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Montag, 23. August 2010

Spekulanten verdrängen Flüchtlinge

Flutkatastrophe in Pakistan

Das UN-Hochkommissariat ist besorgt über die Vertreibung afghanischer Flüchtlinge aus Pakistan. VON ANDREAS ZUMACH


Das UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) ist besorgt, dass afghanische Flüchtlinge in Pakistan nach der Zerstörung ihrer Unterkünfte durch die Flutkatastrophe dauerhaft aus ihren bisherigen Wohngebieten und schließlich vielleicht sogar ganz aus Pakistan vertrieben werden. In der Umgebung der nordpakistanischen Großstadt Peshawar seien bereits Spekulanten aufgetreten, die das Land aufkaufen wollten, auf denen die Häuser und Hütten der Flüchtlinge standen, erklärte ein Sprecher der UNHCR-Zentrale in Genf.

Mit über 1,7 Millionen vom UNHCR registrierten Flüchtlingen aus dem Nachbarland Afghanistan war Pakistan bislang eines der Länder mit der höchsten Flüchtlingspopulation in der Welt. Die afghanischen Flüchtlinge kamen nach der sowjetischen Invasion in ihrem Heimatland Ende 1979. Damals wurden sie in ländlichen Regionen Pakistans angesiedelt oder auf billigen Grundstücken an den Rändern der Städte.

Infolge des enormen Wachstums der Bevölkerung Pakistans und seiner Städte in den letzten 30 Jahren haben diese Grundstücke inzwischen erheblich an Wert gewonnen und locken Spekulanten an. 1,5 der 1,7 Millionen Flüchtlinge leben in Regionen Pakistans, die von der Flutkatastrophe betroffen sind. Nach bisherigen, noch unvollständigen Erkenntnissen des UNHCR wurden Dutzende von Flüchtlingsdörfern schwer beschädigt und einige völlig zerstört. Allein in der paschtunischen Kyber-Provinz rissen die Fluten über 12.000 Flüchtlingshäuser weg, in denen rund 70.000 Menschen lebten.

Eines der am schlimmsten betroffenen Flüchtlingsdörfer ist Azakheil im Nordwesten Pakistan. Hier verloren mehr als 23.000 Menschen ihre Unterkunft.

Das UNHCR hat von der Regierung Pakistans zwar die Zusage erhalten, dass die von der Flutkatastrophe vertriebenen afghanischen Flüchtlinge in ihre bisherigen Wohngebiete zurückkehren und ihre zerstörten Häuser wiederaufbauen dürfen, doch das UNHCR ist besorgt, dass diese Zusicherungen der Regierung in Islamabad von den lokalen Autoritäten vor Ort nicht gegen die Interessen der Spekulanten durchgesetzt werden.

Mittwoch, 30. Juni 2010

Flüchtlingsdrama in Griechenland: 16 Leichen in EU-Grenzfluss

Am türkisch-griechischen Grenzfluss Mariza sind die Leichen von 16 Menschen gefunden worden. Die afrikanischen Flüchtlinge hatten versucht, trotz Hochwassers ans andere Ufer zu schwimmen. Ihr Ziel: die EU.
 
An der Grenze zwischen der Türkei und Griechenland hat sich in den vergangenen Tagen offenbar ein Flüchtlingsdrama abgespielt. Wie die griechische Polizei mitteilte, ertranken 16 Menschen bei dem Versuch, über den griechisch-türkischen Grenzfluss in die Europäische Union zu gelangen.

Am griechischen Ufer des Flusses Mariza (griechisch: Evros, türkisch: Meriç) sind die Leichen von 16 Flüchtlingen gefunden worden. Sie hatten versucht, den nach Regenfällen stark angeschwollenen Fluss - ähnlich wie hier bei einem Hochwasser im Februar - schwimmend zu überqueren. (© Archivbild: dpa)

Am griechischen Ufer des Flusses Mariza, der in der Türkei Meriç und in Griechenland Evros heißt, seien am Dienstag neun Leichen entdeckt worden. Fünf weitere wurden auf der türkischen Seite geborgen. Bereits am vergangenen Freitag wurden die Leichen zweier ertrunkener Frauen gefunden.

Neun Tote stammten den Angaben zufolge aus Afrika. Die Ertrunkenen gehörten zu einer Gruppe von Flüchtlingen, die schwimmend versucht hatte, das griechische Ufer des Flusses zu erreichen, obwohl dieser nach heftigen Niederschlägen stark angeschwollen war. Über die Identität der anderen Toten war zunächst nichts bekannt.

Die griechischen Behörden hatten auf dem Evros am Freitag 25 afrikanische und afghanische Flüchtlinge abgefangen. Unter ihnen waren auch zehn Kinder, die in einer Barke das andere Ufer erreichen wollten.

Mehr als 500 Menschen ertrunken

Nach griechischen Angaben sind seit 2007 mehr als 500 Flüchtlinge bei dem Versuch, Griechenland auf dem See- oder Flussweg zu erreichen, ertrunken.

Jedes Jahr versuchen Zehntausende Menschen, über das Land im Südosten Europas in die EU zu gelangen. Nach Angaben der für Grenzen zuständigen EU-Behörde Frontex sind 2009 drei von vier illegalen Einwanderern an der griechischen Grenze aufgegriffen worden, insgesamt 48.000 an Land und 30.400 auf dem Wasser. Erst im Januar waren zwölf Ertrunkene in Alexandropolis im Nordosten des Landes gefunden worden.

Mittwoch, 28. April 2010

Abschiebepolitik: Vernichtendes Urteil für Italien

Die Rückführung afrikanischer Flüchtlinge nach Libyen durch italienische Behörden nennt das Antifolterkomitee des Europarats menschenrechtswidrig und inhuman. VON MICHAEL BRAUN

Italienische Küstenwache sucht nach Flüchtlingen.
Menschenrechtswidrig, unwürdig, inhuman: Zu diesem vernichtenden Urteil über Italiens Abschiebepolitik im Mittelmeer kommt das Antifolterkomitee des Europarates in einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht. Seit dem Mai 2009 schafft Italien jene Flüchtlinge, die im Mittelmeer noch vor Erreichen italienischer Hoheitsgewässer aufgegriffen werden, unmittelbar nach Libyen zurück.

Ermöglicht wurde diese Praxis durch das zwischen Silvio Berlusconi und Muammar al-Gaddafi im Sommer 2008 geschlossene Freundschaftsabkommen: Italien verpflichtete sich zur Zahlung von fünf Milliarden Dollar über die nächsten 25 Jahre hinweg; außerdem stellte es sechs Patrouillenboote und allerlei anderes Gerät zur Verfügung.

Die Politik trug sofort Früchte. Im Jahr 2009 wurden mehr als 800 Menschen auf hoher See aufgegriffen und zurück nach Tripolis geschafft. Unter ihnen befanden sich zahlreiche Eritreer und Somalier, denen in Italien mit hoher Sicherheit Asyl oder humanitäre Duldung gewährt worden wäre. Zudem stachen kaum noch Boote von Libyen Richtung Norden in See; Italien schloss deshalb mittlerweile das Aufnahmelager auf der Insel Lampedusa.

Doch der jetzt vom Antifolterkomitee des Europarates publizierte Bericht unterstreicht, dass die Zurückgeschafften zur Stellung eines Asylantrages gar keine Chance hatten. Denn die Beamten der italienischen Marine und der Finanzpolizei dachten gar nicht daran, sie auch nur zu identifizieren und so ihre Nationalität festzustellen. Bloß diejenigen, die gesundheitlich schwer angeschlagen waren, hatten eine Chance, in italienische Krankenhäuser gebracht zu werden.

Das Antifolterkomitee, das mehrere Abschiebeaktionen von Mai bis Juli 2009 untersuchte und dazu italienische Regierungsvertreter ebenso wie Mitarbeiter des UN-Flüchtlingshilfswerks anhörte, hält fest, dass die Abgeschobenen in ein Land zurückgebracht wurden, in dem ihnen unwürdige Haftbedingungen bis hin zur Folter drohen. Außerdem seien sie der Gefahr ausgesetzt, von Libyen in ihre Ursprungsländer zurückgebracht zu werden.

Unwürdig ging es laut Bericht aber schon auf den Schiffen zu. Nicht einmal genügend Wasser hätten die Flüchtlinge erhalten, ihr Widerstand gegen die Auslieferung an Libyen sei mit Gewalt gebrochen worden.

