Interkulturelle Nachrichten
Hier werden Informationen ausgebracht welche die Welt im kleinen bewegt.
Generell soll hier hintergründig informiert werden über Themen und Ereignisse, die wir, die lokale, nationale und internationale Gesellschaft (nicht immer) erfahren (wollen).
Freitag, 3. September 2010
Wulff will Merkels Okay zum Sarrazin-Rauswurf
Donnerstag, 2. September 2010
Sarrazin in der Enge
Wie sich der Provokateur verrannt hat
Berlin - Die Bundesbank will ihn loswerden. Die SPD auch. Die Politik errichtet ein Bollwerk gegen den Provokateur. Das ganze Land debattiert über sein Buch.
Und Thilo Sarrazin?
Hofft auf Rückhalt im Volk. Seine Migrationsthesen verfangen, das ist sein Kalkül - immer wieder führt er an, die Wissenschaft stütze seine Argumente.
Doch der Wind dreht. Zentrale Aussagen werden hinterfragt. Der Provokateur verliert die Kontrolle über seine eigene Debatte. Er muss sich inzwischen von seiner umstrittensten These distanzieren - dem Spruch über die Juden-Gene, und auch andere Behauptungen kann er nur schwerlich verteidigen. Ein Überblick.
- Kontrollverlust
Friedman: "Sarrazin reagierte zunehmend unwirsch auf mein Nachhaken. Er wollte sich den kritischen Fragen nicht stellen. Am Ende brach Sarrazins Presseagent das Interview entnervt ab." Dann soll Sarrazin gesagt haben: "Herr Friedman, heute waren sie ein Arschloch." Das Interview sei dann nicht gedruckt worden, weil Sarrazin es um kritische Passagen bereinigt habe wollen.
Sarrazins Version der Geschichte wurde nicht bekannt. Klar ist aber, dass er die Kontrolle über seine Botschaft, seine Debatte verloren hat und nun wegen ganz anderer Dinge in den Publikumsmedien steht.
Am Mittwochabend war er dann mit Friedman schon wieder in einer Talkshow - bei Frank Plasberg in der ARD.
- Rückzieher bei der Juden-These
Die Äußerung zu den Juden war ein Fehler - und so sieht es inzwischen auch Sarrazin selbst, erfuhr Plasbergs Publikum. "Das war erst mal ein Riesenunfug, was ich auch extrem bedauere", sagte der Bundesbanker, sprach dann von "Blackout" und "Dummheit" und verkündete: "Ich bin definitiv nicht der Ansicht, dass es eine genetische Identität gibt."
Es klang wie eine Rücknahme seiner umstrittenen Äußerungen - doch beeilte sich Sarrazin zu versichern, dass er inhaltlich nichts zu korrigieren habe. Er sei von der "Welt" auf Glatteis geführt worden. Und: "Ich habe aber nichts Falsches gesagt." Natürlich gebe es "genetische Ähnlichkeiten. Mir fiel zuerst das Beispiel der Juden ein, weil ich dazu kurz vorher einen Aufsatz gelesen hatte. Ich hätte sagen sollen: Ostfriesen oder Isländer, dann wär's kein Thema gewesen." Fazit Sarrazin: "Es war eine inhaltliche Dummheit, keine inhaltliche Falschheit."
Dass derlei lavierende Aussagen reichen, um die SPD vom Ausschlussverfahren abzubringen, darf bezweifelt werden. "Das ist, wie die rechte Hand zum Schwur zu heben und die Finger der anderen Hand hinter dem Rücken zu kreuzen", sagt Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD), der nie ein Feind von Sarrazzin war.
- Falsch verstandene Forscherin
Schon viele Wissenschaftler haben diese Argumentation auseinandergenommen. In der "FAZ" von diesem Donnerstag aber ist nun ein Interview mit der Zürcher Psychologin Elsbeth Stern zu lesen, auf die sich Sarrazin selbst stützt. Sie lehnt die Vereinnahmung durch Sarrazin strikt ab und wirft ihm indirekt Missbrauch ihrer Arbeiten vor: "Herr Sarrazin beruft sich auf Aussagen, die, aus dem Kontext gerissen und nicht korrekt wiedergegeben, zu Missverständnissen führen", sagt sie. "Er redet von 50 bis 80 Prozent Erblichkeit bei der Intelligenz. Das macht aber wissenschaftlich keinen Sinn." Man müsse von "Erblichkeit von Intelligenzunterschieden" sprechen. "Dazu müsste man verstanden haben, dass der Intelligenzquotient keine absolute Größe ist", sagt die Wissenschaftlerin. Das Interview liest sich wie eine Abrechnung:
Die Intelligenzforscherin Elsbeth Stern im Interview
Jeder kann das große Los ziehen
Thilo Sarrazin beruft sich für sein Programm der positiven Selektion auf die Lernforschung der Psychologin Elsbeth Stern. Sie lehnt diese Vereinnahmung ab. Es mache keinen Sinn, davon zu sprechen, Intelligenz sei zwischen 50 und 80 Prozent erblich.Die Zwillingsforschung zeigt: Gene haben eine große Bedeutung beim Zustandekommen von Intelligenzunterschieden
Frau Stern, Thilo Sarrazin erwähnt Sie in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ als einen seiner Kronzeugen. Fühlen Sie sich verstanden oder missverstanden?
Herr Sarrazin beruft sich auf Aussagen, die, aus dem Kontext gerissen und nicht korrekt wiedergegeben, zu Missverständnissen führen. Er redet von 50 bis 80 Prozent Erblichkeit bei der Intelligenz. Das macht aber wissenschaftlichen keinen Sinn. Man muss von Erblichkeit von Intelligenzunterschieden sprechen. Dazu müsste man verstanden haben, dass der Intelligenzquotient keine absolute Größe ist, sondern die relative Abweichung einer Person vom Mittelwert des Testverfahrens beschreibt. In wissenschaftlichen Untersuchungen möchte man wissen, wie viel Prozent der Unterschiede auf Unterschiede in den Genen zurückzuführen sind. Dies kann man in statistischen Analysen ermitteln, in denen eineiige und zweieiige zusammen aufgewachsene Zwillingspaare verglichen werden.
Was wurde dabei festgestellt?
In allen Studien findet man, dass eineiige Zwillingspaare eine deutlich höhere Übereinstimmung im IQ zeigen als zweieiige Zwillingspaare, obwohl beide Arten von Zwillingspaaren sehr ähnliche Erfahrungswelten haben (Gebärmutter, Kinderzimmer, Kita, Schule). Dies belegt die Bedeutung der Gene beim Zustandekommen von Unterschieden.. . . und macht das Intelligenz-Gen dingfest?
