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Montag, 23. August 2010

Seltene Grooves aus Afrika

Auf der Suche nach dem Schlaghosen-Sound

Von Christoph Twickel

Hippie-Sound aus den Townships? Psychedelic-Rock aus Nigeria? Wie wild die Swinging Sixties und die Roaring Seventies in Afrika wirklich waren, zeigt eine Welle neuer Veröffentlichungen. Und die Suche nach den komplett vergessenen Perlen ist mindestens so abenteuerlich wie die Musik.

Warum er ausgerechnet in Frankfurt wohnt? Da braucht Samy Ben Redjeb nicht lange zu überlegen: wegen des Flughafens natürlich. Klar, auch seine Mutter lebt hier und seine Freunde. Aber für jemanden, der alle paar Wochen nach Lagos, Accra oder Kinshasa fliegt, um dort in Lager- und Kellerräumen oder auf verrümpelten Terrassen und Hinterhöfen nach alten Schallplatten zu suchen, ist ein internationaler Flughafen der wichtigste Standortfaktor. Um möglichst oft nach Afrika zu kommen, heuerte der ehemalige Tauchlehrer zeitweilig als Flugbegleiter bei der Lufthansa an.

Der 39-Jährige Deutsch-Tunesier sitzt in einem Straßencafé im Bahnhofsviertel, vor ihm ein Stapel CD-Boxen seines Plattenlabels Analog Africa, für die seine Designer schon einige Preise eingeheimst haben haben. So schmuck die Hüllen, so erstaunlich der Inhalt: Ben Redjeb veröffentlicht Musik, von der man bis vor ein paar Jahren auf der nördlichen Welthalbkugel kaum gewusst hat, dass es sie überhaupt gibt. Musik aus dem Afrika der Swinging Sixties und der Roaring Seventies - von einem Kontinent also, den man mit der Beat- und Hippie-Ära bislang eher nicht in Verbindung gebracht hat.

Doch es gab sie eben auch in Benin, Ghana und Togo, im Kongo, in Nigeria, Senegal oder dem heutigen Simbabwe, die Wah-Wah-Gitarren, die Flowerpower-Hemden und Plateausohlen. Auch hier gingen die Kids auf Jimi Hendrix, Curtis Mayfield oder James Brown ab. Der Sänger Roger Damawuzan aus Togo erinnert sich an einen Abend im Jahre 1968, als in einem Kulturzentrum ein Konzertfilm mit dem "Godfather of Soul" lief: "James Brown drehte vollkommen durch während dieser Show, seine Musiker mussten ihm Handtücher umlegen, um ihn zu beruhigen. Ich war fasziniert, denn es erinnerte mich an das, was wir Afrikaner hier in der Region bei Voodoo-Ritualen machen." Von da an fuhr Damawuzan täglich ins benachbarte Ghana, um Englisch-Stunden zu nehmen. Mit den ersten Brocken schrieb er den Song "Wait For Me" - zu hören auf der Analog Africa-CD "African Scream Contest": Ein Afro-Soul-Bastard mit perlender Hilife-Gitarre, Congas und einem herrlich überdrehten James Brown-Adepten.

Um Musiker wie Damawuzan aufzutreiben, ihre Songs zu lizenzieren und ihnen ihre Geschichten zu entlocken, muss Samy Ben Redjeb oft monatelang reisen und herumfragen. Manchmal lässt er jemanden im lokalen Radiosender ausrufen, manchmal klingelt auch die Gendarmerie bei ihm an, um mit ihm gemeinsam auf die Suche zu gehen. "Und auf einmal sitze ich auf dem Rücksitz eines winzigen Autos, eingeklemmt zwischen zwei uniformierten Beamten, die stundenlang wie James Brown herumsingen und -kreischen", berichtet er.

Die Suche nach den vergessenen Popstars Afrikas führt nicht nur zu großartigen Afro-Soul-Perlen, sondern auch in eine turbulente Vergangenheit. Die Bands groovten mal im Schatten von Militärdiktaturen, mal unter der Fahne des pan-afrikanischen Sozialismus oder im Rahmen kulturpolitischer Authentizitäts-Kampagnen. Die Verhältnisse waren widersprüchlich: Während Fela Kutis Afrobeat-Klassiker "Zombie" 1975 in Nigeria zu Riots gegen die Militärjunta mobilisierte, spielte gleichzeitig die "Nigerian Police Force Band" verschwitzten Funk mit psychedelischen Hammond-Orgelklängen. In Ghana verhaftete die Armee nach dem Putsch von 1966 viele Musiker - in den Siebzigern wiederum gab es Bands, die ausschließlich von der Armee finanziert wurden.

"Es gab eine Aufbruchstimmung, ein Gefühl von Selbstermächtigung", erklärt Miles Cleret vom Londoner Label Soundway. "Die meisten Länder hatten ja gerade mal ein Jahrzehnt Unabhängigkeit hinter sich." Auch Cleret ist einer jener DJs, deren Sammelleidenschaft die neue Begeisterung für die afrikanischen Vintage-Sounds angefacht hat. Angestachelt durch die alten Vinylscheiben eines Hilife-Musikers aus Accra reiste er für die erste Soundway-Compilation "Ghana Soundz" drei Jahre lang durch Ghana.

Er entdeckte eine Popkultur, die die Weltmusik-Plattenfirmen der Achtziger übersehen hatten - oder übersehen wollten. "Die World Music-Leute hatten einen anderen Impuls", sagt Cleret. "Sie wollten unbedingt weg von der westlichen Popmusik und suchten in Afrika eine Kultur, die damit möglichst wenig zu tun hat."


"Wir hören lieber Snoop Doggy Dogg"
Ganz anders der Ansatz der neuen Labelmacher-Generation. Aufgewachsen mit Rap, begann Miles Cleret in den Neunzigern die Soul-, Funk-, Jazz- und Disco- Platten zu entdecken, die die HipHop-Produzenten gesampelt hatten. Und fand schließlich in Afrika den Soundtrack seines Lebens: Raue Soul-, Funk- und Disco-Heuler, die für hiesige Maßstäbe etwas trashig klingen, weil die Produzenten bisweilen mit nur einem Tonbandgerät und zwei Mikrofonen auskommen mussten. Den schrottigen Sound aber machten die Musiker mit Energie und Experimentierfreude wett. Sie rührten die lokalen Rhythmen und die westlichen Vorbilder zu originellen Hybriden zusammen. "Die Kids haben damals auch ihre Wurzeln entdeckt und damit experimentiert", sagt Cleret.

Heute wiederum entdeckt der US-amerikanische HipHop den alten afrikanischen Bastard-Pop. Für sein letztes Album sampelte Rap-Star Usher ein Stück des ghanaischen Gitarristen und Bandleaders Ebo Taylor, das Soundway wiederveröffentlicht hatte. Und die Nummer "As We Enter", mit der das Duo RAS und Damian 'Gong' Marley sein gefeiertes Album eröffnet, basiert auf dem Stück "Yègelé Tezeta" des äthiopischen Vibrafonisten Mulatu Astatke. Astatke ist einer der wenigen Musiker, die den Hype für ein weltweites Comeback nutzen können. Der 67-Jährige spielt seine elegische Mixtur aus äthiopischer Pentatonik, Latin Jazz und Soul heute auf Independent Festivals genauso wie in renommierten Konzerthallen.

