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Mittwoch, 25. August 2010

Ugandas Rebellenarmee verschleppt hunderte Kinder in den Kongo

Zum Töten gezwungen: Die Lord's Resistance Army hat hunderte Kinder entführt, die sie als Soldaten und Sexsklaven missbraucht.

Der Führer der Lord's Resistance Army (LRA) Joseph Kony
Der Führer der Lord's Resistance Army (LRA) Joseph Kony

Die ugandische Rebellenorganisation "Widerstandsarmee des Herrn" (LRA) hat in den vergangenen Monaten rund 700 Menschen entführt, unter ihnen mindestens ein Drittel Kinder. "Die LRA setzt ihre brutale Kampagne fort, Kinder aus ihren Dörfern zu entführen und zum töten zu zwingen", sagte Anneke Van Woudenberg, Afrika-Expertin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) zu einer am Donnerstag veröffentlichten Studie.
Die Opfer stammten aus dem nördlichen Kongo, wo sich die LRA-Kämpfer mit ihrem Kommandeur Joseph Kony verschanzt haben, aber auch aus der Zentralafrikanischen Repubkik und dem Südsudan. Bei den Entführungen handele es sich um eine organisierte Kampagne, die in den vergangenen Wochen noch intensiviert worden sei und die von Konys Stellvertreter geleitet werde.
Kony, der vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag als Kriegsverbrecher gesucht wird, führte fast 20 Jahre lang einen brutalen Bürgerkrieg in Norduganda. Vor fast fünf Jahren zogen sich die Rebellen wegen des zunehmenden Drucks und Erfolgs der ugandischen Regierungstruppen in den Kongo zurück. Die LRA hat seit Beginn des Bürgerkriegs Schätzungen zufolge 30.000 Kinder und Jugendliche entführt und als Soldaten, Sexsklavinnen und Träger missbraucht.

Für den nun veröffentlichten Bericht interviewte HRW mehr als 520 Menschen im Nordkongo und der Zentralafrikanischen Republik, unter ihnen 90 LRA-Opfer, die entweder fliehen konnten oder frei gelassen wurden.

Samstag, 12. Juni 2010

Haftbefehl wegen Missbrauchsverdacht gegen Priester

Kassel - Ein Priester aus Hessen ist wegen Verdachts auf sexuellen Missbrauch in Untersuchungshaft genommen worden. Der 49- jährige Stadtpfarrer der katholischen Kirchengemeinde in Fritzlar soll sich mehr als 30 Mal an Ministranten vergangen haben. Das teilte die Staatsanwaltschaft Kassel mit.
Der Priester war bereits im Mai von seinen Aufgaben in der Seelsorge entbunden worden. Er wurde gestern festgenommen und räumte die bislang bekannten Taten ein. Das Bistum Fulda hatte im Mai die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.

Freitag, 14. Mai 2010

Ermittlungsbericht: Mixa wollte mit Schlägen den "Satan austreiben"

Augsburgs Ex-Bischof Walter Mixa ist zwar vom Verdacht des sexuellen Missbrauchs entlastet, umso erschütternder tritt aber nun zutage, wie brutal er in Schrobenhausen Heimkinder behandelte. Der Sonderermittler berichtet von Schlägen mit Faust, Stock und Gürtel. So wollte Mixa angeblich unartigen Kindern prügelnd den Satan "austreiben".

Verdacht auf sexuellen Missbrauch gegen Bischof MixaFast zeitgleich werden am Freitag die Informationen bekannt: Während die Staatsanwaltschaft in Ingolstadt das Ende der Vorermittlungen wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauchs verkündet, nennt Sonderermittler Sebastian Knott in Schrobenhausen erschütternde Details zum Umgang Mixas mit den Kindern im Waisenhaus St. Josef. Die Aussagen ehemaliger Heimkinder seien glaubwürdig, versichert er.

Knott schreibt von "schweren körperlichen Züchtigungen mit dem Einsatz von Gegenständen, der Dunkelkammer und verbalen Demütigungen seitens des Pfarrers Mixa“ in den 1970er Jahren. Die Tätlichkeiten erfüllten den Tatbestand der Körperverletzung, schweren Körperverletzung und der Misshandlung Schutzbefohlener. Die Taten seien allerdings verjährt.
Acht ehemalige Heimkinder aus dem Kinderheim St. Josef berichteten von Prügeln durch den heute 69-jährigen Geistlichen, zum Teil zusammen mit Ordensschwestern. Die Betroffenen hätten unabhängig voneinander ähnliche Vorfälle geschildert, berichtete Knott. Einige seien während der Gespräche in Tränen ausgebrochen.



Laut Knott hörten die Kinder des Waisenhauses sehr oft von den Ordensschwestern in dem Heim den Satz "Warte nur, bis Mixa kommt“. Den Kindern sei bewusst gewesen, dass dieser regelmäßig prügelt. Außerdem habe Mixa immer wieder Kinder beschimpft und bedroht. Einem Mädchen habe er gesagt: „Ich möchte, dass du mich niemals vergisst. Dazu werde ich deine Zukunft ruinieren.“ Die von Knott als glaubhaft bezeichnete Frau benötige bis heute therapeutische Hilfe und sei nicht in der Lage, Beziehungen zu führen.


Der Bericht dürfte bei vielen Gläubigen für die entsetzte Frage sorgen, wie solch ein Mann es in der katholischen Kirche so weit bringen konnte. Es entsteht ein Bild, das Mixa als frömmelnden Peiniger zeigt, der angeblich unartigen Kindern prügelnd den Satan "austreiben“ will.


Mit einem Vokabular, das eher an Mittelalter und Inquisition erinnert, soll Mixa in Schrobenhausen die Heimkinder zwischen 1975 und 1996 bedroht haben. "Du landest im Fegefeuer“, soll er gesagt haben und auch "In dir ist der Satan“. Oder: "Ich werde dir schon die schmutzigen Gedanken austreiben.“ Die Nonnen des Heimes hätten sich auf den Stadtpfarrer als Zuchtmeister für die Kinder verlassen, sollen ihn beim Prügeln sogar angestachelt haben.


In dem Bericht beschreibt der Rechtsanwalt auch einen bisher noch nicht bekannten Fall eines Jungen, der von seinem dritten bis fünfzehnten Lebensjahr in dem Heim war. Dieser sei 1982 in seinem letzten Jahr in dem Heim als 15-Jähriger zu Mixa gerufen worden. Knott: "Herr Mixa zog ihm die Hose herunter und prügelte mit einem Stock auf den nackten Hintern. Nach fünf bis sechs Schlägen begann der Betroffene zu weinen. Danach brach der Stecken ab und Herr Mixa lockerte seinen Hosengürtel und schlug noch weitere fünf- bis sechsmal auf seinen Hintern.“ Der Junge sei als Erwachsener später zum Alkoholiker geworden.


Aus den Befragungen habe sich aber außerdem der Verdacht ergeben, dass Mixa gegenüber den Nonnen das Beichtgeheimnis verraten und diesen aus den Beichten der Heimkinder berichtet habe. Laut Knott ergaben sich aber keine Hinweise auf einen sexuellen Missbrauch.

Samstag, 1. Mai 2010

Odenwaldschule: Kinderporno-Vorwürfe gegen Lehrer

Der Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule weitet sich aus. (Bild:  picture-alliance/dpa)

Der Missbrauchs-Skandal an der Odenwaldschule in Heppenheim bekommt eine neue Dimension. Ein Musiklehrer soll einem Medienbericht zufolge in den 70er und 80er Jahren Kinderpornos von Schülern aufgenommen haben.

Nach Aussagen früherer Schüler sind von einem Musiklehrer kinderpornografische Fotografien und Filme produziert worden, wie die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" berichtete.

Der inzwischen verstorbene Lehrer, der von 1966 bis 1989 an der Odenwaldschule unterrichtet habe, habe die Kinder "gewohnheitsmäßig" missbraucht. Dies sei nicht nur in der Unterkunft auf dem Schulgelände geschehen. Tatorte waren laut Zeitung auch ein Wohnmobil, ein Penthouse in Heppenheim sowie eigens angemietete Ferienhäuser.
 

Altschüler stellt Strafantrag

Auf Urlaubsfahrten sind die Kinder demnach genötigt worden, nackt für die Kamera im Freien zu posieren. In Ferienhäusern bei St. Moritz habe der Lehrer Foto- und Filmaufnahmen mit den Jungen gemacht, von denen der jüngste neun Jahre alt gewesen sei. Behilflich gewesen sei ein Liebhaber des Musiklehrers, der ursprünglich sein Schüler gewesen sei und dann studiert habe.