Nein, man darf sich kein Intelligenz-Gen vorstellen, welches das Bearbeiten eines Intelligenztests steuert. Die genetischen Voraussetzungen zur Entwicklung von Intelligenz und ihren Unterschieden, über die wir bisher nur ganz wenig Detailwissen haben, können sich nur bei entsprechenden Lerngelegenheiten entfalten.
Sie werden von Sarrazin mit der Aussage zitiert, „dass die optimale Förderung eines jeden Schülers nicht zu mehr Gleichheit, sondern zu mehr Ungleichheit führt. Denn je größer die Chancengleichheit, desto mehr schlagen die Gene durch. Eine gute Schule, das mag nicht jedem gefallen, produziert Leistungsunterschiede auf hohem Niveau.“ Was meinen Sie damit?
Eine gute Schule sorgt dafür, dass sich jeder entsprechend seinen Voraussetzungen zu seinem Optimum entwickeln kann. In einer guten Schule lernt jeder mehr als in einer nicht so guten Schule. Der Durchschnittswert steigt an. Gleichzeitig können Menschen, die besonders gute Voraussetzungen mitbringen, gute Lerngelegenheiten so effizient nutzen, dass sie sich damit eine neue Welt erschließen. Beispiel: Von einer Grundschule, die sehr guten Leseunterricht macht, profitieren alle Kinder, auch die Schwächsten. Die besten Kinder aber werden sich schon früh eigenständig Bücher besorgen, und sie bauen ihren Vorsprung aus. Wir müssen es positiv sehen, wenn alle besser werden und manche noch stärker zulegen.
Ihre Wissenschaft, die Experimentelle Psychologie, spricht vom menschlichen Optimum, als handele es sich um eine abrufbare Fixgröße. Wenn man diesen Tribut an die Expertensprache leistet, was sagen dann Gesellschaftsordnungen über den Einfluss der Gene aus?
Im Prinzip gilt: Je größer die Leistungsgerechtigkeit einer Gesellschaft ist, um so größer ist die Chance, dass Menschen mit guten genetischen Voraussetzungen ihr in den Genen angelegtes Potential für die Intelligenzentwicklung nutzen und beruflichen und schulischen Erfolg haben. In ungerechten Gesellschaften sind sozialer Hintergrund und Beziehungen wichtiger als Begabung. Kürzlich ist eine Untersuchung veröffentlicht worden, in der gezeigt wurde, dass Berufserfolg in Schweden stärker von den genetischen Voraussetzungen abhängt als in den Vereinigten Staaten. Das bestätigt unser Bild von Skandinavien als einer sozial durchlässigen Gesellschaft.
Was bringen solche sortierenden Kollektivbefunde, wenn man doch dem einzelnen Menschen nicht ansehen kann, wie viel Prozent seines geistigen Vermögens genetisch und wie viel Prozent anderweitig beeinflusst ist?
Gesellschaftspolitisch lassen sich dennoch Schlüsse ziehen. So manches Akademikerkind bleibt in den Schulleistungen hinter den Erwartungen zurück und nicht selten zeigen Intelligenztests, dass das Kind nicht das Potential der Eltern hat. Das mag zwar enttäuschend für die Eltern sein, aber die Vererbung von Intelligenz ist eine sehr komplexe Angelegenheit, wo etliche Zufälle bei der Bildung von Eizellen und Spermien sowie bei der Befruchtung eine Rolle spielen.
Ich erinnere mich an eine entsprechende Filmpointe von Woody Allen...
Wenn die Eltern dabei das große Los gezogen haben, ist es nicht wahrscheinlich, dass das in der nächsten Generation noch einmal passiert. Umgekehrt können auch weniger intelligente Eltern Erbsubstanz in sich tragen, die ihrem Nachwuchs in einer gerechten Gesellschaft zu ungeahnten Höhenflügen verhilft.
Wie zuverlässig lässt sich das erwähnte große Los, der Höhenflug, denn mit Hilfe von Intelligenztests messen? Anders gefragt: Welche Auskunft über das geistige Vermögen eines Menschen gibt die effiziente Bewältigung von Denksport- und Knobelaufgaben?
Intelligenztests geben Auskunft über das geistige Potential einer Person, aber sie sind nur ein Baustein der menschlicher Kompetenz. Für die meisten Anforderungen auch im akademischen Bereich muss man kein Überflieger sein, und ein Weniger an Intelligenz kann durch ein Mehr an Fleiß ausgeglichen werden. Um seine Intelligenz nutzen zu können, muss man sie in einen Anforderungsbereich oder in ein Fachgebiet investieren.
Machen Intelligenztests in den Hochzeiten von Hirnforschung und Kognitionswissenschaft nicht doch einen etwas altbackenen Eindruck? Muss man nicht gar von einer speziellen Idiotie der Intelligenztests sprechen?
Das sehe ich anders. Wenn wie das Lernpotential einer Person in einem für sie neuen Gebiet vorhersagen wollen, dann sind Intelligenztests besser geeignet als alle anderen diagnostischen Maßnahmen. Mit nicht-sprachlichen Intelligenztests würde man auch manches begabte Immigrantenkind identifizieren können, das aufgrund seiner unzureichenden Sprachkompetenz falsch eingestuft wird. Es sind in Deutschland Fälle von straffällig gewordenen Migranten mit Hauptschulabschluss verbürgt, wo erst der Gefängnispsychologe eine Hochbegabung festgestellt hat.
Wird es im Sinne Sarrazins zu einem Einbruch des Durchschnitts-IQ in Deutschland kommen, wenn Menschen, die sich in der unteren Hälfte der Intelligenzverteilung befinden, mehr Kinder bekommen?
Nein. Vielmehr gehen wir davon aus, dass bei der Ausbildung und Entwicklung von Intelligenz sehr viele über alle Chromosomen verteilte Gene zusammenwirken. Eltern und Kinder zeigen nur eine mittelhohe Übereinstimmung im Intelligenzquotienten. Unterdurchschnittlich intelligente Eltern können überdurchschnittlich intelligente Kinder haben und umgekehrt. Das Ungleichgewicht in der Fortpflanzung müsste noch über viele Generationen gehen, bevor der IQ merklich absinkt. Die größte Gefahr für eine gesellschaftliche Verdummung besteht darin, dass soziale Herkunft für Schul- und Berufserfolg wichtiger ist als Intelligenz und Begabung.
Das Gespräch führte Christian Geyer.
In der "Zeit" griff die Intelligenzforscherin selbst zur Feder, um Sarrazin zu widersprechen. "Mit seinem mehrfach wiederholten Satz 'Intelligenz ist zu 50 bis 80 Prozent erblich' zeigt Thilo Sarrazin, dass er Grundlegendes über Erblichkeit und Intelligenz nicht verstanden hat. Deshalb muss man auch viele seiner Folgerungen infrage stellen", schreibt sie. Das sitzt.