Township-Grooves vom Sperrmüll
Seine Alben erscheinen auf Strut Records, ein weiteres Label, das sich Verdienste um das Erbe der afrikanischen Popmusik erworben hat. Zum Beispiel durch ihre Veröffentlichungen südafrikanischer Musik: Die dreiteilige CD-Reihe "Next Stop Soweto" zeigt, was für eine quirlige Musikszene sich im Schatten der Apartheid-Politik tummelte. Der Name bezieht sich auf das größte Township von Johannesburg und den blutig niedergeschossenen Aufstand, der dort im Juni 1976 ausbrach. Die Soweto-Unruhen waren der Anfang vom Ende des rassistischen Regimes. "Next Stop Soweto" dokumentiert den Sound der schwarzen Jugend auf dem Weg zum Aufstand: die treibenden Chöre des "Township Jive", auch "Mbaqanga" genannt, der elegante Kwela-Jazz und der Hammond-Soul der Sechziger sowie die psychedelischen Twang-Gitarren der "Mahipis", der südafrikanischen Hippies.

Jahrzehntelang lagerten die Township-Grooves unbeachtet in den Archiven des südafrikanischen Rundfunks und in den Kellern von Ramschläden. Wiederentdeckt hat sie der Strut-Mitarbeiter Duncan Brooker, Anfang Dreißig und einer der hartnäckigsten Spürnasen der Szene. Bei einem Besuch in Johannesburg bekam er zufällig mit, wie ein Ladenbetreiber kistenweise Vinyl-Singles auf den Müll werfen wollte. "Was willst du mit dem alten Scheiß", bekommt Brooker auf seinen monatelangen Streifzügen oft zu hören. "Wir hören lieber Snoop Doggy Dogg." Das Popkultur-Erbe als Sperrmüll: Oft genug müssen die Plattenwühler aus Europa mitansehen, wie Kinder in den Straßen von Nairobi und Lagos Schallplatten als Frisbees missbrauchen.

Die meisten Musiker sind gestorben, haben den Beruf gewechselt oder sind nach Europa gegangen. Für seine jüngste Compilation "Afro-Beat Airways" etwa fahndete Samy Ben Redjeb von Analog Africa wochenlang in Accra nach der Band Marijata. Er traf den Organisten schließlich in Berlin, bei Schnitzel und Sauerkraut. Und Duncan Brooker von Strut Records suchte geschlagene sieben Jahre lang in Sierra Leone nach dem Bandleader des Ensembles Afro National. "Ich hatte schon aufgegeben, als irgendwann ein Typ aus Sierra Leone in meine Londoner Wohnung kommt, um das Gas abzulesen", erzählt Brooker. "Ich lege eine Platte von Afro National auf und der Typ kommt rausgerannt: 'Was ist los, wieso spielst du Musik aus meinem Land'?"

Der Gasableser konnte auf den alten Vinylscheiben, die Brooker ihm zeigte, diverse Verwandte und Freunde identifizieren. Schließlich stellte sich heraus, dass der Musiker, nach dem der Plattensammler so lange vergeblich gesucht hat, seit Jahren für eine Security-Firma im Supermarkt um die Ecke arbeitet. Brooker brauchte fünf Minuten Fußweg, um dem Mann seine alten Platten vorzulegen. Ihm selbst war längst aus dem Bewusstsein geschlichen, dass er drei Jahrzehnte zuvor mal zur Avantgarde einer afrikanischen Kulturrevolution gehört hatte.

Samstag, 10. Juli 2010

WM-Bilanz: Hinter dem Jubel wächst die Wut

Südafrika hat vier Wochen lang friedlich zusammengelebt. Und nun, wenn alles vorbei ist? Die sozialen Verteilungskämpfe beginnen von neuem. Und sie werden härter.

VON ELENA BEIS

Vier Wochen lang zusammen gejubelt. Und jetzt?

Als der südafrikanische Nationalspieler Siphiwe Tshabalala im WM-Eröffnungsspiel gegen Mexiko das erste Tor schoss, explodierte Südafrika in Euphorie. Die WM war endlich in Afrika angekommen, und Südafrikaner schienen es kaum fassen zu können. Es war fast schon surreal - endlich konnte man mitten in der Nacht sicher durch die Straßen spazieren, die Menschen feierten bunt gemischt zusammen, das Land stellte sich geschlossen hinter sein zuvor geächtetes Nationalteam.

Man hörte Südafrikaner die WM-Stimmung mit der Stimmung nach Nelson Mandelas Entlassung aus dem Gefängnis vor zwanzig Jahren vergleichen. Der tägliche Überlebenskampf war für vier Wochen abgeschaltet.

"Ich war total überrascht, wie gut alles gelaufen ist", fasst die 31-jährige Bankangestellte die Stimmung zusammen. "Das Bemerkenswerteste für mich war die Sicherheit, denn das ist normalerweise etwas, worüber wir uns Sorgen machen. Ich habe mich zu keinem einzigen Augenblick während der WM unsicher oder gefährdet gefühlt. Das hat die WM zu so einer positiven Erfahrung gemacht."
Es war ein magischer Monat. Südafrika war für die Dauer der Fußballweltmeisterschaft der Nabel der Welt, das Publikum war entzückt, die Stimmung war grandios. Was bleibt? Erleichtert die Sportbegeisterung von Millionen dem geschundenen Land an der Südspitze Afrikas jetzt den Weg in eine bessere Zukunft? Verdrängt das Erbe der WM das Erbe der Apartheid? taz-Korrespondenten in Südafrika ziehen Bilanz.

Neben dem Sicherheitsgefühl freut sich Faieda über die neue Infrastruktur: "Unsere neuen Busse, Stationen, Stadien, Straßen - das ist alles wirklich toll. Hätte die WM nicht bei uns stattgefunden, hätten wir vieles davon erst in vielen Jahren gesehen, Oder vielleicht auch nie."

Ein neugewonnenes Selbstbewusstsein, ein neues positives Selbstbild - das ist jetzt zum WM-Abschluss bei Südafrikanern unterschiedlichster Hintergründe spürbar. "Diese WM war die großartigste, die ich je gesehen habe", sagt Adam Salie, ein "farbiger" Klempner. "Niemand hat uns zugetraut, dass wir so einen guten Job machen. Aber die WM war makellos. Wirklich spitzenmäßig." Honorattar, eine Xhosa-Haushaltshilfe aus dem Township Khayelitsa, die von 100 Euro im Monat lebt, meint: "Ich glaube, diese Weltmeisterschaft könnte unser Land verändern. Vielleicht werden die Menschen, die hergekommen sind und gesehen haben, wie gut alles ist, nochmal zurückkommen."

So hat die WM in Südafrika vier Wochen lang Balsam auf alte Wunden gelegt. Der viel missbrauchte Begriff "Ubuntu", der für ein afrikanisches Zusammengehörigkeitsgefühl stehen soll, scheint plötzlich zu stimmen. Nicht Weiße, Schwarze, Farbige und so weiter haben die Welt willkommen geheißen, sondern Südafrikaner. "Die WM hat viele Südafrikaner jenseits von Rassenzugehörigkeit vereint - wenn auch natürlich nicht jeden", sagt Suren, ein indischstämmiger Videokünstler aus Durban.

Doch nicht alle haben von der WM profitiert. Thabo, Sicherheitswächter aus dem Kapstädter Township Philippi, schließt sich der ganzen Euphorie nicht an: "Ich sehe keine Veränderung durch die WM. Keine Jobs. Keine Veränderung. Die Regierung hat gesagt, mit der Weltmeisterschaft werden Jobs kommen. Aber es gibt keine Jobs. Und auch keine Häuser. In Kapstadt gibt es jetzt weniger Kriminalität. Aber in Philippi ist alles gleich geblieben."

Der Klempner Adam Salie, der die WM eigentlich "großartig" findet, fühlt sich genauso desillusioniert: "Wir haben überhaupt nichts durch die Weltmeisterschaft gewonnen. Alle Vuvuzelas und Klamotten wurden in China hergestellt. Meine Frau arbeitet in einer Bekleidungsfabrik, und die hat keinen neuen Auftrag durch die WM bekommen. Ich hoffe, wir bekommen noch einmal eine WM und dass wir dann Geld machen können."