Doch Italiens Regierung fechten diese Vorwürfe nicht an. Die dem Bericht beiliegende italienische Antwort bestreitet rundheraus alle Punkte. Nie, so heißt es, sei Gewalt angewandt worden, man habe bloß einige Flüchtlinge, die nicht selber von Bord wollten, "hochheben" müssen.

Dummerweise auch habe keiner der auf See Aufgegriffenen den italienischen Beamten gesagt, er wolle Asyl - in diesem Falle hätte er selbstverständlich eine Passage nach Italien erhalten. Und schließlich werde Italien auf hoher See gar nicht aus eigenem Antrieb tätig, sondern bringe "auf Verlangen Libyens" Menschen zurück, die von dort irregulär ausgereist seien. Bei solchen Aktionen sei es zudem nicht die Pflicht der italienischen Beamten, die Passagiere zu identifizieren.

Doch nicht bloß das Antifolterkomitee ist da anderer Meinung. Auch Italiens Justiz hat sich mittlerweile in Bewegung gesetzt. Die Staatsanwaltschaft Syrakus hat vor einer Woche Anklage gegen den Chef der für Immigration zuständigen Abteilung des Innenministeriums sowie einen General der Finanzpolizei erhoben. Die von ihnen koordinierten Rückschaffungsaktionen erfüllten den Tatbestand der Nötigung, meinen die Staatsanwälte.

Donnerstag, 1. April 2010

Frankreichs harter Kurs gegen Illegale: Zwangsräumung im Morgengrauen

Die französische Regierung erhöht den Druck auf Illegale: Sie ließ eine von 250 afrikanischen Immigranten besetzte Unterkunft räumen - keiner hatte gültige Papiere.

VON RUDOLF BALMER

Protest nach der Räumung

Ein seit Monaten von "Papierlosen" besetztes Haus an der Rue du Regard in Paris wurde am Donnerstag morgen von der Polizei geräumt. Das Gebäude in 6. Arrondissement von Paris, das einem Fonds für Weiterbildung des Baugewerbes gehört, war von rund 250 zumeist afrikanischen Besetzern in ein Zentrum der Bewegung für die Legalisierung von Tausenden von Immigranten ohne gültige Papiere verwandelt worden.

Mit Spruchbändern machten sie seit dem 15. Dezember auf ihre unhaltbare Situation aufmerksam. Alle arbeiten, oft schon seit vielen Jahren, in Frankreich ohne rechtlichen Status, die meisten von ihnen bezahlen Steuern und Sozialbeiträge. Die offizielle Anerkennung durch eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis wird ihnen aber durch eine sukzessiv verschärfte Ausländerpolitik verwehrt.

Mit Unterstützung durch die CGT-Gewerkschaft und andere Organisationen machen die "Sans-papiers" mit Streiks, Betriebsbesetzungen und Demonstrationen auf ihre Situation aufmerksam. Sie fordern, dass die aus behördlicher Sicht illegal in Frankreich lebenden und arbeitenden ausländischen Arbeiter legale Immigranten werden können. Da sie heute gezwungen sind, im Untergrund in ständiger Angst vor einer Festnahme und Abschiebung zu leben, werden sie als rechtlich wehrlose Arbeitskräfte besonders ausgebeutet.

Ganze Wirtschaftszweige könnten ohne sie nicht auskommen: Vor allem Reinigungs- und Bewachungsfirmen und erst recht das Gastgewerbe und die Bauwirtschaft beschäftigen, oft via Interimsagenturen, unzählige Immigranten ohne Papiere. Die Regierung hat nur punktuell Regularisierungsgesuche positiv beantwortet, statt dessen aber vor allem den Kampf gegen die illegale Immigration verschärft und den - bisher ohne sichtbare Ergebnisse - den Arbeitgebern, die wissentlich "Sans-papiers" einstellen, mit härteren Sanktionen gedroht.  
 
Die Polizei wird von der Staatsführung gedrängt, mehr "Klandestine" effektiv auszuweisen. Für 2010 gilt die Zahl von 30.000 ausgeführten Abschiebungen als Plansoll.

Da die Ausführung von Ausweisungsurteilen oft an Rekursen oder an Formfehlern und einem Entscheid des Haftrichters scheitert, möchte nun Immigrationsminister Eric Besson die Prozedur beschleunigen. So soll es möglich werden, dass aufgegriffene "Klandestine" auf rein administrative Weise, noch bevor ein Haftrichter über die Zulässigkeit der Festnahme entscheiden kann, über die Grenze geschafft werden dürfen. So könnte der Minister solche Besetzer, die auch noch die "Frechheit" haben, als Arbeiter ihre Rechte zu einzufordern, ohne viel Federlesens nach Senegal oder Mali ausfliegen lassen.  

Eine solche drastische Verschärfung der prekären Lage der ausländischen Arbeitenden, von denen viele ursprünglich ganz legal eingereist waren und erst später zu "Sans-papiers" wurden, stößt auf Widerstand. Einige Schritte von der Rue du Regard entfernt beteiligten sich mehrere hundert Mitglieder von Linksparteien und mehrere Prominente an einer Solidaritätskundgebung. Auf einem Spruchband stand: "Sie leben hier, sie arbeiten hier - sie bleiben hier!"

Freitag, 5. März 2010

Türkische Politiker drohen USA wegen Völkermord-Vorwurf

Türkischer Außenminister Ahmet Davutoglu: "US-Regierung muss Resolution blockieren"

Der Ton zwischen Ankara und Washington verschärft sich drastisch: Türkische Spitzenpolitiker verlangen von der US-Regierung, die Armenien-Resolution des Kongresses zu blockieren. Andernfalls seien die bilateralen Beziehungen gefährdet.

Washington/Ankara - US-Präsident Barack Obama preist die Türkei gerne als "Brücke" zwischen der islamischen Welt und dem Westen. Doch das Verhältnis zwischen den Verbündeten hat sich nun drastisch abgekühlt. Auslöser ist eine Resolution des auswärtigen Ausschusses des US-Kongresses, in der die Verfolgung der Armenier als "Völkermord" bezeichnet wird.
 
 
Die türkische Regierung wies den Vorwurf scharf zurück. "Wir verurteilen diese Resolution, die der türkischen Nation ein Verbrechen anlastet, das sie nicht begangen hat", hieß es in einer Erklärung. Die Entscheidung des Ausschusses habe "in den Augen des türkischen Volkes keinen Wert", sagte Präsident Abdullah Gül. 
 
Zugleich warnte Gül vor möglichen Folgen der Resolution für die Annäherung zwischen der Türkei und Armenien sowie für die Beziehungen zum Bündnispartner USA. Der Kongress müsse einen "historischen Fehler" berichtigen, zitierten türkische Medien Parlamentssprecher Mehmet Ali Sahin. Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu drängte die US-Regierung, die Resolution zu blockieren. Ankara bestellte zudem seinen Botschafter zu Konsultationen in die Heimat. 

Trotz scharfer Warnungen der US-Regierung hatte der Ausschuss das Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich als "Völkermord" eingestuft. Die Mitglieder stimmten mit einer knappen Mehrheit von 23 zu 22 Stimmen für die Resolution. In der nicht-bindenden Erklärung forderten sie Obama auf, die "systematische und vorsätzliche Auslöschung von 1,5 Millionen Armeniern klar als Völkermord zu qualifizieren". Außerdem solle er sicherstellen, dass die Erinnerung an diese Ereignisse während des Ersten Weltkriegs Teil der US-Außenpolitik sei. 

"Deutschland hat die Verantwortung für den Holocaust akzeptiert", sagte der Ausschussvorsitzende Howard Berman. "Für die Türkei ist es jetzt Zeit, die Realitäten des Genozids an den Armeniern zu akzeptieren." Das werde am Ende auch die Demokratie in der Türkei und die amerikanisch-türkischen Beziehungen stärken.

Immer wieder Verstimmungen wegen Armenier-Frage
 
Das Votum des Ausschusses könnte den Weg zu einer Plenarabstimmung im Repräsentantenhaus freimachen. US-Präsident Obama hatte im Wahlkampf angekündigt, das Massaker als Völkermord klassifizieren zu wollen, kam dieser Zusage bisher allerdings nicht nach.

Im US-Kongress gibt es seit Jahren Bestrebungen, die Verfolgung der Armenier als Völkermord anzuerkennen. Zu ähnlicher Verstimmung war es bereits 2007 gekommen, als derselbe US-Kongressausschuss ebenfalls eine "Völkermord-Resolution" verabschiedete. Nach heftigem internen Widerstand wurde das Dokument aber nicht im Plenum verhandelt. Die Türkei ist Rechtsnachfolgerin des Osmanischen Reichs und ein wichtiges Nato-Mitglied. Die USA nutzen unter anderem Stützpunkte in der Türkei, um ihre Truppen im Irak zu versorgen.