- Faktenzweifel
Generell werden immer neue Zweifel an Sarrazins Argumentationsmethoden laut. Sein Buch wimmelt nur so von Zahlen - sie sollen vor allem seine zentrale These belegen, dass Deutschland sich durch Überfremdung abschaffe. Aber sind die Zahlen richtig?
Plasbergs Redaktion nahm sich eine Schätzung aus Sarrazins Buch vor, der zufolge der Anteil der Migranten an der deutschen Bevölkerung langfristig dramatisch wachsen wird. Sarrazin geht dabei davon aus, dass Geburten- und Zuwanderungsraten über 120 Jahre konstant bleiben. In 120 Jahren würden dann 71,5 Prozent der Menschen in Deutschland aus der Türkei, anderen Staaten des Nahen und Mittleren Ostens oder Afrika stammen, behauptet er und beruft sich auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes.
Eben jenes Statistische Bundesamt lieferte der Redaktion dagegen eine andere Rechnung. Die Beamten legten Sarrazins Annahmen einer konstanten Geburten- und Zuwanderungsrate einfach auf die vergangenen 120 Jahre um. Auf der Basis von 1890 gerechnet, müssten heute rund 253 Millionen Menschen in Deutschland leben - etwa dreimal so viele wie tatsächlich. "Mehr als fragwürdig" seien die langfristigen Prognosen des Bundesbankers, schlussfolgerten die Bundesstatistiker, denn es seien nun mal zwei Weltkriege, die Pille und einige andere Faktoren dazwischengekommen. Die Botschaft: Solch langfristige Vorhersagen sind unmöglich bis unredlich. Sarrazin hatte dem in der Sendung inhaltlich wenig entgegenzusetzen und verwies darauf, er habe den Charakter der Schätzung im Text ja kenntlich gemacht.
Am Ende blieb die Frage im Raum, ob und wie weit sich Sarrazin die Fakten hingerückt hat, damit sie seine Argumentation stützen. Kritiker weisen darauf hin, dass man die Geschichte der Migration und Integration in Deutschland womöglich auch andersrum schreiben könnte. Dass immer mehr türkische Einwanderer nach Deutschland kommen, ist zum Beispiel schlicht falsch.
Der neueste Migrationsbericht der Bundesregierung notiert: 2008 gab es in der Bundesrepublik 28.742 Zuzüge von Türken - und 34.843 Fortzüge.
Die Intelligenzforscherin Elsbeth Stern im Interview
Jeder kann das große Los ziehen
Thilo Sarrazin beruft sich für sein Programm der positiven Selektion auf die Lernforschung der Psychologin Elsbeth Stern. Sie lehnt diese Vereinnahmung ab. Es mache keinen Sinn, davon zu sprechen, Intelligenz sei zwischen 50 und 80 Prozent erblich.Die Zwillingsforschung zeigt: Gene haben eine große Bedeutung beim Zustandekommen von Intelligenzunterschieden
. . . und macht das Intelligenz-Gen dingfest?
Nein, man darf sich kein Intelligenz-Gen vorstellen, welches das Bearbeiten eines Intelligenztests steuert. Die genetischen Voraussetzungen zur Entwicklung von Intelligenz und ihren Unterschieden, über die wir bisher nur ganz wenig Detailwissen haben, können sich nur bei entsprechenden Lerngelegenheiten entfalten.Sie werden von Sarrazin mit der Aussage zitiert, „dass die optimale Förderung eines jeden Schülers nicht zu mehr Gleichheit, sondern zu mehr Ungleichheit führt. Denn je größer die Chancengleichheit, desto mehr schlagen die Gene durch. Eine gute Schule, das mag nicht jedem gefallen, produziert Leistungsunterschiede auf hohem Niveau.“ Was meinen Sie damit?
Eine gute Schule sorgt dafür, dass sich jeder entsprechend seinen Voraussetzungen zu seinem Optimum entwickeln kann. In einer guten Schule lernt jeder mehr als in einer nicht so guten Schule. Der Durchschnittswert steigt an. Gleichzeitig können Menschen, die besonders gute Voraussetzungen mitbringen, gute Lerngelegenheiten so effizient nutzen, dass sie sich damit eine neue Welt erschließen. Beispiel: Von einer Grundschule, die sehr guten Leseunterricht macht, profitieren alle Kinder, auch die Schwächsten. Die besten Kinder aber werden sich schon früh eigenständig Bücher besorgen, und sie bauen ihren Vorsprung aus. Wir müssen es positiv sehen, wenn alle besser werden und manche noch stärker zulegen.Ihre Wissenschaft, die Experimentelle Psychologie, spricht vom menschlichen Optimum, als handele es sich um eine abrufbare Fixgröße. Wenn man diesen Tribut an die Expertensprache leistet, was sagen dann Gesellschaftsordnungen über den Einfluss der Gene aus?
Im Prinzip gilt: Je größer die Leistungsgerechtigkeit einer Gesellschaft ist, um so größer ist die Chance, dass Menschen mit guten genetischen Voraussetzungen ihr in den Genen angelegtes Potential für die Intelligenzentwicklung nutzen und beruflichen und schulischen Erfolg haben. In ungerechten Gesellschaften sind sozialer Hintergrund und Beziehungen wichtiger als Begabung. Kürzlich ist eine Untersuchung veröffentlicht worden, in der gezeigt wurde, dass Berufserfolg in Schweden stärker von den genetischen Voraussetzungen abhängt als in den Vereinigten Staaten. Das bestätigt unser Bild von Skandinavien als einer sozial durchlässigen Gesellschaft.Was bringen solche sortierenden Kollektivbefunde, wenn man doch dem einzelnen Menschen nicht ansehen kann, wie viel Prozent seines geistigen Vermögens genetisch und wie viel Prozent anderweitig beeinflusst ist?
Gesellschaftspolitisch lassen sich dennoch Schlüsse ziehen. So manches Akademikerkind bleibt in den Schulleistungen hinter den Erwartungen zurück und nicht selten zeigen Intelligenztests, dass das Kind nicht das Potential der Eltern hat. Das mag zwar enttäuschend für die Eltern sein, aber die Vererbung von Intelligenz ist eine sehr komplexe Angelegenheit, wo etliche Zufälle bei der Bildung von Eizellen und Spermien sowie bei der Befruchtung eine Rolle spielen.Ich erinnere mich an eine entsprechende Filmpointe von Woody Allen...