Die Bevölkerungsgruppe, die die WM wohl am wenigsten als Segen sah, sind die vielen afrikanischen Einwanderer in Südafrika. Wie paradox: Südafrika vermarktete diese WM als Weltmeisterschaft für ganz Afrika - und es sind die Immigranten aus ganz Afrika, die jetzt in Südafrika nach der WM um ihr Leben und ihr Hab und Gut fürchten müssen. Die immer wieder angekündigten xenophoben Attacken liegen in dieser Woche wie ein dunkler Schatten über der WM-Schlussphase. Wer aufmerksam durch die Straßen von Kapstadt geht, kann zwischen den vielen fröhlichen Gesichtern auch eingeschüchterte, angsterfüllte, aber auch wütende Mienen sehen.

Tony, ein junger Simbabwer, der in der simbabwischen Hauptstadt Harare IT studiert hat, jetzt aber in Kapstadts Innenstadt Sandwiches verkauft, sagt: "Die einzige gute Veränderung, die die WM gebracht hat, ist die verbesserte Infrastruktur. Aber wir, die Ausländer, wir werden bald Ärger haben. Sie wollen uns hier vertreiben. Ich werde meine Sachen nehmen und am Wochenende zurückgehen, auch wenn ich in Simbabwe keine Aussicht auf einen Job habe. Südafrikaner sind so xenophob, weil sie keine Ahnung haben, wie die Welt außerhalb ihres Townships aussieht. Sie wissen nicht einmal, wie Johannesburg aussieht! Viele Südafrikaner fragen mich: Wozu brauche ich einen Pass? Eish! Es interessiert sie nicht einmal, einen Pass zu haben. Alles, was sie können, ist, sich bei den Gewerkschaften beschweren."

Was von den vielen guten Nebenwirkungen der WM wird also bleiben - und was wird verfliegen? Theo Pieters, Bauarbeiter aus Kuilsriver, der anlässlich der WM nach vier Jahren Arbeitslosigkeit endlich einen Job gefunden hatte, findet: "Die Weltmeisterschaft hat die Menschen hier näher aneinander gebracht. Weil die Welt auf uns aufmerksam ist, rücken die Menschen zusammen. Aber ich glaube nicht, dass das nach der WM so bleibt."

Joe, ein Abkömmling des Indigenenvolkes der San, der in Kapstadt einen Rastafari-Laden betreib, sieht die Nachhaltigkeit kritisch: "Die Weltmeisterschaft war eine gute Erfahrung für uns. Aber um die Menschen wieder zusammenbringen wie jetzt, werden wir ein neues Event wie die WM brauchen. Während des Events vergessen die Menschen ihren täglichen Überlebenskampf. Unsere Gesellschaft ist völlig unfair. Ich bin ein sehr wütender Mann, und ich denke, es geht vielen so. Uns wurde unser Land weggenommen. Mit Ende der Apartheid haben sie uns Freiheit gegeben, aber was für eine Freiheit habe ich? Ich habe die Freiheit, arm zu sein und um mein Überleben zu kämpfen, ohne die Aussicht, jemals ein Stück Land oder gar eine kleine Wohnung zu besitzen. Die Weltmeisterschaft war eine schöne Erfahrung, aber die Menschen hier sind wütend. Die Dinge hier gleichen sich nicht aus."

Montag, 28. Juni 2010

Ein Streifzug durch die Popmusikkultur Südafrikas



Jenseits der Vuvuzela


Wir haben etwas Cherrypicking betrieben und präsentieren euch zur Fussball-Weltmeisterschaft ein paar südafrikanische Bands und Musiker jenseits der in den Fussballstadien anzutreffenden Vuvuzela. Mit dabei: die Indie-Hymne zur Weltmeisterschaft.

In einem Land, das man aufgrund seiner Multikulturalität als Regenbogennation bezeichnet, ist es fast ein Ding der Unmöglichkeit, sich über alle massgebenden musikalischen Subkulturen ein Bild zu machen. Elf Landessprachen und noch viel mehr ethnische Hintergründe führen zu einer völlig heterogenen kulturellen Szene.


Versuchen wir es trotzdem und schauen zuerst einmal etwas zurück: Aufbauend auf Rock ’n’ Roll und Swing ist in den 1950ern die Kwelamusik entstanden, die später in den Cape Jazz mündete. Viele schwarze Künstler, die während der Apartheid in Afrikaans oder Englisch sangen, singen heute in ihren traditionellen afrikanischen Sprachen.
Bekanntestes Beispiel von Kwela ist “Pata Pata” von der 2008 verstorbenen Miriam Makeba.

In den 80er Jahren, als sich das Ende des Apartheids-Regimes anbahnte, entwickelte sich ein spezieller südafrikanischer Musikstil, Kwaito genannt. Bekannte Vertreter dieser Musikrichtung sind beispielsweise Brenda Fassie, die mit ihrem Song “Weekend Special” sogar die britischen Charts erreichte, Lasst euch nicht durch den Disco-Einschlag von Brenda Fassie täuschen. Die Frau ist ein Bad Girl und gilt auch in den rauhen Townships als Queen of Kwaito. Die Neunzigerjahre, so sagt man, verbrachte sie mehrheitlich in einem Kokain-Rausch.

Kwaito
Kwaito ist bei den afro-amerikanischen Jugendlichen auch heute noch der Renner schlechthin.
YFM, der unter Teenagern beliebteste Radiosender Johannesburgs, sorgt seit 1997 für eine massenwirksame Verbreitung. Der Chef des Senders erklärt: “Spätestens seit 2002 ist dieser Musikstil fest etabliert, ist Kwaito eine Art weltliche Religion geworden”. Das Genre basiert auf verlangsamten House-Beats und -Akkorden, dazu kommt meist ein Sprechgesang in Zulu, Sotho, Tsotsitaal (bzw. Camtho) oder anderen Sprachen. Mit ein Grund, warum die Weissen in der Szene nur schwer Fuss fassen, da sie meistens nur Afrikaans oder Englisch sprechen. Doch im Zuge der sich vermischenden Sprachgrenzen zwischen Schwarz und Weiss, vermischen sich auch die klaren Trennungen. Seit der Jahrtausendwende sprechen mehr Farbige Afrikaans als Weisse. Lekgoa ist ein Beispiel dafür, er ist einer der wenigen weissen Kwaito-Stars.
Die in den Townships entstandene Mischung aus Hip-Hop, House, Township-Jive der Achtziger und vielen eigenen Ideen wurde von den Major-Plattenfirmen lange links liegen gelassen. Die Musiker verkauften ihre Kassetten daher aus den Kofferräumen ihrer Autos. Mittlerweile ist Kwaito längst im Mainstream angelangt. Kwaito-Acts wie Arthur Mafokate und Mdu Masilela verkaufen mittlerweile über 100’000 Platten, was in Südafrika vierfachem Goldstatus entspricht.
Der Pionier von Kwaito heisst Zola. Er ist quasi der 50cent von Kwaito und wurde 2002 an den südafrikanischen Music Awards spartenübergreifend zum besten Künstler des Landes gekürt. Als einer der ersten Rapper gründete er eine eigene Kleidungskollektion. Er hat eine Show namens “Zola 7” im staatlichen Fernsehen, die jede Woche fünf Millionen Zuschauer erreicht. Er erfüllt darin Anrufern ihre Wünsche. Ein Zuschauer wünschte sich, seinen Grossvater, begraben auf einer weissen Farm, umzubetten, doch der Farmbesitzer weigerte sich, mit rassistischen Argumenten. Zola nahm den Fall in seine Sendung. Vor fünf Jahren schrieb er den Soundtrack zum oscarprämierten Spielfilm „Tsotsi” und spielte darin, wie zuvor im Film „Drum”, seine Lebensrolle: einen Gangsta-Rapper.