Hunderttausende Tote nach Vertreibungen
 
Bei Vertreibungen und Todesmärschen waren zwischen 1915 und 1917 nach armenischen Angaben mehr als 1,5 Millionen Armenier getötet worden, nach türkischen Angaben zwischen 250.000 und 500.000. Der Vorwurf des Genozids wird von der Türkei allerdings vehement bestritten. Die christlichen Armenier hätten an der Seite des Kriegsgegners Russland gestanden, heißt es in der Türkei zur Begründung. Im Osmanischen Reich lebten gegen Ende des 19. Jahrhunderts bis zu 2,5 Millionen Armenier. Heute sind sie im Nachfolgestaat Türkei nur noch eine kleine Minderheit.

Anfang Oktober 2009 unterzeichneten die Außenminister der Türkei und Armeniens ein Protokoll zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Ankara wolle nun trotz des US-Votums den Friedensprozess vorantreiben, sagte Außenminister Davutoglu.

Der armenische Außenminister Edward Nalbandjan hat die US-Resolution begrüßt. Er bezeichnete den Beschluss als "wichtigen Schritt auf dem Weg zur Unterbindung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Nalbandjan begrüßte, dass die USA "an humanitären Werten" festhielten. Mehrere Organisationen der armenischen Minderheit in den USA nannten den Beschluss "einen Triumph der Gerechtigkeit".

Sonntag, 30. August 2009

»Die Menschen werden wie Tiere behandelt«

Das NoBorder-Camp auf Lesbos wirft der griechischen
Interview: Christian Jakob, Lesbos (Griechenland)
Deeb Zag, 35, lebt als anerkannter Asylbewerber in Budapest und arbeitet dort beim Helsinki-Komittee für Flüchtlingshilfe. Er gehört zu den Organisatoren des diesjährigen antirassistischen NoBorder-Camps auf der griechischen Insel Lesbos, das jetzt zu Ende ging

Sie leben als palästinensischer Flüchtling in Ungarn. Nun kämpfen Sie auf der Insel Lesbos gegen die Internierung afrikanischer Flüchtlinge. Wieso in Griechenland?

Ich war selbst monatelang in einem Internierungslager an der EU-Außengrenze, nachdem ich 2006 versucht hatte, über die Ukraine nach Slowenien zu gelangen. Danach saß ich in Kiew auf der Straße. Genau das passiert auch den Flüchtlingen, die nach Griechenland kommen – nur daß die Bedingungen hier noch viel schlimmer sind.

Inwiefern?

Ich war Mitglied einer Delegation des NoBorder-Camps, die am Freitag das Lager Pagani auf Lesbos besucht hat. 1000 Menschen sind dort eingesperrt, für 300 ist es nur ausgelegt. Bis zu 150 Menschen werden in einem Raum festgehalten; sie teilen sich eine Toilette, eine Dusche, es gibt nicht genügend Betten für alle, es stinkt, es gibt Bakterien, Ungeziefer, Krankheiten.

Warum existiert dieses Lager überhaupt?

Es handelt sich um »Administrativhaft«, angeblich um die Neuankömmlinge zu registrieren. In Wahrheit ist das reine Schikane, die der Abschreckung dient. Oft bleiben die Menschen dort monatelang. Die Polizei räumt nur einmal in der Woche den Müll weg, das Essen wird durch Gitter gereicht. Sie bekommen keine Seife, keine Zahnpasta. Eine Frau verkauft im Gefängnis Seife, Wasser und Zigaretten – aber nur für die, die Geld haben. Die Menschen werden wie Tiere behandelt.

Wie haben Sie mit dem NoBorder-Camp versucht, gegen diese Zustände vorzugehen?

Wir sind hierher gekommen, um für die Rechte der Flüchtlinge zu kämpfen. Dafür war aber nötig, daß sich die die Flüchtlinge selber organisieren.

Hat das funktioniert?

Ja. Schon in der letzten Woche sind 150 von ihnen in Hungerstreik getreten, als wir das erste Mal in Pagani demonstriert haben. Ein Teil von ihnen wurde daraufhin entlassen. Am Samstag haben sie versucht, mit einem zweiten Hungerstreik die Behandlung eines erkrankten Häftlings durchzusetzen. Als der abtransportiert wurde, konnten sie ihre Zellen verlassen und sind in den Innenhof gegangen.

Was haben Sie getan?

Teilnehmer des Camps sind sofort zu dem Lager gefahren. Wir wollten der Polizei signalisieren: Tut den Leuten nichts und erfüllt ihre Forderungen.

Welche Forderungen waren das?

Sie wollten durchsetzen, daß alle Frauen mit Kindern und deren Männer sofort entlassen werden. Die Polizei hat schließlich angekündigt, in den nächsten Tagen 450 Insassen freizulassen, etwa 80 davon sofort. Am Tag davor hatte die UNHCR-Zentrale in Genf die sofortige Schließung von Pagani gefordert.

Warum wurde das Camp gerade auf Lesbos organisiert?

Lesbos ist eine der wichtigsten Durchgangsstationen für Flüchtlinge. Die EU-Grenzschutzagentur Frontex ist hier relativ neu, ihre Aktivitäten sind nicht so perfektioniert wie in Osteuropa. Die Menschen kommen hierher, weil sie glauben, daß der Grenzübertritt leichter sei als in Malta oder Spanien.

Hatten Ihre Aktionen Erfolg?

Wir haben geschafft, daß Menschen freigekommen sind …

… die aber wohl ohnehin entlassen worden wären.

Schon. Aber wir haben Druck auf die Behörden ausgeübt. Die wissen jetzt, daß es der Öffentlichkeit nicht egal ist, was sie mit den Menschen machen. Es war auch ein Signal an die Menschen vor Ort: Auf eurer kleinen Insel läuft etwas falsch! Wir hoffen, daß auch sie künftig sagen: Wir wollen nicht mehr, daß Leute systematisch mißhandelt werden, die überhaupt nichts verbrochen haben und einfach nur auf der Suche nach einem besseren Leben hier durchreisen.

Ihr Protest richtet sich gegen die griechische Regierung, die wird aber von der EU unter Druck gesetzt. Sie soll Flüchtlinge von der Einreise abhalten und die durchgekommenen biometrisch erfassen.

Selbstverständlich sind die großen EU-Länder und Frontex mitverantwortlich, weil sie sich weigern, Flüchtlingen Schutz zu gewähren. Die lokalen Behörden sind aber Mittäter. Wenn Griechenland sagt, wir nehmen zur Registrierung Fingerbabdrücke ab – von mir aus. Dazu sollte aber niemand eingesperrt werden dürfen. Damit das aufhört, bin ich hergekommen.


Sonntag, 26. Juli 2009

Flüchtlinge stürmen Lastwagen

TRAUMZIEL EUROPA

SPIEGEL-TV-Reporter Peter Hell berichtet aus Izmir, Patras und von Samos

Junge Männer springen auf fahrende Lastwagen, verstecken sich im Radkasten oder auf den Achsen - weil sie vom Leben in Deutschland träumen. Über Griechenland und die Türkei drängen Zehntausende in die EU. Die Behörden sind machtlos, die Flüchtlinge zu allem bereit.

Rennen, schnell rennen. In diesem kurzen, entscheidenden Moment der Schnellste sein. Nur darauf kommt es an. Abdullah kann rennen. Er rannte schon vor den Taliban um sein Leben. Dann jagten ihn afghanische Polizisten durch Kabul. Schließlich hetzten ihn Soldaten durch die Wälder südlich von Kusadasi an der türkischen Ägäis-Küste. Allen ist Abdullah davongelaufen.

Jetzt steht er mit seinen Freunden an einer Einfallstraße, die in die westgriechische Hafenstadt Patras führt. Gleich wird er wieder rennen.

Es sind etwa 30 junge Männer - Flüchtlinge. Paschtunen, Tadschiken, Usbeken. Alle kommen aus Afghanistan. Der Jüngste ist 15 Jahre alt. Sie alle wollen nach Italien, nach Deutschland oder England. Irgendwohin, wo man sie aufnimmt. Nur nicht Griechenland. Hier liegt die Anerkennungsquote für Asylsuchende unter einem Prozent. Für die meisten ist Patras lediglich eine Zwischenstation auf ihrer monatelangen Flucht.