Der frühere Liebhaber des Pädagogen habe auf Anfrage der Zeitung jede Stellungnahme zu den Vorwürfen abgelehnt. Die Opfer des Lehrers, inzwischen Männer in mittleren Jahren, fürchteten nun, dass die Aufnahmen noch existierten. Einer von ihnen habe deshalb bei der Kripo Heppenheim Strafantrag gestellt. Ihm sei aber mitgeteilt worden, dass der Fall verjährt sei und keine Ermittlungsansätze existierten. Der beschuldigte Lehrer starb im Jahr 2006.

Mittwoch, 28. April 2010

Lehmann gegen pauschale Zahlungen an Opfer

Kardinal Karl LehmannDer Mainzer Kardinal ist gegen eine generelle finanzielle Entschädigung von Opfern sexuellen Missbrauchs. Es könne keine pauschale Zahlung geben, die die Vergehen wie auf einer Preisliste aufzähle, sagte Lehmann.
 
Es sei ein kapitaler Fehler, dass oft die Verantwortlichkeit der kirchlichen Täter gerade auch mit Blick auf andere Arten der Wiedergutmachung ignoriert werde, äußerte der frühere Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz in einem gestern veröffentlichten Gespräch mit der Kirchenzeitung "Glaube und Leben". Der Ruf nach finanzieller Entschädigung sei darüber hinaus "verräterisch". Da sexueller Missbrauch schwerste Schäden anrichten könne, sei die Forderung "Ich will endlich Geld sehen, viel Geld" eine Verkennung "des ethischen Schwergewichts einer solchen Verfehlung und auch der Formen möglicher Wiedergutmachung".

Verweis auf Leitlinien der Bischofskonferenz

Der Mainzer Bischof verwies auf die Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz zum sexuellen Missbrauch von 2002, wonach den Opfern menschliche, therapeutische und pastorale Hilfen zugesagt werden. "Die Hilfsangebote sind individuell verschieden." Sie bezögen je nach Situation auch die Familienangehörigen der Opfer mit ein. Finanzielle Unterstützung therapeutischer Maßnahmen sei zumindest im Einzelfall möglich. Diese Aussage sei leider auch von Leuten der Kirche nicht genügend zur Kenntnis genommen worden, monierte der Mainzer Bischof.

Kein Kirchenfonds für Missbrauchsopfer

Die mögliche Einrichtung eines Kirchenfonds für die Missbrauchsopfer in Anlehnung an den Zwangsarbeiterfonds sieht Lehmann kritisch. Die beiden Fragen könne man nicht vergleichen. So stelle sich etwa die Frage, ob es erlaubt wäre, Mittel aus der Kirchensteuer für einen solchen Zweck zu verwenden. Auch könnten im Falle einer eventuellen Mitverantwortung eines Bistums oder einer Ordensgemeinschaft nicht andere Diözesen einfach haftbar gemacht werden.

In der gesamten Diskussion sind nach Lehmanns Ansicht mehr Nachdenklichkeit und Differenzierung vonnöten - auch bei den Angehörigen der Kirche selbst, mahnte der Kardinal.

Sonntag, 25. April 2010

Im Vatikan wäre Sex mit Kindern ab 12 Jahren erlaubt




Mit Malta hat der Vatikanstaat in Europa das niedrigste Schutzalter

Immer wieder tauchen Meldungen von kleinen Mädchen im Alter von neun oder zehn Jahren auf, die in Stammesgebieten im Jemen oder auch in Pakistan mit alten Männern verheiratet wurden. Entsprechend tief liegt dort das so genannte Schutzalter für Kinder, das länderspezifisch festlegt, wie alt ein Kind mindestens sein muss, damit Erwachsene oder Jugendliche mit ihm unter bestimmten Bedingungen straflos sexuelle Beziehungen eingehen können.

Von Islamkritikern wird dies gerne als barbarisch bezeichnet, was es auch ist, allerdings liegt - mit Ausnahme des westlichen Partners Saudi-Arabien, wo es nicht einmal ein Mindesatalter für die Heirat gibt -, ansonsten so wie in Europa.

Allerdings hat ausgerechnet der Vatikanstaat neben Malta das niedrigste Schutzalter für Kinder, worauf Welt Online hingewiesen hat. Das liegt dort bei 12 Jahren, auch wenn es im Vatikanstaat nur wenige Kinder gibt. Im früher erzkatholischen Spanien konnte das Schutzalter 2003 von 12 auf 13 Jahre angehoben werden, so dass sich hier Spanien dem Iran angenähert hat. In Deutschland liegt es wie etwa in Österreich, Ungarn oder Italien bei 14 Jahren, in Frankreich oder Polen bei 15 Jahren. In den USA liegt es hingegen wie in der Schweiz, in Indien, Kanada, Russland, England, Norwegen, Holland oder Australien zwar meist bei 16 Jahren, in manchen Bundesstaaten aber auch bei 18 Jahren wie auch in der Türkei oder in Ägypten, was nur das andere Extrem ist.

In manchen Ländern ist das Schutzalter von Mädchen und Jungen unterschiedlich. Extrem ist Jemen, wo Mädchen, wenn sie in der Pubertät sind, auch als heiratsfähig gelten, weswegen nach der Heirat Sex mit ihnen legal ist.

Es verwundert, warum der Vatikan, gerade wenn die Kirche weltweit schon seit langem von Missbrauchsfällen gegen Kinder geplagt ist, nicht das Schutzalter erhöht hat, wie das Italien auch schon längst gemacht hat. Das wäre zumindest eine symbolische Geste gewesen. Es nicht zu machen, kann auch als eine symbolische Geste verstanden werden. Vermutlich ist das Schutzalter aus Unaufmerksamkeit beibehalten worden, allerdings meint etwa der Wiener Rechtsprofessor Manfred Nowak, der Internationalen Menschenrechtsschutz lehrt und für die Vereinten Nationen als Sonderberichterstatter tätig ist, dass der Vatikan das Schutzalter absichtlich so niedrig gehalten habe. Offenbar sieht er den Katholizismus als dafür verantwortlich. Malta, Spanien und der Vatikan seien, so stellte die Welt seine Aussage dar, seien stärker als andere Länder katholisch geprägt. Dem widerspricht freilich, dass etwa in Irland das Schutzalter 17 Jahre beträgt.

Samstag, 24. April 2010

Missbrauchsopfer nach Aussagen bedroht - Polizeischutz

Drei ehemalige Messdiener in Brasilien, die einen früheren katholischen Priester des sexuellen Missbrauchs beschuldigt haben, sind bedroht worden und stehen jetzt unter Polizeischutz.

Das jüngste Opfer soll 12 Jahre alt gewesen sein.
 
Über die Art der Drohungen wurden von der brasilianischen Polizei keine Angaben gemacht. Der 83-jährige katholische Priester wurde in der vergangenen Woche wegen des Verdachts auf Kindesmissbrauch festgenommen.

Dem Geistlichen wird vorgeworfen, mehrere Jungen sexuell missbraucht zu haben. Sein jüngstes Opfer soll zwölf Jahre alt gewesen sein. Der Festnahme ging eine parlamentarische Anhörung voraus, in deren Verlauf 20 Zeugen befragt wurden, die schwere Vorwürfe gegen den 83-Jährigen und zwei weitere Priester erhoben.

Montag, 19. April 2010

Gewatscht, nicht geprügelt

Mixa und der feine Unterschied

Nachdem er mögliche Ohrfeigen zugebenen hat, wehrt sich Bischof Mixa gegen den Vorwurf, die Öffentlichkeit belogen zu haben. Sein Argument: Ein paar "Watschn" sind keine Prügel.

"Dass ich nicht geprügelt habe, dazu stehe ich auch heute noch", sagt Mixa.

Erst hat er Prügel geleugnet, dann mögliche Ohrfeigen gegen Heimkinder eingeräumt. Jetzt versucht der wegen Misshandlungsvorwürfen massiv unter Druck geratene Augsburger Bischof Walter Mixa, seinen Ruf zu wahren und wehrt sich gegen Vorwürfe, die Öffentlichkeit zunächst belogen zu haben.

"Dass ich nicht geprügelt habe, dazu stehe ich auch heute noch", sagte Mixa der "Bild am Sonntag". Auf vereinzelte Ohrfeigen habe sich die Diskussion erst in den letzten Tagen zugespitzt. "Und dann habe ich eben so ehrlich gesagt, dass ich das nicht ausschließen kann. Daraus wird jetzt künstlich eine Lüge konstruiert." Mixa hatte gesagt, er könne es nicht ausschließen, in seiner Zeit als Stadtpfarrer von Schrobenhausen möglicherweise "die eine oder andere Watsch'n" ausgeteilt zu haben. Nach dem "Ohrfeigen-Geständnis" hatte unter anderen die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth den Rücktritt des Bischofs gefordert.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, kündigte am Rande der Auftaktveranstaltung zur "Woche für das Leben" an, sich persönlich um Aufklärung in dem Fall zu bemühen. Mixa habe "versichert, alles von seiner Seite zu tun, was notwendig ist, um die Sache aufzuklären". Ein Gesprächstermin sei bereits vereinbart.