African Cochie Pop
Von Kwaito muss man lediglich zwei Genre-Schritte weiter gehen und kommt bei African Cochie Pop an. So bezeichnet
Sweat.X seine Mischung aus Kwaito, Funk und Electro, die in einer besonderen Art von New Rave gipfelt. Die Outfits sind dementsprechend bunt. Kopf vom Projekt Sweat.X ist Spoek Methambo. Er gilt als südafrikanischer Poster-Boy, ist DJ, Produzent, Illustrator und Stilikone unter einem Hut. Sweat.X spielt Mitte Juli auf dem Melt!-Festival. Seine neue EP “Saviour and Messiah” kann man gratis herunterladen (Download-Link “Saviour and Messiah”).

Afrikaans HipHop
Ein weiterer Trend in der südafrikanischen Musikszene neben Kwaito ist Afrikaans HipHop. Aushängeschild ist ohne Zweifel Die Antwoord, die Anfang Jahr als Internet-Hype begonnen haben (78s-Artikel) und mittlerweile Superstars sind. Die Gruppe bezeichnet ihre Musik als “Zef”. Das bedeutet in Afrikaans „Hinterwäldler“ oder „Prolet“. Zef ist laut Band auch die unbeschreibbare Mischung aus den verschiedensten südafrikanischen Kulturen, welche sie in ihrer Musik vereint. Im Stile amerikanischer Gangsterraps wird hier unter anderem vom Aus- und Aufstieg aus den sozialen Brennpunkten der südafrikanischen Vororte erzählt („Rich Bitch“).

Ein weiterer Exponent der Afrikaans HipHop-Welle ist Jack Parow. Neben HipHop-Acts haben nach der Jahrtausendwende aber auch Rock- oder Punkbands wieder vermehrt auf Afrikaans zu singen begonnen. Eine Gegenbewegung, denn die Sprache der weissen Besatzer war nach dem Ende des Apartheitsregimes in Verruf. In ihren Songs schimpfen die Jungs auf die Buren-Kirche und die politischen Zustände in Südafrika. Dementsprechend war auch die Aufruhr gross. Fokofpolisiekar gelten als Wegbereiter für andere Bands, die ausschliesslich auf Afrikaans singen, wie zum Beispiel Die Antwoord und Jack Parow. Alle drei Bands – Die Antwoord, Jack Parow und Fokofpolisiekar – vereint, findet man auf folgendem Song:

Die Antwoord – Doos Dronk feat. Jack Parow and Fokofpolisiekar

Fokofpolisiekar – Antibiotika

Südafrikanischer Indie
Wir wären nicht 78s.ch, wenn wir euch nicht ein paar heisse Indie-Acts empfehlen würden. Die Indie-Szene in Südafrika ist vital und nicht zu unterschätzen. Desmond and The Tutus, Jax Panik, Kidofdoom und BLK JKS sind vier Beispiele für hervorragenden südafrikanischen Indie-Pop/Rock. Im Falle der BLK JKSs mit vielen Anleihen an traditionellem afrikanischen Musikschaffen. Die BLK JKS repräsentieren dabei die Gegensätze ihres Heimatlandes. Zwei von ihnen kommen aus dem berühmten Township Soweto, zwei sind im wohlhabenden Johannesburger Vorort Spruitview aufgewachsen. Im vergangenen Jahr ist ihr Debüt-Album “After Robots” auf Secretly Canadian erschienen und neu steht ihre EP “Zol” in den Regalen. “Zol” ist d-i-e Indie-Hymne zur Fussball-Weltmeisterschaft.
BLK JKS – Zol
Desmond and The Tutus – Kiss You On The Cheek
Desmond and The Tutus – Peter
Kidofdoom – Minor Disagreements
Jax Panik – Taking To Myself
Dear Reader – Dearheart


 
Weitere Artikel zum Thema:Schon Brahms und Ravel liebten die Vuvuzela
und die Gruppe Ladysmith Black Mambazo, die durch den US-amerikanischen Musiker Paul Simon bekannt wurde.

Demokratie aus dem Transistorradio

Vor den Wahlen heute schüren Burundis Parteien Kriegsangst. Daher bringen 15 Radiosender ein gemeinsames Programm: Frieden. 

SIMONE SCHLINDWEIN

Anstehen vorm Wahllokal in Burundis Hauptstadt Bujumbura.

Evariste Nzikobanyanka ist gestresst. Schon wieder klingelt das Telefon. Der Burundier schaut gebannt auf den Bildschirm in seiner fensterlosen, gepolsterten Tonkabine, mit der Maus aktiviert er die Aufnahme. Gleichzeitig legt er am Telefon einen Schalter um. Die Stimme des Anrufers wird nun aufgezeichnet.

Dann spricht er ins Mikrofon: "Hallo? Nenn bitte Namen und Standort, bevor du den Bericht absetzt." Am anderen Ende der Leitung meldet sich der Korrespondent aus einem Armenviertel am Stadtrand von Bujumbura, der Hauptstadt von Burundi. In der vergangenen Nacht sind dort zwei Granaten explodiert.

Nzikobanyankas Aufnahmestudio befindet sich im "Haus der Presse" von Bujumbura, nicht weit entfernt vom Hauptquartier der Armee. Auf der Straße marschieren Soldaten. Das "Haus der Presse" ist hinter Mauern verborgen. Im großen Saal im Erdgeschoss, wo sonst Minister Pressekonferenzen geben, sind Tische zusammengerückt. Hinter Laptops hocken Redakteure und schneiden hektisch Tonschnipsel aneinander. In 20 Minuten wird die nächste Sendung ausgestrahlt: eine Bilanz der fünfjährigen Herrschaft von Präsident Pierre Nkurunziza.
Ruanda: Die Macht von Radiosendern im Afrika der Großen Seen zeigte sich beim Völkermord in Ruanda 1994, als Armee und Hutu-Milizen über 800.000 Tutsi töteten. Der Privatsender "Radio des Milles Collines" hetzte gegen die Tutsi-"Kakerlaken" und rief während der Massaker die Bevölkerung auf, "das Werk zu vollenden".

Burundi: Ebenso wie sein Nachbarland Ruanda ist die Geschichte Burundis von einer langen Hutu-Tutsi-Konfrontation geprägt. Ein Bürgerkrieg zwischen Tutsi-dominierter Armee und Hutu-Rebellen ab 1993 forderte 300.000 Tote. Die größte Hutu-Rebellenbewegung CNDD-FDD (Nationalkomitee zur Verteidigung der Demokratie) übernahm 2005 nach einem Friedensabkommen die Macht.

Wahlen: Burundis Präsidentschaftswahl heute boykottiert die Opposition. Es tritt nur Amtsinhaber Pierre Nkurunziza an, der ehemalige CNDD-Rebellenführer. Seine schärfsten Gegner heute sind nicht Tutsi, sondern konkurrierende ehemalige Hutu-Rebellenführer. Sie wollen die Wahlen mit Gewalt verhindern.
Einer hat sich abgesetzt
Für den heutigen Montag sind in Burundi Präsidentschaftswahlen angesetzt, die Stimmung ist aufgeheizt. Mehr als 40 Granaten sind in den letzten zwei Wochen explodiert, 30 Parteibüros der jetzigen Regierungspartei und früheren Hutu-Rebellenarmee CNDD-FDD (Nationalkomitee zur Verteidigung der Demokratie/Kräfte zur Verteidigung der Demokratie) wurden abgebrannt, Dutzende Menschen erschossen.

Der Führer der größten Oppositionspartei und ehemaligen Hutu-Rebellenarmee FNL (Nationale Befreiungsfront), Agathon Rwasa, hat sich aus der Hauptstadt davongestohlen. Es gibt Gerüchte, dass er sich Richtung Ostkongo in die Berge abgesetzt habe, um dort frühere Kämpfer zu mobilisieren.