"Es geht los", flüstert Abdullah. "Der Laster da vorn, der fährt in den Hafen." Die Männer, die bislang regungslos im Schatten unter einer Palme hockten, springen auf. Ein Lkw mit holländischem Kennzeichen nähert sich der Gruppe. Der Fahrer muss an dieser Stelle etwas langsamer fahren, da die Straße wegen einer Baustelle schmaler ist.

Als der Transporter die Männer passiert, beginnt die Jagd. Die Afghanen sprinten los, rennen, so schnell sie können. Abdullah hat ein Stemmeisen in der Hand, hält es wie einen Staffelstab. Dann erreicht die Gruppe die Ladetür. Der Lastwagen ist langsamer geworden. In Sekundenschnelle setzt Abdullah das Metall an die Verschlussvorrichtung. Ein kurzer Ruck, und die Tür springt auf. Die Männer hangeln sich in den Laderaum. Vier schaffen es, Abdullah ist nicht dabei. "Die Tür", schreit einer, "macht sie zu!" Abdullah hängt sich an die Heckklappe, verschließt sie - und springt bei Tempo 30 ab.

"Manche sitzen im Radkasten, einige liegen auf der Achse"

"Wir haben keine andere Möglichkeit", erzählt Abdullah. "Unsere Situation wird immer schlimmer. Bei uns herrscht Krieg. Die Taliban bringen uns um. Wir sind über Iran geflohen. Jeden Tag versuchen wir, uns in einem Laster zu verstecken, um auf die Fähren nach Italien zu kommen."

Seit drei Monaten ist Abdullah auf der Flucht. Er ist gerade 20 Jahre alt geworden und er hatte wie viele seiner Altersgenossen aus Afghanistan nur die Wahl: Kämpfen - oder Verschwinden. "Entweder du schließt dich den Taliban an, gehst zur Armee oder wirst Polizist. Es gibt keine andere Möglichkeit", sagt er.

Das Hafengelände von Patras ist bewacht wie ein Hochsicherheitstrakt. Messerscharfer Stacheldraht ist auf dem drei Meter hohen Stahlzaun verlegt worden. Hafenpolizei und Militär patrouillieren im Minutentakt. "Ich will dafür sorgen, dass es kein Flüchtling mehr in den Hafen schafft. Das ist mein Job", sagt Athanassios Athanassopoulos, seit November 2008 Kommandant der Hafenpolizei von Patras.

Chaotische Szenen wie im vergangenen Jahr soll es nicht mehr geben. Damals versuchten zeitweise Hunderte Flüchtlinge gleichzeitig, das Hafengelände zu stürmen, um auf eine der Fähren zu gelangen. "Wir kontrollieren jeden Lastwagen vor der Einschiffung", versichert der Kommandant. "Und wir erwischen immer Flüchtlinge, die sich versteckt haben. Manche sitzen im Radkasten, einige liegen auf der Achse, andere verstecken sich unter den Wassermelonen."

Athanassopoulos' Job ist eine Sisyphos-Aufgabe: In der Hochsaison legen täglich bis zu zwölf Fähren nach Italien ab, mehr als 1200 Laster müssen kontrolliert werden. Allein in Patras, so vermuten die Behörden, hielten sich zeitweise mehr als 4000 Flüchtlinge auf: Iraker, Afghanen, Somalis oder Palästinenser. Einige von ihnen hausten in einem provisorischen Lager an der Stadtgrenze von Patras, in Unterkünften aus Plastikplanen, Pappe, Holzplatten. Vor wenigen Wochen machten Bulldozer das Camp, das ausschließlich von Afghanen bewohnt wurde, dem Erdboden gleich. Die Polizei nahm 44 Minderjährige fest, der Großteil der 800 Bewohner konnte sich vor der Räumungsaktion absetzen.

Im Zentrum internationaler Menschenschmuggler

Egal ob Afghanen, Somalier oder Iraker - fast alle landen auf ihrer Flucht irgendwann im türkischen Izmir. Die Hafenstadt an der östlichen Mittelmeerküste gilt seit langem als das operative Zentrum internationaler Menschenschmuggler. Die erste Anlaufadresse der Flüchtlinge liegt im Stadtteil Basmane. Das Viertel ist alt und heruntergekommen. Fliegende Händler preisen brüllend ihre Ware an. Auf kleinen Plastikstühlen spielen alte Männer Dame. Es ist heiß und laut, und die jungen Männer, die in kleinen Grüppchen an Häuserwänden lehnen, fallen nicht auf. Sie warten auf ihre Schlepper, die sie nach Griechenland bringen sollen. Sie warten tagelang, manchmal Wochen. Ein Telefonanruf, ein geheimer Treffpunkt, dann geht es auf ein Boot.

Ahmed wartet seit drei Monaten.

Ahmed sagt, er sei Palästinenser. Die meisten Flüchtlinge aus Nordafrika behaupten das. "Die Marokkaner oder Algerier denken, sie haben so bessere Chancen auf Asyl", sagt Ahmed, der wie seine Kameraden keinen Pass mehr besitzt. Ahmed sagt, er sei aus dem Gaza-Streifen über Ägypten nach Izmir geflohen. "7000 Dollar habe ich bezahlt. Wir wurden auf ein Fischerboot gebracht, das uns nach Griechenland bringen sollte. Stattdessen haben sie uns an der türkischen Küste ausgesetzt. Dann hat uns die Polizei geschnappt." Die Festgenommenen mussten ihre Personalien angeben - und wurden wieder freigelassen: ausgestattet mit einer zweimonatigen Duldung und der Auflage, die Türkei zu verlassen.

Manche der Flüchtlinge haben 5000 Dollar bezahlt, manche 10.000. Woher sie das Geld haben, verraten sie nicht. Nur noch eines will Ahmed über die Schlepper sagen: "Sie verdienen Millionen. Wenn es sein muss, bringen sie auch Menschen um. Die sind gefährlich. Bei der Flucht geht es um Leben oder Tod!"

Ahmed schläft in einer Absteige direkt am Marktplatz von Basmane. Zusammen mit 19 Landsleuten teilt er sich ein 30 Quadratmeter großes Zimmer. Für 2,50 Euro pro Person und Nacht. Die Männer hocken auf ihren Betten. Sie besitzen nur das, was sie am Körper tragen. 1500 Dollar kostet die Flucht auf eine der nahegelegenen griechischen Inseln. Doch Geld hat in diesem Raum kaum noch einer. Sie reden leise, sprechen über ihre Flucht, über Möglichkeiten, nach Europa zu kommen. Dabei fallen immer wieder zwei Wörter: "The Point" - "der Punkt" - liegt in einem Naturschutzgebiet, südlich von Kusadasi. Das Gelände ist gebirgig, dichte Wälder ziehen sich bis an die Küste. Diese Region ist von Sicherheitskräften kaum zu kontrollieren. "Wenn man es bis dorthin geschafft hat, dann sind es nur noch ein paar hundert Meter bis nach Griechenland", erzählt Ismael. "Ich war einmal dort. Dann hat uns das Militär erwischt."

Die Behörden schätzen, dass zurzeit mehr als hunderttausend illegale Einwanderer an der türkischen Küste auf eine Überfahrt nach Europa warten. Ziel der meisten: die griechische Insel Samos, die in Sichtweite der Türkei liegt und an der schmalsten Stelle gerade einmal 1200 Meter entfernt ist. Manche Flüchtlinge versuchen, die Meerenge zu durchschwimmen. Andere werden von Schleppern im Schutze der Nacht in kleine Schlauchboote gesetzt und ihrem Schicksal überlassen. Viele überleben das nicht. 2008 wurden vor der türkischen Küste mehr als 200 Ertrunkene geborgen.

"Wenn die Flüchtlinge uns sehen, schlagen sie Löcher in ihre Boote"

Mehr als zehntausend Somalis, Afghanen, Iraker und Palästinenser haben es im vergangenen Jahr nach Samos geschafft - und damit in die EU. Doch auf der kleinen Insel, gerade mal halb so groß wie Rügen, ist man auf den Ansturm nicht eingestellt. Tag und Nacht patrouillieren Boote der Küstenwache, versuchen, die Außengrenze der EU zu sichern. So weit es geht. "Wir schaffen es kaum noch", sagt ein Polizist, der anonym bleiben möchte. "Wenn die Flüchtlinge uns sehen, schlagen sie Löcher in ihre Boote. Wir müssen sie dann retten und an Bord nehmen. Das ist unser Problem. Es ist dann eine Rettungsaktion und wir können sie nicht in die Türkei zurückschicken."