Die Kritik an Mixa hält unterdessen an. Der stellvertretende FDP- Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Jürgen Koppelin, forderte Mixa am Samstag auf, seine Aufgaben als Militärbischof niederzulegen. Seine Autorität sei untergraben und schwer beschädigt. Die öffentliche Diskussion sei für ihn zu einer Belastung als höchster katholischer Geistlicher für die Bundeswehr geworden. Statt offen mit den gegen ihn erhobenen Vorwürfen umzugehen, habe Mixa zu lange geschwiegen. Mixas Nachfolger in Schrobenhausen, Stadtpfarrer Josef Beyrer, sagte: "Es wäre hilfreich gewesen, wenn Mixa seine Handgreiflichkeiten 14 Tage früher eingeräumt hätte."

Inzwischen liegen sieben eidesstattliche Erklärungen früherer Heimkinder vor, die Mixa in seiner Zeit als Stadtpfarrer von Schrobenhausen (1975-1996) brutale Prügelattacken vorwerfen. Der Schrobenhausener Sonderermittler Sebastian Knott hatte von einem weiteren Fall berichtet, bei dem Mixa 1976 einem damals 16-Jährigen "mit voller Wucht brutal ins Gesicht" geschlagen haben soll. Dies habe der Betroffene ebenfalls in einer eidesstattlichen Erklärung bekräftigt.

Mixa hat über einen Münchner Rechtsanwalt dem Sonderermittler mitgeteilt, er stehe nach wie vor zu einem Gespräch mit den mutmaßlichen Opfern zur Verfügung. Das lehnen diese aber ab. Eine 47- jährige Frau sagte der Nachrichtenagentur dpa, sie sei auf keinen Fall zu so einem Gespräch bereit und wisse von anderen Betroffenen, dass sie das Gesprächsangebot gerade nach Mixas Ohrfeigen-Geständnis ablehnen.

Russland und USA: Adoptionsstreit - Den haben wir nicht bestellt

Weil eine Amerikanerin ihren russischen Adoptivsohn zurückgeschickt hat, stoppt Russland alle Adoptionen in die USA. Tausende Verfahren hängen in der Luft.

Von Sonja Zekri

Artjom Sawjolow, dpaSeine amerikanische Adoptivmutter schickte ihn ganz alleine, mit nur einem Rucksack als Gepäck, auf einen Atlantikflug: der siebenjährige Artjom. 


Vielleicht hat der kleine Artjom Sawjolow, der zu diesem Zeitpunkt Justin Hansen hieß, tatsächlich um sich getreten, hat gespuckt und seiner Adoptivmutter Torry Hansen eine Zeichnung mit einem brennenden Haus unter die Nase gehalten. Genauso, hat er gedroht, werde er auch ihr Haus abfackeln und alle darin gleich mit. So erzählt es jedenfalls Nancy Hansen, Torrys Mutter. Vielleicht hat Torry Hansen den Jungen tatsächlich an den Haaren gezogen und ihn nie geliebt, so wie es der kleine Artjom sagt.
Sicher ist: Das Verhältnis zwischen der Krankenschwester Torry Hanson aus Shelbyville, Tennessee, und ihrem Adoptivsohn Artjom/Justin aus Partisansk im Fernen Osten Russlands, war nicht einfach. Aber war es schlimm genug, um den Jungen nach einem Jahr Anfang April mit nichts als einem Rucksack von Washington zurück nach Russland zu schicken? Allein? Auf einem Atlantikflug?
"Nachdem ich für dieses Kind getan habe, was ich konnte, muss ich leider um der Sicherheit meiner Familie, meiner Freunde und mir willen sagen, dass ich nicht länger seine Mutter sein möchte", stand in einem Brief, den sie Artjom in die Hand gedrückt hatten, adressiert "An den Zuständigen".

Für 200 Dollar im Ministerium abgeliefert

Im Internet hatte Torry Hansen jemanden gefunden, der den Siebenjährigen für 200 Dollar im Moskauer Bildungsministerium ablieferte. Sie sei irregeführt worden, das Kinderheim im Fernen Osten habe ihr verschwiegen, dass der Junge gewalttätig sei, sagte sie später. Tatsächlich war Artjoms Eltern das Sorgerecht entzogen worden, der Junge, wie so viele Kinder in russischen Heimen, Sozialwaise.
Die Leiterin des Kinderheims in Partisansk wiederum präsentierte ein Foto von Torry Hansen und Artjom: Die Beziehung sei harmonisch gewesen, die Amerikanerin habe ihren künftigen Sohn über Wochen kennengelernt und sei ihm nahegekommen. Seitdem ist Russland in Aufruhr.

Herzlose westliche Bürokratie?

Russische Medien berichten oft und ausführlich über Familientragödien russischer Kinder im Ausland. Tagelang verfolgte das Land das Drama des kleinen Robert Rantal, Sohn einer russischen Mutter und eines finnischen Vaters, der von den Behörden der finnischen Stadt Turku in ein Kinderheim gebracht wurde, nachdem er in der Schule gesagt hatte, dass seine Eltern ihn schlagen. Nicht nur die Boulevardpresse, auch das staatliche Fernsehen übertrugen Telefonate mit der Mutter, die stets nur das Beste gewollte hatte und der nun das Sorgerecht entzogen werden sollte, und mit dem Jungen, der heulend beteuerte, er wolle nur nach Hause.
Eine herzlose westliche Bürokratie, so legte die Berichterstattung nahe, zerstörte russisches Familienglück. Und kaum war der Fall gelöst und Robert wieder bei seinen Eltern, landete der kleine Artjom in Moskau.

Inzwischen ist der Siebenjährige in einem Moskauer Krankenhaus untergebracht. Eine russische Familie hat sich um die Adoption beworben. Aber der Fall hat längst eine politische Dimension. Nachdem der russische Präsident Dmitrij Medwedjew Torry Hansens Tat "monströs" nannte, gab Andrej Nesterenko, Sprecher des russischen Außenministeriums, Ende vergangener Woche bekannt, dass Russland alle Adoptionsverfahren nach Amerika bis auf weiteres aussetzt. Washington und Moskau müssten einen Vertrag abschließen, der vor allem die Verpflichtungen der Adoptiveltern genauer regele. Am Dienstag sollen die Gespräche beginnen.
Bis zur Lösung hängen Tausende Adoptivverfahren in der Luft. Seit 1996 haben amerikanische Eltern 60.000 russische Kinder adoptiert. Seitdem sinken die Zahlen ständig. Die Bürokratie ist enorm, viele Familien ziehen - wie die Hansens - eine Vermittlungsagentur hinzu, die die ohnehin kostspielige Prozedur noch teurer macht. Vor sechs Jahren wurden 5800 russische Kinder in Amerika adoptiert, im vergangenen Jahr nur noch knapp 1600.

Kinder immer wieder Opfer von Gewalt

Und immer wieder werden russische Kinder in Amerika Opfer von Gewalt.
  • Eine Amerikanerin wurde zu 25 Jahren Haft verurteilt, weil sie ihre zweijährige Adoptivtochter erschlagen hatte.
  • 2008 erlitt ein knapp zwei Jahre alter Junge im Auto einen Hitzschlag, weil sein Adoptivvater an einem heißen Sommertag vergessen hatte, ihn vor der Arbeit bei der Kinderbetreuung abzugeben.
In den Medien erhält jeder Fall inzwischen fast metaphorische Bedeutung. Benimmt sich nicht ganz Amerika gegenüber Russland rücksichtslos und brutal?


Dabei gerät bei aller patriotischen Sorge um das Los russischer Kinder in der Fremde in den Hintergrund, dass auch russische Pflege- und Adoptionsfamilien lebensgefährlich sein können. Der Kinderbeauftragte der russischen Regierung, Pawel Astachow sagte in der vergangenen Woche, seit 1996 seien 15russische Waisen in amerikanischer Obhut gestorben. In russischen Adoptionsfamilien aber kamen so viele Kinder in einem Jahr um: "Wenn wir die Statistik der toten Kinder in Russland und Amerika vergleichen, sieht es für uns nicht gut aus."