In der morgendlichen Redaktionskonferenz diskutieren 30 Radioredakteure lautstark darüber. Radiochef Evariste Nzikobanyanka hat am Vortag seine Reporter losgeschickt, um herauszufinden, welche Pläne Rwasa wirklich verfolgt. Dann schwenkt die Debatte um: Wann werden die Wahlergebnisse feststehen? Wohl schon am Dienstag, sind sich die Redakteure einig.

Da die Oppositionsparteien aus Protest über vermeintliche Wahlfälschung bei den Kommunalwahlen im Mai ihre Kandidaten zurückgezogen haben und zum Boykott aufrufen, hat das Volk nur die Möglichkeit, für Präsident Nkurunziza zu stimmen - oder gar nicht zu wählen. Die CNDD-FDD mobilisiert ihrerseits alle Kräfte, um die Wahlbeteiligung hochzuschrauben.

Die Angst vor einem neuen Bürgerkrieg hat die Journalisten alarmiert. Deswegen haben sich fünfzehn unabhängige Radiostationen zusammengeschlossen, um heute am Wahltag mit geeinter, neutraler Stimme zu sprechen. "Synergy" heißt das Projekt. Rund 50 Redakteure, die von den teilnehmenden Sendern geschickt wurden, haben sich im "Haus der Presse" versammelt.

Und fast hundert Reporter tragen aus dem ganzen Land Nachrichten zusammen. Gemeinsam arbeiten sie an einem Programm, das auf allen Frequenzen ausgestrahlt werden soll. Sie wollen live über Unregelmäßigkeiten berichten, Wähler und Nichtwähler interviewen und direkt nach Schließung der Wahllokale die Ergebnisse melden, damit später nicht mehr betrogen werden kann.

"Wir wollen mit einer Stimme sprechen, um die Bevölkerung nicht noch weiter zu desorientieren", begründet Corneille Nibaruta, Chefkoordinator von "Synergy" und Vorsitzender des Radioverbandes, die Aktion. "Wir wollen unsere Aufgabe als Mediatoren wahrnehmen, sonst explodiert das Land. Wir fordern Politiker aller Parteien auf, sich an einen Tisch zu setzen und der Gewalt abzuschwören."

In keinem anderen Land Afrikas rund um die Großen Seen leisten Journalisten einen so entscheidenden Beitrag zum Dialog und zum Frieden wie hier in Burundi. Als Ikone dieses verantwortungsbewussten burundischen Journalismus gilt Adrien Sindayigaya, Gründer des unabhängigen Radiostudios Ijambo. Der 42-Jährige steht in seinem Büro vor einem Aktenschrank und zeigt auf das Kunstwerk, das daraufgemalt ist: eine Frau, die auf einem Kohleofen Reis kocht und dabei Radio hört; daneben zwei Soldaten, die in der Kaserne sitzen und Radio hören; darunter ein Rebell, der mit Fernglas auf einem Baum Wache hält - und Radio hört.

Aufruf zum Massenmord
"Das Radio ist hier ein sehr mächtiges Medium", sagt Sindayigaya. In einem Land, in dem viele Menschen von nicht mal einem Dollar pro Tag überleben müssen, in dem rund 80 Prozent weder lesen noch schreiben können, ist das Radio das einzige Medium, das alle erreicht.

Was das bedeuten kann, zeigte sich 1994 in Ruanda, als die Hutu übers Radio zum Massenmord an den Tutsi aufgerufen wurden. Burundis Bürgerkrieg hatte damals gerade begonnen: Tutsi-Soldaten hatten den gewählten Hutu-Präsidenten ermordet, Hutu griffen zu den Waffen. Das Armenviertel Kamenge am Rande von Bujumbura, von Hutu bewohnt, wurde von der Armee abgeriegelt. Es entwickelte sich zur Hochburg radikaler Rebellen.

In Kamenge, wo 1993 der Bürgerkrieg begann, haben jetzt junge Männer Trommeln aufgestellt. Die Frauen hinter ihren Gemüseständen singen ein Lied. Ein Priester predigt laut. Viele der Jugendlichen haben Narben im Gesicht, an Armen und Schultern - es sind ehemalige Rebellen. Sie tanzen und singen. Zwischen den jungen Männern steht ein älterer Mann mit Brille. Er hält ein dröhnendes Radio in der Linken. Mit der Rechten salutiert er. Ein Taxifahrer schüttelt den Kopf: "Die Leute in Burundi lassen sich stets von zwei Stimmen verleiten: von der Kirche und vom Radio."

In seinem Büro in Bujumburas Innenstadt seufzt Sindayigaya, wenn er an den Bürgerkrieg zurückdenkt. Dann zeigt er auf die schusssichere Weste, die an einem Haken hängt. "Wir hatten damals, ähnlich wie in Ruanda, auch nur einen einzigen Sender, der mit seinen Hasstiraden ethnische Gewalt entfachte", sagt er. Hutu zogen sich in Hutu-Viertel zurück, Tutsi in Tutsi-Viertel, jeder hatte seine eigene Wahrheit.

"Wir Journalisten beschlossen damals, einen Dialog zu starten", erzählt Sindayigaya. Mit Unterstützung der US-Nichtregierungsorganisation "Search for Common Ground" (SCG) gründete Sindayigaya 1995 mit vier Kollegen mitten in der Hauptstadt das Radiostudio Ijambo. In gemischten Teams aus Hutu und Tutsi zogen sie durch die Stadt. "Wir haben damals sämtliche Tabus gebrochen", lächelt Sindayigaya.

Die Sensation im Studio
Tabus zu brechen - dies wurde zum Leitmotiv von "Studio Ijambo". Sindayigaya lud Hutu- und Tutsi-Politiker zu Talkrunden ein. Der Journalist hatte keine leichte Aufgabe: Immer wieder musste er sie ermahnen, sich nicht gegenseitig zu beleidigen. Eine Sensation gelang ihm im Jahr 2000, mitten im Krieg. Sindayigaya öffnet die Tür zum Studio und zeigt auf das Mischpult. "Ich saß hier mit zwei Offizieren der Armee."

Dann deutet er auf das Telefon: "Über die internationale Leitung haben wir den Rebellensprecher angerufen, der damals in Deutschland im Exil lebte." Dies sei das erste Mal gewesen, dass die Kriegsgegner direkt miteinander gesprochen haben. Es ist nicht zuletzt Journalisten wie Sindayigaya zu verdanken, dass danach ein Friedensprozess begann.

Diese Journalisten sind heute in Burundi eine einflussreiche junge Elite. "Wir haben uns eine relative Unabhängigkeit erkämpft", sagt Corneille Nibaruta, Vorsitzender des burundischen Radioverbandes. Finanziell sei es natürlich schwierig. Kaum ein Unternehmen schalte Werbung, und die Frequenzgebühren seien hoch. Deswegen fürchtete Nibaruta, dass die Parteien diese Finanznot ausnutzen und die Radios als Sprachrohre instrumentalisieren.

Zum Beispiel der Privatsender Rema-FM, der enge Kontakte zur Regierungspartei unterhält. Als einziger Sender hat sich Rema "Synergy" nicht angeschlossen, im Gegenteil: "Dieser Sender macht unverschämt viel Lärm für den Präsidenten, in einem aggressiven Tonfall", sagt Nibaruta. "Wenn wir jetzt nicht kämpfen, dann enden wir wie die Medien in Ruanda, die dort an der ganz kurzen Leine gehalten werden."