Die Regierung hat Ende 2007 oberhalb von Samos-Stadt ein primitives Lager errichtet, in Baracken leben mehr als 300 Menschen, vor allem Afrikaner und Araber. Vier Meter hohe Stacheldrahtzäune sollen verhindern, dass die Flüchtlinge ausbrechen. Als das Team von SPIEGEL TV eintrifft, drängen die Menschen an den Gitterzaun. Einige halten ihre Kinder in die Höhe, rufen "Guantanamo" und "Holt uns hier raus!"

Abgeschoben werden können sie nicht - wohin auch. Die Türkei nimmt sie nicht wieder auf und die wenigsten besitzen gültige Papiere. "Wir wollen nach Deutschland", ruft einer. "Ihr habt Menschenrechte und wir wollen dort in Frieden leben." Ein Aufseher drängt die Gefangenen zurück in die Lagermitte. Bilder wie diese sind nicht erwünscht.

Im Hafen von Samos, kurz vor Auslaufen der Fähre nach Piräus, halten zwei Busse. An Bord: 50 Flüchtlinge, die meisten aus Somalia. Zwei Zivilpolizisten befehligen die Menschen in eine Reihe. Dann geht alles sehr schnell. Jeder erhält ein 60-Euro-Ticket für die Schiffspassage Richtung griechisches Festland, dazu eine einmonatige Duldung. Nach zehn Minuten sind alle an Bord.

Auf diese Weise gelangten in den vergangenen Jahren mehr als hunderttausend Menschen nach Athen und Patras. Von dort zieht die Menschenkarawane weiter Richtung Italien, England oder Deutschland. Mit dem Lastwagen, per Boot, zu Fuß.

Nur in die Heimat will keiner zurück.

Sendetermin: Sonntag, 22.10-22.55 Uhr, RTL

Donnerstag, 2. Juli 2009

Anrennen gegen die Festung Europa

Erschütternder Bericht eines Flüchtlings

Er wollte auswandern. Er reiste quer durch Afrika. Er saß bereits im Boot nach Lampedusa. Jetzt ist Georges N. wieder in Kamerun. taz.de dokumentiert seinen erschütternden Reisebericht.

Man muss kräftig sein, um seinen Platz verteidigen zu können", erinnert sich Georges N. an seine Fahrt zusammen mit anderen afrikanischen Flüchtlingen auf einer offenen Ladefläche durch die Sahara. "Wer schwächelt, kann herunterfallen, und meistens fährt das Auto dann einfach weiter."

Der 30-jährige Kameruner, der trotz Studienabschluss für sich keine Perspektive sah, hat über ein Jahr lang versucht, die Ausreise nach Europa zu schaffen. Er lebte in der Wüste, er schaffte es bis ins Mittelmeer, sein Boot wurde von der libyschen Küstenwache gestoppt. Zurück in der Heimat, schrieb er auf Anraten seiner Freunde von Zenu Network, einem Netzwerk kamerunischer Bürgerrechtsaktivisten, seine Erlebnisse auf.

Das Zenu Network will den Bericht im August bei einem großen Jugendkongress zur Emigrationsfrage in Kamerun diskutieren. Er ist eine Anklage gegen Europa und gegen den neuen EU-Partner Libyen, dessen Revolutionsführer Gaddafi gestern den Jahresgipfel der Afrikanischen Union in Sirte eröffnete.

"Man steckte uns einfach in Zellen, und die Wächter warteten ab, wie es uns schlechter und schlechter ging", schildert N. seine Abschiebehaft in Libyen. "Es gibt nichts zu essen. Wer krank wird, bekommt keine Hilfe. Wer stirbt, muss von den anderen begraben werden."

Georges' Odyssee durch Afrika

Er hatte es fast geschafft, aber kurz vor Lampedusa wurde das Boot von der libyschen Küstenwache gerammt. Seine Reise führte quer durch Afrika. Die Geschichte der Odyssee

VON GEORGES N.

Ein Boot, das wie jenes von Georges N. ebenfalls absoff: Afrikanische Flüchtlinge im Mittelmeer. (Archivbild von 2003. Diese Menschen wurden von italiens Küstenwache gerettet – und abgeschoben.)

Ich bin 30 Jahre alt, diplomierter Betriebswirtschaftler der Universität Douala in Kamerun und arbeitslos. Ein Jahr habe ich mit dem Versuch verbracht, von Afrika nach Europa zu gelangen. Ich habe viel auf dieser Reise gelernt. Wenn meine Familie mir nicht geholfen hätte, wäre ich nicht lebend zurückgekommen, und ich bin ihr unendlich dankbar. Die Überfahrt über das Meer ist sehr riskant, und die langen Fahrten durch die Wüste sind es ebenfalls - es gibt keine Überlebensgarantie.

Meine Reise begann an einem Tag im März 2008, kurz nach den schweren Unruhen in Kamerun, bei denen über 100 Jugendliche bei Protesten gegen die Regierung getötet wurden. Ich beschloss wegzugehen. Ich setzte mich in den Zug aus Douala nach Ngaoundéré. Ich hatte als Startkapital 230.000 CFA-Franc (ca. 350 Euro) dabei: ein Teil bestand aus persönlichen Ersparnissen, ein Teil war geborgt.

Als ich morgens früh um neun nach 15 Stunden Fahrt in Ngaoundéré ankam, stieg ich sofort in einen Bus nach Kousséri, ganz im Norden Kameruns. Erst in der Nacht darauf kam ich an, um 2 Uhr früh. Zwei Tage blieb ich in Kousséri, dann reiste ich weiter zur nigerianischen Grenze, wo ich problemlos ein kamerunisches Ausreisevisum bekam und ein Transitvisum für Nigeria. Ich gelangte ohne Probleme nach Maiduguri, dann nach Kano, und von dort ging die Reise weiter nach Niger.

In Niger fingen die Schwierigkeiten an. Die Sicherheitskräfte an der Grenze verlangen Geld, um dich weiterreisen zu lassen. Und Kameruner sind nicht willkommen, weil sie als Straßenräuber verrufen sind. Nun, ich kam weiter. Aber mit dem Auto durch Niger in Richtung Norden zu fahren, ist nicht einfach, denn es gibt in Niger eine bewaffnete Rebellion. Die Autos müssen im Konvoi fahren, mit Militäreskorte, und die Fahrt dauert mehrere Tage. Es gibt viele Schikanen der Polizei, und wenn du nicht aufpasst, ist nach einer Durchsuchung dein Geld weg, und du kannst von vorne anfangen.

Niger ist ein sehr armes Land, alles ist sehr hart und schwierig. Ich habe junge Kameruner gesehen, die dort sechs Monate und mehr arbeiten, um am Ende umgerechnet 50 Euro zu verdienen, wenn sie sie überhaupt bekommen. Wenn dann die Familie von zu Hause nichts schickt, ist es das nackte Elend. Kann man die Polizisten schmieren, ist die Reise leichter. Auf diese Weise gelangte ich bis in die letzte nigrische Stadt vor der Wüste: Arlit.

In Arlit läuft der gesamte Handel mit den Maghreb-Ländern zusammen. Es gibt einen großen Busbahnhof, und die Buseigentümer besorgen dir Unterkunft bis zur Abreise. Es gibt zwei Arten von Bussen: Landrovers, die aber teurer sind, weil sie nicht so viele Leute mitnehmen, vielleicht zehn - die Fahrt kostet 25.000 FCFA (ca. 38 Euro). Oder Toyota-Pick-ups, wo man hinten auf der Ladefläche sitzt. Die sind billiger und voller.

Wir haben uns in einen Toyota gezwängt, aneinandergedrängt wie die Ziegen, insgesamt passen 35 bis 40 Leute auf einen solchen Wagen. Man muss kräftig sein, um seinen Platz verteidigen zu können. Wer schwächelt, kann herunterfallen, und meistens fährt das Auto dann einfach weiter. Wir haben mehrere junge Leute in der Wüste begraben.

Die Wüste ist ein sehr gefährlicher Ort, eine Welt für sich, eine Welt aus Sand und sonst nichts. Jeder Reisende sollte mindestens zehn Liter Wasser dabeihaben und etwas zu essen, also Tapioca, Kekse und große Dosen gezuckerter Milch. Essen kann man nur, wenn der Fahrer Pause macht. Die Fahrt im Pick-up dauert zwei Tage.

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Die Odyssee von Georges N.

Unsere Reise endete zehn Kilometer vor Tamanrasset, der ersten großen Stadt in Algerien. Wir mussten aussteigen und einen Führer finden, der uns in der Stadt bei unserer jeweiligen Gemeinschaft unterbrachte. Diese Führer betreiben das als Geschäft, sie warten schon auf die Leute und nehmen sie mit, und wenn man das nicht will, warnen sie die Polizei, also hat man keine Wahl. Die Wohnorte der Klandestinen in Tamanrasset sind die Hölle. Man lebt in den Felsen, auf nacktem Stein und Skorpionen ausgesetzt. Die hygienischen Bedingungen sind miserabel.