Donnerstag, 15. April 2010

Offenbar auch Missbrauch im Birklehof

Im Landerziehungsheim Birklehof haben ehemalige Schüler Missbrauchsvorwürfe erhoben. Die sexuellen Übergriffe seien im Gegensatz zu den bisher erhobenen Vorwürfe von Gewalttaten möglicherweise noch nicht strafrechtlich verjährt, hieß es in einem Medienbericht.

Die Staatsanwaltschaft Freiburg bestätigte, dass die Vorwürfe überprüft würden. "Es soll zu extremen körperlichen Übergriffen und auch zu sexuellen Übergriffen gekommen sein", sagte ein Behördensprecher der Frankfurter Rundschau (Samstagsausgabe). Zum Teil richten sich die Vorwürfe gegen einen am Ort ansässigen Allgemeinmediziner, der bis 2004 fast 30 Jahre lang regelmäßig an der Schule praktiziert hat. In der Krankenstation der Schule hielt er ein bis zwei Mal in der Woche Sprechstunde ab. Der Mediziner erklärte gegenüber dem Blatt, die Vorwürfe seien ihm ein Rätsel.

Arzt soll Mädchen und Jungen missbraucht haben

Der Leiter des Birklehofs, Christof Laumont, sagte der "Frankfurter Rundschau", die Schule sei Mitte März erstmals über die Vorwürfe unterrichtet worden. Das, was man wisse, habe man noch vor Ostern der Staatsanwaltschaft mitgeteilt, gab er an. Ein ehemaliger Birklehof-Schüler, sagte dem Bericht zufolge, dass es unter den Schülern bekannt gewesen sei, dass sich der Arzt an Mädchen und Jungen vergriffen habe. Noch 1996 sei in der Schülervertretung des Birklehofs über den Arzt gesprochen worden. "Wer davon wusste, hat versucht, Arztbesuche zu vermeiden", sagte der ehemalige Schüler der Zeitung.

Schulleitung kündigte Aufklärung an

Der 1932 gegründete Birklehof mit derzeit 220 Schülern orientiert sich ebenso wie die unter Missbrauchsverdacht stehende Odenwaldschule im hessischen Heppenheim an Zielen der Reformpädagogik. Die Schule ist konfessionell nicht gebunden. Der Birklehof umfasst ein Gymnasium und ein Internat.
Bereits Ende März waren Missbrauchsvorwürfe an dem traditionsreichen Internat in Hinterzarten im Hochschwarzwald bekannt geworden. Die Schulleitung versprach Aufklärung. Ein Sprecher hatte damals gesagt, es gebe Hinweise auf das Fehlverhalten eines an der Schule damals arbeitenden evangelischen Geistlichen in den 1950er und 60er Jahren.

Lehrer bestreitet Vorwürfe

Nach Aussagen eines Opfers soll es auch in den 70er Jahren gewalttätige Übergriffe gegeben haben. Der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs stand dabei nicht im Raum. Den Angaben zufolge hat ein Englischlehrer den Schülern ohne Vorwarnung den Kopf auf den Tisch geschlagen, so dass die Nase blutete. Außerdem soll er die Schüler geohrfeigt haben, bis die Gesichter geschwollen waren. Auf Hinweise von den Schülern an Verantwortliche der Schule sei damals nicht reagiert worden, so das Opfer in seiner Erklärung. Der betroffene Lehrer bestreitet die Vorwürfe.

Mittwoch, 7. April 2010

Sexueller Missbrauch: Odenwald-Rektorin berichtet von grausamen Demütigungen

Es gibt Vorwürfe gegen bisher unbelastete Lehrer und erstmals gegen Schüler: Der Missbrauch an der Odenwald-Schule hatte wohl noch grausigere Dimensionen als bekannt, laut "Frankfurter Rundschau" dauerte er bis in die neunziger Jahre. Nun tauchen Hinweise auf Selbstmorde von Ex-Schülern auf.


Rektorin Margarita Kaufmann zeigte sich im Gespräch mit der "Frankfurter Rundschau" ("FR") schockiert. Bisher gab es Hinweise auf den Missbrauch von 33 Schülern. Der "FR" sagte die Rektorin nun, sie gehe nach jetzigem Stand davon aus, dass "mehr als acht Lehrer" von Ex-Schülern belastet worden seien. Die Zahl der Missbrauchsopfer liege nach einer vorläufigen Zählung bei etwa 40, denn zu Ostern hätten sich weitere Missbrauchsopfer im südhessischen Ober-Hambach gemeldet. "Das sprengt unsere Vorstellungskraft". sagte Kaufmann. Sie bestätigte mit den Zahlen Informationen des SPIEGEL.


Allesamt hätten von "furchtbaren Misshandlungen von Schülern an Schülern" berichtet. Dazu habe das Versengen und Verbrühen von Genitalien gehört, Minderjährige seien von Schulkameraden als "Sandsack missbraucht" und vor anderen erniedrigt worden. Mehrere Schüler sollen inzwischen einen Vorfall beschrieben haben, bei dem ein gefesselter Schüler von Mitschülern mit einer Banane vergewaltigt worden sei, während der verantwortliche Lehrer untätig danebengestanden haben soll.


Laut "FR" handelt es sich bei jenem Pädagogen um Jürgen K., der bis 1999 im Odenwald tätig war und der zu den Lehrern zählt, die eine ihrer Ex-Schülerinnen geheiratet haben. Nach Informationen der "FR" verfasste K. im Januar 2000 einen Brief an einen aufklärungswilligen Ex-Kollegen. Darin schreibt er über seine spätere Frau, er habe sie "unter den vielen wunderschönen und gescheiten Jungfrauen in Oberhambach als die geeignetste" ausgesucht und "quasi von der Schulbank weg" geheiratet. K. ist einer von acht beschuldigten Lehrern, gegen welche die Staatsanwaltschaft Darmstadt aktuell ermittelt.


Nach "FR"-Informationen hat Rektorin Kaufmann zudem Hinweise, dass sich mehrere missbrauchte Ex-Schüler nach ihrer Zeit an der Odenwaldschule umgebracht hätten. Der jüngste dieser Fälle datiert auf das Jahr 1999. Sie kenne inzwischen namentlich vier Altschüler, die nach ihrer Zeit im Odenwald Suizid verübt hätten, berichtet die "FR". Ex-Schulkameraden gaben an, dass alle vier ebenfalls missbraucht worden seien.
"Ich frage mich, wie das passiert sein kann, ohne dass Lehrer die schrecklichen Schmerzensschreie gehört haben", sagte Kaufmann und zeigte sich erschüttert.


Was wusste Antje Vollmer?
Die Vorsitzende des Runden Tisches Heimerziehung, Antje Vollmer, ist angeblich bereits im November 2002 von einem Lehrer der Odenwaldschule über die Missbrauchsvorwürfe gegen deren vormaligen Schulleiter Gerold Becker informiert worden. Ein Lehrer habe der Grünen-Politikerin in einem Brief den Missbrauch angezeigt, berichtete am Wochenende die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" ("FAS").


Die damalige Bundestagsvizepräsidentin habe den Brief von einer Mitarbeiterin beantworten lassen. Laut "FAS" hieß es in der Replik, in dem Brief des Lehrers "werden Vorwürfe gegen eine Person, die Frau Vollmer nicht kennt, und in einer Angelegenheit, die sie in keiner Weise beurteilen kann, erhoben".


Zu diesem Zeitpunkt sei Becker, der sich nach der Veröffentlichung der Vorwürfe gegen ihn im Jahr 1999 zunächst aus verschiedenen pädagogischen Gremien und von seinen Beraterfunktionen zurückgezogen hatte, wieder vermehrt öffentlich tätig geworden. Gemeinsam mit Vollmer habe er als Studiogast am 13. April 2002 auch an einer Sendung des Deutschlandfunks zum Thema Vertrauen teilgenommen. Becker wurde der "FAS" zufolge als Pädagoge, Psychologe und ehemaliger Leiter der Odenwaldschule angekündigt.


Der Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule war Anfang März an die Öffentlichkeit gelangt. Die Zeitspanne, in der die Missbrauchsfälle sich ereignet haben sollen, erstreckte sich nach bisherigen Erkenntnissen von 1966 bis 1991. Beschuldigt werden acht ehemalige Lehrkräfte. Besonders unter Druck geraten ist Becker, der die Odenwaldschule von 1972 bis 1985 leitete.

Dienstag, 6. April 2010

Katholische Kirche in Lateinamerika: Schläge vor der Kathedrale

Von Jens Glüsing, Rio de Janeiro

Der deutsche Papst Benedikt XVI. konzentriert sich auf Europa, Lateinamerika schenkt er kaum Beachtung. Weil der Missbrauchsskandal nun auch Länder wie Mexiko und Brasilien erfasst, wächst der Unmut bei den Gläubigen - die Evangelikalen-Bewegung profitiert.

