand im Stutzen zu verstecken, unabhängig davon, was dieser Gegenstand ist. Dabei spielt das, findet der International Football Association Board der Fifa, sehr wohl eine Rolle: "Spieler dürfen keine Unterwäsche mit Slogans oder Werbeaufschriften zur Schau tragen", heißt es eindeutig. "Die vorgeschriebene Grundausrüstung darf keine politischen, religiösen oder persönlichen Botschaften aufweisen."

Beim DFB erfährt man noch, dass "moderne Schutzgegenstände wie Kopfschutz, Gesichtsmaske, Knie- und Ellenbogenschoner aus weichem, leichtem und gepolstertem Material" und damit "nicht gefährlich" sein dürfen. Was aber ist an einer Kippa, noch dazu nur während einer Spielunterbrechung getragen, gefährlicher als eine Gesichtsmaske?

Was gerne mit Auslegungssache, Ermessensspielraum oder Fingerspitzengefühl umschrieben wird, führt letztlich ins Politisch-Religiöse: Die ägyptische Nationalmannschaft etwa feiert ihre Siege immer mit einem kollektiven Beten gen Mekka – von Schiedsrichtern und Fifa-Funktionären unbehelligt.

Als jedoch bei der Mini-WM 2009 Brasilien das Finale gegen die USA gewann, kniete die gesamte Seleção zum Gebet nieder – die Fifa verwarnte Brasilien deswegen. Und die Schweizer Boulevardzeitung Blick schäumte sofort: "Verbietet die Fifa (nur) Christen das Gebet?" Zumal die Schiedsrichter ja auch angehalten sind, das Zeigen von "Jesus loves you"-T-Shirts unter den Trikots mit einer Gelben Karte zu ahnden.

Die Angst vor einer Welle der Christenverfolgung im internationalen Fußball ist aber unbegründet. Schließlich gehört das Bekreuzigen beim Einwechseln oder vor dem Elfmeter schon zum Standard. Auch die muslimischen Gottesverehrungen werden nicht nur toleriert, sondern mitunter sogar massiv gefordert.

Als der Bundesligaprofi Mohammed Zidan einmal nach einem Sieg seiner ägyptischen Nationalmannschaft das tat, was eine gleichermaßen respekt- und stilvolle Geste ist: gelangweilt neben den Betenden stehen, wurde er nicht vom Schiedsrichter, aber vom Trainer zum Rapport gebeten. Ägyptens Nationalcoach Hassan Schehata hat nämlich die Religiosität zum wichtigsten Nominierungskriterium erhoben. "Ohne die werden wir keinen Spieler berufen", hat er einmal gesagt. Eine bemerkenswerte Diskriminierung von Säkularen und Atheisten.

Mittwoch, 28. Juli 2010

Gott ist gescheitert



Für Diego Maradona war es der Job seines Lebens: Nationaltrainer von Argentinien. Er legte Wert auf Herzblut und Motivation, Intuition war ihm wichtiger als Planung und Taktikschulung. Das konnte nicht gutgehen.


Als Julio Grondona sein Amt als Chef des argentinischen Fußballverbandes angetreten hat, war Diego Armando Maradona gerade einmal 17 Jahre alt. Grondona ist seit der Heim-Weltmeisterschaft 1978 in Amt und Würden, ein mächtiger Strippenzieher, mit seiner Leibesfülle und seinem Machtinstinkt ein Funktionär wie aus dem Klischee-Album. Acht Trainer hat Grondona im Laufe seiner 32 Amtsjahre angeheuert, bis zum Dienstag war keiner dabei, dem er den Stuhl vor die Tür setzen musste. Alle gingen von selbst. Bis auf Maradona. Selbst im Abgang ist der Fußballgott "El Diéz" einmalig.

Maradona hat 20 Monate amtiert. In dieser Zeit hat er das gemacht, was er am besten kann: Schlagzeilen produziert. Ob er im Vorfeld der WM 100 neue Spieler ausprobierte, nominierte und wieder nach Hause schickte, ob er nach der mit Hängen und Würgen gelungenen WM-Qualifikation die Journalisten auf das Übelste beleidigte, ob er mit dicker Zigarre auf dem Trainingsgelände auftauchte - Maradona war auch als Nationaltrainer immer anders als alle anderen. Genau das hat ihn ausgemacht, genau das hat ihm allerdings am Ende auch den Job gekostet.

Taktik hat den 49-Jährigen nicht besonders interessiert, in nächtelanger Kleinarbeit ein Konzept auszutüfteln, wie die gegnerische Mannschaft auszutricksen sei, so etwas hat ihn nicht gereizt. Defensivarbeit hat ihn gelangweilt. Motivation, Herzblut - das sind die Kategorien, in denen Maradona denkt - und es gab Momente bei der Weltmeisterschaft in Südafrika, in denen man glaubte, dass dies ausreichen könnte, um die Argentinier bis zum Titelgewinn zu tragen. Die Fußball-Millionäre von heute, die Messis, Tévez' und Higúains, schienen angesteckt von der Begeisterung, die Maradona vorlebte. Von der Gefühligkeit, die an der Seitenlinie herrschte, von all dem Geherze, Geknuddel und Geknutsche.

Joachim Löw und sein Team haben all das als Budenzauber entlarvt.

Im Viertelfinale gegen Deutschland ist das System Maradona an seine Grenzen gelangt. Gegen eine Mannschaft, deren Trainerstab die Schwächen der Argentinier genau analysiert hat, die die Gnade des frühen Tores hatte und zudem körperlich und konditionell im Vorteil war, war Argentinien mit all seinen hochveranlagten Spielern ratlos, hilflos, kraftlos. Die emotionale Ansprache allein macht noch keinen Weltmeister. Das musste ein Jürgen Klinsmann 2006 erfahren, das hat Maradona noch brutaler vier Jahre später erlebt.

Eine Welt von Gefallen und Gegen-Gefallen
Grondona hat die Defizite der argentinischen Mannschaft sehr genau erkannt und nach dem Turnier verlangt, Maradona solle einige seiner Assistenten auswechseln. So zum Beispiel den Fitnesstrainer Fernando Signorini, der für den beklagenswerten körperlichen Zustand der Weiß-Blauen in Südafrika verantwortlich war. Oder Maradonas Co-Trainer Alejandro Mancuso, dem Schwächen im menschlichen Umgang mit den Spielern attestiert wurden. Beide sind alte Kumpel Maradonas, beide haben ihm in der traurigen Endphase seiner Karriere, als der Star schon ein Altstar war, dick und drogensüchtig, zur Seite gestanden.

So etwas vergisst ein Diego Maradona nicht. Freundschaft, Netzwerke. Einer hilft dem anderen, Gefallen gegen Gegen-Gefallen - das ist die Welt, die er um sich aufgebaut hat. Es gehört zur inneren Logik von Maradonas Denken und Handeln, dass er lieber seinen Job riskiert, als seine Buddys im Stich zu lassen. Es heißt, Verteidiger Gabriel Heinze habe vor allem deswegen einen Stammplatz in Argentiniens Team sicher gehabt, weil Heinzes Bruder Sebastián ein Geschäftspartner Maradonas sei.

