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Freitag, 3. September 2010

Wulff will Merkels Okay zum Sarrazin-Rauswurf

Jetzt merkt jeder, das Herr Wullff nur der "Hampelmann" der Kanzlerin ist. Laut Gesetz ist er der entscheidende Mann in dieser Angelegenheit und zwar ohne wenn und aber. Sein Zögern zeigt, daß er vielleicht noch ein Minimum an Respekt vor der Meinungsfreiheit hat, deshalb ruft er jetzt nach "Mutti", damit er später eine Ausrede für die Nachwelt hat. Die politische Elite ist einfach nur noch peinlich.

Donnerstag, 2. September 2010

Sarrazin in der Enge


Wie sich der Provokateur verrannt hat


Thilo Sarrazin ist seine eigene Debatte außer Kontrolle geraten. Plötzlich muss er die Sätze über Juden-Gene bedauern, eine zitierte Forscherin geht auf Distanz, Zweifel an seinen Thesen wachsen - und ein "Arschloch"-Wortwechsel mit Michel Friedman wird bekannt.


Berlin - Die Bundesbank will ihn loswerden. Die SPD auch. Die Politik errichtet ein Bollwerk gegen den Provokateur. Das ganze Land debattiert über sein Buch.
Und Thilo Sarrazin?


Hofft auf Rückhalt im Volk. Seine Migrationsthesen verfangen, das ist sein Kalkül - immer wieder führt er an, die Wissenschaft stütze seine Argumente.
Doch der Wind dreht. Zentrale Aussagen werden hinterfragt. Der Provokateur verliert die Kontrolle über seine eigene Debatte. Er muss sich inzwischen von seiner umstrittensten These distanzieren - dem Spruch über die Juden-Gene, und auch andere Behauptungen kann er nur schwerlich verteidigen. Ein Überblick.

  • Kontrollverlust
Im Anschluss an seine Buchvorstellung zu Wochenbeginn gab Sarrazin Michel Friedman ein Interview, das in der "BZ" gedruckt werden sollte. In "Bild" schildert der jüdische Publizist die Situation. "Die Stimmung während des Gesprächs war furchtbar", sagt Friedman. Das Interview drehte sich demnach um Sarrazins These zu einem angeblichen Gen, das alle Juden haben - dies hatte er in der "Welt" behauptet ("Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden").


Friedman: "Sarrazin reagierte zunehmend unwirsch auf mein Nachhaken. Er wollte sich den kritischen Fragen nicht stellen. Am Ende brach Sarrazins Presseagent das Interview entnervt ab." Dann soll Sarrazin gesagt haben: "Herr Friedman, heute waren sie ein Arschloch." Das Interview sei dann nicht gedruckt worden, weil Sarrazin es um kritische Passagen bereinigt habe wollen.


Sarrazins Version der Geschichte wurde nicht bekannt. Klar ist aber, dass er die Kontrolle über seine Botschaft, seine Debatte verloren hat und nun wegen ganz anderer Dinge in den Publikumsmedien steht.


Am Mittwochabend war er dann mit Friedman schon wieder in einer Talkshow - bei Frank Plasberg in der ARD.

  • Rückzieher bei der Juden-These
In genau dieser Sendung erlebten die Zuschauer dann auch eine erstaunliche Wendung zum Thema Juden und Gene. Mit seiner Formulierung zu diesem Thema hatte Sarrazin viele in der SPD und anderen Parteien zum endgültigen Bruch mit ihm getrieben. "Nah an der Rassenhygiene" sei die Argumentation, befand SPD-Chef Sigmar Gabriel.


Die Äußerung zu den Juden war ein Fehler - und so sieht es inzwischen auch Sarrazin selbst, erfuhr Plasbergs Publikum. "Das war erst mal ein Riesenunfug, was ich auch extrem bedauere", sagte der Bundesbanker, sprach dann von "Blackout" und "Dummheit"  und verkündete: "Ich bin definitiv nicht der Ansicht, dass es eine genetische Identität gibt."


Es klang wie eine Rücknahme seiner umstrittenen Äußerungen - doch beeilte sich Sarrazin zu versichern, dass er inhaltlich nichts zu korrigieren habe. Er sei von der "Welt" auf Glatteis geführt worden. Und: "Ich habe aber nichts Falsches gesagt." Natürlich gebe es "genetische Ähnlichkeiten. Mir fiel zuerst das Beispiel der Juden ein, weil ich dazu kurz vorher einen Aufsatz gelesen hatte. Ich hätte sagen sollen: Ostfriesen oder Isländer, dann wär's kein Thema gewesen." Fazit Sarrazin: "Es war eine inhaltliche Dummheit, keine inhaltliche Falschheit."


Dass derlei lavierende Aussagen reichen, um die SPD vom Ausschlussverfahren abzubringen, darf bezweifelt werden. "Das ist, wie die rechte Hand zum Schwur zu heben und die Finger der anderen Hand hinter dem Rücken zu kreuzen", sagt Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD), der nie ein Feind von Sarrazzin war.

  • Falsch verstandene Forscherin
Auch bei der anderen polarisierenden These, die Sarrazin so sehr in die Kritik gebracht hat, hat er sich offensichtlich verhoben. Es geht um die Aussage, Intelligenz sei bis zu 80 Prozent erblich, viele Ausländer in Deutschland kämen aus bildungsfernen Schichten - und weil die Geburtenraten von Ausländern so hoch seien, verdumme Deutschland.


Schon viele Wissenschaftler haben diese Argumentation auseinandergenommen. In der "FAZ" von diesem Donnerstag aber ist nun ein Interview mit der Zürcher Psychologin Elsbeth Stern zu lesen, auf die sich Sarrazin selbst stützt. Sie lehnt die Vereinnahmung durch Sarrazin strikt ab und wirft ihm indirekt Missbrauch ihrer Arbeiten vor: "Herr Sarrazin beruft sich auf Aussagen, die, aus dem Kontext gerissen und nicht korrekt wiedergegeben, zu Missverständnissen führen", sagt sie. "Er redet von 50 bis 80 Prozent Erblichkeit bei der Intelligenz. Das macht aber wissenschaftlich keinen Sinn." Man müsse von "Erblichkeit von Intelligenzunterschieden" sprechen. "Dazu müsste man verstanden haben, dass der Intelligenzquotient keine absolute Größe ist", sagt die Wissenschaftlerin. Das Interview liest sich wie eine Abrechnung:



Die Intelligenzforscherin Elsbeth Stern im Interview

Jeder kann das große Los ziehen

Die Zwillingsforschung zeigt: Gene haben eine große Bedeutung beim Zustandekommen von IntelligenzunterschiedenThilo Sarrazin beruft sich für sein Programm der positiven Selektion auf die Lernforschung der Psychologin Elsbeth Stern. Sie lehnt diese Vereinnahmung ab. Es mache keinen Sinn, davon zu sprechen, Intelligenz sei zwischen 50 und 80 Prozent erblich.Die Zwillingsforschung zeigt: Gene haben eine große Bedeutung beim Zustandekommen von Intelligenzunterschieden

Frau Stern, Thilo Sarrazin erwähnt Sie in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ als einen seiner Kronzeugen. Fühlen Sie sich verstanden oder missverstanden?
Herr Sarrazin beruft sich auf Aussagen, die, aus dem Kontext gerissen und nicht korrekt wiedergegeben, zu Missverständnissen führen. Er redet von 50 bis 80 Prozent Erblichkeit bei der Intelligenz. Das macht aber wissenschaftlichen keinen Sinn. Man muss von Erblichkeit von Intelligenzunterschieden sprechen. Dazu müsste man verstanden haben, dass der Intelligenzquotient keine absolute Größe ist, sondern die relative Abweichung einer Person vom Mittelwert des Testverfahrens beschreibt. In wissenschaftlichen Untersuchungen möchte man wissen, wie viel Prozent der Unterschiede auf Unterschiede in den Genen zurückzuführen sind. Dies kann man in statistischen Analysen ermitteln, in denen eineiige und zweieiige zusammen aufgewachsene Zwillingspaare verglichen werden.
Was wurde dabei festgestellt?
Elsbeth SternElsbeth Stern
In allen Studien findet man, dass eineiige Zwillingspaare eine deutlich höhere Übereinstimmung im IQ zeigen als zweieiige Zwillingspaare, obwohl beide Arten von Zwillingspaaren sehr ähnliche Erfahrungswelten haben (Gebärmutter, Kinderzimmer, Kita, Schule). Dies belegt die Bedeutung der Gene beim Zustandekommen von Unterschieden.

. . . und macht das Intelligenz-Gen dingfest?

Nein, man darf sich kein Intelligenz-Gen vorstellen, welches das Bearbeiten eines Intelligenztests steuert. Die genetischen Voraussetzungen zur Entwicklung von Intelligenz und ihren Unterschieden, über die wir bisher nur ganz wenig Detailwissen haben, können sich nur bei entsprechenden Lerngelegenheiten entfalten.

Sie werden von Sarrazin mit der Aussage zitiert, „dass die optimale Förderung eines jeden Schülers nicht zu mehr Gleichheit, sondern zu mehr Ungleichheit führt. Denn je größer die Chancengleichheit, desto mehr schlagen die Gene durch. Eine gute Schule, das mag nicht jedem gefallen, produziert Leistungsunterschiede auf hohem Niveau.“ Was meinen Sie damit?

Eine gute Schule sorgt dafür, dass sich jeder entsprechend seinen Voraussetzungen zu seinem Optimum entwickeln kann. In einer guten Schule lernt jeder mehr als in einer nicht so guten Schule. Der Durchschnittswert steigt an. Gleichzeitig können Menschen, die besonders gute Voraussetzungen mitbringen, gute Lerngelegenheiten so effizient nutzen, dass sie sich damit eine neue Welt erschließen. Beispiel: Von einer Grundschule, die sehr guten Leseunterricht macht, profitieren alle Kinder, auch die Schwächsten. Die besten Kinder aber werden sich schon früh eigenständig Bücher besorgen, und sie bauen ihren Vorsprung aus. Wir müssen es positiv sehen, wenn alle besser werden und manche noch stärker zulegen.

Ihre Wissenschaft, die Experimentelle Psychologie, spricht vom menschlichen Optimum, als handele es sich um eine abrufbare Fixgröße. Wenn man diesen Tribut an die Expertensprache leistet, was sagen dann Gesellschaftsordnungen über den Einfluss der Gene aus?