In der Kathedrale von Mexico City begann die Karwoche mit einem Eklat: Die Oppositionspolitikerin Julia Klug legte vor dem Gotteshaus ein Tuch aus, auf dem Parolen gegen Kardinal Norberto Rivera und den Papst prangten: "Benedikt und Norberto Rivera schützen Vergewaltiger! Was sind das nur für Gottesvertreter?", war auf dem Banner zu lesen.

Während der Kardinal in der Kathedrale die Messe las, schrie Klug draußen: "Päderast, Mittäter!" Nach dem Gottesdienst keilte eine Gläubige zurück: "Was du hier machst, ist Gewalt!" Klug teilte eine Ohrfeige aus, eine Papst-Anhängerin trat ihr in den Rücken. Schließlich schritt die Polizei ein, um Schlimmeres zu verhüten.

In keinem anderen lateinamerikanischen Land schlägt der Missbrauchsskandal so hohe Wellen wie im erzkatholischen Mexiko. Die Kirche steht ohnehin in der Kritik, weil viele Priester im Norden des Landes die Osterpredigten aus Angst vor Anschlägen der Drogenmafia abgesagt haben. Jetzt kommen noch die unappetitlichen Geschichten um pädophile Pater hinzu.

Mexiko fühlt sich besonders betroffen: Marcial Maciel Degollado, der vor zwei Jahren verstorbene mexikanische Gründervater des einflussreichen Ordens Legionäre Christi, aus dem sich eine große Zahl des Priesternachwuchses rekrutiert und der im Vatikan längst glänzend vernetzt ist, verging sich jahrzehntelang an Jungen und Mädchen, mehr als 70 angebliche Missbrauchsopfer haben sich gemeldet.

Legionäre Christi sagten sich von Gründer los
Als Kardinal und Chef der Glaubenskonkregation leitete Joseph Ratzinger im Jahr 1997 eine Untersuchungskommission im Vatikan, die alle Vorwürfe gegen Maciel aufklären sollte. Maciel, der eine "Einladung" der Kongregation nach Rom erhalten hatte, erschien nicht - aufgrund seiner schlechten Gesundheit wurde das Verfahren eingestellt. Er wurde jedoch in ein Kloster verbannt. Die Legionäre Christi hielten es inzwischen für geboten, sich offiziell und "zutiefst erschüttert" von ihrem Gründer Maciel - der übrigens mindestens drei Kinder zeugte - loszusagen.

Schon vor dem Skandal um die Kirchen-Päderasten war Benedikt XVI. in Lateinamerika nicht besonders populär. Nach dem Tod des außerordentlich beliebten Johannes Paul II. hatte man auf einen Pontifex aus den eigenen Reihen gehofft. Ratzinger gilt als Vertreter der alten, konservativen europäischen Kirchentradition. In Lateinamerika hatte er sich vor allem einen Namen als gnadenloser Gegner der linken Befreiungstheologen gemacht.

Benedikt XVI: Konzentration auf Europa
Nicht nur predigt Benedikt XVI. eine strenge Glaubensdoktrin, ihm fehlt die menschliche Wärme des verehrten Johannes Paul II. Dem blieben die Befreiungstheologen zwar ebenfalls sein Lebtag zutiefst suspekt, er versuchte nach Kräften, die Bewegung mundtot zu machen, dennoch hatte Wojtyla ein Herz für die Latinos.

Johannes Paul II. war oft in Lateinamerika, selbst Kubas Revolutionsführer Fidel Castro empfing ihn und sprach ihm seine Bewunderung aus. Bei Benedikt ist das unvorstellbar. Der deutsche Papst hat den Kontinent, der die meisten katholischen Gläubigen beherbergt, bislang nur einmal besucht. Seine kirchenpolitische Strategie konzentriert sich auf Europa.

Johannes Paul II. hatte erkannt, dass die größte Gefahr für die katholische Kirche in Lateinamerika von den evangelischen Sekten und Freikirchen ausgeht, die überall auf dem Kontinent wie Pilze aus dem Boden schießen. In Scharen laufen die Gläubigen zu den Evangelikalen über, weil die Katholiken vor allem in der täglichen Seelsorge versagen: Die Evangelikalen vermitteln mehr Gemeinschaftsgefühl, sie binden die Gläubigen emotional ein, die katholische Kirche hat dem kaum etwas entgegenzusetzen.

Überdies sind die Evangelikalen wirtschaftlich erfolgreicher: Ihre Prediger haben wahre Finanzimperien errichtet. Täglich halten sie in Hunderten protziger Tempel bis zu sechs Gottesdienste ab, bei denen der Klingelbeutel kreist. Viele Gläubige führen mehr als den Zehnten ab.

Nur die Spitze des Eisbergs
Johannes Paul II. schickte sogenannte Charismatiker ins Feld, die den Evangelikalen mit deren eigenen Methoden Konkurrenz machen: Bei Massengottesdiensten in riesigen Hallen wird getanzt, gesungen und gebetet, die Liturgie wird mit Showelementen aufgepeppt. So hatte die katholische Kirche in den vergangenen Jahren einen Teil der Abtrünnigen zurückgewonnen.

Dennoch: In Brasilien, dem weltweit größten katholischen Land, gehören nach offiziellen Angaben schon mehr als 14 Prozent der Bevölkerung evangelischen Kirchen an, tatsächlich dürften es noch weitaus mehr sein. In Guatemala, wo der Siegeszug der Evangelikalen am weitesten fortgeschritten ist, wird mehr als die Hälfte der Bevölkerung dieser Konfession zugerechnet.

In Brasilien sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Sexskandale um Priester und Bischöfe aufgeflogen. Priesterseminare gelten seit Jahrzehnten als Zufluchtsort für junge Homosexuelle: Als angehende Priester sind sie von dem Druck befreit, sich als Machos präsentieren zu müssen, die Soutane schützt sie überdies vor Anfeindungen und Vorurteilen. Doch in den Seminaren geraten sie häufig in den Einflussbereich älterer Priester, die sich, wie es ein Ex-Seminarist ausdrückte, "mit den Jungs vergnügen" wollen.

Dass ausgerechnet der deutsche Oberlehrer Benedikt im Missbrauchsskandal immer stärker in Bedrängnis gerät, dürfte die Abwanderung vieler Gläubigen zu den Evangelikalen erneut verstärken. Zumal Kirchenkenner in Lateinamerika fürchten, dass die bekannt gewordenen Fälle nur die Spitze eines Eisbergs darstellen.

Vatikan-Botschaft vergrätzt Kirchenopfer

  • Papst schweigt zum Missbrauch
  • Kardinal tut Kritik als "Geschwätz" ab
  • Osterbotschaft im Vatikan hat viele Gläubige empört.
  • Opferverband verurteilt die Ansprache als Beleidigung.
  • Großbritannien mobilisiert gegen einen Besuch von Benedikt XVI.
London - Die katholische Kirche steckt in einer ihrer schwersten Krisen - und die Osterbotschaft von Papst Benedikt XVI. hat nichts zur Lösung beigetragen. Eher im Gegenteil. Während das Kirchenoberhaupt zu dem Skandal um Misshandlungen und sexuellen Missbrauch schwieg, griff der Vatikan zu einer bisher nicht vorgekommenen Maßnahme: Er wich überraschend vom üblichen Ablauf der Ostermesse ab, um die Kritik im Zuge des Missbrauchsskandals als belanglos zurückzuweisen.

Zum Auftakt des Gottesdienstes ergriff der Vorsitzende des Kardinalskollegiums am Sonntag vor Zehntausenden Gläubigen das Wort und erklärte demonstrativ, Benedikt XVI. könne sich des Rückhalts der Gemeinde sicher sein. "Heiliger Vater, das Volk Gottes ist mit dir und wird sich nicht von dem unbedeutenden Geschwätz dieser Tage beeinflussen lassen", sagte Kardinal Angelo Sodano dem Papst. Die Kardinäle, Kurienmitarbeiter und Bischöfe weltweit stünden hinter ihm, vor allem aber die "400.000 Priester, die großherzig dem Volk Gottes dienen".

Der Papst selber erteilte vom Balkon des Petersdoms den traditionellen Ostersegen "Urbi et Orbi", mahnte in seiner Osterbotschaft eine "geistige und moralische" Umkehr an und sprach diverse politische Konflikte an, aber nicht die Probleme in seinem eigenen Machtbereich.

Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten: Die Leiterin des US-Opferverbands SNAP bezeichnete Sodanos Rede als beleidigend. "Den Opfern geht es um Trost und Heilung, sie sollten nicht beleidigt und ihre Aussagen nicht als 'unbedeutendes Geschwätz' abgetan werden", so Barbara Blaine. "Der Papst hat gesagt, die Wahrheit solle ans Licht gebracht werden - was denn nun?"

Nach Angaben von Vatikanexperten hat eine Ostermesse auf dem Petersplatz noch nie mit einem derartigen Grußwort begonnen. Beobachter interpretierten dies als eindeutigen Versuch der Klarstellung, dass lediglich eine kleine Minderheit Kinder missbraucht habe.

Der ungewöhnliche Auftritt Sodanos zeigt, wie sehr der Vatikan den Druck durch den Skandal spürt. Der Vatikan hat zuletzt mehrfach die Medien wegen ihrer Berichterstattung über den Missbrauchsskandal kritisiert. So hieß es in der Zeitung des Kirchenstaats am Samstag, der Papst sei Ziel einer "verabscheuungswürdigen Verleumdungskampagne" geworden.

Britische Anwälte wollen Papst zur Verantwortung ziehen
In zahlreichen Ländern, darunter auch Deutschland, werden immer mehr Vorwürfe der Misshandlung und des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Kirchenvertreter laut. Auch Benedikt wird zunehmend kritisiert: Zahlreiche Katholiken erwarten von ihrem Kirchenoberhaupt eine Stellungnahme.

Besonders starken Gegenwind bekommt der Papst zurzeit aus Großbritannien: Mehr als 10.000 Menschen unterzeichneten auf der Website der Downing Street eine Petition gegen eine für September geplante Reise des Kirchenoberhaupts. Der viertägige Besuch in England und Schottland soll die Steuerzahler schätzungsweise 15 Millionen Pfund kosten.

Noch härtere Bandagen zieht eine Gruppe britischer Anwälte auf. Sie prüft, ob der Papst tatsächlich Anrecht auf die Immunität eines Staatsoberhaupts hat oder nicht doch nach dem Weltrechtsprinzip verfolgt werden könnte - wegen des angeblichen Vertuschens von sexuellem Missbrauch durch Priester.

"Der Papst war nicht klar genug"
Der Skandal hat die Osterfeiern von Katholiken weltweit überschattet. Der Bürgermeister von Bethlehem forderte eine deutliche Stellungnahme des Papstes. "Seine Heiligkeit sollte eine direkte Antwort auf all diese Taten einiger Priester der katholischen Kirche geben", sagte Victor Batarseh. Die Kirchenmitglieder seien beschämt über die Missbrauchsvorwürfe.

Auch ein Pilger aus der Schweiz, der zur Ostersonntagsmesse nach Bethlehem in die Geburtskirche gekommen war, sieht Benedikt XVI. in der Verantwortung: "Der Papst war nach meiner Ansicht bisher nicht klar genug mit einer Verurteilung des sexuellen Missbrauchs."

Auch in Brasilien wurden kritische Stimmen laut. "Der Papst muss dieses Problem lösen", sagte Miriana Lima auf dem Weg in die Kathedrale von Sao Paulo. "Die Kirche wurde davon zutiefst erschüttert."

Eine pensionierte Lehrerin aus Warschau sieht die gesamte katholische Kirche in der Verantwortung. "Die Kirche muss diese Fälle klar verurteilen, zeigen, wie sehr sie die Verfehlungen bedauert und versprechen, alles zu tun, damit so etwas nie wieder passiert", sagte die 55-jährige Anna Boetzel. Sie sei sehr enttäuscht und geschockt, plane aber nicht auszutreten.

Ein New Yorker Katholik brachte seine Betroffenheit vor der Kathedrale St. Patrick's zum Ausdruck. "Mein Vertrauen ist erschüttert, weil sie nicht alles tun, was nötig ist", sagte der 57-Jährige, der nicht namentlich genannt werden wollte. "Ich glaube aber, dass sich jetzt langsam etwas bewegt."

Donnerstag, 1. April 2010

"Wir waren der Willkür der Erzieher ausgesetzt"

Missbrauch in DDR-Kinderheimen

In staatlichen Heimen der DDR hat es offenbar zahlreiche Fälle von sexuellem Missbrauch gegeben. In einem Brief an Bundesfamilienministerin Christina Schröder forderte der CDU-Bundestagsabgeordnete Manfred Kolbe, Vertreter der Gedenkstätte "Geschlossener Jugendwerkhof Torgau" am geplanten Runden Tisch zur Aufarbeitung der sexuellen Übergriffe zu beteiligen. Das Thema müsse gesamtdeutsch aufgearbeitet werden, sagte Kolbe dem "Tagesspiegel". Der Runde Tisch tagt erstmals am 23. April.

Die Leiterin der Gedenkstätte, Gabriele Beyler, sagte, es habe in DDR-Kinderheimen Fälle von sexuellem Missbrauch gegeben, die sogar in Akten notiert wurden: "Es gibt in Stasi-Unterlagen Hinweise darauf", so Beyler. "Wenn es so etwas in den DDR-Kinderheimen gegeben hat, wären die Stasi-Akten eine sichere Quelle", betonte auch der Leiter der Leipziger Stasi-Gedenkstätte "Runde Ecke", Tobias Hollitzer. Allerdings kenne er selbst nicht den Inhalt aller Akten. Um in diese Einblick zu nehmen, könnten etwa Journalisten oder Wissenschaftler einen Antrag stellen.
Aufruf an Betroffene

Die Gedenkstätte hatte unter dem Eindruck der
jüngsten Missbrauchsdebatte kürzlich einen Aufruf veröffentlicht, in dem sie Betroffene aufforderten, über entsprechende traumatische Erlebnisse in DDR-Heimen zu berichten. Bisher hätten sich 25 ehemalige Bewohner gemeldet, die von massiven sexuellen Übergriffen durch Erzieher berichteten, sagte die Gedenkstätten-Chefin. Die bis jetzt bekanntgewordenen Fälle, in denen es um sexuellen Missbrauch an 6- bis 17-Jährigen in ganz unterschiedlichen Heimen geht, stellen nach Ansicht Beylers nur die Spitze eines Eisberges dar. Der sexuelle Missbrauch sei aber nur eine Facette dessen, was den Kindern und Jugendlichen in den Heimen angetan worden sei. "Es wurde auch versucht, Kinder mit Psychopharmaka 'ruhigzustellen'", betonte Beyler.
Sich zu widersetzen war zwecklos

Heidemarie Puls ist eine der ehemaligen Bewohnerinnen, die nach Jahrzehnten den Mut aufbringen, über die damaligen Verletzungen zu sprechen. Im Tagesschau-Interview sagte sie: "Wir waren der Willkür der Erzieher ausgesetzt." Sich den Erziehern zu widersetzen, habe ohnehin keinen Zweck gehabt. Puls war als 14-Jährige in das geschlossene Heim eingewiesen worden mit der Begründung, sie sei schwer erziehbar.

In der DDR gab es 474 staatliche Kinderheime. Davon waren 38 sogenannte Spezialkinderheime und 32 Jugendwerkhöfe, in denen jene Kinder verwahrt wurden, die als schwer erziehbar und verhaltensauffällig galten.

In staatlichen Heimen der DDR hat es offenbar zahlreiche Fälle von sexuellem Missbrauch gegeben. In einem Brief an Bundesfamilienministerin Christina Schröder forderte der CDU-Bundestagsabgeordnete Manfred Kolbe, Vertreter der Gedenkstätte "Geschlossener Jugendwerkhof Torgau" am geplanten Runden Tisch zur Aufarbeitung der sexuellen Übergriffe zu beteiligen. Das Thema müsse gesamtdeutsch aufgearbeitet werden, sagte Kolbe dem "Tagesspiegel". Der Runde Tisch tagt erstmals am 23. April.