Bislang sieht es nicht danach aus, dass die Oppositionsparteien in den politischen Prozess zurückkehren und den Pluralismus verteidigen. "Die Wahlen sind für mich vorbei", sagt Alexis Sinduhije und schlägt auf den Tisch. Der Chef der Oppositionspartei MSD (Bewegung für Sicherheit und Demokratie) ist in Burundi ein respektierter Mann. Er war ein Kollege Sindayigayas bei "Studio Ijambo" und Gründer des ebenfalls unabhängigen Senders "Radio Publique Africaine". 2008 kürte ihn das Time Magazine zu einem der 100 einflussreichsten Menschen der Welt. Aber dann ging er in die Politik.

Die "teuflischen Monster"
Zu Sinduhijes Anhängern zählen zahlreiche Journalisten und junge gebildete Burundier. Sinduhije hat keine Furcht, seine Frustration hinauszuposaunen: Vergangenes Jahr verbrachte er vier Monate im Gefängnis. Er bezeichnet die Clique um Präsident Nkurunziza als "teuflische Monster".

Jetzt parkt ein Polizeiwagen in Sinduhijes Hofeinfahrt in einem Mittelklasseviertel der Hauptstadt, Leibwächter stehen am Tor. "Es war keine gute Entscheidung, meinen Job als Journalist an den Nagel zu hängen und in die Politik zu gehen", bilanziert Sinduhije auf seiner Veranda. Als Journalist hätte er mehr bewegen können. Nun bleibt ihm höchstens noch die Flucht. Auch gegen ihn hat Rema-FM gehetzt, zwanzig seiner Parteimitglieder wurden ermordet. Alexis Sinduhije fürchtet, dass bald auch auf seiner Veranda eine Granate explodiert.

Montag, 21. Juni 2010

Aidskranke in Südafrika schlagen Alarm

AIDS-Demonstration in Südafrika. (Foto: Anna Kuhn-Osius)

Die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika lenkt kurzzeitig von den massiven Problemen ab, die das Land hat. Um nicht vergessen zu werden, sind jetzt tausende Aidskranke in Johannesburg auf die Straße gegangen.

"Wir brauchen Hilfe", singen die südafrikanischen Demonstranten im Chor, schwingen die Vuvuzela, skandieren in Zulu: "Ob schwarz, ob weiß, ob negativ, ob positiv - wir wollen Medikamente".

Mehrere tausend Aidskranke haben so am Donnerstag (18.06.2010) in Johannesburg lautstark für eine bessere Versorgung demonstriert. Die HIV-Infizierten, ihre Angehörigen und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen zogen gemeinsam vor die US-amerikanische Botschaft und forderten US-Präsident Barack Obama in einem Memorandum auf, den Kampf gegen Aids trotz Wirtschaftskrise fortzuführen. Die Kritik der Infizierten: Obama hatte aufgrund der anhaltenden Rezession in den USA erklärt, die Fördergelder für Aids-Hilfe in Afrika zu reduzieren.

Über 5 Millionen HIV-Infizierte
Viele Kinder sind mit dem HI-Virus infiziert (Foto: Anna Kuhn-Osius)
"Wir fordern die USA auf, nicht nur in der internationalen Sicherheitspolitik, sondern auch im Kampf gegen Aids eine Führungsrolle in der Weltgemeinschaft zu übernehmen", erklärt Marc Heywood, Direktor im nationalen Aids-Rat Südafrikas. "Im südlichen Afrika zeichnet sich eine Katastrophe ab, wenn nicht mehr gegen Aids getan wird."

Allein in Südafrika sind mehr als fünf Millionen Menschen HIV-positiv - und das ist nur die offizielle Zahl. Jeder fünfte im Land hat Aids. Damit gehört Südafrika zu den Ländern mit der am Abstand höchsten Aidsrate der Welt. Die Fußballweltmeisterschaft überlagert kurzzeitig die massiven Probleme, in denen das Land steckt. "Südafrika hat so viele Millionen in den Bau von Fußballstadien investiert - aber sein Gesundheitsprogramm ist noch immer unterfinanziert", kritisiert Heywood. "Die Fußballweltmeisterschaft ist in ein paar Wochen vorbei - aber das Aidsproblem in diesem Land wächst jeden Tag! Da wären Krankenhäuser sinnvoller als Fußballstadien."

Kaum Zugang zu Medikamenten
Nur die wenigsten haben Zugang zu medizinischer Versorgung (Foto: Anna Kuhn-Osius)
Wer in Südafrika die Diagnose HIV-positiv erhält und nicht die finanziellen Mittel hat, teure Medikamente zu bezahlen, kommt in einem der öffentlichen Behandlungszentren auf eine Warteliste. Die Länge dieser Liste bestimmt über Leben und Tod - denn nur für einen geringen Prozentsatz der Infizierten können die lebensverlängernden  Medikamente finanziert werden. Schätzungen zufolge hat insgesamt nicht mal die Hälfte aller Infizierten überhaupt Zugang zu Medikamenten.

"Ohne Hilfe der Staatengemeinschaft ist kein Land im südlichen Afrika in der Lage, der Aidsproblematik Herr zu werden", sagt der Arzt Bactrin Killingo, Manager des afrikanischen Programms von ITPC (International Treatment Prepardness Coalition). "Auch wenn Südafrika bereits eine Menge tut - ohne Hilfe von außen ist das alles ein Tropfen auf den heißen Stein."

Nationale AIDS-Kampagne
Farbe bekennen: Aidskranke wollen sich nicht mehr verstecken (Foto: Anna Kuhn Osius)
Die südafrikanische Regierung hat ihr Engagement gegen Aids in den vergangenen Jahren massiv verbessert: Eine riesige nationale Kampagne hat das Ziel, möglichst alle Menschen auf Aids testen zu lassen - um damit einer weiteren Verbreitung der Krankheit vorzubeugen. Der Zeitplan zur Umsetzung des Ziels gilt allerdings jetzt schon als gescheitert - mit einer Milliarde Rand ist das Projekt hoffnungslos unterfinanziert. Und wegen der anhaltenden Wirtschaftskrise kürzen zahlreiche internationale Hilfsorganisationen ihre Gelder.

Eine freie Medikamentenversorgung für alle Infizierten - die Demonstranten wissen genau, dass Südafrika allein diesen Wunsch niemals erfüllen kann. Deswegen der vorwurfsvolle Hilferuf der Aidskranken an die US-Regierung: "Yes we can" schreien sie im Chor und tanzen vor amerikanischen Botschaft. "Obama - wir brauchen dich!"

Und sogar die dreijähige Owentuu, deren Mutter an Aids erkrankt ist, weiß genau, worum es geht: "Herr Obama muss uns helfen", sagt sie leise. "Damit meine Mama gesund wird."

Autorin: Anna Kuhn-Osius
Redaktion: Katrin Ogunsade

WM-Jubel am Kap schwächelt

Johannesburg (dpa) – Eineinhalb Wochen nach dem farbenprächtigen WM-Auftakt in Südafrika ist den Vuvuzela-Bläsern ein wenig die Puste ausgegangen.

Die Welt schaut seit dem Anpfiff des Sport-Spektakels auf Afrika, staunt über Schnee unter Palmen, spektakuläre Stadien, exotische Kulissen mit sympathischen Menschen und den neuen südafrikanischen Exportschlager Vuvuzela. Doch im Gastland selbst hat die Begeisterung über die erste Fußball-Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden einen Dämpfer bekommen, seit das heimische Team vor dem WM-Aus steht. Die Wirkung des 3:0-Siegs von Uruguay über Südafrika verglichen heimische Kolumnisten mit der «Hindenburg«- Zeppelinkatastrophe: «Danach war nur noch Stille».

Straßenhändler wagen kaum noch, die heimische Flagge an den Ampeln zum Verkauf anzupreisen – der zuvor allgegenwärtige Fan-Artikel verkommt zum Ladenhüter. «Autofahrer werden ausfällig und aggressiv, wenn ich meine Nationalflagge zum Verkauf anpreise«, sagt einer von ihnen. Die von der Politik angeheizten Erwartungen der Bevölkerung sind bitterer Enttäuschung gewichen – selbst die anderen afrikanischen Teams haben mit Ausnahme von Ghana bisher enttäuscht.