Dem Trainer Maradona fehlte all das, was einen vermeintlich modernen Coach ausmacht. Ihm ging jegliche kühle Vernunft ab, jegliche akribische Planung. Er war der Anti-Löw. Oder noch mehr der Anti-Bierhoff. Von Maradona hätte man nie von "Konzeptfußball" gehört und davon, dass man "gegen den Ball arbeiten" müsse. Wenn ein Trainer Maradona letztlich Erfolg gehabt hätte, hätte dies all die Taktikprofessoren, all die Tüftler und Video-Studierenden, die so tun, als sei Fußball eine Wissenschaft so wie die Astrophysik, blamiert. Es wäre ein Sieg des Irrationalen gewesen, ein Triumph der Intuition über den Plan. Viele Fans hätte das gefreut. Aber Fußball ist nicht mehr so.

Mit jeder Faser Nationaltrainer
Deutschland wurde 1990 noch Weltmeister mit einem Trainer, der seine Profis lediglich aufforderte: "Gehts raus. Spielts Fußball!" Der Mann hieß Franz Beckenbauer und war wohl der deutscheste Maradona, den der DFB als Trainer je hatte. Ähnlich unvernünftig in einem guten Sinne, ähnlich verliebt in das Spiel, ein Stimmungsmensch. Aber Beckenbauer hatte damals ein Team um sich herum, das die Arbeit erledigte, das die Fitness der Spieler gewährleistete, für das taktische Verständnis sorgte, für Disziplin und Struktur auf und neben dem Platz. All das fehlte Maradona. So konnte Argentinien nicht Weltmeister werden.

Man merkte Maradona an, dass er mit jeder Faser Nationaltrainer war. Er fühlte sich berufen, es war für ihn wie selbstverständlich, dass ihm dieser Job irgendwann zufallen würde. Man kann sich im Grunde jetzt kein neues Amt mehr für Diego Armando Maradona vorstellen. Nichts, was ihn nur annähernd so ausfüllen könnte. Er wird möglicherweise wieder zwischen Fidel Castro und Hugo Chavez hin- und hertingeln, den Machthabern auf Kuba und in Venezuela, die er zu seinen engsten Freunden zählt. Er wird ein paar verächtliche Sprüche über seinen Nachfolger machen, aber er hat seine Aufgabe verloren. Möglicherweise wird er wieder als argentinischer Edelfan bei einem Turnier auftauchen.

Diego Maradona war auf einer Mission. Die Mission ist gescheitert.

Freitag, 2. Juli 2010

Papst bekräftigt Mixas Rücktritt

VON LOTHAR SCHRÖDER

Benedikt XVI. bleibt bei seiner Entscheidung, den Rücktritt des Augsburger anzunehmen. Der Fall ist somit beendet. Zugleich mahnte er die Versöhnung mit dem 69-Jährigen an, der demütig Fehler einräumte.

"Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen" – mit diesen Petrus-Worten hat Mixa noch jüngst seinen Aufsatz über den "Mut des Christen" überschrieben. Am Donnerstag gab es dazu für den emeritierten Augsburger ausreichend Gelegenheit: in der Privataudienz bei Benedikt XVI. in Rom. Sie ist mit gut einer Stunde die längste Audienz an diesem Tag. Und sie findet hinter verschlossenen Türen statt. Was anschließend aus dem römischen Papstpalast zurück in die Welt getragen wird, ist eine Vatikan-Erklärung, die in jeder Zeile den Charakter des Amtlichen trägt.

Im Kern steht vor allem dies: Der "Fall Mixa" ist am Donnerstag vom Papst abschließend behandelt worden. Es wird also keine Fortsetzung jener unrühmlichen Chronik geben, die seit Ende März die katholische Kirche in Deutschland erheblich belastet hat. Sie beginnt mit den an Mixa gerichteten Vorwürfen der Kindesmisshandlung als Stadtpfarrer von Schrobenhausen; es folgt der Verdacht, Stiftungsgelder satzungswidrig verwendet zu haben; am 21. April bittet der 69-Jährige – nach Gesprächen mit deutschen Bischöfen – um Entpflichtung, die er drei Tage später in einem Schreiben an Benedikt XVI. zurückzieht; der Papst aber nimmt am 8. Mai das Rücktrittsgesuch an; Mixa zieht unterdessen Mitte Juni wieder ins Augsburger Bischofspalais und erwägt kurz darauf sogar, seinen Fall vom päpstlichen Gerichtshof prüfen zu lassen. Am 21. Juni schließlich erreicht den Papst ein Geheimdossier über Mixa, in dem auch von Alkoholsucht und sexuellen Übergriffen die Rede ist.

Das ist – im Stenogrammstil – zugleich eine Ursache für jenen Glaubwürdigkeitsverlust, mit dem vor allem die katholische Kirche in jüngster Zeit zu kämpfen hat. Die vielen Verfehlungen sind mit der gestrigen Privataudienz nicht aus der Welt. Aber die Debatte, die innerkirchlich zunehmend als eine Art Schlammschlacht empfunden wurde, ist mit dem Papstwort rigoros beendet worden. Salopp gesprochen: Benedikt XVI. hat seit gestern eine Baustelle weniger. Zumal davon auszugehen ist, dass Mixa – bekannt für seine Papsttreue – den Rat, sich zu einer "Zeit des Schweigens" zurückzuziehen, beherzigen wird. Gestern jedenfalls beherzigte Mixa diese Weisung willensstark. Stellungnahmen zur Audienz lehnte er mit dem Vermerk ab, dass die "Schreiberei" mal aufhören müsse. Zudem wurde die Audienz aber auch zu einer Handreichung. Denn Mixa wurde in Aussicht gestellt, dass er künftig wieder als Seelsorger tätig sein könne – nach einer Zeit der "Sammlung" und einer "Periode der Heilungen und der Versöhnung".

Die gestrige Vatikan-Erklärung ist aber nicht nur an den Demut zeigenden Mixa gerichtet, sondern auch an seine deutschen Mitbrüder im Bischofsamt – in Form einer Rüge. Nicht nur zwischen den Zeilen mahnt Benedikt freundschaftliche Nähe und Hilfe für Mixa an. Er mag dabei auch den Vorsitzenden Zollitsch, sowie Marx im Blick haben, deren Verhalten Mixa noch kürzlich als nicht brüderlich bezeichnet hatte.

Allgemein aber richtet sich der mahnende Hinweis an alle Bischöfe hierzulande und deren Solidarität untereinander. Die ist in Deutschland indes noch nie sonderlich ausgeprägt gewesen. Wäre der Papst ein Politiker, müsste man sein gestriges Ansinnen vielleicht so übersetzen: Es muss ein Ruck durch die deutsche Kirchenleitung gehen.

Montag, 28. Juni 2010

Polizei-Razzia bei Bischöfen


Aufregung über Verurteilung des Papstes

In Belgien sorgt die Razzia gegen die Bischofskonferenz in Brüssel am vergangenen Donnerstag weiter für Wirbel. Der Grund: Der Papst persönlich hat die Hausdurchsuchung verurteilt, im Vatikan zieht gar Vergleiche mit dem Kommunismus.