Wenn die Eltern dabei das große Los gezogen haben, ist es nicht wahrscheinlich, dass das in der nächsten Generation noch einmal passiert. Umgekehrt können auch weniger intelligente Eltern Erbsubstanz in sich tragen, die ihrem Nachwuchs in einer gerechten Gesellschaft zu ungeahnten Höhenflügen verhilft.Wie zuverlässig lässt sich das erwähnte große Los, der Höhenflug, denn mit Hilfe von Intelligenztests messen? Anders gefragt: Welche Auskunft über das geistige Vermögen eines Menschen gibt die effiziente Bewältigung von Denksport- und Knobelaufgaben?
Intelligenztests geben Auskunft über das geistige Potential einer Person, aber sie sind nur ein Baustein der menschlicher Kompetenz. Für die meisten Anforderungen auch im akademischen Bereich muss man kein Überflieger sein, und ein Weniger an Intelligenz kann durch ein Mehr an Fleiß ausgeglichen werden. Um seine Intelligenz nutzen zu können, muss man sie in einen Anforderungsbereich oder in ein Fachgebiet investieren.Machen Intelligenztests in den Hochzeiten von Hirnforschung und Kognitionswissenschaft nicht doch einen etwas altbackenen Eindruck? Muss man nicht gar von einer speziellen Idiotie der Intelligenztests sprechen?
Das sehe ich anders. Wenn wie das Lernpotential einer Person in einem für sie neuen Gebiet vorhersagen wollen, dann sind Intelligenztests besser geeignet als alle anderen diagnostischen Maßnahmen. Mit nicht-sprachlichen Intelligenztests würde man auch manches begabte Immigrantenkind identifizieren können, das aufgrund seiner unzureichenden Sprachkompetenz falsch eingestuft wird. Es sind in Deutschland Fälle von straffällig gewordenen Migranten mit Hauptschulabschluss verbürgt, wo erst der Gefängnispsychologe eine Hochbegabung festgestellt hat.Wird es im Sinne Sarrazins zu einem Einbruch des Durchschnitts-IQ in Deutschland kommen, wenn Menschen, die sich in der unteren Hälfte der Intelligenzverteilung befinden, mehr Kinder bekommen?
Nein. Vielmehr gehen wir davon aus, dass bei der Ausbildung und Entwicklung von Intelligenz sehr viele über alle Chromosomen verteilte Gene zusammenwirken. Eltern und Kinder zeigen nur eine mittelhohe Übereinstimmung im Intelligenzquotienten. Unterdurchschnittlich intelligente Eltern können überdurchschnittlich intelligente Kinder haben und umgekehrt. Das Ungleichgewicht in der Fortpflanzung müsste noch über viele Generationen gehen, bevor der IQ merklich absinkt. Die größte Gefahr für eine gesellschaftliche Verdummung besteht darin, dass soziale Herkunft für Schul- und Berufserfolg wichtiger ist als Intelligenz und Begabung.Sonntag, 29. August 2010
Die Gene sind schuld
Thilo Sarrazin, der Eugeniker
Mittwoch, 18. August 2010
Frankreichs Aktionen gegen Roma: Sündenböcke auf die Müllkippe
Razzia in Harmes, 200 Kilometer nördlich von der französischen Hauptstadt: Die Polizei räumt in der kleinen Ortschaft des Departements Pas-de-Calais ein Roma-Lager, 16 Personen werden festgenommen, um ihre Aufenthaltsgenehmigungen zu überprüfen. Gleichzeitig werden in Tremblay-en-France, unweit von Paris, 84 Roma gezwungen, ein Fläche zu verlassen, die der Stadt gehört, während in Bordeaux Wohnwagen ein städtisches Ausstellungsgelände blockieren. Dort waren die Roma am Wochenende von ihren Stellplätzen vertrieben worden. Die Aktionen haben Methode: Die Regierung Sarkozy hat beim Kampf gegen die Kriminalität neue Sündenböcke gefunden.
Innenminister Brice Hortefeux, einer der beiden Wortführer, verkündete triumphierend, man habe "40 illegale Lager in zwei Wochen geschlossen". Die Maßnahmen beträfen "700 Personen, die in ihre Abstammungsländer zurückgeführt werden". Für Hortefeux ist es eine Erfolgsbilanz. Er will hart durchgreifen gegen die Roma, die er politisch korrekt stets als "Landfahrer" bezeichnet.
Und Hortefeux ist nicht allein. Kabinettkollege Christian Estrosi, Industrieminister und im Nebenamt Bürgermeister der Hafenstadt Nizza, stimmt mit ein. "Städte, die ihre Sicherheitsauflagen nicht erfüllen, so mein Vorschlag, sollten zu hohen Geldstrafen verurteilt werden", ereiferte er sich kürzlich. Und das soll wohl heißen: Macht eine Kommune nicht mit beim unnachgiebigen Kurs gegen die Roma, gibt es Ärger. Am Montag präzisierte der Konservative und attackierte den politischen Gegner direkt: Er spreche vor allem auch jene sozialistischen Rathäuser an, die "bei der Verbrechensprävention nicht voll und ganz ihre Rolle spielen".
Der Populist und sein Hilfssheriff
Das sorgt für Schlagzeilen. Denn mit ihren kalkulierten Provokationen bringt sich das konservative Kabinettsduo in der Sommerpause immer wieder ins Gespräch: Hortefeux, ein persönlicher Freund Sarkozys, seit die beiden ihre gemeinsame Karriere bei der konservativen Parteijugend begannen, übt sich in martialischem Auftreten und predigt schärfere, wahlweise ganz neue Gesetze. Er bringt sich als "oberster Flic Frankreichs" ins Gespräch, als unnachgiebigster aller Ordnungshüter.
Es ist dasselbe Kalkül, das sich einst Staatschef Sarkozy zunutze machte, um an mediale Aufmerksamkeit zu kommen. Nun reist eben Hortefeux durch die Republik und verkündet sein Allheilmittel gegen die Kriminalität: härteres Durchgreifen.
Und Estrosi gefällt sich in der Rolle des Hilfssheriffs. Als Minister ist er bislang nur durch mäßige Leistungen aufgefallen, als Bürgermeister von Nizza als Liebhaber städtischer Überwachungskameras. Hemmungen vor markigen Worten hat Estrosi nicht. Hauptsache, seine Vorstöße sorgen für mediale Resonanz - und gefallen dem Präsidenten, der Estrosi aus dem Urlaub wohlwollend mit Lob bedachte.
Die wichtigste Aufgabe der beiden Gefolgsleute des Präsidenten scheint jedoch, die Debatte um das Dauerthema innere Sicherheit auf der politischen Agenda ganz oben zu halten. Dabei bedienen sie sich altbekannter Mittel: Sie vermengen die Angst vor Kriminalität mit fremdenfeindlichen Ressentiments, lenken zugleich von der Negativbilanz der Regierung ab und bringen damit die Opposition unter Zugzwang. Die Sozialisten wollen eigentlich erst Anfang nächsten Jahres ihr Konzept zur inneren Sicherheit vorstellen.