Die Leiterin der Gedenkstätte, Gabriele Beyler, sagte, es habe in DDR-Kinderheimen Fälle von sexuellem Missbrauch gegeben, die sogar in Akten notiert wurden: "Es gibt in Stasi-Unterlagen Hinweise darauf", so Beyler. "Wenn es so etwas in den DDR-Kinderheimen gegeben hat, wären die Stasi-Akten eine sichere Quelle", betonte auch der Leiter der Leipziger Stasi-Gedenkstätte "Runde Ecke", Tobias Hollitzer. Allerdings kenne er selbst nicht den Inhalt aller Akten. Um in diese Einblick zu nehmen, könnten etwa Journalisten oder Wissenschaftler einen Antrag stellen.
Aufruf an Betroffene

Die Gedenkstätte hatte unter dem Eindruck der
jüngsten Missbrauchsdebatte kürzlich einen Aufruf veröffentlicht, in dem sie Betroffene aufforderten, über entsprechende traumatische Erlebnisse in DDR-Heimen zu berichten. Bisher hätten sich 25 ehemalige Bewohner gemeldet, die von massiven sexuellen Übergriffen durch Erzieher berichteten, sagte die Gedenkstätten-Chefin. Die bis jetzt bekanntgewordenen Fälle, in denen es um sexuellen Missbrauch an 6- bis 17-Jährigen in ganz unterschiedlichen Heimen geht, stellen nach Ansicht Beylers nur die Spitze eines Eisberges dar. Der sexuelle Missbrauch sei aber nur eine Facette dessen, was den Kindern und Jugendlichen in den Heimen angetan worden sei. "Es wurde auch versucht, Kinder mit Psychopharmaka 'ruhigzustellen'", betonte Beyler.

Bischof Mixa soll selbst reden

Die katholische Laienorganisation fordert Bischof Mixa auf, sich persönlich zu den Misshandlungsvorwürfen zu äußern. Die Regierung Oberbayern will nicht ermitteln, sie fände nichts in den Akten.

Bischof Mixa soll Heimkinder brutal geschlagen haben.

Die katholische Laienorganisation "Wir sind Kirche" hat den Augsburger Bischof Walter Mixa aufgefordert, persönlich Stellung zu den Misshandlungsvorwürfen zu nehmen. Der Sprecher der Organisation im Bistum Augsburg, Herbert Tyroller, sagte am Donnerstag dpa, es reiche nicht aus, wenn Mixa eine Unschulds-Erklärung über seine Pressestelle veröffentlichen lasse. "Er selbst muss sich äußern", sagte Tyroller. Er kritisierte, dass sich der Bischof wegen der Vorwürfe zivil- und strafrechtliche Konsequenzen vorbehalten habe. Durch solche Drohungen würden die Opfer eingeschüchtert, das sei nicht der "richtige christliche Weg".

Im Kinder- und Jugendhilfezentrum St. Josef in Schrobenhausen soll der jetzige Augsburger Bischof Walter Mixa als Stadtpfarrer vor rund 30 Jahren Kinder geprügelt haben. Das Ordinariat hat diese eidesstattlich erklärten Vorwürfe von Betroffenen als "absurd und erfunden" zurückgewiesen. Inzwischen hat sich ein weiteres ehemaliges Heimkind gemeldet und erklärt, von Mixa damals brutal geschlagen worden zu sein. Der Sprecher der Regierung Oberbayern sagte am Donnerstag, über die angeblichen Vorfälle sei in den Akten von damals nichts zu finden. Damit sei die Angelegenheit für die Regierung Oberbayern erledigt.

Ehemalige Heiminsassen haben neben Mixa auch Nonnen beschuldigt, in der 1970er und 1980er Jahren geprügelt zu haben. Eine Betroffene sagte der dpa, sie sei mehrfach mit einem Besenstil und einem Stock geschlagen worden. Einmal habe ihr eine Nonne einen Schlüsselbund an den Kopf geworfen und sie dadurch verletzt. "Ich habe ein Loch im Kopf gehabt, das war schon grausam, was ich da erlebt habe", sagte die Frau. Eine der beschuldigten Nonnen soll bis heute in dem Heim tätig sein.

Die Regierung von Oberbayern prüft inzwischen als Heimaufsichtsbehörde Misshandlungs-Vorwürfe in dem Kinder- und Jugendhilfezentrum aus jüngerer Zeit. Dabei geht es um mögliche Fälle, die noch nicht verjährt sind. Ein Übergriff habe sich 1999 in der Schrobenhausener Einrichtung ereignet. Ein Heim-Mitarbeiter habe einem Kind einen Kinnhaken verpasst und sei daraufhin entlassen worden. Bisher unbekannte Vorwürfe, es habe noch vor fünf Jahren Züchtigungen in dem Heim gegeben, würden überprüft. Das Haus in Schrobenhausen war bis 1990 von Franziskanerinnen der Mallersdorfer Kongregation geführt worden und ist jetzt unter weltlicher Leitung.

Erzieher im Internat Salem ergriff sich Elfjährigem

Neue Erkenntnisse über einen Missbrauchsfall stürzen die Leitung des Internats Salem in Erklärungsnöte. Nach SPIEGEL-Informationen kam es an der Eliteschule im Jahr 2004 zu einem sexuellen Übergriff auf einen Schüler - anders als zunächst von Ex-Direktor Bueb angegeben, war der Fall gravierend.

Hamburg - Laut einem Strafurteil, das dem SPIEGEL vorliegt, hat ein Erzieher in Salem einen 11-jährigen Schüler mitten in der Nacht den nackten Rücken "massiert", geküsst und "versucht, dessen Beine auseinanderzuschieben".

Zum weiteren Ablauf des Geschehens kurz vor Weihnachten 2004 heißt es in dem Urteil des Amtsgerichts Stockach: "Mit seinem erigierten Penis berührte er den Jungen am Po" und versuchte, ihm "die Boxershorts herunterzuziehen, um weitere sexuelle Handlungen an ihm vorzunehmen".

Erst als der 11-Jährige sich vehement gegen die Übergriffe wehrte, ließ der 24-jährige Erzieher von ihm ab. Das Gericht verurteilte den Täter zu acht Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung.

Der Pädagoge und Theologe Bernhard Bueb leitete das Internat Schloss Salem von 1974 bis 2005. Er hatte berichtet, dass es auch an der Eliteschule am Bodensee Übergriffe auf Schüler und Mitarbeiter gegeben habe, diese zunächst jedoch als "vergleichsweise harmlos" beschrieben.

Mittlerweile komme er zu einer anderen Einschätzung: Details seien ihm nicht bekannt gewesen, weil der Junge sie erst gegenüber den Ermittlern geschildert habe. Den Fortgang des Verfahrens habe er nach seinem Ausscheiden als Schulleiter 2005 nicht verfolgt. Bei der Staatsanwaltschaft Konstanz sind bis vergangenen Mittwoch drei weitere, zum Teil lange zurückliegende Vorfälle aus dem Internat angezeigt worden.

Neuer Misshandlungsvorwurf gegen Bischof Mixa

Die Anschuldigungen wiegen schwer: Mit Schlägen und Strafarbeiten soll der heutige Bischof Walter Mixa vor Jahrzehnten mehrere Kinder drangsaliert haben - was der Geistliche bestreitet. Nun meldet sich einem Zeitungsbericht zufolge ein sechster Zeuge zu Wort.

 Augsburger Bischof Walter Mixa: "Absurde, unwahre" Vorwürfe München - Gegen den Augsburger Bischof Walter Mixa ist ein weiterer Misshandlungsvorwurf lautgeworden. Die Zahl der eidesstattlichen Erklärungen mit Vorwürfen gegen Mixa habe sich damit auf sechs erhöht, berichtet die "Süddeutsche Zeitung".

Inzwischen erklärten vier Frauen und zwei Männer, Mixa habe in den siebziger und achtziger Jahren als Stadtpfarrer von Schrobenhausen bei Augsburg mehrere Kinder geprügelt.

"Er hat mich mit voller Wucht ins Gesicht geschlagen", zitierte die Zeitung aus einer eidesstattlichen Versicherung einer heute 47-Jährigen, die dem Bericht zufolge von 1968 bis 1977 in einem Schrobenhausener Kinderheim lebte. Die Kinder hätten zudem stundenlang Mixas Auto putzen müssen.

"Vorwürfe dementieren"
Das Bistum Augsburg verwies am Donnerstagmorgen auf die Presseerklärung vom Vortag. "Momentan gilt die Stellungnahme vom Mittwoch. Es bleibt dabei, dass wir die Vorwürfe dementieren", sagte Mixas Sprecherin Kathi Marie Ulrich SPIEGEL ONLINE. Es könne allerdings sein, dass es im Laufe des Tages noch eine weitere Stellungnahme gebe.

Am Mittwoch hatte das Bistum erklärt: "Bischof Mixa hat zu keinem Zeitpunkt in keiner seiner Funktionen Kinder misshandelt." Es bezeichnete die Vorwürfe in der Stellungnahme als "absurd, unwahr und offenbar in der Absicht erfunden, den Bischof persönlich zu diffamieren". Das Bistum behalte "sich ausdrücklich zivilrechtliche und strafrechtliche Schritte" vor.