Mittagsjournal, 28.06.2010

Papst interveniert
Die Öffentlichkeit kann es kaum fassen. Nicht nur aggressive flämische Nationalisten attackieren den belgischen Staat, sondern auch der Heilige Vater in Rom. Der Papst hat gestern höchstpersönlich eine Razzia der belgischen Polizei am Sitz der Bischofskonferenz in Brüssel als beklagenswert und verwunderlich kritisiert. Kardinalstaatssekretär Bertone verglich die Hausdurchsuchung vergangene Woche mit kirchenfeindlichen Exzessen im Kommunismus, der Außenminister des Vatikan bestellte den belgischen Botschafter zu sich.

Razzia bei Bischöfen

Im katholischen Belgien hat diese ungewöhnlich scharfe Reaktion Roms großes Erstaunen ausgelöst, legt sich der Vatikan doch auf diese Weise mit der unabhängigen Justiz eines souveränen Staates an.

Der zuständige Untersuchungsrichter sagt, er ist auf der Suche nach geheimen Dossiers über pädophile Priester, die der Justiz möglicherweise vorenthalten wurden. Dutzende Polizisten haben am vergangenen Donnerstag das erzbischöfliche Palais in Brüssel just in dem Augenblick durchsucht, als die belgische Bischöfe bei ihrer monatlichen Sitzung waren. Die Polizei beschlagnahmte Handys, Laptops, Kalender und Notizblöcke der im erzbischöflichen Palais versammelten geistlichen Würdenträger. Auch der Computer des kürzlich zurückgetretenen Kardinals Gottfried Danneels wurde abtransportiert. Weil die 55 Computer der Erzdiözese jetzt in den Händen der Kriminalpolizei sind, müssen die Angestellten auf ihr Juligehalt warten.

Auch Gräber geöffnet

Sogar in der Krypta der Kathedrale suchten die Beamten nach Beweismaterial. Die Gräber zweiter früherer Kardinäle wurden aufgebohrt, weil der Untersuchungsrichter vermutete, dass dort geheime kirchliche Dossiers über pädophile Priester versteckt wurden, die man der Justiz vorenthalten wollte.

Tatsächlich findet sich unter Punkt fünf der bischöflichen Tagesordnung die Frage, ob "alte Dossiers über pädophile Priester, überhaupt an die zuständige kirchliche Kommission weitergeleitet werden sollen".

Was wusste die Kirche?

Neun Stunden wurden die Bischöfe während der Hausdurchsuchung festgehalten, mit dabei der vatikanische Nuntius. Die belgischen Justizbehörden wehren sich gegen den Vorwurf, dass es dabei unnötig hart zugegangen sein soll und die festgesetzten Bischöfe zum Beispiel nichts zu essen bekommen hätten, wie der Vatikan behauptet. Es gab Hendl, Tomaten und Wein, heißt es aus dem Justizpalast in Brüssel.

Erst vergangenen April ist der Bischof von Brügge zurückgetreten, weil er Kind sexuell missbraucht hat. Eine von der belgischen Bischofskonferenz eingerichtete Kommission hat 450 Akten über andere Missbrauchsfälle angelegt.

Der zuständige Untersuchungsrichter will klären, ob die Kirche über Vorwürfe gegen Priester Bescheid wusste, ihre Erkenntnisse aber geheim gehalten hat.

Geheimhaltung war erwünscht

Die katholische Kirche hat offensichtlich geglaubt, dass sie das Privileg haben wird, ihre schmutzige Wäsche ausschließlich intern zu waschen, liest man in der belgischen Tageszeitung Le Soir. Untersuchungsrichter Wim De Troy erinnert mit seinem Vorgehen daran, dass niemand über dem Recht steht.

Montag, 21. Juni 2010

Die sexuellen Avancen des ..x.


Papst-Akte belastet

Eine bislang geheime Papst-Akte belastet Walter schwer: Enge Mitarbeiter und Bekannte des ehemaligen Augsburger Bischofs berichten von Alkohol- und Wahrnehmungsproblemen sowie von sexuellen Übergriffen.

Die Akte über den Fall des zurückgetretenen Walter, die Benedikt XVI. vorliegt, enthält nach Informationen der Süddeutschen Zeitung gravierende Vorwürfe, die zum Teil öffentlich noch nicht bekannt waren. Diese waren offenbar der Grund dafür, dass Benedikt Anfang Mai das Rücktrittsgesuch annahm.

Walter MixaWalter: Gegen den ehemaligen Augsburger liegt dem Papst ein belastendes Dosier vor.
Das Dossier  umfasst nach SZ-Informationen mehrere Dutzend Seiten; es ging am 27. April offiziell an den Nuntius, den Papstbotschafter in Berlin. Die Akte enthält Zeugenaussagen auch engster Mitarbeiter und Bekannter, die belegen sollen, dass Walter ein Alkohol- und Wahrnehmungsproblem hat und sich in mindestens zwei öffentlich noch nicht bekannten Fällen jungen Männern so sehr genähert habe, dass diese das als Grenzüberschreitung empfunden hätten.
So berichtet ein Mitarbeiter, dass Walter über den Tag verteilt Wein und hochprozentige Alkoholika getrunken habe; der Zeuge vermutet, Walter sei ein "Spiegeltrinker" - also jemand, der einen bestimmten Alkoholpegel braucht. Immer wieder wird vom "Wirklichkeitsverlust" des Walters berichtet.

Besonders brisant ist die Wiedergabe eines Dialogs des Walters mit einem jungen Mann, der während eines gemeinsamen Urlaubs ausgerufen haben soll: "Ich bin doch nicht schwul!" Daraufhin habe Walter geantwortet: "Ich doch auch nicht" - und der junge Mann zur Antwort gegeben habe: "Und was war gestern Abend?"

Nach übereinstimmenden Informationen der SZ und der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung soll diese Akte der Grund dafür gewesen sein, dass Benedikt XVI. am 8. Mai das Rücktrittsgesuch Walters angenommen habe. Die Vorermittlungen der Staatsanwaltschaft Ingolstadt wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch hätten nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Diese Ermittlungen waren eingestellt worden, als das vermeintliche Opfer erklärte, es habe keine Übergriffe seitens Walters gegeben.

Zur Versöhnung bereit

Walter hatte in der vergangenen Woche erklärt, der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, der Reinhard Marx und der Anton Losinger hätten diese Vorermittlungen genutzt, um ihn beim Benedikt in Misskredit zu bringen.

Am Rande einer Wallfahrt zum oberbayerischen Kloster Andechs sagte Zollitsch, er habe vor dem Rücktritt Walters vier Mal mit ihm geredet, um ihn zu einer Auszeit zu bewegen. Trotz der Vorwürfe, die Walter gegen ihn erhebe, sei er zur Versöhnung bereit. Die Gläubigen des Bistums rief er auf, Brücken über die aufgerissenen Gräben zu bauen.

Die Turbulenzen um den zurückgetretenen Walter werden auch den ständigen Rat der Bischofskonferenz beschäftigen, der sich an diesem Montag in Würzburg trifft. Die Diözesanbischöfe wollen auf der zweitägigen Sitzung aber vor allem über die Reform der bischöflichen Leitlinien zum Umgang mit Missbrauchsverdacht beraten.

Alois Glück, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, forderte die Bischöfe auf, auch über neue Strukturen in der katholischen Kirche zu reden. In der Causa Walter hoffe er auf eine schnelle Regelung aus Rom, "um einer Legendenbildung vorzubeugen". 