In Algerien besteht das Problem vor allem darin, nicht verhaftet zu werden. Die Polizei ist allgegenwärtig, und wenn du verhaftet wirst, bringen sie dich zur Grenze zwischen Algerien und Mali an einen sehr üblen Ort namens Tisawati, wo schon viele gestorben sind. Ich hatte Glück, ich konnte arbeiten, und so beschloss ich, weiterzureisen nach Algier, in die Hauptstadt, um von dort aus nach Marokko zu kommen. Ich reiste quer durch das Land und über die Grenze bis zur Grenzanlage der spanischen Exklave Melilla. Ich wähnte mich fast am Ziel.

Sieben Tage verbrachte ich im Wald, wo viele Illegale in kleinen Unterschlüpfen hausen. Man lebt von den Resten, die marokkanische und spanische Polizisten in die Mülleimer schmeißen. Abends vertrieben wir uns die Zeit mit Tänzen und Fußball zwischen den verschiedenen Nationalitäten. Es gibt im Wald eine richtige Regierung, jedenfalls nennt sie sich so, sie sorgt für Ordnung, registriert die Neuankömmlinge und verteilt sie nach Herkunftsland.

Das Ganze lebt vom Prinzip Hoffnung: Irgendwann schaffst du es über die Grenze und bist in Europa. Also bleiben alle und hoffen. Zurück nach Hause können sie nicht, es wäre ja eine Schande. Die größte Gruppe bilden die Nigerianer.

Die Versuche, die Grenzanlagen zu überwinden, sind nach der Ankunftszeit gestaffelt: Die Ältesten gehen zuerst. Einige lebten schon seit Jahren dort. Das hat mich abgeschreckt. Also überlegte ich, einen anderen Weg zu nehmen, über Libyen. Das bedeutete, erneut durch Marokko und quer durch Algerien zu reisen.

Trotz der starken Polizeipräsenz ist das nicht unmöglich. Die Araber machen gerne Geschäfte, also geht eigentlich alles. Jeder Klandestine reist mit einem gefälschten malischen Pass, denn die Pässe aus Mali erlauben Reisefreiheit in ganz Westafrika südlich der Sahara. Also ist für die Araber jeder Afrikaner ein Malier. Wenn man keinen malischen Pass hat, muss man im Verborgenen reisen, im Landrover.

Das Leben als Klandestiner in Algerien ist nicht einfach. Die meisten verbringen ihre Zeit mit Kartenspiel, Haschischrauchen und, wenn sie mutig sind, nächtlichen Überfällen. Arbeit ist selten, aber wenn man welche findet, gibt es umgerechnet 5 Euro am Tag, davon kann man leben. Ich reiste also durch Algerien und erreichte Djanet im Südosten des Landes, die letzte Stadt vor der Grenze zu Libyen.

Dort kannte ich niemanden und hatte Angst vor der Polizei, die ständig patrouilliert. Ich schlief zwei Nächte allein in der Wüste, während ich auf einen Führer nach Libyen wartete. Ich war sehr überrascht, als ich erfuhr, dass der Weg nach Libyen weiter durch die Wüste führt. Wir sollten Essensvorräte mitnehmen und mindestens fünf Liter Wasser. Um elf Uhr abends verließen wir die Stadt - zu der Zeit patrouilliert die Polizei nicht mehr. Wir liefen bis drei Uhr morgens, dann machten wir fünf Stunden Pause zum Schlafen.

Ein paar hastige Bissen, dann ging es weiter, wie Soldaten, ohne Pause bis 14 Uhr, dann zwei Stunden Pause, dann wieder Wüstenmarsch bis 20 Uhr. Der zweite Tag war sehr schwer, denn der Führer beschleunigte den Marsch, und wer nicht mithielt, wurde einfach in der Wüste zurückgelassen. Das traf mehrere unserer Brüder, sie konnten nicht mehr und hatten kein Wasser mehr. Wer Wasser hat, teilt nicht mit den anderen.

Am dritten Tag griffen uns Banditen an, sie waren bewaffnet und wollten Geld. Dem Führer taten sie nichts, und wir merkten, dass Führer und Banditen sich kennen. Die Frauen wurden mitgenommen und in der Wüste vergewaltigt, vier bis fünf Tage lang. Manche wurden so geschlagen, dass sie starben. Ich wurde lediglich verprügelt. Als es weiterging, war unsere Gruppe um die Hälfte geschrumpft.

Irgendwann dachte ich: Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr laufen, soll doch eine Patrouille kommen und uns mitnehmen. Aber die Fügung Gottes ergab, dass wir die libysche Stadt Ghat erreichten. Dort ging jeder zu der Gemeinschaft der Klandestinen aus seinem Land.

Ich ging also zu den Kamerunern. Die Chefs sind die, die schon am längsten da sind, sie lassen die Neuankömmlinge für sich arbeiten und betrügen sie bei Geldgeschäften. Manche haben bereits arabische Frauen. Ich wurde zunächst gut aufgenommen und konnte mich drei Tage ausruhen. Dann aber muss man arbeiten, denn du musst dich ernähren und Miete zahlen. Jeden Morgen gehen die Klandestinen auf einen öffentlichen Platz namens "Tschad", und die Libyer kommen und suchen Arbeitskräfte aus. Oder ein bereits beschäftigter Klandestiner sucht einen Helfer.

Viele von uns fingen hier an zu bedauern, dass sie ihre Heimat verlassen hatten. In Libyen gibt es keine Menschenrechte, man kann sich nicht beschweren. Man muss einfach die Situation ertragen und Mut haben. Ich beschloss, einen Beruf zu lernen. Ich wurde Maurer und Gipser.

Damit verdiente ich genug Geld, um nach Sabha, Libyens alter Hauptstadt, weiterreisen zu können. Man muss wissen, dass Libyen ein Militärregime ist, also gehört jeder Mann auch zur Polizei, und man muss immer aufpassen. Wir reisten im hinteren Bereich eines Lieferwagens fünf Stunden lang.

Sabha ist eine große Stadt, man verdient dort das Doppelte. Ich bekam mit einem Freund den Auftrag, ein Haus zu bauen. Damit verdiente ich 2.700 Dinar, ungefähr 2.000 Dollar. So hatte ich nun wieder Kapital.

Ich fuhr in die Hauptstadt Tripolis am Mittelmeer, um dort auf ein Schiff nach Europa zu kommen. Jeder weiß, wie das geht. Libyer organisieren die Reise, sie heuern Klandestine an, die auf Provisionsbasis Reisewillige suchen. Der Akquisiteur kriegt 150 Dollar pro Person, oder er kann umsonst mitfahren, wenn er fünf Passagiere zusammenkriegt. Als Passagier musst du verhandeln.

Der eine zahlt 1.000 Dollar, ein anderer vielleicht 1.200. Gruppenreisen sind billiger. Man bezahlt, dann führen die Vertreter einen zu einer Unterkunft, wo man wartet, bis es losgeht. Die Schiffe fahren im Konvoi. Das erste Reiseangebot kam direkt von unserem libyschen Vermieter, er ist Oberst in der Armee und sagte, er sei ein Cousin des Präsidenten. Er ist nicht der einzige, es gibt ein Netzwerk von hochrangigen libyschen Militärs und Amtspersonen in diesem Gewerbe.

Es existieren zwei Sorten von Booten: große Fischerboote, auf denen ist mehr Platz, und kleine Boote, genannt "Lampa-Lampa" nach ihrem Zielort Lampedusa, die sind gefährlicher. Dort passen 25 bis 30 Menschen drauf, aber meistens sind es doppelt so viele. Es werden immer zwei Illegale eingewiesen, das Boot zu steuern, einer sitzt vorne und einer hinten. Sie lernen das eine Woche lang. Die Passagiere dürfen nichts mitnehmen, auch keinen Proviant, sie werden vorher durchsucht.

Unsere Gruppe kam aus Kamerun, Nigeria, Burkina und Mali. Wir waren über 100. Das Wetter war gut. Das Problem war die Überfrachtung. Wir kamen nur sehr langsam voran. Nach einiger Zeit, ich glaube, wir waren nur noch 100 Kilometer von Lampedusa entfernt, holte uns die libysche Küstenwache ein, stoppte unser Boot und verlangte 50 Dollar von jedem Passagier. Wir hatten dieses Geld nicht, und so fing die Küstenwache an, unser Boot zu rammen. Wir begannen reihenweise ins Wasser zu fallen. Zum Glück kam eine italienische Marinepatrouille vorbei, die Libyer ergriffen die Flucht. Ich schwamm schon im Meer und kämpfte mit den Wellen. Einige waren bereits ertrunken. Die Italiener retteten uns.