Die WM-Organisatoren spüren allerdings keinen Stimmungsabfall im Land. «Die Menschen stehen hinter der WM. Es herrscht überall große Freude», sagte OK-Sprecher Rich Mkhondo in Johannesburg. Auch die FIFA sei «sehr zufrieden mit dem Turnierverlauf», unterstrich Mediendirektor Nicolas Maingot. Eine neue Kampagne zur Steigerung der WM-Begeisterung sei nicht geplant, so Mkhondo. Vor der WM hatte man den wöchentlichen «Fußball-Freitag» ausgerufen, um die Südafrikaner auf das Turnier einzustimmen. «Die Stimmung wird bis zum 12. Juli gut sein», versprach Mkhondo.

Karikaturisten entdecken aber angesichts des nationalen Blues einen neuen Verwendungszweck der umstrittenen Vuvuzela: Ein «Bafana Bafana»-Fan mit Makarapa-Kopfbedeckung begeht mit ihr Harakiri. «Der ultimative Verwendungszweck der Vuvuzela«, meinte dazu der «Saturday Star». Kein Wunder, dass selbst der Übervater der Nation, Ex-Präsident Nelson Mandela, vor diesem Hintergrund über seine Stiftung dazu aufruft, nicht nachzulassen beim WM-Enthusiasmus.

International überlagerten eher der Lärm der WM-Tröten, die Proteste der Stadion-Ordner und gelegentliche Transportprobleme das Geschehen auf dem Rasen. Blonde PR-Hasardeure in der niederländischen Fan-Kurve in orange-farbenen Minis riefen die FIFA-Markenpolizei auf den Plan – doch die befürchteten großen Sicherheitsprobleme blieben außerhalb der Stadien trotz gelegentlicher Zwischenfälle aus. Die WM-Schnellgerichte funktionieren und verhängen exemplarische Strafen. Ein Handy-Dieb wurde so in Rekordzeit zu beeindruckenden fünf Jahre Haft verurteilt – Südafrikaner sind sprachlos.

Der Kap-Staat präsentierte sich einem staunenden Weltpublikum bisher als fähiger und sympathischer WM-Gastgeber. Das berühmt- berüchtigte fatalistische Kürzel ausländischer Entwicklungshelfer – «TIA» – (für «This is Afrika!» – etwa: So ist Afrika eben!) – macht Platz für den WM-Slogan «Ke Nako». Afrikas Zeit ist gekommen… Nach anfänglicher Scheu haben sich viele der angereisten Berichterstatter ans Entdecken gemacht und sogar in Townships mit verdrehten Augen Hühnerfüße verkostet. Selbst die korrekte Schreibweise der Stadt Johannesburg (mit «e» statt mit «i») hat sich nun eingebürgert.

«Wir leben noch, und gar nicht so schlecht», lautet die Kernbotschaft an die Heimat. Findige Händler haben sie längst aufgegriffen und verkaufen erfolgreich T-Shirts mit dem Aufdruck «I survived Jo’burg» (Ich habe Jo’burg überlebt). Nach anfänglicher Skepsis über die WM-Touristen zählten die Behörden in den ersten beiden Juni-Wochen 456 000 Besucher – wobei offen bleibt, ob alles WM-Touristen waren. Nachdem viele internationale Stars angesichts der negativen Schlagzeilen im Vorfeld der WM fernblieben, berichten die Organisatoren von verstärktem Interesse an Last-Minute-Reisen. Kommende Woche wird daher eine zweite Welle von Besuchern erwartet.

Denn die Stimmung unter den angereisten WM-Fans ist trotz nächtlicher Minusgrade gut. Die Masse der Besucher berichtet von positiven Erfahrungen. Die Restaurants sind voll, und in den Bars wird überschwänglich gefeiert. Es herrscht Partystimmung: in den Fan- Parks liegen sich bunt geschmückte Chilenen, Serben oder Argentinier in den Armen. Wer bei all dem turbulentem Treiben noch Zeit hat, kann sich schon auf die nächste WM einstimmen. In Johannesburgs Nobel-Vorort Sandton präsentiert sich bereits der nächste WM-Gastgeber Brasilien unter dem Slogan: «Brasilien ruft euch».

Quelle: sueddeutsche.de

Samstag, 19. Juni 2010

Erster Erfolg im Fall Khaled Said

von Karim El-Gawhary



Dank Facebook, Youtube und den ägyptischen Bloggern, wird der Fall Khaled Said nun doch auch von offizieller Seite aufgerollt. Der ägyptische Oberstaatsanwalt Abdel-Meguid Mahmoudhat hat nun eine zweite Autopsie der Leiche von Khaled Said angeordnet.

Dessen Familie, der Besitzer des Internetcafes in dem Khaled verhaftet wurde und ägyptische Menschenrechtler klagen zwei Polzisten an, Khaled in Alexandria auf offener Strasse totgeprügelt zu haben. Die Polizei behauptet der junge Mann sei gestorben, nachdem er vor seiner Verhaftung seine Drogen heruntergeschluckt habe. Machen Sie sich selbst ein Bild, ob die Leiche eines Menschen der Drogen heruntergeschluckt hat, so aussieht .



Khaleds Familie behauptet, die Polzei habe es auf Khaled abgesehen, weil er im Besitz eines Videos war, das mutmasslich die Polzei dabei zeigen soll, wie sie konfiszierte Drogen untereinander aufteilt. Auch dieses Video, das Khaled angeblich zum Verhängnis geworden sein soll, kursiert inzwischen bei Youtube



Welche Fotos über Polzeigewalt sind zur Veröffentlichung in einem Blog vertretbar?






die beiden Fotos von Khaled Said bevor und nachdem er von der ägyptischen Polzei zu Tode geprügelt wurde.




Eine Blog-Leserin schreibt dazu:

Bin sonst eigentlich nicht empfindlich, aber müssen solche Fotos denn wirklich sein? Vielleicht bin ich zu jung, um so etwas zu verdauen.



Ich kann diesen Einwand gut verstehen und habe auch überlegt, ob man diese Art von Bilder in den Blog setzen kann. Ich habe mich am Ende dafür entschieden, weil es gerade die beiden Bilder im Vergleich sind, die die Stärke dieser Geschichte ausmachen. Würde der Leser oder die Leserin ohne diese beiden Bilder nebeneinander genauso auf die Geschichte reagieren oder wäre das einfach nur eine weitere Geschichte über Polizeigewalt unter einem undemokratischen Regime weit weg? Was halten die Leser davon? Das Forum ist eröffnet.



Wer gegen die Polzeibrutalität protestiert, wird von der Polizei verprügelt



Gestrige Demonstration in Kairo: 
Facebook "Wir sind alle Khaled Said"
Mehrere hundert Menschen hatten am Sonntagnachmittag vor Kairos Justizminsterium versammelt. Sie wollten friedlich gegen die Polizeibrutalität und die seit 29 Jahren geltenden Notstandsgesetze protestieren.






Uniformierte und in zivil gekleidete Polizisten schlugen auf die Demonstranten ein. Viele wurde in den Schwitzkasten genommen, um anschließend in Handschellen zu den am Rand wartenden Polzeistransportern geführt zu werden. Es gibt keine offiziellen Zahlen, wieviele Menschen abgeführt wurden.



Ahmad Maher, einer der Organisatoren des Protestes schätzt, das 80 Demonstranten festgenommen wurden.



Anwesende Journalisten wurden von der Polzei wiederholt aufgefordert den Ort zu verlassen. Kameraleuten wurde das Filmen untersagt.