Geheime Akte soll Mixa belasten


Erneut Vorwürfe gegen den zurückgetretenen Augsburger Bischof Walter Mixa: Die Süddeutsche Zeitung berichtet von einer geheimen "Akte Mixa", die dem Papst vorliege. Darin gehe es um Alkohomissbrauch und sexuelle Übergriffe. Mixas Anwalt forderte die Offenlegung der angeblichen Quellen. -

Stand: 21.06.2010
Papst Benedikt und Walter Mixa, der frühere Bischof von Augsburg
Das bislang geheime Dossier zum Fall Mixa habe Papst Benedikt XVI. bei der Entscheidung über das Rücktrittsgesuch des umstrittenen Bischofs vorgelegen, berichtet die Süddeutsche Zeitung. Zeugen aus dem engsten persönlichen Umfeld Mixas sprächen darin von Mixa "als schwer alkoholkranken Mann". Andere Zeugen schilderten homosexuelle Übergriffe des Bischofs in seiner Zeit als Stadtpfarrer, der "am Morgen danach erst zur Beichte ging, ehe er wieder die Messe zelebrierte", heißt es in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Mixa-Anwalt reagiert empört

Walter Mixa
Audio
Mixas Rechtsanwalt Gerhard Decker zweifelte die Quelle an. "Dass Teile der Presse Zugang zum Archiv des Vatikan oder des päpstlichen Nuntius haben, halte ich für eher unwahrscheinlich." Damit bleibe die Quelle ebenso nebulös wie das berichtete Geschehen. "Das war schon bei der Missbrauchsanzeige gegen meinen Mandanten so, die zur eindeutigen Verfahrenseinstellung führte: Einer beruft sich auf den anderen und am Schluss war alles ein Missverständnis", so der Mixa-Anwalt.

Kopfschütteln über Mixas Vorwürfe

Zuletzt war Mixa mit der Infragestellung seines eigenen Rücktritts in der Kirche auf völliges Unverständnis gestoßen. Er kündigte an, vor den päpstlichen Gerichtshof zu ziehen und kritisierte, dass seine Amtsbrüder, insbesondere der Münchner Erzbischof Reinhard Marx und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Robert Zollitsch, großen Druck auf ihn ausgeübt hätten. Er sei gezwungen gewesen, eine vorgefertigte Resignation zu unterzeichnen und sprach von einem Fegefeuer. Zollitsch und Marx haben dem Papst laut Mixa von einem Missbrauchsfall berichtet, der nur auf einer kurzen handschriftlichen Notiz beruht habe.

Marx wies die Anschuldigung Mixas zurück: "Es ist alles rechtmäßig gelaufen." Nicht zuletzt zum Schutze Mixas sehe man davon ab, Einzelheiten öffentlich auszubreiten. Die Deutsche Bischofskonferenz schloss sich dieser Erklärung an.

Schwere Vorwürfe erhebt Mixa zudem gegen hohe Geistliche seines ehemaligen Bistums. Er beschuldigte sie, den inzwischen wieder entkräfteten Missbrauchsvorwurf an die Presse lanciert zu haben. Mixa wörtlich: "Da war mein Generalvikar dabei und Weihbischof Losinger." Anton Losinger widersprach den Vorwürfen.

Kirchenrechtler und Vatikan: Kaum Chancen für Mixa

Meinung
Walter Mixa

Audio Rücktritt anfechten: Verrennt sich Walter Mixa? [radioWelt]

Der Münchner Kirchenrechtsprofessor Stephan Haering sagte dem Bayerischen Rundfunk, der frühere Bischof von Augsburg werde sich kaum in sein Amt zurückklagen können. Der Papst nähme einen Rücktritt nur nach sorgfältiger Prüfung an. Danach gebe es keinen Rückzieher mehr.

Der Münsteraner Kirchenrechtler Klaus Lüdicke erklärte, dass Mixa zwar gegen sein Rücktrittsgesuch klagen kann. Selbst wenn er vom päpstlichen Gerichtshof Recht bekäme, hätte er aber trotzdem sein Amt verloren. Allein der Papst könnte ihn wieder zum amtierenden Bischof machen.

Zollitsch betonte, der Papst habe das Rücktrittsgesuch angenommen und daran werde sich nichts ändern. Der Vatikan machte dem Bischof keine Hoffnung auf eine Rückkehr ins Amt. Papst Benedikt XVI. werde Mixa in den kommenden Wochen empfangen. Es sei aber äußerst unwahrscheinlich, dass der Papst seine Entscheidung noch einmal ändern werde.

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Mixa teilt aus
Der frühere Bischof von Augsburg will sein Amt zurück! Man habe ihn zum Rücktritt gezwungen, erklärte er. Derzeit erwägt Walter Mixa, vor den päpstlichen Gerichtshof zu ziehen. Scharfe Kritik übte er an den Erzbischöfen Zollitsch und Marx. 



Chronologie

16. Juni 2010

Mixa erklärt, vor den päpstlichen Gerichtshof ziehen zu wollen, um seinen Rücktritt überprüfen zu lassen. Grund: Er sei als Augsburger Bischof zurückgetreten, weil er extrem unter Druck gesetzt worden sei und spricht von einem "Fegefeuer". Laut bayerischer Bischofskonferenz ist bei der Abwicklung des Rücktritts alles rechtmäßig gelaufen.
12. Juni 2010
Mixa kehrt nach einem Kuraufenthalt in sein Augsburger Bischofspalais zurück und ruft damit Kritiker auf den Plan. Das Bistum erklärt, Mixas Rückkehr sei nur vorübergehend.

18. Mai 2010

Der Sonderermittler Sebastian Knott legt seinen Abschlussbericht über die Prügel- und Untreuevorwürfe gegen Mixa vor. Darin schreibt er von "schweren körperlichen Züchtigungen" in den 70er Jahren. Mixa soll häufig mit der Faust, einem Stock oder einem Gürtel zugeschlagen haben. Auch die Vorwürfe der Veruntreuung von Gelder aus der Waisenhausstiftung sind nicht vom Tisch.
14. Mai 2010
Die Staatsanwaltschaft Ingolstadt stellt die Vorermittlungen zu den Missbrauchsvorwürfen gegen Mixa ein. "Ein Tatverdacht hinsichtlich eines sexuellen Missbrauchs hat sich nicht bestätigt", teilt der Leitende Oberstaatsanwalt Helmut Walter mit. Die Prügel- und Untreuevorwürfen gegen Mixa bleiben jedoch bestehen.

8. Mai 2010

Papst Benedikt XVI. nimmt das Rücktrittsgesuch Mixas an.

7. Mai 2010

Das bayerische Justizministerium bestätigt, dass die Staatsanwaltschaft Ingolstadt gegen Mixa Vorermittlungen wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch eingeleitet hat.

24. April 2010

An diesem Tag zieht Mixa nach eigener Aussage in einem Brief an den Vatikan sein Rücktrittsangebot wieder zurück.

21. April 2010

Zollitsch sagt, im mehreren Gesprächen habe man mit Mixa überlegt, "ob eine Zeit der geistlichen Einkehr und der räumlichen Distanz hilfreich sein könne". Der Bischof bietet dem Papst daraufhin seinen Rücktritt an.