Im Prinzip gilt: Je größer die Leistungsgerechtigkeit einer Gesellschaft ist, um so größer ist die Chance, dass Menschen mit guten genetischen Voraussetzungen ihr in den Genen angelegtes Potential für die Intelligenzentwicklung nutzen und beruflichen und schulischen Erfolg haben. In ungerechten Gesellschaften sind sozialer Hintergrund und Beziehungen wichtiger als Begabung. Kürzlich ist eine Untersuchung veröffentlicht worden, in der gezeigt wurde, dass Berufserfolg in Schweden stärker von den genetischen Voraussetzungen abhängt als in den Vereinigten Staaten. Das bestätigt unser Bild von Skandinavien als einer sozial durchlässigen Gesellschaft.

Was bringen solche sortierenden Kollektivbefunde, wenn man doch dem einzelnen Menschen nicht ansehen kann, wie viel Prozent seines geistigen Vermögens genetisch und wie viel Prozent anderweitig beeinflusst ist?

Gesellschaftspolitisch lassen sich dennoch Schlüsse ziehen. So manches Akademikerkind bleibt in den Schulleistungen hinter den Erwartungen zurück und nicht selten zeigen Intelligenztests, dass das Kind nicht das Potential der Eltern hat. Das mag zwar enttäuschend für die Eltern sein, aber die Vererbung von Intelligenz ist eine sehr komplexe Angelegenheit, wo etliche Zufälle bei der Bildung von Eizellen und Spermien sowie bei der Befruchtung eine Rolle spielen.

Ich erinnere mich an eine entsprechende Filmpointe von Woody Allen...

Wenn die Eltern dabei das große Los gezogen haben, ist es nicht wahrscheinlich, dass das in der nächsten Generation noch einmal passiert. Umgekehrt können auch weniger intelligente Eltern Erbsubstanz in sich tragen, die ihrem Nachwuchs in einer gerechten Gesellschaft zu ungeahnten Höhenflügen verhilft.

Wie zuverlässig lässt sich das erwähnte große Los, der Höhenflug, denn mit Hilfe von Intelligenztests messen? Anders gefragt: Welche Auskunft über das geistige Vermögen eines Menschen gibt die effiziente Bewältigung von Denksport- und Knobelaufgaben?

Intelligenztests geben Auskunft über das geistige Potential einer Person, aber sie sind nur ein Baustein der menschlicher Kompetenz. Für die meisten Anforderungen auch im akademischen Bereich muss man kein Überflieger sein, und ein Weniger an Intelligenz kann durch ein Mehr an Fleiß ausgeglichen werden. Um seine Intelligenz nutzen zu können, muss man sie in einen Anforderungsbereich oder in ein Fachgebiet investieren.

Machen Intelligenztests in den Hochzeiten von Hirnforschung und Kognitionswissenschaft nicht doch einen etwas altbackenen Eindruck? Muss man nicht gar von einer speziellen Idiotie der Intelligenztests sprechen?

Das sehe ich anders. Wenn wie das Lernpotential einer Person in einem für sie neuen Gebiet vorhersagen wollen, dann sind Intelligenztests besser geeignet als alle anderen diagnostischen Maßnahmen. Mit nicht-sprachlichen Intelligenztests würde man auch manches begabte Immigrantenkind identifizieren können, das aufgrund seiner unzureichenden Sprachkompetenz falsch eingestuft wird. Es sind in Deutschland Fälle von straffällig gewordenen Migranten mit Hauptschulabschluss verbürgt, wo erst der Gefängnispsychologe eine Hochbegabung festgestellt hat.

Wird es im Sinne Sarrazins zu einem Einbruch des Durchschnitts-IQ in Deutschland kommen, wenn Menschen, die sich in der unteren Hälfte der Intelligenzverteilung befinden, mehr Kinder bekommen?

Nein. Vielmehr gehen wir davon aus, dass bei der Ausbildung und Entwicklung von Intelligenz sehr viele über alle Chromosomen verteilte Gene zusammenwirken. Eltern und Kinder zeigen nur eine mittelhohe Übereinstimmung im Intelligenzquotienten. Unterdurchschnittlich intelligente Eltern können überdurchschnittlich intelligente Kinder haben und umgekehrt. Das Ungleichgewicht in der Fortpflanzung müsste noch über viele Generationen gehen, bevor der IQ merklich absinkt. Die größte Gefahr für eine gesellschaftliche Verdummung besteht darin, dass soziale Herkunft für Schul- und Berufserfolg wichtiger ist als Intelligenz und Begabung.
Das Gespräch führte Christian Geyer.

In der "Zeit" griff die Intelligenzforscherin selbst zur Feder, um Sarrazin zu widersprechen. "Mit seinem mehrfach wiederholten Satz 'Intelligenz ist zu 50 bis 80 Prozent erblich' zeigt Thilo Sarrazin, dass er Grundlegendes über Erblichkeit und Intelligenz nicht verstanden hat. Deshalb muss man auch viele seiner Folgerungen infrage stellen", schreibt sie. Das sitzt.
  • Faktenzweifel
Generell werden immer neue Zweifel an Sarrazins Argumentationsmethoden laut. Sein Buch wimmelt nur so von Zahlen - sie sollen vor allem seine zentrale These belegen, dass Deutschland sich durch Überfremdung abschaffe. Aber sind die Zahlen richtig?

Plasbergs Redaktion nahm sich eine Schätzung aus Sarrazins Buch vor, der zufolge der Anteil der Migranten an der deutschen Bevölkerung langfristig dramatisch wachsen wird. Sarrazin geht dabei davon aus, dass Geburten- und Zuwanderungsraten über 120 Jahre konstant bleiben. In 120 Jahren würden dann 71,5 Prozent der Menschen in Deutschland aus der Türkei, anderen Staaten des Nahen und Mittleren Ostens oder Afrika stammen, behauptet er und beruft sich auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes.

Eben jenes Statistische Bundesamt lieferte der Redaktion dagegen eine andere Rechnung. Die Beamten legten Sarrazins Annahmen einer konstanten Geburten- und Zuwanderungsrate einfach auf die vergangenen 120 Jahre um. Auf der Basis von 1890 gerechnet, müssten heute rund 253 Millionen Menschen in Deutschland leben - etwa dreimal so viele wie tatsächlich. "Mehr als fragwürdig" seien die langfristigen Prognosen des Bundesbankers, schlussfolgerten die Bundesstatistiker, denn es seien nun mal zwei Weltkriege, die Pille und einige andere Faktoren dazwischengekommen. Die Botschaft: Solch langfristige Vorhersagen sind unmöglich bis unredlich. Sarrazin hatte dem in der Sendung inhaltlich wenig entgegenzusetzen und verwies darauf, er habe den Charakter der Schätzung im Text ja kenntlich gemacht.

Am Ende blieb die Frage im Raum, ob und wie weit sich Sarrazin die Fakten hingerückt hat, damit sie seine Argumentation stützen. Kritiker weisen darauf hin, dass man die Geschichte der Migration und Integration in Deutschland womöglich auch andersrum schreiben könnte. Dass immer mehr türkische Einwanderer nach Deutschland kommen, ist zum Beispiel schlicht falsch.

Der neueste Migrationsbericht der Bundesregierung notiert:
2008 gab es in der Bundesrepublik 28.742 Zuzüge von Türken - und 34.843 Fortzüge.

Sonntag, 29. August 2010

Die Gene sind schuld

Thilo Sarrazin, der Eugeniker

Thilo Sarrazin vermischt in seinem neuen Buch über den angeblichen Untergang der Deutschen Halbwahrheiten mit Unsinn – und das in einem schrillen Tonfall. VON ULRIKE HERRMANN & ALKE WIERTH


Der Bundesbanker Thilo Sarrazin schürt Vorurteile gegen muslimische Migranten.

Thilo hat ein Buch mit 465 Seiten, 538 Fußnoten, 33 Tabellen und 10 Schaubildern verfasst. Der Titel ist zwar denkbar reißerisch, trotzdem ist dem Autor sehr daran gelegen, dass es ein wissenschaftliches Werk sein soll. "Ich stütze mich in meinen Ausführungen auf empirische Erhebungen", betont der Bundesbanker, Sozialdemokrat und einstige Berliner Finanzsenator.

Diese "empirischen Erhebungen" erscheinen am heutigen Montag, und selten hat ein Buch im Vorfeld derartige Diskussionen ausgelöst. Denn Sarrazin argumentiert dezidiert biologistisch. Für ihn ist die Unterschicht nicht sozial benachteiligt, sondern genetisch bedingt dümmer als die Oberschicht. Es handle sich um eine "negative Auslese".

Überhaupt schreibt Sarrazin sehr gern über "Selektion". Seine Formulierungen und "Analysen" erinnern nicht nur an die Eugenik - sie sind Eugenik.

Nichts als Vorurteile
Sarrazin selbst glaubt, dass er ein Tabu bricht, wenn er formuliert, "dass wir als Volk an durchschnittlicher Intelligenz verlieren, wenn die intelligenteren Frauen weniger oder gar keine Kinder zu Welt bringen". Doch ist dies kein Tabu - sondern wissenschaftlich unhaltbar.

Das beginnt bereits bei der Statistik. So ist Sarrazin überzeugt, "dass der Anteil der kinderlosen Universitätsabsolventinnen die 40-Prozent-Marke übersteigt". Sein Beleg: ein Wochenbericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Doch wer die angegebene Literatur studiert, erlebt eine Überraschung. Denn das DIW kann bei Akademikerinnen nur eine Kinderlosigkeit von 23 Prozent entdecken.

Noch grotesker ist Sarrazins Interpretation der Genetik. Er stellt sich die menschliche Intelligenz wie die Farbe einer Erbse vor, die strikt nach den Mendelschen Gesetzen vererbt wird.

Zwar hat er schon gehört, dass die Umwelt nicht zu vernachlässigen ist. Aber ihm reicht es zu konstatieren, dass Intelligenz "zu 50 bis 80 Prozent erblich" sei, um den Deutschen zu empfehlen, an ihrer genetischen Substanz zu arbeiten, um die Massenverblödung zu verhindern.

Sarrazin geht nicht so weit, dass er der Unterschicht gänzlich verbieten möchte, Kinder zu bekommen. Stattdessen will er gegensteuern, indem auch die Akademikerinnen fruchtbarer werden. Programmatisch heißt ein Kapitel: "Mehr Kinder von den Klugen, bevor es zu spät ist."