Die angeblich Betroffenen sind laut "SZ" heute zwischen 41 und 48 Jahre alt. Walter Mixa war ab 1975 Stadtpfarrer in Schrobenhausen, später auch Dekan. Auch Nonnen sollen den Schilderungen mutmaßlicher Opfer zufolge in dem Heim Kinder geschlagen haben, wie die Zeitung meldet.

"Loch im Kopf"
Eine Betroffene sagte der Nachrichtenagentur dpa, sie sei von den Ordensfrauen mehrfach mit einem Besenstil und einem Stock geschlagen worden. Einmal habe ihr eine Nonne ein Schlüsselbund an den Kopf geworfen und sie dadurch verletzt. "Ich habe ein Loch im Kopf gehabt, das war schon grausam, was ich da erlebt habe", sagte die Frau. Eine der Beschuldigten soll bis heute in dem Heim arbeiten.

Die Regierung von Oberbayern prüft die Misshandlungsvorwürfe mittlerweile. Ein Sprecher sagte jedoch der ARD, in ihren Akten seien bislang keine Hinweise auf die erhobenen Vorwürfe zu finden gewesen.

Derweil stellt sich die Deutsche Bischofskonferenz auf die Seite des Augsburger Bischofs. Der Sekretär der Bischofskonferenz, Hans Langendörfer, sagte am Donnerstag im Deutschlandfunk über Walter Mixa: "Ich glaube ihm."

Es stünden die Behauptungen mehrerer Menschen gegen die Entlastung des Bischofs. Er denke, dass das Bistum nach den bekanntgewordenen Vorwürfen die richtigen Schritte eingeleitet habe, es zu einem "klärenden Prozess kommt und über die Dinge weiter gesprochen wird", so Langendörfer.

Sonntag, 28. März 2010

Papst wehrt sich gegen "belangloses Geschwätz"

Papst Benedikt XVI.: Palmsonntagspredigt mit Seitenhieb auf Kritiker und MedienDie katholische Kirche kämpft mit Vertrauensverlust, weil Fälle sexuellen Missbrauchs vertuscht wurden. Eine persönliche Verwicklung hat der Papst am Sonntag indirekt als "belangloses Geschwätz" zurückgewiesen. Das Versagen der Kirche bei der Aufklärung belegen weitere Enthüllungen aus den USA.

Rom - Der Papst hat bei seiner Predigt am Palmsonntag an ihn gerichtete Kritik und Verdächtigungen zurückgewiesen. Sein Glaube gebe ihm die Kraft, sich nicht von Kritikern einschüchtern zu lassen, sagte er im Hinblick auf den Skandal um vertuschte Fälle sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche. Der 82-Jährige sprach zu Beginn der Karwoche vor Zehntausenden Menschen auf dem sonnigen Petersplatz in Rom.
Obwohl er nicht direkt auf den Skandal um sexuellen Missbrauch von Kindern durch Priester zu sprechen kam, konnten Teile seiner Predigt durchaus als Antwort auf die momentane Krise in der Kirche gesehen werden. Papst Benedikt XVI. sagte, der Glaube an Jesus Christus gebe einem die Stärke, sich "nicht vom belanglosen Geschwätz der vorherrschenden Meinung einschüchtern zu lassen". Der Glaube führe zu Geduld, die den einzelnen und andere unterstütze. Er sprach außerdem davon, wie der Mensch manchmal "auf die niedrigsten, vulgärsten Ebenen" falle und "in den Sumpf von Sünde und Unehrlichkeit" sinke.

In einem auf portugiesisch vorgetragenen Gebet wurde Gott angerufen, jungen Menschen und denjenigen, die mit deren Erziehung und Schutz betraut sind, zu helfen. Wie Radio Vatikan berichtete, sollte dies die Haltung der Kirche in dieser schwierigen Zeit ausdrücken, in der sie mit "der Plage Pädophilie" konfrontiert sei.

Während in Europa und den USA immer neue Details zu Missbrauchsfällen bekannt werden, befindet sich der Vatikan in der Defensive. Kritische Berichte in den Medien wies die Kirche als "schmachvollen Versuch" zurück, Papst Benedikt und seinen engsten Berater "um jeden Preis" zu schaden. Am Samstag hatte der oberste Sprecher der Kirche jedoch eingeräumt, die Reaktion auf den Missbrauchsskandal sei entscheidend für die Glaubwürdigkeit der Institution. Selbst jahrzehntealte Fällte müssten anerkannt und entschädigt werden.

Nach den Worten von Vatikansprecher Federico Lombardi zeigt der jüngste Hirtenbrief an die Katholiken in Irland den Aufklärungswillen des Papstes. Damit gebe Benedikt XVI. den Weg für "Heilung, Erneuerung und Wiedergutmachung" vor.

Neue Enthüllungen in den USA
Der Auftakt der Karwoche wird überschattet von neuen Enthüllungen über Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. In den USA berichtete die "New York Times", dass gehörlose Jungen, die in den vergangenen Jahrzehnten von einem katholischen Priester missbraucht wurden, vergeblich bei kirchlichen und staatlichen Behörden der USA um Hilfe gebeten hätten. Katholische Laien in Deutschland forderten bei einem bundesweiten Treffen eine Neuausrichtung der katholischen Sexuallehre.

Die gehörlosen US-Missbrauchsopfer seien bei anderen Priestern, bei drei Bischöfen sowie bei Polizei und Staatsanwaltschaft vorstellig geworden, schrieb die "New York Times" am Samstag unter Berufung auf Dokumente und Aussagen Betroffener. Es gehe um bis zu 200 Opfer an einer Gehörlosenschule im Bundesstaat Wisconsin. Im Mittelpunkt steht den Angaben zufolge der inzwischen gestorbene Priester Lawrence Murphy, der von 1950 bis 1974 an der Schule gearbeitet hatte. 1996 habe der Erzbischof von Milwaukee, Rembert G. Weakland, den damaligen Chef der Glaubenskongregation Joseph Ratzinger in zwei Briefen informiert. Ratzinger - heute Papst Benedikt XVI. - habe aber nicht geantwortet.

Zugleich wurde bekannt, dass demnächst auch Vertreter des Vatikans vor US-Gerichte geladen werden könnten. Bei Bundesgerichten in zwei Bundesstaaten liegen nach Angaben der "Washington Post" derzeit Missbrauchsklagen gegen den Kirchenstaat vor.

Diskussion über Zölibat
Die Initiative "Wir sind Kirche" fordert eine Neuausrichtung der katholischen Sexuallehre. Es müsse eine breite Diskussion über die Zölibatsverpflichtung geben. Sonst könne die "so lange vertuschte sexualisierte Gewalt innerhalb der römisch-katholischen Kirche" nicht überwunden werden, teilte die Reformbewegung zum Abschluss ihrer dreitägigen Bundesversammlung am Sonntag in Würzburg mit. Die Laienorganisation werde genau verfolgen, ob die von den deutschen Bischöfen und Orden angekündigten Beratungs-, Hilfs- und Präventionsmaßnahmen wirklich umfassend und zeitnah in Gang gebracht werden.

Neuer Fall in Osnabrück
Im katholischen Bistum Osnabrück wurde ein neuer Missbrauchsverdacht gegen einen Geistlichen bekannt. Ein Priester aus dem Emsland sei von seinen Ämtern entbunden worden, sagte ein Sprecher der Diözese. Der Geistliche habe am Freitag in einem Gespräch mit Bischof Franz-Josef Bode die Vorwürfe eingeräumt und sich der Staatsanwaltschaft gestellt. Es handele sich nicht um einen aktuellen Fall.

Niederlande kippt Verjährungsfrist
Wer in den Niederlanden Kinder sexuell missbraucht, soll dafür künftig bis an sein Lebensende strafrechtlich verfolgt werden können. Die Verjährungsfrist für solche Taten werde aufgehoben, kündigte Justizminister Ernst Hirsch Ballin im Fernsehen an. Für ein entsprechendes Gesetz gebe es eine klare Mehrheit im Parlament. In Deutschland könnte die Debatte über die Verjährung von Kindesmissbrauch durch die Neuregelung im Nachbarland neue Impulse bekommen.

Bislang beträgt die Verjährungsfrist für sexuellen Missbrauch von Kindern in den Niederlanden 20 Jahre nach Volljährigkeit des Opfers. In der Bundesrepublik verjähren diese Taten nach dem 18. Geburtstag der Opfer; in besonders schweren Fällen 20 Jahre danach. Die niederländische Bischofskonferenz hat eine unabhängige Kommission zur Untersuchung aller Vorwürfe berufen. Bei der kirchlichen Hilfsorganisation "Hulp & Recht" (Hilfe und Recht) gingen bislang mehr als 1100 Hinweise ein.