20. April 2010

In einer außerordentlichen Versammlung der Priesterschaft seines Bistums erklärt Mixa, es tue ihm im Herzen weh und leid, dass er vielen Menschen Kummer bereitet habe: "Ich bitte um Verzeihung."

19. April 2010

Mixa lässt die gegen ihn erhobenen Vorwürfe finanzieller Ungereimtheiten von einer Münchner Anwaltskanzlei und der bischöflichen Finanzkammer Augsburg überprüfen.

18. April 2010

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, sagt, er sei im persönlichen Gespräch mit Mixa. Dieser habe versichert, "alles von seiner Seite zu tun, was notwendig ist, um die Sache aufzuklären".

16. April 2010

Er erklärt, als langjähriger Lehrer und Stadtpfarrer könne er "im Umgang mit sehr vielen Jugendlichen die eine oder andere Watschn von vor 20 oder 30 Jahren natürlich nicht ausschließen". Der Sonderermittler spricht vom Verdacht der "satzungswidrigen Verwendung" von Stiftungsmitteln.

15. April 2010

Die Leitung des Kinderheims entschuldigt sich schriftlich bei den mutmaßlichen Prügel-Opfern. "Leider haben wir keinen Einfluss darauf, wie Herr Bischof Dr. Mixa mit Ihren Vorwürfen umgeht", heißt es in diesem Brief.

12. April 2010

Eine Zeitung berichtet, Mixa habe als Kuratoriumsvorsitzender Antiquitäten im Wert von mehreren zehntausend Euro nicht satzungsgemäß angeschafft. Laut Bistum hat er 1996 einige Gegenstände persönlich übernommen und bezahlt. "Unrichtige Zuordnungen" seinen inzwischen bereinigt worden.
7. April 2010
Das Kuratorium der Waisenhausstiftung des Kinderheims in Schrobenhausen setzt einen Rechtsanwalt als Sonderermittler ein.

1. April 2010

Mixa bietet den ehemaligen Zöglingen des Heimes ein Gespräch an. Er erklärt: "Ich versichere nochmals, dass ich zu keiner Zeit gegen Kinder und Jugendliche körperliche Gewalt in irgendeiner Form angewandt habe."

31. März 2010

Erste Vorwürfe tauchen auf: Mixa soll vor gut 30 Jahren als Stadtpfarrer in Schrobenhausen in einem Kinderheim Mädchen und Buben geschlagen haben. Laut Medien liegen eidesstattliche Erklärungen von sechs Betroffenen über Ohrfeigen, Fausthiebe und Schläge auf das Gesäß vor. Mixa weist die Vorwürfe zurück.

Mittwoch, 16. Juni 2010

Religion: Geheime Parallelwelt

Von Anna Catherin Loll und Peter Wensierski

Prunksucht, Diebstahl, undurchsichtige Kassen: Die katholische Kirche wird von Finanzaffären erschüttert. Während an der Basis gespart werden muss, bleibt manchen Bischöfen kaum ein Wunsch unerfüllt.


Kurz vor Pfingsten kam nicht der Heilige Geist, sondern die Polizei frühmorgens in die Wohnung von Pfarrer S.

Wer da suchet, der findet: Über 131.000 Euro waren in den Räumen des katholischen Seelsorgers versteckt, mal waren die Scheine zwischen der Wäsche, mal unter Schubladen befestigt. Auf der Stelle wurde Merkwürden verhaftet. Nach mehreren Wochen Untersuchungshaft wartet Hans S., 76, jetzt im Kloster auf seinen Prozess.

Und siehe da, die Geldvermehrung war womöglich sogar noch wundersamer als angenommen. Die Staatsanwaltschaft Würzburg spricht inzwischen von bis zu 1,5 Millionen Euro, die S. aus Kollekten und anderen Kirchengeldern unterschlagen haben könnte. Seine Schäflein in einem fränkischen Weinort sind fassungslos. Sie hatten ihrem Hirten, der demütig und bescheiden auftrat, blind vertraut.

Gleich mehrere Finanzaffären erschüttern zurzeit die katholische Kirche, nicht nur im Fränkischen oder in Augsburg, wo der Griff von Walter in die Kasse einer Kinderheimstiftung kürzlich Wirbel machte.

Allein im Bistum Magdeburg sollen über 40 Millionen Euro verlorengegangen sein, in Limburg verschwanden 5 Millionen, in der Diözese Münster flogen 30 Schwarzkonten eines leitenden Geistlichen auf. Und während Pfarreien in ganz Deutschland Stellen und Mittel für die Gemeindearbeit gestrichen werden, bleibt vielen Bischöfen kaum ein Wunsch unerfüllt. Eine nagelneue Residenz? Ein pompöser Alterssitz? Frischer Glanz für eine Mariensäule für 120.000 Euro? So etwas ist von Trier bis Passau kein Problem, die Kassen der Exzellenzen sind prall gefüllt.

Missmanagement, Veruntreuung und Prunksucht bringen darum vielerorts die Gläubigen gegen die Obrigkeit auf. Ihr Vorwurf: Wie beim Missbrauchsskandal setzen viele Bischöfe auf Verschleiern. Niemand soll Einblick bekommen in ihre Parallelwelt aus prallen Konten und geheimen Vermögenswerten, die teils seit Jahrhunderten ihre Macht stützen. Nur der aus Kirchensteuern finanzierte Bistumshaushalt ist öffentlich - das eigentliche Vermögen bleibt im Schatten.

Jetzt aber wird dieser Reichtum zum Politikum. Arbeitslose, Wohngeldempfänger, Familien, Kommunen, Unternehmen, Bundeswehr - ihnen allen will die Bundesregierung in den nächsten Jahren Milliardenbeträge wegnehmen. Aber ausgerechnet die Kirche bleibt verschont, ihre großzügige Alimentierung durch den Staat wird nicht in Frage gestellt.

Dabei sind Deutschlands Bistümer finanziell bestens ausgestattet. "Die katholische Kirche sagt, sie sei arm, tatsächlich aber versteckt sie ihren Reichtum", sagt der Berliner Politikwissenschaftler Carsten Frerk, der nach jahrelangen Recherchen im Herbst ein "Violettbuch Kirchenfinanzen" herausbringt. Auf rund 50 Milliarden Euro veranschlagt Frerk das Barvermögen der kirchlichen Rechtsträger. Eigene Zahlen legen die Katholiken dazu nicht vor. Frerk werfen sie vor, ein voreingenommener, atheistischer Kirchenkritiker zu sein.

Das über Jahrhunderte angehäufte Vermögen ist vielseitig angelegt, etwa in Immobilien, kirchlichen Banken, Akademien, Brauereien, Weingütern, Medienkonzernen oder Kliniken; hinzu kommen Erträge aus Aktienbesitz, Stiftungen, Erbschaften. All das fließt in der Regel im Topf des sogenannten Bischöflichen Stuhls zusammen. Nur der Bischof und seine engsten Vertrauten kennen diesen Schattenhaushalt, kein Finanzamt muss Einblick nehmen. Die öffentlichen Bistumshaushalte umfassen bei weitem nicht alle Finanzen der jeweiligen Diözesen.