Dies war genau das Programm der Eugenik, die im 19. Jahrhundert von Francis Galton erfunden wurde. Auf ihn beruft sich Sarrazin explizit - allerdings ohne das Wort Eugenik zu verwenden. Sehr zielgenau verwendet er jedoch den Begriff "dysgenisch", der ohne den Kontext der Eugenik gar nicht zu verstehen ist und der 1915 erfunden wurde, um "negative Selektionsprozesse" bei einer menschlichen Population zu beschreiben.

Dieser Rückgriff auf Theoretiker des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zieht sich durch das gesamte Buch. Sarrazin ignoriert konsequent sämtliche modernen Erkenntnisse zur Intelligenz- und Genforschung. Denn dann hätte er zur Kenntnis nehmen müssen, dass sich das Bild vom Gen stark gewandelt hat.

Wie immer deutlicher wird, gibt es keine deterministische Verbindung zwischen den Genen und Eigenschaften wie Intelligenz. Inzwischen ist das gesamte menschliche Genom entschlüsselt. Doch ein "Intelligenz-Gen" wurde nicht entdeckt. Offenbar wirken zahllose Gene auf das Gehirn ein - und ob sie überhaupt aktiviert werden und wie sie miteinander agieren, hängt sehr wesentlich von den äußeren Anregungen ab.

Jedenfalls zeigte sich in Adoptionsstudien, dass Unterschichtenkinder mühelos einen gymnasialreifen Intelligenzquotienten von 107 erreichen - wenn sie von bildungsbeflissenen Mittelschichtsfamilien aufgenommen werden.
Obwohl Sarrazin die gesamte Unterschicht attackiert, sind es vor allem die "muslimischen Migranten", von denen er sich bedroht fühlt. Sie seien Schmarotzer, die "nicht den eigenen wirtschaftlichen Erfolg" anstreben, sondern "die Absicherung und Alimentierung durch den Sozialstaat".

Dabei entgeht Sarrazin, wie viele Migranten sich bemühen, sich aus der Abhängigkeit von Sozialleistungen zu befreien, indem sie eigene kleine Betriebe gründen, die nur bei großem Arbeitseinsatz und äußerster Selbstausbeutung überhaupt Ertrag abwerfen. Für Sarrazin sind diese selbstständigen Existenzen jedoch keine Leistung, sondern "Ausdruck und Ergebnis des mangelhaften Bildungsaufstiegs" der Migranten - sie sind schlicht zu blöd für andere Jobs.

An anderer Stelle lobt der Wirtschaftsfachmann jedoch, dass die Selbstständigenquote bei den Einheimischen immer noch höher sei als bei den Zuwanderern - sind die angestammten Deutschen also noch blöder?

Alles wird zurechtgelegt
Auch beim Thema Bildung sortiert er sich die Fakten passend. Für Sarrazin steht fest, dass nicht das deutsche Schulsystem, sondern nur die mangelnde Intelligenz der muslimischen Migranten zu den schlechten Pisa-Ergebnissen führt. Denn mit Finnland und Korea würden zwei Länder siegen, die zwar sehr verschiedene Schulsysteme, aber kaum Einwanderung hätten.

Dazu will jedoch nicht passen, dass auch die Niederlande viele muslimische Zuwanderer haben - und auf Platz vier bei Pisa stehen.

Auch Sarrazin, der mit einer Lehrerin verheiratet ist, sieht, dass an den deutschen Schulen manches zu verbessern wäre. Sein Ansatz klingt gar nicht schlecht: Schulen müssten "jeden Menschen befähigen, das ihm Gemäße - und damit das Beste - aus sich zu machen".

Doch dann schränkt er ein: Es bringe eben nicht jeder die nötigen Voraussetzungen mit. "Die beste Schule macht ein dummes Kind nicht klug" - blöd bleibt blöd.

Dass die muslimischen Migranten selbst schuld sein müssen, ist für Sarrazin schon deswegen belegt, weil Osteuropäer und Asiaten sich problemlos ins Bildungssystem integrierten. Also müsse es ihre "Mentalität" sein, die muslimische Migrantenkinder häufig an der Schule scheitern lasse.

Zu dieser "kulturell bedingten" Mentalität gehöre, dass muslimische Jungen am liebsten unter sich blieben, Frauen jeden Respekt verweigerten und ihre Lehrer gern als "Hurensöhne" titulierten.

Als Beweis zitiert Sarrazin den arabischstämmigen Berlin-Neuköllner Sozialarbeiter Fadi Saad: "Mit Kuschelpädagogik kommt man bei diesen abgebrühten Jungs nicht weiter", sagt Saad, selbst ehemaliges Gang-Mitglied. Gleichzeitig berichtet dieser noch, dass es in Schulen im Libanon üblich sei, saubere Fingernägel vorzuzeigen - und völlig undenkbar, den Lehrer als "Hurensohn" zu begrüßen.

Offenbar gibt es doch keine Mentalität, die aus der Herkunftskultur importiert wird - sonst wäre das Verhalten der muslimischen Jugendlichen in Berlin und im Libanon ja nicht so unterschiedlich.

Genauso seltsam ist Sarrazins Behauptung, dass ausgerechnet unter den Muslimen der kriminelle Nachwuchs von morgen heranwächst. Zwar weist die Berliner Kriminalitätsstatistik bei jugendlichen Intensivtätern eine überdurchschnittlich hohe Zahl von Nichtdeutschen aus. Doch die von Sarrazin als so integriert gelobten Osteuropäer stehen dort an erster und die Vietnamesen an dritter Stelle.

Auch Sarrazin muss einräumen, dass "95 Prozent" der etwa vier Millionen Muslime in Deutschland "friedliebend" seien. Doch das beruhigt sein Misstrauen keineswegs, denn diese "kulturell andersartige Minderheit" sei den aktuellen Strömungen des weltweiten Islam ausgesetzt - den Sarrazin umstandslos als islamistisch und tendenziell terroristisch beschreibt.

Er ignoriert, dass der Islam bei den hier lebenden Muslimen kaum auf Interesse stößt: Noch nicht einmal 5 Prozent gehören einer hiesigen islamischen Organisation oder einem der Dachverbände an - die sich überdies längst von Terrorismus distanziert haben. Die überwältigende Mehrheit der Muslime will sich offenbar weder für den Neubau von Moscheen noch bei der Kopftuchfrage engagieren.

Einseitig und falsch
All das blendet Sarrazin aus. Zudem bezieht er sich sehr einseitig allein auf Texte aus der "Multikulti ist gescheitert"-Schule. Fachleute mit anderen Ansätzen wie etwa den Migrationsforscher Klaus Bade, die Professorin für interkulturelle Pädagogik Yasemin Karakasoglu oder den Islamexperten Werner Schiffauer bemüht er nicht.

Stattdessen zitiert er viel und gerne Necla Kelek, die als scharfe Islamkritikerin bekannt und ebenso umstritten ist. Doch selbst Sarrazins Angriffe auf Keleks Kritiker verraten noch, wes Geistes Kind er ist. Man könne doch eine Deutschtürkin gar nicht zur Deutschnationalen stempeln, so seine Logik. Deutsche wird für Sarrazin auch Necla Kelek nicht.

Mittwoch, 18. August 2010

Frankreichs Aktionen gegen Roma: Sündenböcke auf die Müllkippe


Von Stefan Simons, Paris

Frankreichs Hardliner nutzen die Sommerpause, um gegen Roma und nicht legale Einwanderer Front zu machen. Das Kalkül: Die Regierung Sarkozy behält die Hoheit über das kontroverse Thema innere Sicherheit. Das rigorose Vorgehen schreckt selbst Konservative in den eigenen Reihen ab.

Razzia in Harmes, 200 Kilometer nördlich von der französischen Hauptstadt: Die Polizei räumt in der kleinen Ortschaft des Departements Pas-de-Calais ein Roma-Lager, 16 Personen werden festgenommen, um ihre Aufenthaltsgenehmigungen zu überprüfen. Gleichzeitig werden in Tremblay-en-France, unweit von Paris, 84 Roma gezwungen, ein Fläche zu verlassen, die der Stadt gehört, während in Bordeaux Wohnwagen ein städtisches Ausstellungsgelände blockieren. Dort waren die Roma am Wochenende von ihren Stellplätzen vertrieben worden. Die Aktionen haben Methode: Die Regierung Sarkozy hat beim Kampf gegen die Kriminalität neue Sündenböcke gefunden.

Innenminister Brice Hortefeux, einer der beiden Wortführer, verkündete triumphierend, man habe "40 illegale Lager in zwei Wochen geschlossen". Die Maßnahmen beträfen "700 Personen, die in ihre Abstammungsländer zurückgeführt werden". Für Hortefeux ist es eine Erfolgsbilanz. Er will hart durchgreifen gegen die Roma, die er politisch korrekt stets als "Landfahrer" bezeichnet.

Und Hortefeux ist nicht allein. Kabinettkollege Christian Estrosi, Industrieminister und im Nebenamt Bürgermeister der Hafenstadt Nizza, stimmt mit ein. "Städte, die ihre Sicherheitsauflagen nicht erfüllen, so mein Vorschlag, sollten zu hohen Geldstrafen verurteilt werden", ereiferte er sich kürzlich. Und das soll wohl heißen: Macht eine Kommune nicht mit beim unnachgiebigen Kurs gegen die Roma, gibt es Ärger. Am Montag präzisierte der Konservative und attackierte den politischen Gegner direkt: Er spreche vor allem auch jene sozialistischen Rathäuser an, die "bei der Verbrechensprävention nicht voll und ganz ihre Rolle spielen".

Der Populist und sein Hilfssheriff
Das sorgt für Schlagzeilen. Denn mit ihren kalkulierten Provokationen bringt sich das konservative Kabinettsduo in der Sommerpause immer wieder ins Gespräch: Hortefeux, ein persönlicher Freund Sarkozys, seit die beiden ihre gemeinsame Karriere bei der konservativen Parteijugend begannen, übt sich in martialischem Auftreten und predigt schärfere, wahlweise ganz neue Gesetze. Er bringt sich als "oberster Flic Frankreichs" ins Gespräch, als unnachgiebigster aller Ordnungshüter.

Es ist dasselbe Kalkül, das sich einst Staatschef Sarkozy zunutze machte, um an mediale Aufmerksamkeit zu kommen. Nun reist eben Hortefeux durch die Republik und verkündet sein Allheilmittel gegen die Kriminalität: härteres Durchgreifen.