"Die Landfahrer stehen nicht über dem Gesetz"
Ursprünglicher Anlass für die Debatte war ein Vorfall Mitte Juli, als unter noch ungeklärten Umständen in der mittelfranzösischen Gemeinde Saint-Aignan ein junger Rom von Gendarmen getötet wurde. Daraufhin stürmten rund 50 mit Knüppeln und Eisenstangen bewaffnete Personen die örtliche Polizeiwache. Mehrere Autos gingen im Flammen auf, in einem benachbarten Dorf wurde ein Versammlungssaal in Brand gesteckt.
Der hässliche Vorfall störte nicht nur den ländlichen Frieden, sondern schreckte auch die Regierung in Paris auf. Bei der letzten Sitzung vor der Sommerpause beschloss das Kabinett harte Sanktionen gegen illegale Roma - die Räumung von "illegalen Lagern" und die "Rückführung" von Ausländern ohne reguläre Aufenthaltserlaubnis. "Die Landfahrer stehen nicht über dem Gesetz", donnerte Hortefeux und behauptete, dass sich die "methodischen" Aktionen auszahlten.
Einen anderen Vorfall - in Grenoble war es ebenfalls Mitte Juli nach dem Tod eines Einbrechers zu gewaltsamen Ausschreitungen gekommen - nutzte Staatschef Sarkozy persönlich, um den "Krieg" gegen Kriminalität und Gewalt auszurufen. Das war der Startschuss zu der Sommer-Kampagne, die sich allerdings als politischer Bumerang erweisen könnte. Denn das rigorose Vorgehen gegen die Roma, von denen viele die französische Staatsbürgerschaft besitzen, sorgt nicht nur bei der Opposition für Empörung. Selbst Konservative sind aufgebracht.
Warum die Methode Hortefeux selbst Parteifreunde schockiert
Frankreichs Sozialisten rügen den Übereifer des Innenministers, die Grünen sprechen von "schändlichen Vertreibungen", und Daniel Cohn-Bendit, EU-Abgeordneter der europäischen Grünen, sieht darin einen "Populismus der Ausgrenzung, um die harten Rechten an Bord zu holen - auf Kosten von Minderheiten".
Und auch aus den eigenen Reihen kommt Kritik. "Diese Politik ist schockierend", sagt François Goulard, Abgeordneter der Regierungspartei UMP aus dem bretonischen Département Morbihan. Sein Kollege Jean-Pierre Grand fühlt sich gar an die Massenverhaftungen im Zweiten Weltkrieg erinnert. Er ist entsetzt, "dass die Familien von den Sicherheitskräften aussortiert wurden - auf der einen Seite die Männer, auf der anderen Seite die Frauen, mit der Drohung, sie von ihren Kindern zu trennen".
Die Debatte zeigt auch, wie wenig Erfolg die Regierung Sarkozy bei der Bekämpfung von organisierten Banden und gewöhnlicher Alltagskriminalität hat. Zwar weist die Verbrechensstatistik insgesamt einen Rückgang auf - vor allem bei Einbrüchen und Wirtschaftsdelikten -, aber die Körperverletzungen hat nach Angaben des Nationalen Büros für Kriminalität das höchste Niveau seit 1996 erreicht.
Vertreter der Polizeigewerkschaft machen dafür vor allem den Präsidenten selbst verantwortlich. Als Innenminister hatte sich Sarkozy bei den Sicherheitskräften mit besserer Ausrüstung und Bezahlung beliebt gemacht. Als Präsident verordnete er hingegen einen drastischen Abbau der Ordnungshüter: 9121 Stellen wurden in den drei vergangenen Jahren gestrichen, bis 2012 sollen 3500 weitere Stellen verschwinden.
Demonstration der "Entschlossenheit" allerorten
Angesichts dieser Entwicklung zeigen sich nun jene sozialistischen Bürgermeister empört, die Industrieminister Estrosi so eloquent mangelnder Tatkraft bezichtigt hatte. Und selbst UMP-Mann Jacques Pélissard, Präsident der Vereinigung von Frankreichs Bürgermeistern, findet Estrosis Vorwurf überzogen. Die geplanten Sanktionen seien "weder realistisch noch anwendbar", sagte er. So viel Widerstand kam dann auch bei Estrosis Krawall-Kumpan Hortefeux an, der am Dienstag bei einem Abstecher nach Toulon leisere Töne anschlug. "Die Bürgermeister sind die natürlichen Partner des Staates, mit denen wir einen respektvollen Umgang pflegen."
Allen Höflichkeiten zum Trotz dringt die Regierung nun bei der Räumung der Roma-Lager auf ein Exempel. Nachdem Roma-Vertreter sich in Bordeaux gegen den Umsiedelung auf ein Grundstück neben einer Müllhalde gewehrt hatten und vor Gericht zogen, zeigte sich die lokale Präfektur unnachgiebig. Die staatlichen Behörden garantierten die "Achtung der öffentlichen Ordnung", versicherte Jean-Marc Falcone. Und das will er als "Botschaft des Entgegenkommens ebenso wie eine Botschaft der Entschlossenheit" verstanden wissen.
Sein oberster Dienstherr in Paris, Innenminister Hortefeux, demonstriert ebenfalls "Entschlossenheit": Er kündigte die erste "Rückführung" von Roma an. 79 Personen werden am Donnerstag per Chartermaschine "freiwillig" nach Bukarest befördert. Weitere Flüge sollen folgen.
Donnerstag, 6. Mai 2010
Der perfekte Deutsche darf nicht als Zahnarzt arbeiten
Er sagt: "Ich liebe die Demokratie in diesem Land", ist gut ausgebildet, fleißig, will arbeiten. Zähne behandeln darf Sherif Mikhail in Deutschland trotzdem nicht.
Mittwoch, 7. April 2010
Angeblich Randale im Millerntorstadion von Menschen mit Migrationshintergund!
Hier die Schilderung, was wirklich geschah:
Es war eine fröhliche und ausgelassene Feier. Mehrere hundrt Jugendliche feierten friedlich und die Stimmung war sehr ausgelassen. Leider kam es zwischen zwei Personen gegen 03:30Uhr zu einem Streit. Im Laufe des Streites wurden leider von sehr stark alkoholisierten Jugendlichen Messer vom Bufet genommen. Sie wollten sich nur wehren. Auf Grund der Alkoholisierung konnten sie die Lage nicht genau einschätzen. Vier andere Jugendliche wurden leicht verletzt. Die Angelegnheit hätte untereinander geklärt werden können, ohne dass rassistische Hetze in den Medien entsteht.