Das komplizierte Geflecht wird so geheimnisvoll gehandhabt, dass nicht einmal die Finanzdezernenten aller Bistümer offen untereinander darüber informieren. Barock anmutende Strukturen erschweren den Überblick, mal sitzen die Verwalter des Geldes im Kirchensteuerrat, mal in einem Diözesansteuerausschuss, einer Finanzkammer oder einer Verwaltungskammer. Manchmal wird Vermögen auch noch in Stiftungen ausgegliedert.

Auf eine Umfrage nach ihrem Vermögenshaushalt verweigerten 25 von 27 katholischen Bistümern die Auskunft, ("wird nicht veröffentlicht"), nur Magdeburg und die vor wenigen Jahren insolvenzreife Erzdiözese Berlin zeigten sich etwas offener. Anscheinend gibt es dort ohnehin kaum Vermögen, das zu verbergen wäre.


Wieso Kirchenkassen nicht kontrolliert werden
Der Generalvikar eines gutausgestatteten Bistums dagegen erklärt auf Nachfrage: "Ja, das Vermögen im Bischöflichen Stuhl ist geheim. Aber schreiben Sie besser: vertraulich." Um einen Grund für solche Verschwiegenheit gebeten, sagt die Sprecherin des Bistums Limburg: "Das ist einfach so." Und ein Vertreter der Deutschen Bischofskonferenz teilt mit: "Ich habe keine Lust, darüber mit Ihnen zu sprechen."

Gewählten Laienvertretern an der Basis ergeht es kaum besser, sie stehen vor einer Schweigemauer, selbst wenn sie in ihrem Bistum für die Finanzaufsicht verantwortlich sind. Wie zum Beispiel Herbert Steffen, den seine Gemeinde in den Diözesanrat nach Trier delegiert hatte. Ein notorischer Kritiker ist Steffen, 75, nicht, er war Möbelfabrikant, entstammt einer erzkatholischen Unternehmerfamilie an der Mosel. Sein Anliegen war so einfach wie konservativ: Er wollte, dass sein Bistum in Gelddingen solide aufgestellt ist.

Was er im Diözesanrat erlebte, hat den Geschäftsmann irritiert. "Ich wunderte mich über die niedrige Höhe des Haushaltes. Wir sollten das ja kontrollieren", sagt er. Auf einer Sitzung fragte er einen Vertrauten des Bischofs, ob das alles sei. "Es gibt noch den Haushalt des Bischöflichen Stuhls. Aber der ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt", hieß es darauf. Steffen fragte nach: "Wie, den bekommen auch wir nicht zu sehen?" Antwort: "Nein!"

Trier, Deutschlands ältestes Bistum, ist ein gutes Beispiel für die katholische Kluft zwischen Arm und Reich. Ortsbischof Stephan Ackermann, der auch Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz ist, kann in finanziellen Dingen durchaus großzügig sein. Vor allem, wenn es um Prestigeprojekte gleich bei seinem Bischofspalais geht. So sollen aktuell allein für den Platz hinter dem Dom rund eine Million Euro bereitstehen. Die Fläche soll in neuem Glanz erscheinen, falls 2012 der Papst persönlich die Wallfahrt zum "Heiligen Rock" anführen und mit den Gläubigen jenen Leibrock anbeten sollte, der angeblich Fetzen von Jesu Gewand enthält.

Gestrichen oder radikal gekürzt werden sollen dagegen die Zuschüsse für Jugendverbände und Begegnungsstätten. Gleich mehrere Einrichtungen sollen nach einem Sparentwurf des Bistums komplett geschlossen werden, darunter die Fachstellen für Katholische Erwachsenenbildung, die Katholische Akademie Trier und die Katholischen Hochschulgemeinden in Saarbrücken, Koblenz und Trier.

Die Betroffenen sind entsetzt. "Es geht uns doch darum, dass wir Kirche erlebbar machen", sagt Hochschulseelsorger Guido Groß, "aber jetzt soll gleich der ganze Arbeitsbereich weg." Lukas Rölli vom Dachverband der katholischen Hochschulgemeinden ergänzt: "Ich falle vom Glauben ab, wenn der Bischof das unterschreibt." Es entstehe der Eindruck, dass "die katholische Kirche sich immer mehr von der Gesellschaft entfernen will - zurück in die Sakristei".

Auch in Köln, einer der reichsten Diözesen weltweit, klaffen Schein und Wirklichkeit weit auseinander. Die Katholiken an der Basis mussten schon um ihre finanzielle Handlungsfähigkeit ringen, Kirchen wurden geschlossen, immer weniger Geistliche müssen immer größere Gemeinden betreuen. Sparpläne setzten dafür strenge Vorgaben. Dabei hat Köln nicht nur einen 863 Millionen Euro schweren Bistumshaushalt. Auch das Vermögen des Erzbischöflichen Stuhls soll mehrere Milliarden Euro betragen, allein die Beteiligung an den Aachener Gesellschaften mit rund 26 000 Wohn- und Gewerbeeinheiten war nach Berechnungen des Kirchenkritikers Frerk im Jahr 2003 über eine Milliarde Euro wert.

Von dieser frohen Botschaft lässt der Finanzchef des Erzbischofs allerdings wenig verlauten. Würden die Gläubigen sonst brav alle Einschnitte mittragen und munter für ein neues Kirchenfenster von Gerhard Richter im Dom spenden? Für das Erzbistum ist es allemal besser, die andern zahlen - das gilt sogar für die Entlohnung des erzkonservativen Kardinals Joachim Meisner. Seine Bezüge, rund 11 300 Euro pro Monat, werden aufgrund eines jahrhundertealten Abkommens vom Staat ans Bistum überwiesen, was Meisner übrigens nicht davon abhält, immer wieder über die Gottlosigkeit und diversen "Fehler" seiner Geldgeber herzufallen.

Öffentliche Alimente werden nicht allein Meisner und vielen seiner Amtsbrüder gewährt. Jahr für Jahr werden katholische wie evangelische Kirche von Bund, Ländern und Gemeinden reichlich beschenkt. Zur Kirchensteuer (knapp 10 Milliarden Euro) kommen, was weniger bekannt ist, alljährlich weitere direkte und indirekte Subventionen hinzu. Im Jahr 2000 waren es nach Schätzungen 17 Milliarden Euro.

So zahlt der Staat reichlich für den Unterhalt und die Dauer-Renovierung von Kathedralen und anderen kirchlichen Gebäuden. Er übernimmt die Personalkosten für Religionslehrer ebenso wie die Rechnung für den Messwein bei Soldatengottesdiensten. Leistungen wie die jährlichen Holzlieferungen einiger süddeutscher Kommunen an ihren Bischof beruhen teils auf 200 Jahre alten Ansprüchen, die von der Politik nie wieder überprüft wurden.

Trotz weitgehender Trennung von Kirche und Staat fließen erhebliche Zuschüsse für Kirchentage, Kirchenbüchereien, Polizei-, Anstalts- und Militärseelsorge, selbst für Zivildienstleistende und den Erhalt von Opferstöcken und Wegkreuzen wird aus der Staatskasse gezahlt.

Gern nimmt die Kirche für sich in Anspruch, viel für den Zusammenhalt in der Gesellschaft, für die Armen und Schwachen zu tun, und damit hat sie recht. Doch die Rechnung auch dafür übernimmt der Staat. Von den geschätzten jährlichen 45-Milliarden-Euro Ausgaben der Caritas zahlt das meiste der Staat, die katholische Kirche nur einen Bruchteil.