Und Estrosi gefällt sich in der Rolle des Hilfssheriffs. Als Minister ist er bislang nur durch mäßige Leistungen aufgefallen, als Bürgermeister von Nizza als Liebhaber städtischer Überwachungskameras. Hemmungen vor markigen Worten hat Estrosi nicht. Hauptsache, seine Vorstöße sorgen für mediale Resonanz - und gefallen dem Präsidenten, der Estrosi aus dem Urlaub wohlwollend mit Lob bedachte.

Die wichtigste Aufgabe der beiden Gefolgsleute des Präsidenten scheint jedoch, die Debatte um das Dauerthema innere Sicherheit auf der politischen Agenda ganz oben zu halten. Dabei bedienen sie sich altbekannter Mittel: Sie vermengen die Angst vor Kriminalität mit fremdenfeindlichen Ressentiments, lenken zugleich von der Negativbilanz der Regierung ab und bringen damit die Opposition unter Zugzwang. Die Sozialisten wollen eigentlich erst Anfang nächsten Jahres ihr Konzept zur inneren Sicherheit vorstellen.

"Die Landfahrer stehen nicht über dem Gesetz"
Ursprünglicher Anlass für die Debatte war ein Vorfall Mitte Juli, als unter noch ungeklärten Umständen in der mittelfranzösischen Gemeinde Saint-Aignan ein junger Rom von Gendarmen getötet wurde. Daraufhin stürmten rund 50 mit Knüppeln und Eisenstangen bewaffnete Personen die örtliche Polizeiwache. Mehrere Autos gingen im Flammen auf, in einem benachbarten Dorf wurde ein Versammlungssaal in Brand gesteckt.

Der hässliche Vorfall störte nicht nur den ländlichen Frieden, sondern schreckte auch die Regierung in Paris auf. Bei der letzten Sitzung vor der Sommerpause beschloss das Kabinett harte Sanktionen gegen illegale Roma - die Räumung von "illegalen Lagern" und die "Rückführung" von Ausländern ohne reguläre Aufenthaltserlaubnis. "Die Landfahrer stehen nicht über dem Gesetz", donnerte Hortefeux und behauptete, dass sich die "methodischen" Aktionen auszahlten.

Einen anderen Vorfall - in Grenoble war es ebenfalls Mitte Juli nach dem Tod eines Einbrechers zu gewaltsamen Ausschreitungen gekommen - nutzte Staatschef Sarkozy persönlich, um den "Krieg" gegen Kriminalität und Gewalt auszurufen. Das war der Startschuss zu der Sommer-Kampagne, die sich allerdings als politischer Bumerang erweisen könnte. Denn das rigorose Vorgehen gegen die Roma, von denen viele die französische Staatsbürgerschaft besitzen, sorgt nicht nur bei der Opposition für Empörung. Selbst Konservative sind aufgebracht.


Warum die Methode Hortefeux selbst Parteifreunde schockiert
Frankreichs Sozialisten rügen den Übereifer des Innenministers, die Grünen sprechen von "schändlichen Vertreibungen", und Daniel Cohn-Bendit, EU-Abgeordneter der europäischen Grünen, sieht darin einen "Populismus der Ausgrenzung, um die harten Rechten an Bord zu holen - auf Kosten von Minderheiten".

Und auch aus den eigenen Reihen kommt Kritik. "Diese Politik ist schockierend", sagt François Goulard, Abgeordneter der Regierungspartei UMP aus dem bretonischen Département Morbihan. Sein Kollege Jean-Pierre Grand fühlt sich gar an die Massenverhaftungen im Zweiten Weltkrieg erinnert. Er ist entsetzt, "dass die Familien von den Sicherheitskräften aussortiert wurden - auf der einen Seite die Männer, auf der anderen Seite die Frauen, mit der Drohung, sie von ihren Kindern zu trennen".

Die Debatte zeigt auch, wie wenig Erfolg die Regierung Sarkozy bei der Bekämpfung von organisierten Banden und gewöhnlicher Alltagskriminalität hat. Zwar weist die Verbrechensstatistik insgesamt einen Rückgang auf - vor allem bei Einbrüchen und Wirtschaftsdelikten -, aber die Körperverletzungen hat nach Angaben des Nationalen Büros für Kriminalität das höchste Niveau seit 1996 erreicht.

Vertreter der Polizeigewerkschaft machen dafür vor allem den Präsidenten selbst verantwortlich. Als Innenminister hatte sich Sarkozy bei den Sicherheitskräften mit besserer Ausrüstung und Bezahlung beliebt gemacht. Als Präsident verordnete er hingegen einen drastischen Abbau der Ordnungshüter: 9121 Stellen wurden in den drei vergangenen Jahren gestrichen, bis 2012 sollen 3500 weitere Stellen verschwinden.

Demonstration der "Entschlossenheit" allerorten
Angesichts dieser Entwicklung zeigen sich nun jene sozialistischen Bürgermeister empört, die Industrieminister Estrosi so eloquent mangelnder Tatkraft bezichtigt hatte. Und selbst UMP-Mann Jacques Pélissard, Präsident der Vereinigung von Frankreichs Bürgermeistern, findet Estrosis Vorwurf überzogen. Die geplanten Sanktionen seien "weder realistisch noch anwendbar", sagte er. So viel Widerstand kam dann auch bei Estrosis Krawall-Kumpan Hortefeux an, der am Dienstag bei einem Abstecher nach Toulon leisere Töne anschlug. "Die Bürgermeister sind die natürlichen Partner des Staates, mit denen wir einen respektvollen Umgang pflegen."

Allen Höflichkeiten zum Trotz dringt die Regierung nun bei der Räumung der Roma-Lager auf ein Exempel. Nachdem Roma-Vertreter sich in Bordeaux gegen den Umsiedelung auf ein Grundstück neben einer Müllhalde gewehrt hatten und vor Gericht zogen, zeigte sich die lokale Präfektur unnachgiebig. Die staatlichen Behörden garantierten die "Achtung der öffentlichen Ordnung", versicherte Jean-Marc Falcone. Und das will er als "Botschaft des Entgegenkommens ebenso wie eine Botschaft der Entschlossenheit" verstanden wissen.

Sein oberster Dienstherr in Paris, Innenminister Hortefeux, demonstriert ebenfalls "Entschlossenheit": Er kündigte die erste "Rückführung" von Roma an. 79 Personen werden am Donnerstag per Chartermaschine "freiwillig" nach Bukarest befördert. Weitere Flüge sollen folgen.

Donnerstag, 6. Mai 2010

Der perfekte Deutsche darf nicht als Zahnarzt arbeiten

Er sagt: "Ich liebe die Demokratie in diesem Land", ist gut ausgebildet, fleißig, will arbeiten. Zähne behandeln darf Sherif Mikhail in Deutschland trotzdem nicht.

VON CIGDEM AKYOL

Sherif Mihhail: Studium, Facharztabschluss und mehrjährige Berufserfahrung als Zahnarzt.

Wenn alle Deutschen wären wie Sherif Mikhail, dann könnten sie ziemlich zufrieden mit sich sein. Der 42-Jährige lernte fleißig, er arbeitet viel und gern, und der Ägypter sagt Sätze wie: "Ich liebe die Demokratie in diesem Land."

Aber der deutsche Staat und Sherif Mikhail, geboren in Kairo, gestrandet in Gelsenkirchen, das ist seit Jahren schon eine sehr verfahrene Angelegenheit. Genau genommen: seit der Zahnarzt und Oralchirurg hier arbeiten will. Sherif Mikhail findet - kurz gesagt -, dass er gut genug ausgebildet ist, um die Zähne der Menschen zu behandeln. Die Zahnärztekammer findet - kurz gesagt -, dass sein Studium und zwei absolvierte Facharztausbildungen nicht ausreichen, um deutsche Münder zu verarzten.

Sherif Mikhail hat fünf Jahre in Ägypten Zahnmedizin studiert, danach arbeitete er fünf Jahre als wissenschaftlicher Assistent an der Uni - und behandelte währenddessen Patienten. Anschließend machte er seinen Facharzt für Zahnchirurgie und hatte eine eigene Praxis.

Er wäre das perfekte Beispiel für gelungene Integration. Sherif Mikhail könnte eine jener Vorzeigeeinwanderer sein, die Politiker gern als Beleg für erfolgreiche Migrations- und Bildungspolitik auf die Bühne stellen.
Könnte.

Denn Sherif Mikhail ist auch das perfekte Beispiel eines Vorzeigeeinwanderers, den man auf die Bühne stellen könnte für eine misslungene Migrations- und Bildungspolitik.

Als christlicher Kopte gehört er zu einer diskriminierten Minderheit in Ägypten. Für diese ist es sehr schwierig, Karriere zu machen oder gar öffentliche Ämter zu besetzen. Deswegen wollte er weg, und 1998 kam er mit einem Stipendium nach Deutschland - da war er 31.

Die Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen kam zu dem Ergebnis, dass die ägyptische Ausbildung der deutschen formal gleichzustellen sei - so konnte Mikhail einen Facharzt als Oralchirurg in Lübeck machen, anschließend promovierte er - und währenddessen hat er immer Patienten behandelt. Doch dann kam die Sache mit der Zahnärztekammer und der Bezirksregierung.

2005 - nach Beendigung seiner Promotion - entzog sie ihm seine Berufserlaubnis. Er klagte, aber das Oberverwaltungsgericht Münster folgte dem Standpunkt der Zahnärztekammer Westfalen-Lippe: kein deutsches Studium, kein gültiger Abschluss. Der Staat, der Mikhail seine Ausbildung finanzierte, ihn jahrelang hat behandeln lassen, wollte ihn nicht mehr.

"Wie kann einem so etwas passieren in einem demokratischem Land?", fragt Sherif Mikhail.

Ja, wie eigentlich?

Sherif Mikhails Geschichte ist kein Einzelfall. Seit Jahren schon warnen viele Wissenschaftler und einige Politiker vor den gravierenden Folgen einer Abwanderung von Fachkräften. Während andere Länder von der deutschen Bildungselite profitieren, machen gut ausgebildete Ausländer einen Bogen um die Bundesrepublik. Der Migrationsforscher Klaus Bade erklärt das Dilemma an dem Beispiel eines befreundeten Ingenieurs. Als dieser Anfang der 90er-Jahre die Ukraine verließ und nach Deutschland kam, war er etwa um die 40 Jahre alt und hatte gerade ein hochkarätig besetztes Projekt zum Thema Kältetechnik geleitet. Sein Examen wurde in Deutschland nicht anerkannt. "So etwas nennt man Verschleuderung von Humankapital", sagt Bade. "Wir sind dumm genug, qualifizierte Zuwanderer zu verprellen."