Sie begleiteten uns zurück nach Libyen, weil sich der Vorfall in libyschen Gewässern ereignet hatte. Wir wurden in ein Gefängnis gebracht, ohne weiteres Verfahren oder Anhörung. Das Gefängnis heißt "Zanzu", es ist berüchtigt für Folter an Schwarzen. Man muss großes Glück haben, dort wieder herauszukommen. Man steckte uns einfach in Zellen, und die Wächter warteten ab, wie es uns schlechter und schlechter ging. Es gibt nichts zu essen. Wer krank wird, bekommt keine Hilfe. Wer stirbt, muss von den anderen begraben werden. Die Wächter dort haben kein Herz.

Ich weiß nur noch, dass ich bewusstlos wurde und man mich in ein Krankenhaus brachte, wo ich einen Monat lag, ohne zu wissen, wo ich war und was mit mir los war. Mir hat ein tunesischer Polizist geholfen, der dort ein Praktikum absolvierte. Er kümmerte sich um mich wie um einen Bruder, er schützte mich, und als es mir ein wenig besser ging, kontaktierte er meine Familie.

Die Libyer führten an den Afrikanern Operationen durch. Ich sah einen aus Burkina, dem war rechts der Bauch aufgeschnitten, er konnte kaum noch sprechen, nach ein paar Stunden war er tot. Der Tunesier sagte mir, es würden Organe für Experimente entnommen, vor allem Nieren. Ich sah Menschen, denen fehlten die Geschlechtsorgane. Es tut sehr weh, daran zu denken.

Wer überlebt hat, bekommt irgendwann einen Bescheid über 1.500 Euro für Krankenhausaufenthalt, Bußgeld und Ausweisung. Meine Familie, von dem Tunesier gewarnt, schaffte es, dieses Geld aufzubringen. Man wird einem Richter vorgeführt, zahlt, und das war es. Aber noch waren die Schikanen nicht vorbei. Man braucht ein Ausreisevisum. Am Flughafen wollten sie nicht glauben, dass ein illegaler Afrikaner ein Flugticket nach Hause besaß, und beschlagnahmten mein Ticket und meinen Pass. Ich musste den Präsidenten der kamerunischen Gemeinschaft in Libyen einschalten, der das Problem für 90 Euro regelte.

Ich wollte nur noch nach Hause. Ich hatte genug von dem Elend. Ich traf am 23. April 2009 in Kamerun ein, am Flughafen von Douala. Meine Reise hatte über ein Jahr gedauert.

Dienstag, 12. Mai 2009

Für "Gerechtigkeit in jedem Einzelfall"

Kritik an Flughafenverfahren für Flüchtlinge

Die Vereinigung Pro Asyl hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge aufgefordert, Entscheidungen über Asylsuchende im Flughafenverfahren lückenlos zu kontrollieren, damit Fehler vermieden werden. Die Organisation hat eine neue Untersuchung herausgegeben, aus ihr geht nach den Worten von Bernd Mesovi, dem stellvertretenden Geschäftsführer von Pro Asyl Frankfurt, hervor, dass „Mindestanforderungen an eine faire Anhörung und eine vernünftige Aufklärung des Verfolgungsschicksals nicht eingehalten wurden“. Er forderte bei der Vorstellung der Studie, dass Bescheide des Bundesamts, die oft fehlerhaft seien, von einer weiteren Person gegengelesen werden müssten. Es gehe um „Gerechtigkeit in jedem Einzelfall“ – gerade angesichts der kurzen Fristen beim Flughafenverfahren (siehe Kasten).

In der Untersuchung hat Ines Welge vom Flüchtlingsrat Wiesbaden 32 Entscheidungen aus den Jahren 2006 bis 2008 analysiert. Sie wirft dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge unter anderem vor, Fluchtgründe von Menschen nicht hinreichend aufgeklärt zu haben. „Das ist besonders bei Folteropfern problematisch“, sagte Welge . Außerdem gebe es Fälle, in denen das Amt die politische Situation im Herkunftsland der Flüchtlinge falsch eingeschätzt habe. Außerdem unterlägen auch traumatisierte Menschen dem Flughafenverfahren und dessen kurzen Entscheidungsfristen. Welge forderte, gerade diese Menschen nach Deutschland einreisen zu lassen, damit sie ihr Verfahren im Inland betreiben könnten. Bisher kommen die Flüchtlinge nach einem ersten Kontakt mit der Bundespolizei in eine Unterkunft am Flughafen, die rechtlich zum Transitbereich gehört.

Von Stefan Toepfer

Sonntag, 19. April 2009

Flüchtlinge als Schutzschilde

Piratenjagd: UNHCR warnt

Hört sich gut an, der Vorschlag aus der Union: Die deutsche Marine soll die Schiffe der Seeräuber vor Somalia einfach versenken. Doch nun zeigt sich ein Problem - die Piraten sollen auch Menschenschmuggel betreiben.
Aufgegriffene Seeräuber vor Somalia: Politiker fordern ein härteres Vorgehen im Kampf gegen die Piraterie.

Im Golf von Aden herrscht in diesen Tagen reger Verkehr: Da sind zum einen die Handelsschiffe, die an diesem Nadelöhr zwischen Afrika und der Arabischen Halbinsel kreuzen. Geschützt werden sollen die Frachter von den Kriegsschiffen, die dort im Einsatz sind. Inzwischen sind es vier verschiedene Flotten, die im Indischen Ozean unterwegs sind: die europäische Anti-Piraten-Operation Atalanta, die Nato-Operation Allied Protector, die internationale Anti-Terror-Flotte 150 und die US-geführte Task Force 151.

Denn hier treiben die somalischen Seeräuber ihr Unwesen. Das UN-Flüchtlingshilfwerk hat nun einen schlimmen Verdacht geäußert: Die Piraten haben offenbar eine neue Strategie entdeckt, um die Kriegsschiffe auf Abstand zu halten. Sie benutzen angeblich Flüchtlinge als Schutzschilde.

Denn auch die Menschenschmuggler nutzen den Weg, um Nacht für Nacht Bürgerkriegs- und Armutsflüchtlinge aus Afrika an die jemenitische Küste zu bringen. Meist nimmt davon kaum jemand Notiz. Dass viele Kapitäne wegschauen, wenn sie die oft kaum seetüchtigen Flüchtlingsboote sehen, kommt den Piraten entgegen.

"Wir haben inzwischen Anzeichen dafür, dass es Verbindungen zwischen den Piraten und den Menschenschmugglern gibt", sagt Nabil Othman, der Vize-Repräsentant des UN-Flüchtlingshilfswerkes (UNHCR) im Jemen.

Die Bootsflüchtlinge, die auf der drei- bis fünftägigen Überfahrt ihr Leben riskieren, kommen fast ausschließlich aus dem Bürgerkriegsland Somalia und aus Äthiopien. Die meisten von ihnen versuchen später, vom Jemen aus durch die Wüste illegal nach Saudi-Arabien oder in den Oman zu gelangen, um dort zu arbeiten.

Doppeltes Geschäft
Offenbar haben nun auch die Piraten das Geschäft mit den Flüchtlingen entdeckt. Vor allem ein Zwischenfall vom vergangenen Monat nährt den Verdacht des UNHCR: Am 21. März stieß ein französisches Kriegsschiff im Golf von Aden auf ein völlig überladenes, manövrierunfähiges Boot mit 100 Menschen an Bord. Die französische Marine schleppte das Boot an einem Tau in den Hafen der jemenitischen Stadt Aden. Als die Flüchtlinge alle gleichzeitig auf eine Seite liefen, um auszusteigen, kenterte das Boot. Acht Menschen ertranken.

Die Überlebenden identifizierten anschließend vier Passagiere als Menschenschmuggler. Doch die Waffen, die später im Rumpf des Bootes gefunden wurden, deuten darauf hin, dass die Somalier, die den Flüchtlingen für die illegale Überfahrt viel Geld abgenommen hatten, auch Piraten sind. "Es gibt inzwischen Somalier, die auf der Überfahrt ein doppeltes Geschäft machen, erst bringen sie Flüchtlinge in den Jemen, und auf dem Weg zurück überfallen sie ein Schiff", sagt ein Somalier, der seit Jahrzehnten in Aden lebt.