Dank Facebook und Youtube: Folter findet in Ägypten nicht mehr unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt

Die Nachricht des am 7. Juni von der Polizei in Alexandria erschlagenen jungen Ägypters Khaled Said, verbreitete sich im Internet wie ein Lauffeuer.



Es existiert seit heute auf Youtube auch bereits ein erstes Musikvideo

Es zeigt zu Beginn Fotos von Khaled bevor er von der Polizei zu Tode geprügelt wurde und eines mit seiner entstellten Leiche. Unterlegt ist das Ganze mit einem Lied mit dem etwa folgenden Wortlaut: “Wir müssen unsere Stimme erheben, damit die ganze Welt uns zuhört und wir unsere Rechte bekommen. ” Zum Zeitpunkt dieses Eintags wurde das Video auf Youtube 23.000 Mal angeklickt.



Wenig im Vergleich zu den 116.000 Menschen, die sich bis zum Sonntagmittag auf einer der zu Khaleds Ermordung erstellten Facebookseiten mit dem Titel ”Ich heissse Khaled Said” angemeldet haben. Weitere 66.000. Menschen folgen einer zweiten Facebook-Seite mit dem Titel “Wir alle sind Khaled Said“.



Das soziale Internet Netzwerk Facebook wird überall in der arabischen Welt auch zur poltischen Mobilisierung, jenseits der staatlichen Medien genutzt. Wie ich bereits in einem älteren Eintrag in diesem Blog berichtet hatte, gibt es inzwischen dort mehr Facebook-Nutzer als Zeitungsleser.



Andere ägyptische Blogger haben in Gedenken an Said besondere Videos über Folter und Polizeigewalt in Ägypten produziert.



Die Polzei verbreitet inzwischen die Version, dass Khaled ein Drogenkonsument oder Dealer gewesen sein soll, der sich geweigert hatte, sich durchsuchen zu lassen. Das wäre aber immer noch kein Grund ihn amtlicherseits zu erschlagen.






Eines der Blogger-Videos zum Gedenken Khaleds endet mit dem Satz:



Die Würde der Nation besteht aus der Würde jedes einzelnen Bürgers



Khaled war ein netter, junger Ägypter. Eine traurige Geschichte über Polizeifolter und Notstandsgesetze



Khaled Said, war ein 28jähriger Ägypter aus Alexandria. Am 7. Juni ging er in ein Internetcafe im Zentrum der ägyptischen Hafenstadt. Zwei ägyptische Sicherheitsbeamte kamen in das Internet-Cafe und wollten scheinbar sein Personalien feststellen und ihn durchsuchen.



Als Khaled zu viele Fragen nach dem Grund der Intevention stellte, wurde er bereits im Internetcafe von den beiden Offizieren niedergeschlagen, die ihn dann auch mitnahmen und auf der Strasse weiterschlugen. Bevor Khaled ohnmächtig wurde habe er laut Zeugen immer wider geschrien, “Hört auf mich zu schlagen”. Dann nahmen sie in mit. Kein Haftbefehl, keine Gefahr in Verzug – einfach auf Grundlage des vor wenigen Wochen erneut verlängerten, seit 29 Jahrne geltenden Notstandsgesetzes.



Warum die Polzisten hinter Khaled her waren ist unklar. Die Poilzei behauptet, Khaled sei ein Drogen-Konsument oder Dealer gewesen. Laut der Polzei soll er an einer Überdosis gestorben sein, als er versucht habe, die Drogen herunterzuschlucken.



Das Foto seiner entstellten Leiche, zeigt dagengen einen bis zur Unkenntlichkeit geschlagenen Menschen. Laut einer anderen Version soll Khaled, die beiden Polizisten bei einem Drogengeschäft gefilmt haben.

So sah Kahled aus, als er gefunden wurde.



Khaleds Bekannte erzählen in Facebook, dass Augenzeugen aus dem Internet-Cafe systematisch eingeschüchtert wurden, keine Aussagen zu machen.



Khaled war kein Terrorist, er war nicht flüchtig, es gab keinen Haftbefehl gegen ihn. Khaled ist auch kein Einzelfall. Ägyptische Menschenrechtsorganisationen sprechen seit Jahrzehnten von der systematischen Anwendung von Folter in ägyptischen Polizeistationen.



In Facebook wurde nun eine Seite mit dem Titel: “Wir sind alle Khaled Said” auf englisch und arabisch eröffnet, um gegen die Polizeibrutalität in Ägypten zu protestieren.

Freitag, 28. Mai 2010

Marokkos musikalische Antwort auf die Islamisten

Bühne des Festivals Mawazine. Foto: Alexander Göbel
Musikfans aus aller Welt kommen in Marokko derzeit voll auf ihre Kosten: Im Königreich vergeht keine Woche ohne Kulturfestival von internationalem Rang. Ein erster Höhepunkt ist das Festival Mawazine in Rabat.
 
Marokkos König Mohammed VI. bittet die ganze Welt zur Sound-Audienz nach Rabat. Das Mawazine, ein King-Size-Festival der Superlative: 9 Tage, 9 Bühnen, rund einhundert Konzerte, fünf Kontinente, vierzig Nationen, zwei Millionen begeisterte Besucher. Marokko könne auf diese Weise zeigen, so ein Besucher, dass es ein offenes, gastfreundliches, tolerantes und friedliches Land sei, das sich für andere Kulturen interessiere.

Erfolgsgeschichte Mawazine

Lichtanimation der marokkanischen Flagge. Foto: Alexander Göbel
König Mohammed dem VI. liegt viel an diesem Image. Wieder hat er sein ganzes politisches Gewicht in die Waagschale geworfen, wieder eine lange Liste von Sponsoren gewonnen, um alles nach Marokko zu holen, was zwischen Orient und Okzident Rang und Namen hat. Das Mawazine Festival ist eine Erfolgsgeschichte und hat dem großen Musikfestival von Casablanca längst den Rang abgelaufen  – von Finanzkrise keine Spur. Das Gesamtbudget von Mawazine ist geheim, geschätzt wird es allerdings auf stolze 10 Millionen Euro. Anders wären die riesigen Bühnen oder die teuren Weltstars auch gar nicht zu bezahlen. Aber bei diesem königlichen Großereignis spielt Geld eben keine Rolle.

Mehr als nur Musik

Elton John (Foto: ap) Schließlich gehe es um viel mehr als nur Musik, sagt Aziz Daki, der künstlerische Leiter des Mawazine: "Unser König, Mohammed VI., will mit diesem Festival eben auch die Werte unserer Gesellschaft verteidigen: kulturelle Vielfalt, Toleranz und Respekt gegenüber anderen Menschen, anderen Religionen. All diese Werte sind fester Bestandteil von Mawazine!"

Eine deutliche Botschaft an Marokkos Islamisten – denen es gar nicht gefällt, dass sich ihr Land so weltlich präsentiert. Marokko ist gegen religiöse Extremisten nicht immun. Vor allem den Auftritt von Sir Elton John wollte die islamistische Partei PJD unbedingt verhindern, weil der Musiker sich offen zu seiner Homosexualität bekennt. Die Anspannung ist groß – eine wahre Armada von Polizei, Nationalgarde und Geheimdienst bewacht das Festival. Für alle Fälle. Doch die Macher von Mawazine lassen sich nicht beirren.

Keine Kultur ohne Politik

"Wir veranstalten hier ein Musikfestival", sagt Aziz Daki, "und haben Elton John eingeladen, weil er ein großartiger Musiker ist und in  Marokko enorm viele Fans hat. In der Werte-Philosophie des Mawazine-Festivals wäre es ein absurder Widerspruch, wenn wir einen Künstler nicht einladen würden, nur weil er homosexuell ist. Natürlich ist das ein politisches Statement, gerade in einem muslimischen Land – aber es gibt eben keine Kultur ohne Politik...."

Autor: Alexander Göbel
Redaktion: Klaudia Pape