Zudem werden die ausländischen Qualifikationen häufig abgewertet, wobei sich die Regelungen je nach Einwanderergruppe auch noch unterscheiden. Unübersichtliche Zuständigkeiten, fehlende Ansprechpartner sowie die starke Lobby der Berufsverbände: Der Zugang zu Beschäftigung wird vielen Migranten äußerst schwer gemacht. Fachkräfte gehen oft lieber nach Australien oder in die Schweiz, in die USA oder in jüngster Zeit auch nach Großbritannien. Diese Länder verzichten weitgehend auf das undurchsichtige Gestrüpp von Sonderregelungen, die das deutsche Zuwanderungsrecht auszeichnen und die Menschen wie Sherif Mikhail zum Verhängnis werden.

Denn die Tatsache, dass sein ägyptisches Studium hier anerkannt wurde, auch seine Ausbildung und Arbeit in Lübeck änderten nichts an dem Urteil aus Münster. Weil es sich bei der Oralchirurgie, so der Richter, um ein eng begrenztes Thema handele. Daher sei Sherif Mikhail eine sogenannte Gleichwertigkeitsprüfung bei der Zahnärztekammer hinsichtlich seines Ausbildungsstandes zuzumuten.

Also legte der Zahnarzt die Prüfung ab, den schriftlichen und den praktischen Teil bestand er, durch die mündliche fiel er durch. Wie das einem Mediziner mit mehrjähriger Berufserfahrung passieren konnte? "Das ist kein Zufall", glaubt Sherif Mikhail. "Für die Zahnärztekammer ist es wichtig, möglichst wenigen Konkurrenten eine Zulassungen zu geben."

Martina Lösser, Vorstand der Zahnärztekammer Westfalen-Lippe, droht: "Wenn er das immer weiter betreibt, werden wir die Justiziare unserer Kammer beauftragen, gegen diese Vorwürfe vorzugehen."

Der kann die Prüfung noch zweimal antreten - er will aber nicht. Er hat nach einem Studium in Ägypten, einem Facharztabschluss dort und einem hier, nach der Behandlung vieler Patienten in beiden Ländern, einer deutschen Promotion und einer fast bestandenen Gleichwertigkeitsprüfung einfach genug. Er will sich nicht noch einmal prüfen lassen. Das mag man vernünftig finden oder nicht. Aber Sherif Mikhail hat genug. Inzwischen glaubt er, dass "die mich sowieso durchfallen lassen".

Die Kammer pocht also auf die Regel, Sherif Mikhail auf eine Ausnahme, und es sieht ganz danach aus, dass er verliert.

Für ihn gibt es gerade nicht allzu viele Möglichkeiten. Er bezieht jetzt Hartz IV. Ob er denn keine andere Arbeit ausüben könne? "Ich liebe meinen Beruf, er ist mein Leben. Man kann den Menschen ihre Schmerzen nehmen", sagt er mit trotziger Stimme. Sherif Mikhail hat 1-Euro-Jobs angenommen, Kindern in Schulen Zahnhygiene gezeigt, in Privatinstituten Zahnarzthelferinnen beraten. Er war mit Hilfsorganisationen im Ausland, um zu behandeln, zuletzt in Rumänien, demnächst an der Elfenbeinküste.

Während des Gesprächs schaut er einen auffällig unauffällig auf das Gebiss und gibt hinterher Ratschläge, woran man gute Zahnärzte erkennt. Gleichzeitig warnt er: "Für viele Zahnärzte sind die Patienten nur Geldesel."

Der Schwebezustand nimmt ihn nervlich mit, er leidet unter Schlafstörungen. Ohne Zuversicht kein Aufstehen am Morgen, kein Durchhalten den ganzen Tag, kein Glaube an die berufliche Rückkehr.

Er hat bei der Zahnärztekammer Westfalen-Lippe um Unterstützung gebeten - und, wie er sagt, nur Abwehr und Arroganz erlebt. "Warum sind Sie nach Ihrer Ausbildung in Deutschland nicht zurück nach Ägypten", habe ihn der damalige Vorstand angeherrscht.

Das war der Moment, so erzählt Mikhail, in dem er sich wie ein "Parasit" gefühlt habe. "Muss ich bestraft werden, weil ich bleiben möchte?", fragt er. "Eigentlich fühle ich mich als Deutscher." Eigentlich. "Denn mir wird immer wieder das Gefühl gegeben, ein Fremdkörper hier zu sein." Er will kein Hartz IV, dem deutschen Wohlfahrtsstaat nichts abfordern. Sherif Mikhail will arbeiten.

Er ist in Deutschland gelandet und hat irgendwann beschlossen: Hier ist meine Heimat, hier will ich dazugehören. Er ist deutscher Staatsbürger. Er sagt, er denke deutsch. Er spricht die Sprache akzentfrei, in seiner Wohnung stehen ausschließlich deutsche Bücher. Migration sei "wie ein Barometer für den Standort Deutschland", sagt der nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet (CDU): "Attraktive Länder haben Einwanderer, weniger attraktive haben Auswanderer."

Wegen solcher Aussagen hat Sherif Mikhail im Jahr 2009 an Laschet geschrieben. Eine Antwort erhielt er nicht. Daraufhin bat er auch Thomas Kufen (CDU), den Integrationsbeauftragten in Nordrhein-Westfalen, um Hilfe. Im November letzten Jahres bekam er eine Antwort: "Lassen Sie mich Ihnen zunächst meine Hochachtung zum Ausdruck bringen, für Ihre Leistungen auf Ihrem beruflichen Fachgebiet. Sie haben hierfür viele Entbehrungen auf sich nehmen müssen, um hier in Deutschland einen Neustart zu wagen", heißt es in dem Brief.

Und weiter: "Auch wir wissen, wie schwierig und zum Teil sehr kompliziert die Anerkennung von im Ausland erworbenen Abschlüssen und beruflichen Qualifikationen in Deutschland ist." Am Ende schließlich wird Mikhail zugesichert "dass wir uns mit dem Bundesamt gemeinsam bemühen werden, Ihre Fragen der Berufserlaubnis einer Klärung näher zu bringen." Passiert ist bis heute nichts.

Mittwoch, 7. April 2010

Angeblich Randale im Millerntorstadion von Menschen mit Migrationshintergund!

Im Hamburger Millerntorstadion in St. Pauli (Der Verein spielt dort) soll angeblich eine fröhliche Feier von Jugendlichen mit Migrationshintegrund eskaliert sein. Ich habe mit mehrern die ich kenne und dabei waren, gesprochen. Und die stellen, sehr glaubhaft, den Sachverhalt anders dar, als es die Presse und Polizei tut.

Hier die Schilderung, was wirklich geschah:

Es war eine fröhliche und ausgelassene Feier. Mehrere hundrt Jugendliche feierten friedlich und die Stimmung war sehr ausgelassen. Leider kam es zwischen zwei Personen gegen 03:30Uhr zu einem Streit. Im Laufe des Streites wurden leider von sehr stark alkoholisierten Jugendlichen Messer vom Bufet genommen. Sie wollten sich nur wehren. Auf Grund der Alkoholisierung konnten sie die Lage nicht genau einschätzen. Vier andere Jugendliche wurden leicht verletzt. Die Angelegnheit hätte untereinander geklärt werden können, ohne dass rassistische Hetze in den Medien entsteht.

Allerdings waren die Türsteher einer Sicherheitsfirma, ich möchte sie nicht nennen, beschäftigt aber viele Nazis und teilweise auch ex- Bullen, hoffnungslos überfordert. Sie riefen natürlich die Bullen. Und die kamen auch. Mit einer ganzen Armee!!

Es erschien ein Veranstalter und bot den Bullen an, die Beteiligten zu bennen, damit die sache unauffällig geklärt werden könne. Dann hätten die anderen ausgelassen weiterfeiern können. Währen es Naizis, wäre es so gelaufen. Hier aber nicht.

Wie eine Horde Berserker stürmten die Bullen die Veranstaltung und lösten eine Panik aus. Ein sehr großer Teil wusste gar nicht was los war. Es wurde ihnen auch nicht gesagt. Es wurden keine Durchsagen auf deutsch oder türkisch gemacht. Es wurde lieber eine Panik in Kauf genommen!!

Es wurde nur gesagt alle müssten die Veranstaltung verlassen und ihre Personalien angeben. Warum, wurde nicht gesagt. Alle wurde behandelt wie Verbrecher!

Hinzu kommt, dass die Bullen nur abfällig und mit rassistischen Ausdrücken die Jugendlichen ansprachen (Ey Kanacke, gib deinen Ausweis". Es wurde zu keinem Zeitpunkt versucht, deeskalierend zu wirken. Es wurden von en Bullen auch Sprüchen gehört, die auf eine gewollte Eskalation hindeuteten.

Heftig waren auch die Sprüche der restelichen Bullen. Diese lassen auf eine gewollte Eskalation schließen. ("Boah ey, wo bleibt die Verstärkung, damit es richtig abgeht"). Ein anderer Bulle wurde gesehen, wie er sich Pillen einwarf.

Es stelen sich viele Fragen, die den Einsatzn in einem anderen Licht erscheinen lassen:

Warum wurden die angeblich von weit her kommenden Bundesbullen bereits eine Stunde vor der Aktion in der Innenstadt gesehen?

Warum wurde eine Stunde vor der Aktion der Bullenknast in der Stresemannstraße "einsatzbereit" gemacht?

Warum waren in der Nacht mehr Bullen als sonst im Dienst?

Wiso waren alle Bullen fastleichzeitig vor Ort wenn sie doch aus ganz Hamburg kommmen sollten?

All diese Fragen lassen nur einen Schluss zu: Jugendliche mit Migrationshintergrund sollen kriminalisiert werden, um sie in ein schlechtes Licht zu rücken! Die Verantworltichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden!

Positives Umfeld: Kanadas schwarze Schule

Was Tayyip Erdogan für Deutschland fordert, gibt es in Kanada bereits: eine Spezialschule für eine bestimmte Zuwanderergruppe. Nämlich für Schwarze.

VON CLAUDIA BLUME

"Wir sehen uns als eine Gemeinschaft von Lernenden."
Foto: Michele Sandberg
Lizenz:
CC-BY

Die siebenjährige Shereka und ihr gleichaltriger Freund Nathan essen ihr Pausenbrot im Büro ihrer Schulleiterin. Thando Hyman-Aman, die Rektorin, hat kein Problem damit. Schüler, Eltern und Lehrer gehen hier ständig ein und aus, die Tür ist für alle offen. Shereka fühlt sich wohl in ihrer Schule. "In meiner alten Schule waren die Kinder gemein zu mir. Sie haben gesagt: Du bist schwarz, wir wollen nicht mit dir spielen", sagt sie. "Jetzt bin ich stolz darauf, schwarz zu sein!"