Allerdings waren die Türsteher einer Sicherheitsfirma, ich möchte sie nicht nennen, beschäftigt aber viele Nazis und teilweise auch ex- Bullen, hoffnungslos überfordert. Sie riefen natürlich die Bullen. Und die kamen auch. Mit einer ganzen Armee!!
Es erschien ein Veranstalter und bot den Bullen an, die Beteiligten zu bennen, damit die sache unauffällig geklärt werden könne. Dann hätten die anderen ausgelassen weiterfeiern können. Währen es Naizis, wäre es so gelaufen. Hier aber nicht.
Wie eine Horde Berserker stürmten die Bullen die Veranstaltung und lösten eine Panik aus. Ein sehr großer Teil wusste gar nicht was los war. Es wurde ihnen auch nicht gesagt. Es wurden keine Durchsagen auf deutsch oder türkisch gemacht. Es wurde lieber eine Panik in Kauf genommen!!
Es wurde nur gesagt alle müssten die Veranstaltung verlassen und ihre Personalien angeben. Warum, wurde nicht gesagt. Alle wurde behandelt wie Verbrecher!
Hinzu kommt, dass die Bullen nur abfällig und mit rassistischen Ausdrücken die Jugendlichen ansprachen (Ey Kanacke, gib deinen Ausweis". Es wurde zu keinem Zeitpunkt versucht, deeskalierend zu wirken. Es wurden von en Bullen auch Sprüchen gehört, die auf eine gewollte Eskalation hindeuteten.
Heftig waren auch die Sprüche der restelichen Bullen. Diese lassen auf eine gewollte Eskalation schließen. ("Boah ey, wo bleibt die Verstärkung, damit es richtig abgeht"). Ein anderer Bulle wurde gesehen, wie er sich Pillen einwarf.
Es stelen sich viele Fragen, die den Einsatzn in einem anderen Licht erscheinen lassen:
Warum wurden die angeblich von weit her kommenden Bundesbullen bereits eine Stunde vor der Aktion in der Innenstadt gesehen?
Warum wurde eine Stunde vor der Aktion der Bullenknast in der Stresemannstraße "einsatzbereit" gemacht?
Warum waren in der Nacht mehr Bullen als sonst im Dienst?
Wiso waren alle Bullen fastleichzeitig vor Ort wenn sie doch aus ganz Hamburg kommmen sollten?
All diese Fragen lassen nur einen Schluss zu: Jugendliche mit Migrationshintergrund sollen kriminalisiert werden, um sie in ein schlechtes Licht zu rücken! Die Verantworltichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden!
Positives Umfeld: Kanadas schwarze Schule
Foto: Michele Sandberg
Lizenz: CC-BY
Sonntag, 7. Februar 2010
"Sie haben uns ausgenutzt"
- Es gab offensichtlich keine Anlaufstelle, keine Supervision, alles war dem Zufall überlassen. Mit Wolfgang S. fuhr ich mit 15- und 16-jährigen Schülern des Canisius-Kollegs durch das Baskenland. Wir erfuhren etwas über die Unterdrückung dieses Volkes durch das Franco-Regime. Ich vertraute ihm ganz und gar, war begeistert von seinem Engagement für Folteropfer. Er passte in meine Vorstellung von einem Jesuiten.
- Denn mit den weltoffenen, liberalen Jesuiten war ich aufgewachsen: Freunde meines Vaters, die alle zusammen im kirchlichen Widerstand gegen die Nazis aktiv gewesen waren. Wie sollte ich da diesen Jesuiten misstrauen? Wir fanden das Engagement von Wolfgang S. für die chilenischen Flüchtlinge in Berlin und für unsere offene Jugendarbeit toll. Doch er missbrauchte unser Vertrauen und das unserer Eltern. Unverantwortlich, dass die deutsche Provinz der Jesuiten ihn uns als geistlichen Leiter der Jugendarbeit zuteilte.
- Doch noch schlimmer war, dass Pater Bernhard E. aus Hannover 1976 sein Nachfolger wurde. Wir hatten einiges über seine Prügel-Exzesse gehört, aber keine Beweise. Die meisten von uns waren noch nicht volljährig, was sollten wir tun? Wir wehrten uns dagegen, dass er unser Jugendseelsorger werden sollte. Doch unsere Einsprüche wurden nicht gehört.Priester als ewig pubertierende ErwachseneJeder Fall muss anders betrachtetet werden, ich wehre mich gegen Pauschalurteile. Warum aber konnte Pater R. neun Jahre isoliert von seinen Ordensbrüdern, Lehrern und Eltern agieren? In den von ihm benutzten Räumen herrschte Chaos, manchmal ging im sogenannten "Behandlungszimmer" die Tür nicht mehr richtig auf. R. war ein ewig pubertierender Erwachsener, der sich an Pubertierenden, Unmündigen verging. Er war ein krankhafter Einzelgänger, aber die Ordensstruktur deckte ihn.Er verknüpfte seine Taten mit Symbolen des Glaubens: Am Karfreitag, bei einer Kreuzwegstation, konfrontierte er die Schüler mit dem Bild einer nackten Frau, das er abgedeckt hinterlegt hatte. Es gab Fragebögen zur Sexualität mit harten Bildern geschmückt, um Schüler zu testen. Viele von uns waren Gruppenleiter, verantwortlich für die Jüngeren, und wir lebten damals schon anders als es die Amtskirche von uns verlangte. Meilenweit entfernt von jenem 6000 Worte umfassenden Papier, das zu Beginn des Jahres 1976 die katholische Kirche in Rom vorgelegt hatte: die 'Erklärung zu einigen Fragen der Sexualethik'. Nur die Zeugung menschlichen Lebens rechtfertigte nach Ansicht der Bischöfe die gegenseitige Hingabe.Die Kluft zwischen den Ansprüchen des Kirchenapparates und unserem Alltagsleben wurde immer größer. Wir durchbrachen Tabus und setzten uns ganz offen mit unseren sexuellen Bedürfnissen auseinander. Der voreheliche Geschlechtsverkehr widersprach für uns nicht der christlichen Lehre. Die jüngeren katholischen Priester der Jugendarbeit sahen, wie wir lebten. Wir lebten anders als es die Weisungen der Kirche vorsahen, Inhalt und Sprache dieses Dokuments verstanden wir nicht."Ihre Perversitäten blieben uns verborgen"Wir hatten das Beispiel der Pillen-Enzyklika vor Augen und wussten doch längst, wie wenig die Worte aus Rom Richtschnur für den Alltag waren. Die Amtskirche hatte kein Verständnis für uns, und wir setzen die Hoffnung in die