Wie Bistümer Millionen an der Börse verzocken
Die Bischöfliche Finanzkammer Regensburg, die das Vermögen des Bischöflichen Stuhls verwaltet, hält in einer Richtlinie vom 15. März sogar ausdrücklich fest, unter welchen Bedingungen sie sich am Bau oder der Sanierung von kirchlichen Kindergärten und Horten beteiligt. Nämlich nur, wenn die jeweilige Kommune zwei Drittel der Gesamtherstellungskosten "vertraglich zugesichert hat" und außerdem für "wenigstens 25 Jahre" mindestens 80 Prozent eines eventuellen Betriebskostendefizits garantiert.

Im Bistum will man kirchliche Kindergärten offenbar nur, wenn der Staat größtenteils die Kosten übernimmt. Ist es mit der barmherzigen Fürsorge für die Kinder Gottes schnell vorbei, falls die öffentlichen Gelder versiegen? Anderswo werden katholische Krankenhäuser, Schulen und Altersheime häufig sogar bis zu 100 Prozent staatlich finanziert.

Im Gegenzug muss die Kirche nicht einmal Steuern zahlen: keine Grundsteuer, keine Körperschaftsteuer, keine Kapitalertragsteuer. Alles, was sie als Körperschaft des öffentlichen Rechts in Deutschland macht, gilt als gemeinnützig, mildtätig und steuerfrei. Anders als andere Körperschaften öffentlichen Rechts wie Universitäten unterliegen sie zudem keinerlei staatlicher Kontrolle.

"Die katholische Kirche hat das angeborene Recht, unabhängig von der weltlichen Gewalt, Vermögen zur Verwirklichung der ihr eigenen Zwecke zu erwerben, zu besitzen, zu verwalten und zu veräußern", so steht es im Kirchenrecht. Dieses "angeborene Recht" und die dahinterliegenden Milliarden zu verteidigen ist eine der zentralen Aufgaben der Bischöfe.

Komplizierte Finanzstrukturen und Geheimschatullen werden normalerweise nur öffentlich etwas sichtbarer, wenn treulose Verwalter sie missbrauchen.

Besonders groß ist der Ärger zurzeit im Bistum Limburg. Dort wurde der Leiter einer kirchlichen Finanzverwaltung, der knapp fünf Millionen Euro veruntreute, vor wenigen Wochen zu über sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Der Mann, der auch Geschäftsführer der katholischen Gemeinde in Limburg war, hatte ungehinderten Zugriff auf Kirchengelder.

"Die Veruntreuung war frappierend einfach", meinte der Richter. Die Sache kam erst heraus, als das Bistum vor kurzem begann, ein neues kaufmännisches Rechnungswesen einzuführen. Bis dahin verfügten die Limburger Bischöfe und ihre Vertrauten offenkundig nach Gutdünken über ihre Kassen. Der heutige Ortsbischof Franz-Peter Tebartz-van Elst musste Fehler bei der Finanzkontrolle eingestehen.

Solch sorglosen Umgang konnte man sich problemlos leisten, Geld scheint im Bischöflichen Stuhl reichlich vorhanden. Zum Beispiel für eine neue Bischofsresidenz, die gerade für viele Millionen Euro auch aus Geldern des Bischöflichen Stuhls geplant wird. Der Hügel über Limburg, auf dem er hinter den hohen Bruchsteinmauern eines ehemaligen Adelshofs wohnen will, wird im Städtchen "Akropolis" genannt. "Unser Bischof will wohl wieder ein Fürst sein", spotten Einheimische. Der Vorgänger, Bischof Franz Kamphaus, lebte dagegen bescheiden in einer Zwei-Zimmer-Wohnung im Priesterseminar statt im alten Bischofshaus. Dort ließ er lieber für mehrere Jahre eine äthiopische Flüchtlingsfamilie einziehen.

Für Tebartz-van Elst haben Architekten auf der Akropolis nicht nur eine großzügige Wohnung mit Hauskapelle entworfen. Auch anliegende Gebäude müssen umfassend renoviert und umgebaut werden. Ein Schwesternorden zieht ein, um die Versorgung seiner Exzellenz zu sichern, das Dommuseum braucht ein neues Sicherheitssystem, für angeblich allein 1,5 Millionen soll deshalb ein Notausgang des Museums verlegt werden. Nebeneffekt: Der Bischof wird in seinem zukünftigen Refugium nicht mehr so leicht belästigt werden.

Seinen Schäflein hat er derweil das Motto "Sparen und Erneuern" verordnet. Auch in Limburg wird nun die Zahl von Gemeinden, Messen und Seelsorgern zusammengestrichen. In den Dörfern sammeln die Gläubigen mühsam Spenden für die nötigsten Instandhaltungsarbeiten ihrer Kirchen. "Gespart wird an der Basis, erneuert wird woanders", sagt Henny Toepfer von der Reformbewegung "Wir sind Kirche" im Bistum. Warum Millionen Euro für eine neue Residenz da sind, aber nicht für Busse, um alte Katholiken aus den Dörfern zum Gottesdienst zu bringen, versteht sie nicht.

Zu den altmodischen Lastern der Prunksucht und Verschwendung gesellt sich seit einiger Zeit auch eine sehr moderne Versuchung für die Geldverwalter der Bischöflichen Stühle: die Renditeversprechen der globalen Kapitalmärkte.

Beispiel Magdeburg: In seiner Not hatte das verarmte, mitgliederschwache Bistum eigens eine Aktiengesellschaft namens Gero AG gegründet. Um Zins und Zinseszins zu mehren, setzten die Vertrauensleute von Bischof Leo Nowak unter anderem auf Immobiliengeschäfte, Schiffsbeteiligungen, Biogasanlagen und selbst auf die fragwürdige Forschung mit gentechnisch veränderten Pflanzen. Ein Priester der Bistumsleitung segnete gar ein für Gentechnik gedachtes Gewächshaus, auf das die fromme Investition gedeihe.

Heute steht der Bischof vor einem Scherbenhaufen. Seine Diözese spricht von mehr als 40 Millionen Euro Verlust, die Presse sogar von knapp 100 Millionen. Jetzt will der neue Vorstand der Gero das marode Firmen- und Beteiligungsgeflecht neu strukturieren. Den einstigen Geschäftsführer hat das Unternehmen auf Schadensersatz verklagt.
  • Warum geben die Kirchenfürsten keine Rechenschaft gegenüber ihren Gläubigen ab?
  • Wieso halten sie den Staat, der sie so großzügig unterstützt, so sorgsam aus ihren Finanzangelegenheiten heraus?
Ein ehemaliger Bistumssprecher hat lange über diese Fragen nachgedacht. Er hält die vormoderne, höfisch geprägte Welt der bischöflichen Ordinariate und Residenzen dafür verantwortlich. "Die mit Titeln bunt geschmückten Bischöfe und Prälate sehen sich der weltlichen Gesellschaft überlegen und schirmen sich gegen sie ab", sagt er. "Der Beichtstuhl steht in der Kirche - nicht im Finanzamt."