Keine Minderheit zu sein ist eine völlig neue Erfahrung für Shereka. Alle 130 Kinder der "Africentric Alternative School" im kanadischen Toronto sind so dunkelhäutig wie sie. Die meisten stammen aus der Karibik. Sie sind Schüler der ersten afrizentrischen Schule Kanadas, die vergangenen September eröffnet wurde. Die Gründung war eine Reaktion auf die hohe Schulabbruchs-Quote unter Jugendlichen mit afrikanischen Wurzeln: rund 40 Prozent von ihnen verlassen die Schule ohne Abschluss.

"Wir wollten ein Umfeld schaffen, in dem die Traditionen von Menschen afrikanischer Herkunft in einem positiven Licht gezeigt werden", sagt Lloyd McKell von der Schulbehörde. McKell stammt selbst aus Trinidad. "Die Gesellschaft vermittelt ihnen, dass sie nicht den gleichen Wert haben. Lehrer haben oft eine negative Erwartungshaltung. In der afrizentrischen Schule sollen sie lernen, stolz auf sich zu sein und mehr Selbstbewusstsein zu entwickeln."

Die Kinder sollen von Vorbildern lernen. An den Wänden hängen Bilder von berühmten Zeitgenossen afrikanischer Abstammung - Nelson Mandela etwa oder Michaëlle Jean, der in Haiti geborenen Generalgouverneurin Kanadas. Das Curriculum folgt den Richtlinien der Provinz Ontario, deren Hauptstadt Toronto ist. Doch Rektorin Hyman-Aman und das Lehrerkollegium versuchen, so viel afrikanische Elemente wie möglich in den Schulalltag zu integrieren. Die Kinder lernen afrikanische Tänze, ein paar Brocken Suaheli und können nach der Schule trommeln lernen. Sooft es geht, lesen sie Bücher schwarzer Autoren im Unterricht und studieren afrikanische Geschichte. Traditionelle afrikanische Spiele werden in den Mathematikunterricht integriert.

Nach der kanadischen Nationalhymne singen die Schüler jeden Morgen die von einem Afroamerikaner Anfang des 20. Jahrhunderts geschriebene schwarze Nationalhymne "Erhebt alle Stimmen und singt". Jeden Tag schwören die Kinder bei der Schulversammlung, stets ihr Bestes zu geben. "Wir wollen, dass die Kinder die Führer von morgen werden. Sie sollen nicht nur über ihre Herkunft lernen, sondern Wissen über die ganze Welt erlangen und lernen, wo ihr Platz darin ist, was sie tun können, um Dinge zu ändern", sagt Hyman-Aman.

Besonders stolz ist die Schulleiterin darauf, dass die Kinder aus eigenem Antrieb einen Spendenaufruf für die Erdbebenopfer von Haiti organisiert und in einem Projekt die Geschichte des Landes erforscht haben.

Obwohl die afrizentrische Schule erst vor wenigen Monaten eröffnet wurde, haben viele Eltern bereits eine Veränderung bei ihren Kindern bemerkt. "Mein Sohn war bis zum vierten Schuljahr in einer regulären Schule und war immer sehr schüchtern", sagt Angela Villous. "Seitdem er hier ist, haben sich nicht nur seine Noten erheblich verbessert, er ist auch viel selbstbewusster geworden. Ich war völlig erstaunt, dass er vor kurzem freiwillig bei einer Theateraufführung mitgemacht hat!"

Besorgt um die Zukunft ihrer Kinder, hatten viele afrokanadische Familien jahrelang für die Gründung der Schule gekämpft. Doch als sie im letzten Jahr mit knapper Mehrheit von der Schulbehörde genehmigt wurde, löste die Entscheidung in Kanada eine öffentliche Debatte aus. Viele Politiker und Medien kritisierten das Projekt - genau wie in Deutschland, für das sich der türkische Premier Erdogan die Einrichtung türkischer Gymnasien gewünscht hatte. Gegner der afrizentrischen Schule glauben, dass sie zur Rassentrennung beiträgt, dass sie mit den Werten der kanadischen Gesellschaft, die auf Integration setzt, nicht vereinbar ist.

Toronto ist eine der multikulturellsten Städte der Welt. Fast die Hälfte der mehr als fünf Millionen Menschen, die hier leben, sind nicht in Kanada geboren. Nach der neuesten Bevölkerungsprognose werden in Großstädten wie Toronto in 20 Jahren Kanadier europäischer Herkunft in der Minderheit sein. Die meisten Schulen der Stadt spiegeln diese Vielfalt wider.

Schulleiterin Hyman-Aman hält Kritikern entgegen, dass die Schule zwar einen afrizentrischen Schwerpunkt hat, dass jedoch Kinder jeglicher Herkunft willkommen sind. George Dei, Professor am pädagogischen Institut der Universität von Toronto, sagt dass die afrizentrische Schule, die bisher nur bis zum 5. Schuljahr geht, zudem vor allem ein Pilotprojekt ist. Erkenntnisse, die hier gewonnen werden, sollen später auch in reguläre Schulen einfließen, um die Situation von afrokanadischen Schülern zu verbessern. Forschungen über afrizentrische Schulen in den USA haben gezeigt, dass schwarze Schüler dort deutlich besser abschneiden als in regulären Schulen. "Sie haben bessere Noten, schwänzen seltener die Schule, zeigen mehr Respekt gegenüber Älteren und Autoritätspersonen und mehr soziales Verantwortungsgefühl."

Die afrizentrische Schule ist nur eine von mehr als 40 alternativen Schulen in Toronto, die meist aus der Initiative von Eltern entstanden sind und mit öffentlichen Mitteln finanziert werden. So gibt es Schulen für kanadische Ureinwohner oder für künstlerisch interessierte Kinder und sogar eine Schule für Schwule und Lesben.

Lloyd McKell sagt, Ziel der Schulbehörde sei es, "alle Barrieren zu beseitigen, die den Erfolg eines Schülers beeinträchtigen könnten". Die alternativen Schulen sind kein Widerspruch, sondern ein Teil dieser Philosophie des Lernens. Alle Schüler sollen die gleichen Möglichkeiten haben - unabhängig von ihrer sozialen oder kulturellen Herkunft. "Toleranz, die Akzeptanz von Vielfalt, verschiedenen Sprachen und Religionen ist ein Teil der kanadischen Identität."

Vielleicht ist dies das Geheimnis des Erfolgs des kanadischen Bildungssystems: Regelmäßig erreicht Kanada beim Pisa-Test einen Spitzenplatz, im Gegensatz zu Deutschland gelingt es dem Land, Zuwanderer und Risikoschüler erfolgreich zu fördern. Deutsche Bildungsforscher versuchen seit Jahren von Kanada zu lernen, weil das Land ein ähnliches föderales Bildungssystem hat. Die 13 Provinzen und Territorien entwickeln alle ihren eigenen Bildungsplan.

McKell sagt, dass es noch immer eine Kluft in Bezug auf die akademischen Erfolge von Kindern aus einkommensschwachen Familien und bestimmten ethnischen Gruppen gibt. Doch seine Behörde arbeitet daran, die Kluft zu schließen. Einwandererkinder bekommen ab der ersten Klasse Englisch-Förderunterricht. Gleichzeitig bieten Schulen nachmittags oft Kurse in den Muttersprachen der Kinder an, etwa in Chinesisch oder Portugiesisch. Noch orientiert sich das Schulsystem vor allem an europäischen Traditionen - aber das soll sich ändern.

In sozial schwachen Gegenden werden zusätzliche Lehrkräfte eingestellt, die intensiv mit Problemschülern arbeiten. Nachmittags werden in Problemschulen Freizeitaktivitäten und Hausaufgabenbetreuung angeboten, da viele Kinder zu Hause keine Ruhe haben und wenig gefördert werden. Ausflüge - etwa zu den Museen der Stadt - werden von der Stadt subventioniert.

Eine weitere wichtige Strategie ist es, eng mit Eltern zusammenzuarbeiten. Sie sollen lernen, wie sie ihre Kinder auch außerhalb der Schule fördern können "Bildung passiert auch zu Hause", sagt McKell.

Der afrizentrischen Schule ist die enge Einbindung der Eltern bereits gelungen. Genau wie ihre Kinder fühlen sie sich als Teil einer starken Gemeinschaft. Lernen wird hier als kollektive Aufgabe gesehen. Der aus Ghana stammende George Dei sagt, dass die Schule afrikanischen Traditionen folgt. "Im Westen stehen individuelle Leistungen im Vordergrund. Wir sehen uns als eine Gemeinschaft von Lernenden."

Sonntag, 7. Februar 2010

"Sie haben uns ausgenutzt"

Der Skandal um Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche in Deutschland weitet sich aus. Die Zahl möglicher Fälle ist bundesweit noch viel größer als bislang angenommen: Eine Umfrage des SPIEGEL bei allen 27 deutschen Bistümern ergab, dass seit 1995 mindestens 94 Kleriker und Laien unter Missbrauchsverdacht geraten sind. Zum Epizentrum des Skandals entwickelt sich das Berliner Canisius-Kolleg. Dort wurden die ersten Missbrauchsfälle öffentlich, täglich melden sich neue Betroffene. Der 54-jährige Ansgar Hocke war Zögling des Kollegs. Er selbst wurde zwar nie Opfer oder Zeuge sexueller Übergriffe, doch beschreibt er im Folgenden die teils düstere Atmosphäre an der kirchlichen Einrichtung:
 
Die Wut, nicht der Hass, sie löst sich nicht auf, sie wächst: Die öffentlichen Aussagen der zwei Täter Wolfgang S. und Bernhard E., mit denen ich Tage, Wochen, Monate meiner freien Zeit in der katholischen Jugendarbeit verbracht habe, mit denen ich als junger Mensch befreundet war, schockieren mich. Es geht dabei nicht um die Schwere oder das Ausmaß der Taten, die kann und will ich nicht einschätzen. Es geht darum, mit welchen Ansprüchen sie auftraten und was sie auf uns abluden. Meinen Glauben tangiert es schon gar nicht. Ich verweigere mich auch all den Unterstellungen, uns allen ginge es um einen Generalverdacht gegen die katholische Kirche und den Jesuitenorden. Es waren eben keine frömmelnden Himmelspiloten, es waren unsere Seelsorger.
 