Jugendpfarrer. Dass diese aber völlig überfordert waren, orientierungslos mit ihrer eigenen Sexualität im Orden lebten, das sahen wir nicht. Es rechtfertigt aber auch nichts, denn diejenigen, die nicht 'enthaltsam' leben wollten, heirateten, verließen den Orden. Sie schrieben uns Abschiedsbriefe, in denen stand: 'Ich bin zur Einsicht gekommen, das zölibatere Leben aufzugeben, das bedeutet unter den gegebenen Umständen leider noch, dass ich aus dem Priesteramt ausscheiden muss.'Das Recht auf sexuelles Glück muss Teil des menschlichen Glücks sein. Das war unser Postulat, und wir wussten, dass die jungen Priester davon ausgeschlossen waren. Wir sahen oft ihre Hilflosigkeit. Ihre Perversitäten, ihre Komplexe blieben uns verborgen, andere litten darunter auf grausame Art und Weise.Die Priester glaubten felsenfest, mit ihrer theologischen Kompetenz über Gut und Böse menschlicher Sexualität urteilen zu dürfen. Sie hätten nie Pädagogen werden dürfen. Die Kirche litt noch in den siebziger Jahren an einer 'Masturbationspsychose'. Sie war den ewig gestrigen Sprüchen verfallen, Onanie verursache verkrüppelten Rücken und Schwachsinn. Zwar galt die Selbstbefriedigung nicht als Sünde, aber ein 'freiwilliger Gebrauch der Geschlechtskraft, außerhalb der normalen ehelichen Beziehungen, sei seiner Zielsetzung' nicht entsprechend.Nach dem Katechismus wurde und wird die Masturbation als eine falsche Handlung gebranntmarkt. Somit wurde das Kennenlernen des eigenen Geschlechts als teilweise doch sündhaft abgetan. Dies und nichts anderes glaubte der geistliche Nachwuchs, und er hatte uns in diesem Sinne zu unterweisen.Das Schlimme ist: Wolfgang S. und Bernhard E. spielten die modernen Priester. Sie gaben vor, uns zu verstehen. Letztendlich aber warteten sie darauf, unbewusst oder bewusst, ihr nächstes Opfer zu erwischen.Sie haben uns ausgenutzt. Und wir haben das Leid der Täter nicht sehen können, dafür waren wir zu jung."Aufgezeichnet von Peter Wensierski
Sonntag, 4. Oktober 2009
"Allah möge Sarrazin mehr Verstand geben"
Unter Druck: Thilo Sarrazin
Der deutsch-türkische Politiker und Reiseunternehmer Vural Öger forderte den Ausschluss Sarrazins aus der SPD. Jemand wie Sarrazin könne nicht Mitglied der Sozialdemokraten bleiben, wurde Öger von mehreren türkischen Medien zitiert. Zuvor hatte schon die Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete Eva Högl ein Parteiausschlussverfahren gefordert.
Zuvor hatte Bundesbank-Präsident Axel Weber seinem Vorstandskollegen Sarrazin Konsequenzen nahegelegt. „Es geht hier nicht um Personen“, sagte Weber am Rande der IWF-Herbsttagung in Istanbul. „Es geht um Institutionen. Die Bundesbank ist eine in Deutschland mit hohem Ansehen verbundene Institution“, betonte er.
Jeder, der darin eine Funktion habe, müsse „sich seiner Verantwortung für diese Institution und für ihr entsprechendes Standing in der deutschen Öffentlichkeit bewusst sein“, fügte der Bundesbank-Präsident hinzu. Jeder müsse also „mit sich selbst ins Gericht gehen“, ob sein Handeln zur Förderung dieser Institution beitrage oder nicht.
„Ich sehe schon, dass hier ein Reputationsschaden entstanden ist“, sagte Weber mit Blick auf Sarrazins Äußerungen. Es gelte nun, diesen Schaden zu reparieren. Er verwies darauf, dass sich Sarrazin von seinen Äußerungen distanziert und entschuldigt habe. Diese Entschuldigung Sarrazins nannte Weber notwendig und angemessen.
Weber sprach dennoch insgesamt von einer „bedenklichen Entwicklung“ für die Bundesbank, die ihr geschadet habe. Dieses Verhalten sei nicht mit dem Verhaltenskodex der Deutschen Bundesbank vereinbar. Die Bundesbank-Gewerkschaft VdB schloss sich den Forderungen Webers an. Sarrazin habe dem Institut mit seinen Äußerungen erheblichen Schaden zugefügt, erklärte die Arbeitnehmervertretung am Sonntag.
„Insbesondere die ehrverletzende Art und Weise der Äußerungen sind mit dem Amt eines Vorstandsmitgliedes der Deutschen Bundesbank nicht vereinbar“, hieß es weiter. Die Gewerkschaft verwies darauf, dass jeder Mitarbeiter der Bank „bei ähnlichen Äußerungen mit schwersten dienstlichen Konsequenzen rechnen“ müsse. Es sei daher „schon aus Gleichbehandlungsgrundsätzen unabdingbar“, dass Sarrazin sein Amt zur Verfügung stelle, sagte der VdB-Bundesvorsitzende Harald Bauer.
Sarrazin hatte im Gespräch mit der Berliner Kulturzeitschrift „Lettre International“ unter anderem eine mangelnde Integration vor allem von Türken und Arabern in Berlin kritisiert. Zugleich hatte Sarrazin zum Rundumschlag gegen seine frühere Wirkungsstätte ausgeholt: Berlin sei insgesamt belastet durch zwei Faktoren: „der 68er-Tradition und dem Westberliner Schlamp-Faktor. Es gibt auch das Problem, dass vierzig Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden“, sagte Sarrazin in dem Interview.
Das SPD-Mitglied Sarrazin sitzt seit Mai im Vorstand der Bundesbank, der von der Bundesregierung bestellt wird und nur vom Bundespräsidenten entlassen werden kann. Der ehemalige Berliner Finanzsenator hat einen der drei Sitze, für die der Bundesrat Vorschläge macht.
Der 64-Jährige war vor seiner Berufung sieben Jahre Finanzsenator in Berlin und verpasste der hoch verschuldeten Hauptstadt einen rigiden Sparkurs. Schon in dieser Zeit war er mit provokanten Äußerungen aufgefallen. Das Verhältnis zwischen Sarrazin und Weber gilt seit langem als zerrüttet. Weber hatte sich bereits im Vorfeld intern wiederholt gegen die Ernennung des Berliners ausgesprochen. Für eine Entlassung durch den Bundespräsidenten ist ein Antrag des Bundesbank-Vorstands nötig, dem Weber vorsteht.