Marx weist Mixa-Vorwürfe scharf zurück

Klage über Rücktrittsdruck

Der Streit in der katholischen Kirche um den Rücktritt des Augsburger eskaliert: ..x. hatte Mitbrüdern vorgeworfen, ihn unter Druck gesetzt zu haben, freiwillig sei er nicht gegangen. Die Angegriffenen wehren sich - und wünschen ihm "gute Genesung" von psychischen Leiden.

Hamburg - Die katholische Kirche im Bistum Augsburg kommt auch nach dem Rücktritt des umstrittenen Walter nicht zur Ruhe: Zwischen ..x. und dem Vorsitzenden der bayerischen Bischofskonferenz Reinhard Marx ist ein offener Streit ausgebrochen. Marx ließ am Mittwoch ..x.s Vorwürfe einer Intrige und mangelnder Brüderlichkeit scharf zurückweisen: "Es ist alles rechtmäßig gelaufen, darüber hinaus gibt es nichts zu sagen", sagte der Sprecher des Erzbistums und der bayerischen Bischofskonferenz, Bernhard Kellner.

"Nicht zuletzt zum Schutz von Bischof emeritus ..x. sehen wir davon ab, Einzelheiten öffentlich auszubreiten", so Kellner. "Wir wünschen ihm weiter gute Genesung, sein Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik war ein wichtiger erster Schritt."

..x. selbst hatte dagegen angegeben, sich während seines Aufenthalts in einer Schweizer Klinik, wo er zuletzt einige Wochen verbracht hatte, durchchecken und wegen "Problemen mit den Schleimbeuteln" behandeln lassen zu wollen.

..x. hatte zuvor beklagt, zu seinem Rücktritt gedrängt worden zu sein. Dabei erhob er schwere Vorwürfe gegen den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, und gegen Marx. Das Verhalten der beiden Erzbischöfe "hätte brüderlicher sein müssen", sagte ..x. der "Welt". Beide seien zum Papst geeilt und hätten ihm "als Trumpf den sogenannten Missbrauchsfall vorgetragen, der de facto auf nicht mehr beruhte als auf acht handschriftlichen Sätzen einer höchst dubiosen hingekritzelten Notiz". Das Gerücht sei haltlos gewesen, wie die eingeschaltete Staatsanwaltschaft festgestellt habe. "Damit durften die doch nicht den Papst unter Zugzwang setzen."

"Wie ein Fegefeuer"
..x. betonte in dem Interview, er habe seine Rücktrittserklärung vom April dieses Jahres nicht selbst geschrieben. "Der Druck, unter dem ich die vorgefertigte Resignation unterschrieben habe, war wie ein Fegefeuer. Drei Tage später habe ich sie in einem Schreiben an den Papst widerrufen. Ich wusste in den Tagen weder ein noch aus", sagte ..x. im Gespräch mit dem Historiker und Vatikan-Korrespondenten Paul Badde.

Den Verdacht des sexuellen Missbrauchs gegen ihn hätten höchste Geistliche des Bistums an die Presse lanciert. "Und da war mein Generalvikar dabei und Weihbischof Losinger, den ich selbst zum Domprobst ernannt habe", sagte ..x.. Anton Losinger hat diese Darstellung zum Rücktritt bereits zurückgewiesen.

..x. erwägt nun, am päpstlichen Gerichtshof in Rom ein Verfahren anzustrengen. Das sei "ein ganz guter Gedanke, den ich sehr wohl erwäge und bedenke", so ..x.. Er kündigte an, im Juli persönlich mit dem Papst sprechen zu wollen. Der 69-Jährige hatte Benedikt XVI. am 22. April seinen Rücktritt angeboten, nachdem über Prügelstrafen und finanzielle Unregelmäßigkeiten zu seiner Zeit als Pfarrer in Schrobenhausen berichtet worden war. Der Vatikan wollte den angeblichen Rücktritt vom Rücktritt nicht kommentieren.

Rasche Ernennung eines Nachfolgers gefordert
Der Diözesanrat im Bistum Augsburg forderte unterdessen vom Vatikan die rasche Ernennung eines Nachfolgers. Dies sei zur Beruhigung im Bistum dringend nötig, sagte der Diözesanratsvorsitzende Helmut Mangold. "Ich sehe nach wie vor keine neue Situation", so Mangold. Der Papst habe ..x.s Rücktrittsgesuch in einer wohlüberlegten Entscheidung akzeptiert. In dieser Frage gebe es kein Zurück mehr, weil ansonsten die Autorität päpstlicher Entscheidungen beschädigt würde.

Erst unlängst war der ..x. dafür kritisiert worden, dass er trotz Amtsverlusts seine ehemalige Wohnung im Augsburger Bischofspalais wieder bezogen hatte. Auf die Frage, wie lange er gedenke dort zu bleiben, sagte er: "Das ist offen. Es wird sich entscheiden, wenn ich eine neue Bleibe zugewiesen bekomme." Er plane, künftig wieder in der Seelsorge tätig zu sein und mit den Gläubigen den Gottesdienst zu feiern.

Mixa will Rücktritt anfechten

Walter Mixa kann offenbar keinen Frieden mit seiner Entscheidung machen. Er spricht jetzt von einem erzwungenen Rücktritt, den er bereits kurz danach widerrufen habe. Mixa erwägt einen Gang vor den päpstlichen Gerichtshof.

Walter Mixa
Der frühere Augsburger Bischof sagte, von seinen Amtsbrüdern sei großer Druck auf ihn ausgeübt worden. Der Zwang unter dem er eine bereits vorgefertigte Resignation wegen der gegen ihm erhobenen Prügelvorwürfe unterzeichnet habe, sei wie ein Fegefeuer gewesen. Bereits drei Tage später will Mixa dem Papst schriftlich mitgeteilt haben, dass er sein Rücktrittsgesuch widerrufen habe. Er will dem Papst, der Mixas Gesuch dann angenommen hatte, im Lauf der nächsten Wochen die ganze Situation persönlich erläutern.
 
Schwere Vorwürfe erhebt Mixa gegen hohe Geistliche seines ehemaligen Bistums. Er beschuldigte sie, den inzwischen wieder entkräfteten Vorwurf des sexuellen Missbrauchs an die Presse lanciert zu haben. Mixa wörtlich: "Da war mein Generalvikar dabei und Weihbischof Losinger, den ich selbst zum Domprobst ernannt habe." Anton Losinger hat Mixas Darstellung bereits zurückgewiesen.

Harte Kritik an seinen Amtsbrüdern

Enttäuscht zeigte sich Mixa auch vom Verhalten des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, sowie des Münchner Erzbischofs Reinhard Marx. Beide seien sofort zum Papst geeilt und hätten ihm quasi als Trumpf den sogenannten Missbrauchsfall vorgetragen, der de facto nur auf sechs handschriftlichen Sätzen einer höchst dubiosen hingekritzelten Notiz beruht habe. 

Marx wünscht Mixa "gute Genesung"

Die Angegriffenen wiesen alle Anschuldigen Mixas prompt von sich. Der Münchner Erzbischof Marx ließ erklären, die Vorwürfe seien samt und sonders haltlos: "Es ist alles rechtmäßig gelaufen und darüber hinaus gibt es nichts zu sagen."  Nicht zuletzt zum Schutze Mixas sehe man davon ab, Einzelheiten öffentlich auszubreiten. Man wünsche ihm gute Genesung. Sein Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik sei ein erster Schritt gewesen.