Ich erinnere mich auf einmal wieder an Nachmittage, da war ich mit einem von ihnen im Wohntrakt des Berliner Canisius-Kollegs verabredet. Wir gingen an den alten dunklen rustikalen Möbeln vorbei. Jedes Mal war mir mulmig zumute in dieser Umgebung. Gemeinsam mit Wolfgang S. und Bernhard E. fuhr ich auf ein Dutzend Ferienlager und Seminare. Ich war knapp 18 Jahre alt. Eltern baten mich, auf einer Reise mit Schülern dabei zu sein.
 
Wir ahnten nichts. Wir hielten Wolfgang S. für ein wenig verklemmt, verschroben, aber er war nach außen kein Monster, das Potential seiner sexuellen Gewalt erahnten wir nicht. Dabei hätten wir es schon ahnen müssen.
 
Die Zeit der Patres in Soutane, die rumbrüllten, stockkonservativ den Katechismus als alleinige Richtschnur ansahen, lief Mitte der Siebziger langsam aus, so dachten jedenfalls viele Schüler am Canisius Kolleg damals. Vorbei die Sprüche: 'Das Kolleg, die letzte Bastion vor Russland', was einige Patres riefen. Oder: 'Macht der Schüler quatsche-quatsche, macht der Pater patsche-patsche'. Mitte der siebziger Jahre war Aufbruch, jetzt kamen die jungen, sportlichen Patres, so dachten viele. Wir sahen nicht, wie krank, wie labil Wolfgang S. und Bernhard E. waren. Einige von uns heulten sich auf einer Jugendfahrt nächtelang die Seele aus dem Leib. Wir fragten, warum, und erhielten keine Antwort.
 
Heute wissen wir, warum.

Wolfgang S., Bernhard E. und Pater R. waren offensichtlich eingesperrt in die Leib- und Sexualfeindlichkeit des Keuschheitsgelübdes. Sie konnten ihre Gefühle selbst nicht verstehen, aber die Leitung des Jesuitenordens hätte erkennen müssen, wen sie da in die Jugendarbeit schickten.

"Ich vertraute ihm ganz und gar"
 
  • Es gab offensichtlich keine Anlaufstelle, keine Supervision, alles war dem Zufall überlassen. Mit Wolfgang S. fuhr ich mit 15- und 16-jährigen Schülern des Canisius-Kollegs durch das Baskenland. Wir erfuhren etwas über die Unterdrückung dieses Volkes durch das Franco-Regime. Ich vertraute ihm ganz und gar, war begeistert von seinem Engagement für Folteropfer. Er passte in meine Vorstellung von einem Jesuiten.
  • Denn mit den weltoffenen, liberalen Jesuiten war ich aufgewachsen: Freunde meines Vaters, die alle zusammen im kirchlichen Widerstand gegen die Nazis aktiv gewesen waren. Wie sollte ich da diesen Jesuiten misstrauen? Wir fanden das Engagement von Wolfgang S. für die chilenischen Flüchtlinge in Berlin und für unsere offene Jugendarbeit toll. Doch er missbrauchte unser Vertrauen und das unserer Eltern. Unverantwortlich, dass die deutsche Provinz der Jesuiten ihn uns als geistlichen Leiter der Jugendarbeit zuteilte. 
  • Doch noch schlimmer war, dass Pater Bernhard E. aus Hannover 1976 sein Nachfolger wurde. Wir hatten einiges über seine Prügel-Exzesse gehört, aber keine Beweise. Die meisten von uns waren noch nicht volljährig, was sollten wir tun? Wir wehrten uns dagegen, dass er unser Jugendseelsorger werden sollte. Doch unsere Einsprüche wurden nicht gehört.
    Priester als ewig pubertierende Erwachsene

    Jeder Fall muss anders betrachtetet werden, ich wehre mich gegen Pauschalurteile. Warum aber konnte Pater R. neun Jahre isoliert von seinen Ordensbrüdern, Lehrern und Eltern agieren? In den von ihm benutzten Räumen herrschte Chaos, manchmal ging im sogenannten "Behandlungszimmer" die Tür nicht mehr richtig auf. R. war ein ewig pubertierender Erwachsener, der sich an Pubertierenden, Unmündigen verging. Er war ein krankhafter Einzelgänger, aber die Ordensstruktur deckte ihn.

    Er verknüpfte seine Taten mit Symbolen des Glaubens: Am Karfreitag, bei einer Kreuzwegstation, konfrontierte er die Schüler mit dem Bild einer nackten Frau, das er abgedeckt hinterlegt hatte. Es gab Fragebögen zur Sexualität mit harten Bildern geschmückt, um Schüler zu testen. Viele von uns waren Gruppenleiter, verantwortlich für die Jüngeren, und wir lebten damals schon anders als es die Amtskirche von uns verlangte. Meilenweit entfernt von jenem 6000 Worte umfassenden Papier, das zu Beginn des Jahres 1976 die katholische Kirche in Rom vorgelegt hatte: die 'Erklärung zu einigen Fragen der Sexualethik'. Nur die Zeugung menschlichen Lebens rechtfertigte nach Ansicht der Bischöfe die gegenseitige Hingabe.

    Die Kluft zwischen den Ansprüchen des Kirchenapparates und unserem Alltagsleben wurde immer größer. Wir durchbrachen Tabus und setzten uns ganz offen mit unseren sexuellen Bedürfnissen auseinander. Der voreheliche Geschlechtsverkehr widersprach für uns nicht der christlichen Lehre. Die jüngeren katholischen Priester der Jugendarbeit sahen, wie wir lebten. Wir lebten anders als es die Weisungen der Kirche vorsahen, Inhalt und Sprache dieses Dokuments verstanden wir nicht.

    "Ihre Perversitäten blieben uns verborgen"

    Wir hatten das Beispiel der Pillen-Enzyklika vor Augen und wussten doch längst, wie wenig die Worte aus Rom Richtschnur für den Alltag waren. Die Amtskirche hatte kein Verständnis für uns, und wir setzen die Hoffnung in die Jugendpfarrer. Dass diese aber völlig überfordert waren, orientierungslos mit ihrer eigenen Sexualität im Orden lebten, das sahen wir nicht. Es rechtfertigt aber auch nichts, denn diejenigen, die nicht 'enthaltsam' leben wollten, heirateten, verließen den Orden. Sie schrieben uns Abschiedsbriefe, in denen stand: 'Ich bin zur Einsicht gekommen, das zölibatere Leben aufzugeben, das bedeutet unter den gegebenen Umständen leider noch, dass ich aus dem Priesteramt ausscheiden muss.'

    Das Recht auf sexuelles Glück muss Teil des menschlichen Glücks sein. Das war unser Postulat, und wir wussten, dass die jungen Priester davon ausgeschlossen waren. Wir sahen oft ihre Hilflosigkeit. Ihre Perversitäten, ihre Komplexe blieben uns verborgen, andere litten darunter auf grausame Art und Weise.

    Die Priester glaubten felsenfest, mit ihrer theologischen Kompetenz über Gut und Böse menschlicher Sexualität urteilen zu dürfen. Sie hätten nie Pädagogen werden dürfen. Die Kirche litt noch in den siebziger Jahren an einer 'Masturbationspsychose'. Sie war den ewig gestrigen Sprüchen verfallen, Onanie verursache verkrüppelten Rücken und Schwachsinn. Zwar galt die Selbstbefriedigung nicht als Sünde, aber ein 'freiwilliger Gebrauch der Geschlechtskraft, außerhalb der normalen ehelichen Beziehungen, sei seiner Zielsetzung' nicht entsprechend.

    Nach dem Katechismus wurde und wird die Masturbation als eine falsche Handlung gebranntmarkt. Somit wurde das Kennenlernen des eigenen Geschlechts als teilweise doch sündhaft abgetan. Dies und nichts anderes glaubte der geistliche Nachwuchs, und er hatte uns in diesem Sinne zu unterweisen.

    Das Schlimme ist: Wolfgang S. und Bernhard E. spielten die modernen Priester. Sie gaben vor, uns zu verstehen. Letztendlich aber warteten sie darauf, unbewusst oder bewusst, ihr nächstes Opfer zu erwischen.

    Sie haben uns ausgenutzt. Und wir haben das Leid der Täter nicht sehen können, dafür waren wir zu jung."
     
    Aufgezeichnet von Peter Wensierski
 

Sonntag, 4. Oktober 2009

"Allah möge Sarrazin mehr Verstand geben"

Nach seinen umstrittenen Äußerungen über Türken und Araber nimmt der Druck auf Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin zu. Er sei als Vorstandsmitglied nicht mehr tragbar, teilte die Bundesbankgewerkschaft mit. Der stellvertretende Chef der türkischen Zentralbank rief in dieser Sache höheren Beistand an.
Zeitung: Sarrazin geht zur Bundesbank

Unter Druck: Thilo Sarrazin

Der Vizechef der türkischen Zentralbank hat die Äußerungen des Bundesbank-Vorstandsmitglieds Thilo Sarrazin über türkische Migranten kritisiert. „Allah möge ihm mehr Verstand geben“, sagte Ibrahim Turhan nach einer Meldung der Zeitung „Sabah“ vom Sonntag.

Der deutsch-türkische Politiker und Reiseunternehmer Vural Öger forderte den Ausschluss Sarrazins aus der SPD. Jemand wie Sarrazin könne nicht Mitglied der Sozialdemokraten bleiben, wurde Öger von mehreren türkischen Medien zitiert. Zuvor hatte schon die Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete Eva Högl ein Parteiausschlussverfahren gefordert.

Zuvor hatte Bundesbank-Präsident Axel Weber seinem Vorstandskollegen Sarrazin Konsequenzen nahegelegt. „Es geht hier nicht um Personen“, sagte Weber am Rande der IWF-Herbsttagung in Istanbul. „Es geht um Institutionen. Die Bundesbank ist eine in Deutschland mit hohem Ansehen verbundene Institution“, betonte er.

Jeder, der darin eine Funktion habe, müsse „sich seiner Verantwortung für diese Institution und für ihr entsprechendes Standing in der deutschen Öffentlichkeit bewusst sein“, fügte der Bundesbank-Präsident hinzu. Jeder müsse also „mit sich selbst ins Gericht gehen“, ob sein Handeln zur Förderung dieser Institution beitrage oder nicht.