Auch in der SPD wächst der Unmut über das prominente Mitglied. Sarrazin müsse „sich überlegen, ob er zu den Grundwerten der SPD steht oder nicht“, sagte Christian Gäbler, Fraktionsgeschäftsführer der Partei im Berliner Abgeordnetenhaus und Vorsitzender von Sarrazins Kreisverband Charlottenburg- Wilmersdorf dem „Tagesspiegel am Sonntag“. Demnach wird sich die Schiedskommission des Kreisverbands mit dem Fall befassen.
Donnerstag, 1. Oktober 2009
Sarrazins türkenfeindliche Tiraden lösen Entsetzen aus
Von Anne Seith, Frankfurt am Main
Ein Meister der Diplomatie war er noch nie, aber so wie jetzt ist selbst Thilo Sarrazin noch nie aus der Rolle gefallen. "Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate", sagte der Bundesbankvorstand und Ex-Finanzsenator in Berlin in einem Interview mit der Kulturzeitschrift "Lettre International": "Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung. Ich habe dazu keine Lust bei Bevölkerungsgruppen, die ihre Bringschuld zur Integration nicht akzeptieren."
Für besondere Empörung sorgen jetzt vor allem die despektierlichen Beschreibungen der ausländischen Bevölkerung der Stadt. Er müsse "niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert", findet der Bundesbanker. "Das gilt für 70 Prozent der Türken und für 90 Prozent der arabischen Bevölkerung." "Türkische Wärmestuben" könnten die Stadt nicht voranbringen, sagte Sarrazin an anderer Stelle.
"Mit Maß und Mitte hat das nichts zu tun"
Man dürfe von Migranten nicht als Einheit reden, so Sarrazins These. Osteuropäer, Weißrussen, Ukrainer und Vietnamesen etwa seien durchaus "integrationswillig", sagt er. "Bei der Kerngruppe der Jugoslawen sieht man dann schon eher 'türkische' Probleme." Dazu gehört nach seiner Auffassung etwa Folgendes: "Ständig werden Bräute nachgeliefert." Seine Vorstellung wäre: "Generell kein Zuzug mehr außer für Hochqualifizierte und perspektivisch keine Transferleistungen mehr für Einwanderer."
Der niedersächsische Arbeitsminister Philipp Rösler (FDP), der vietnamesische Wurzeln hat, ist entsetzt. Man dürfe Probleme nicht schönreden, "aber das ist Polemik in die andere Richtung", sagt er. "Mit Maß und Mitte hat das nichts zu tun." Sarrazins Aussagen machten "alle Integrationsbemühungen der letzten fünf Jahre kaputt". Der Bundestagsabgeordnete und Grünen-Finanzexperte Gerhard Schick findet die Äußerungen "geschmacklos und diskriminierend", so etwas dürfe ein Bundesbankvorstand auch "als Privatmann nicht in die Öffentlichkeit husten". Der Grünen-Politiker Özcan Mutlu hält Sarrazin schlicht für "durchgeknallt". Die Aussagen seien "einfach nur peinlich": "In Berlin gibt es allein 6000 deutsch-türkische Unternehmer, die nahezu 20.000 Arbeitsplätze geschaffen haben", fügt Mutlu noch hinzu.
Sarrazin hat sich mittlerweile entschuldigt. Die Reaktionen zeigten, "dass nicht jede Formulierung in diesem Interview gelungen war. Mein Anliegen war es, die Probleme und Perspektiven der Stadt Berlin anschaulich zu beschreiben, nicht aber einzelne Volksgruppen zu diskreditieren", teilte er mit. Es sei ihm auch bewusst geworden, "dass Aussagen eines Vorstands der Deutschen Bundesbank wegen der besonderen Stellung der Person und der Institution von der Öffentlichkeit mit großer Aufmerksamkeit und Sensibilität wahrgenommen werden. Ich werde deshalb in Zukunft bei öffentlichen Äußerungen mehr Vorsicht und Zurückhaltung walten lassen".
Die Berliner Justiz hat bereits ein Ermittlungsverfahren gegen Sarrazin eingeleitet. Es werde der Anfangsverdacht der Volksverhetzung geprüft, sagte ein Sprecher der Berliner Polizei am Donnerstag. Die Bundesbank hatte sich schon vorher von den "diskriminierenden Äußerungen" ihres Vorstands "entschieden" distanziert. "Das Interview steht in keinerlei Zusammenhang mit den Aufgaben von Dr. Sarrazin bei der Bundesbank." Konsequenzen muss Sarrazin demnach wohl nicht fürchten.
Sarrazin für Entgleisungen bekannt
Dabei ist es nicht der erste Ausrutscher des schnodderigen SPD-Mannes. Sarrazin ist für seine derben Sprüche berühmt-berüchtigt. Über Berlin sagte der 64-Jährige schon früher: "Die Beamten laufen bleich und übelriechend herum, weil die Arbeitsbelastung so hoch ist." Ein weiterer Spruch lautet: "Wenn man sich das anschaut, ist das kleinste Problem von Hartz-IV-Empfängern das Untergewicht." Seine Tipps, wie Empfänger von Arbeitslosengeld II sich mit vier Euro täglich gesund ernähren können, sorgten bislang für die größte Welle der Empörung.
Sarrazin müsste also wissen, was er tut, wenn er über mehr als eine Seite lang seine Anschauungen zur Integrationspolitik darlegt. "Das klingt alles sehr stammtischnah", erklärt er denn auch einsichtig in dem Interview, behauptet aber: "Man kann das empirisch sehr sorgfältig nachzeichnen."
Die türkische Gemeinde in Berlin ist dementsprechend sauer über die einseitige Darstellung. "Das ist unerhört", sagte am Donnerstag der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, der Deutschen Presse-Agentur. "Sarrazin schießt häufig über das Ziel hinaus und macht sich keine Gedanken über die Auswirkungen seiner Aussagen."
Auch der Vorstandsvorsitzende der Türkisch-Deutschen Unternehmervereinigung (TDU), Hüsnü Özkanli, und der Sprecher des Türkischen Bunds Berlin-Brandenburg, Safter Cinar, reagierten entrüstet. Cinar sagte, die Aussagen Sarrazins seien einseitig und unüberlegt. "Das ist absolut unter der Gürtellinie und inhaltlich völliger Quatsch." Es gebe auch eine andere, erfolgreiche Seite. "Migranten mit höherer Bildung sind Politiker im Abgeordnetenhaus. Es gibt 80 türkischstämmige Ärzte, die in Berlin eine Praxis haben, und 70 türkische Anwälte."
Özkanli betonte: "Wir tragen zum deutschen Wirtschaftssystem bei, indem wir Ausbildungs- und Arbeitsplätze schaffen, unsere Jugend studiert", sagte er. "Was sollen wir sonst noch machen, um unseren Integrationswillen zu demonstrieren? Uns die Haare blond färben?"