„Ich sehe schon, dass hier ein Reputationsschaden entstanden ist“, sagte Weber mit Blick auf Sarrazins Äußerungen. Es gelte nun, diesen Schaden zu reparieren. Er verwies darauf, dass sich Sarrazin von seinen Äußerungen distanziert und entschuldigt habe. Diese Entschuldigung Sarrazins nannte Weber notwendig und angemessen.

Weber sprach dennoch insgesamt von einer „bedenklichen Entwicklung“ für die Bundesbank, die ihr geschadet habe. Dieses Verhalten sei nicht mit dem Verhaltenskodex der Deutschen Bundesbank vereinbar. Die Bundesbank-Gewerkschaft VdB schloss sich den Forderungen Webers an. Sarrazin habe dem Institut mit seinen Äußerungen erheblichen Schaden zugefügt, erklärte die Arbeitnehmervertretung am Sonntag.

„Insbesondere die ehrverletzende Art und Weise der Äußerungen sind mit dem Amt eines Vorstandsmitgliedes der Deutschen Bundesbank nicht vereinbar“, hieß es weiter. Die Gewerkschaft verwies darauf, dass jeder Mitarbeiter der Bank „bei ähnlichen Äußerungen mit schwersten dienstlichen Konsequenzen rechnen“ müsse. Es sei daher „schon aus Gleichbehandlungsgrundsätzen unabdingbar“, dass Sarrazin sein Amt zur Verfügung stelle, sagte der VdB-Bundesvorsitzende Harald Bauer.

Sarrazin hatte im Gespräch mit der Berliner Kulturzeitschrift „Lettre International“ unter anderem eine mangelnde Integration vor allem von Türken und Arabern in Berlin kritisiert. Zugleich hatte Sarrazin zum Rundumschlag gegen seine frühere Wirkungsstätte ausgeholt: Berlin sei insgesamt belastet durch zwei Faktoren: „der 68er-Tradition und dem Westberliner Schlamp-Faktor. Es gibt auch das Problem, dass vierzig Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden“, sagte Sarrazin in dem Interview.

Das SPD-Mitglied Sarrazin sitzt seit Mai im Vorstand der Bundesbank, der von der Bundesregierung bestellt wird und nur vom Bundespräsidenten entlassen werden kann. Der ehemalige Berliner Finanzsenator hat einen der drei Sitze, für die der Bundesrat Vorschläge macht.

Der 64-Jährige war vor seiner Berufung sieben Jahre Finanzsenator in Berlin und verpasste der hoch verschuldeten Hauptstadt einen rigiden Sparkurs. Schon in dieser Zeit war er mit provokanten Äußerungen aufgefallen. Das Verhältnis zwischen Sarrazin und Weber gilt seit langem als zerrüttet. Weber hatte sich bereits im Vorfeld intern wiederholt gegen die Ernennung des Berliners ausgesprochen. Für eine Entlassung durch den Bundespräsidenten ist ein Antrag des Bundesbank-Vorstands nötig, dem Weber vorsteht.

Auch in der SPD wächst der Unmut über das prominente Mitglied. Sarrazin müsse „sich überlegen, ob er zu den Grundwerten der SPD steht oder nicht“, sagte Christian Gäbler, Fraktionsgeschäftsführer der Partei im Berliner Abgeordnetenhaus und Vorsitzender von Sarrazins Kreisverband Charlottenburg- Wilmersdorf dem „Tagesspiegel am Sonntag“. Demnach wird sich die Schiedskommission des Kreisverbands mit dem Fall befassen.

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Sarrazins türkenfeindliche Tiraden lösen Entsetzen aus

Von Anne Seith, Frankfurt am Main

Sarrazin: Niemanden anerkennen, der "ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert"

"Geschmacklos", "unerhört", "durchgeknallt": Die Empörung über Bundesbankvorstand Sarrazin ist groß. Der ehemalige Berliner Finanzsenator hat in einem Interview über die Hauptstadt hergezogen - und über die dort lebenden Einwanderer. Migrantenverbände verlangen eine Entschuldigung.

Ein Meister der Diplomatie war er noch nie, aber so wie jetzt ist selbst Thilo Sarrazin noch nie aus der Rolle gefallen. "Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate", sagte der Bundesbankvorstand und Ex-Finanzsenator in Berlin in einem Interview mit der Kulturzeitschrift "Lettre International": "Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung. Ich habe dazu keine Lust bei Bevölkerungsgruppen, die ihre Bringschuld zur Integration nicht akzeptieren."

Es ist nur eines von zahlreichen Zitaten aus dem Gespräch über die Hauptstadt, das in Politik und Finanzwelt für Entsetzen sorgt. "Klasse statt Masse. Von der Hauptstadt der Transferleistungen zur Metropole der Eliten", ist der Artikel überschrieben, in dem Sarrazin über mehr als fünf Seiten hinweg mit seiner ehemaligen Wirkungsstätte abrechnet. Berlin sei belastet von der "68er-Generation" und dem "Westberliner Schlampfaktor", findet der Ex-Senator.

Für besondere Empörung sorgen jetzt vor allem die despektierlichen Beschreibungen der ausländischen Bevölkerung der Stadt. Er müsse "niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert", findet der Bundesbanker. "Das gilt für 70 Prozent der Türken und für 90 Prozent der arabischen Bevölkerung." "Türkische Wärmestuben" könnten die Stadt nicht voranbringen, sagte Sarrazin an anderer Stelle.

"Mit Maß und Mitte hat das nichts zu tun"

Man dürfe von Migranten nicht als Einheit reden, so Sarrazins These. Osteuropäer, Weißrussen, Ukrainer und Vietnamesen etwa seien durchaus "integrationswillig", sagt er. "Bei der Kerngruppe der Jugoslawen sieht man dann schon eher 'türkische' Probleme." Dazu gehört nach seiner Auffassung etwa Folgendes: "Ständig werden Bräute nachgeliefert." Seine Vorstellung wäre: "Generell kein Zuzug mehr außer für Hochqualifizierte und perspektivisch keine Transferleistungen mehr für Einwanderer."

Der niedersächsische Arbeitsminister Philipp Rösler (FDP), der vietnamesische Wurzeln hat, ist entsetzt. Man dürfe Probleme nicht schönreden, "aber das ist Polemik in die andere Richtung", sagt er. "Mit Maß und Mitte hat das nichts zu tun." Sarrazins Aussagen machten "alle Integrationsbemühungen der letzten fünf Jahre kaputt". Der Bundestagsabgeordnete und Grünen-Finanzexperte Gerhard Schick findet die Äußerungen "geschmacklos und diskriminierend", so etwas dürfe ein Bundesbankvorstand auch "als Privatmann nicht in die Öffentlichkeit husten". Der Grünen-Politiker Özcan Mutlu hält Sarrazin schlicht für "durchgeknallt". Die Aussagen seien "einfach nur peinlich": "In Berlin gibt es allein 6000 deutsch-türkische Unternehmer, die nahezu 20.000 Arbeitsplätze geschaffen haben", fügt Mutlu noch hinzu.

Sarrazin hat sich mittlerweile entschuldigt. Die Reaktionen zeigten, "dass nicht jede Formulierung in diesem Interview gelungen war. Mein Anliegen war es, die Probleme und Perspektiven der Stadt Berlin anschaulich zu beschreiben, nicht aber einzelne Volksgruppen zu diskreditieren", teilte er mit. Es sei ihm auch bewusst geworden, "dass Aussagen eines Vorstands der Deutschen Bundesbank wegen der besonderen Stellung der Person und der Institution von der Öffentlichkeit mit großer Aufmerksamkeit und Sensibilität wahrgenommen werden. Ich werde deshalb in Zukunft bei öffentlichen Äußerungen mehr Vorsicht und Zurückhaltung walten lassen".

Die Berliner Justiz hat bereits ein Ermittlungsverfahren gegen Sarrazin eingeleitet. Es werde der Anfangsverdacht der Volksverhetzung geprüft, sagte ein Sprecher der Berliner Polizei am Donnerstag. Die Bundesbank hatte sich schon vorher von den "diskriminierenden Äußerungen" ihres Vorstands "entschieden" distanziert. "Das Interview steht in keinerlei Zusammenhang mit den Aufgaben von Dr. Sarrazin bei der Bundesbank." Konsequenzen muss Sarrazin demnach wohl nicht fürchten.

Sarrazin für Entgleisungen bekannt

Dabei ist es nicht der erste Ausrutscher des schnodderigen SPD-Mannes. Sarrazin ist für seine derben Sprüche berühmt-berüchtigt. Über Berlin sagte der 64-Jährige schon früher: "Die Beamten laufen bleich und übelriechend herum, weil die Arbeitsbelastung so hoch ist." Ein weiterer Spruch lautet: "Wenn man sich das anschaut, ist das kleinste Problem von Hartz-IV-Empfängern das Untergewicht." Seine Tipps, wie Empfänger von Arbeitslosengeld II sich mit vier Euro täglich gesund ernähren können, sorgten bislang für die größte Welle der Empörung.

Sarrazin müsste also wissen, was er tut, wenn er über mehr als eine Seite lang seine Anschauungen zur Integrationspolitik darlegt. "Das klingt alles sehr stammtischnah", erklärt er denn auch einsichtig in dem Interview, behauptet aber: "Man kann das empirisch sehr sorgfältig nachzeichnen."

Die türkische Gemeinde in Berlin ist dementsprechend sauer über die einseitige Darstellung. "Das ist unerhört", sagte am Donnerstag der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, der Deutschen Presse-Agentur. "Sarrazin schießt häufig über das Ziel hinaus und macht sich keine Gedanken über die Auswirkungen seiner Aussagen."

Auch der Vorstandsvorsitzende der Türkisch-Deutschen Unternehmervereinigung (TDU), Hüsnü Özkanli, und der Sprecher des Türkischen Bunds Berlin-Brandenburg, Safter Cinar, reagierten entrüstet. Cinar sagte, die Aussagen Sarrazins seien einseitig und unüberlegt. "Das ist absolut unter der Gürtellinie und inhaltlich völliger Quatsch." Es gebe auch eine andere, erfolgreiche Seite. "Migranten mit höherer Bildung sind Politiker im Abgeordnetenhaus. Es gibt 80 türkischstämmige Ärzte, die in Berlin eine Praxis haben, und 70 türkische Anwälte."

Özkanli betonte: "Wir tragen zum deutschen Wirtschaftssystem bei, indem wir Ausbildungs- und Arbeitsplätze schaffen, unsere Jugend studiert", sagte er. "Was sollen wir sonst noch machen, um unseren Integrationswillen zu demonstrieren? Uns die Haare blond färben?"