Diese neue Strategie erschwert nun zusätzlich den Militärmissionen am Horn von Afrika die Arbeit. Denn gerade nach dem Drama um US-Kapitän Richard Phillips werden von allen Seiten Forderungen nach einem härteren Vorgehen laut - der Unionsinnenexperte Hans-Peter Uhl (CSU) will die Schiffe der Seeräuber gar von der Bundeswehr versenken lassen. Bei Piratenangriffen könne es nur eine einzige richtige Antwort geben: "Die Schiffe der Seeräuber müssen auf hoher See unverzüglich versenkt werden", sagte er der Neuen Osnabrücker Zeitung.

Auch der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbandes, Oberstleutnant Ulrich Kirsch, hält ein härteres Vorgehen gegen die Piraten vor der Küste Somalias für geboten. "Was bisher geschieht, hat sich nur sektoral bewährt", sagte Kirsch der Mitteldeutschen Zeitung vom Freitag. "Wir kommen nicht umhin, Mutterschiffe anzugreifen und gekaperte Schiffe zu befreien." Die Seeräuber agierten wie Unternehmer und steckten erbeutetes Geld in bessere Waffen und größere Schiffe. Gelinge es nicht, dem entschlossen Einhalt zu gebieten, "wird das Problem größer, nicht kleiner", sagte Kirsch.

Die Bundesregierung hält das Marine-Mandat zur Bekämpfung der Piraterie hingegen für völlig ausreichend. Forderungen nach schärferen Regeln seien überflüssig, weil die bestehenden bereits scharf seien, erklärten Regierungssprecher. Danach darf die deutsche Marine ausdrücklich auch Gewalt gegen Piraten und ihre Schiffe anwenden. Allerdings ist oberste Priorität des Einsatzes, Schiffe des Welternährungsprogramms zu schützen, damit diese Nahrungsmitteln an die hungernde Bevölkerung etwa in Somalia liefern können.

Menschenschmuggler machen Werbung
In Somalia, wo sich ganze Polizeieinheiten und viele frühere Marineoffiziere den Seeräubern angeschlossen haben, geben sich die Menschenschmuggler derweil große Mühe, die Nachfrage anzukurbeln. Den Fernsehbildern von ertrunkenen Bootsflüchtlingen stellen sie selbstproduzierte Werbefilmchen entgegen. Dort sind Somalis zu sehen, die in Saudi-Arabien oder Dubai in schönen Wohnungen wohnen und gepflegte Autos fahren.

Im vergangenen Jahr kamen nach Zählung des UNHCR rund 51.000 afrikanische Bootsflüchtlinge in den Jemen. Dieses Jahr zählte die Organisation bereits 17.963 Neuankömmlinge. 53 Somalier und 49 Äthiopier wurden tot am Strand gefunden. 14 Flüchtlinge starben auf hoher See. "Das sind nur diejenigen Flüchtlinge, von denen wir wissen, vielleicht sind es zwei- oder dreimal so viele", sagt Nabil Othman.

Die Somalier dürfen in der Regel als Flüchtlinge im Jemen bleiben, die meisten Äthiopier werden, wenn sie erwischt werden, in ihre Heimat abgeschoben. "Somalia ist ein Dschungel geworden", sagt Othman weiter. Er glaubt nicht, dass der Flüchtlingsstrom im Golf von Aden bald verebben wird.

Montag, 16. Februar 2009

Flüchtlinge ertrinken vor Lanzarote

Sie hatten das Ziel fast erreicht: Wenige Meter vor der Küste der Kanareninsel Lanzarote ist ein Flüchtlingsboot gekentert. Surfer konnten sechs Menschen retten - doch 21 ertranken, das jüngste Opfer war ein achtjähriges Mädchen.

Las Palmas - "Als wir dort ankamen sahen wir die Überlebenden, die anderen Bootsinsassen trieben im Wasser", berichtete einer der Helfer, Anibal Betancort, dem Radiosender SER. "Von der Küste aus warfen wir ihnen Leinen und Rettungswesten zu. Die Überlebenden hielten sich am sinkenden Boot fest und schrien."

Beim Kentern des Bootes wurden mehrere Flüchtlinge so unglücklich unter dem Schiffsrumpf eingeklemmt, dass sie sich nicht befreien konnten und ertranken. "Man kann nichts machen, wenn die See so rau ist. Man fühlt sich total nutzlos, wenn man Menschen so sieht", sagte Augenzeuge Betancor.

Schwimmer und Surfer versuchten, die Flüchtlinge zu erreichen, berichtete ein Sprecher des Rettungsdienstes. Sechs Menschen konnten Helfer und Küstenwache schließlich retten.

Das Unglück ereignete sich am Sonntagabend am Cocoteros-Strand in der Nähe des Ortes Teguise etwa 20 Meter vor der Küste.

Die Rettungsdienste bargen zunächst 21 Leichen. Zunächst war von 22 Toten berichtet worden. Unter den Opfern waren mehrere Kinder.

Die Nordafrikaner waren nach Angaben des spanischen Rundfunks von der marokkanischen Hafenstadt Tanger aus gestartet in der Hoffnung, auf spanisches Gebiet zu gelangen. Auf der Nachbarinsel Teneriffa landeten am Wochenende unversehrt zwei Boote mit 145 Menschen an Bord, etwa 20 von ihnen waren Kinder.

Flüchtlinge aus Nordafrika nutzen meist die Route entlang der östlichen Kanareninseln oder die Meerenge von Gibraltar, um mit kaum seetauglichen Booten nach Spanien zu gelangen. Nach Angaben der spanischen Behörden konnte die Zahl der Flüchtlingsboote, die Land erreichen, durch verstärkte Überwachung drastisch reduziert worden. Im vergangenen Jahr kamen nach Zahlen des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR 13.500 Migranten über das Meer. Das waren etwa 25 Prozent weniger als 2007.

Etwa 9000 Flüchtlinge kamen allein auf den Kanarischen Inseln an. Nach offiziellen Angaben starben im vergangenen Jahr 120 Menschen bei der Flucht aus Afrika nach Spanien. Es wird aber vermutet, dass die Zahl der Todesopfer viel höher liegt.

Sonntag, 25. Januar 2009

Verzweifelte Flüchtlinge - Aufruhr und Chaos auf Lampedusa

Wut über unhaltbare Zustände in ihren Unterkünften und Protest gegen die drohende Abschiebung: Hunderte Flüchtlinge sind aus ihrem Auffanglager auf der italienischen Insel Lampedusa gestürmt - unter dem Applaus der Inselbewohner. Die Regierung in Rom steht in der Kritik.

Verzweifelte Flüchtlinge stürmen aus dem Lager. Sie formieren sich zum Protestmarsch und verlangen unter dem Applaus der Inselbewohner von Lampedusa lautstark nach "Freiheit!" Es kommt zu Zusammenstößen. Unterdessen machen die Einheimischen ihrem Frust über die unerträgliche Lage auf ihrer zwischen Sizilien und Nordafrika gelegenen Mittelmeerinsel Luft, schimpfen auf die Regierung in Rom.

Und die scheint hilflos zusehen zu müssen, wie dieser Brennpunkt illegaler Einwanderung in Chaos und Aufruhr zu versinken droht: Neue Maßnahmen gegen die Flüchtlingsflut greifen noch nicht, der Zustrom reißt nicht ab, die Regierung von Silvio Berlusconi ruft Europa zu Hilfe. 2008 strandeten rund 36.500 Bootsflüchtlinge an den italienischen Küsten, davon alleine rund 31.000 auf der nur 20 Quadratkilometer großen Insel Lampedusa. So leidet das Eiland unter dem Image, Immigranten-Zufluchtsort zu sein.

Innenminister will Lampedusa zum Abschiebedepot machen

Die Unruhe auf Lampedusa und die Kritik an Italien sind noch gewachsen, seit sich der römische Innenminister Roberto Maroni von der ausländerfeindlichen Lega Nord diese Notlösung ausgedacht hat: Das schon heillos überfüllte Aufnahmezentrum wird zum Abschiebedepot für illegale Immigranten ausgebaut. Wer kein Asylrecht geltend machen kann, soll nicht mehr auf andere Zentren verteilt, sondern gleich von Lampedusa aus in die nordafrikanische Heimat abgeschoben werden. So wie die Hunderte von Tunesiern, die am Samstag mit ihrem "Ausbruch" aus dem Aufnahmezentrum für Aufsehen sorgten. Aus Regierungssicht war das keine "Flucht", denn sie hatten die Insel nicht verlassen können.

"Alles in Ordnung auf Lampedusa." Mit dieser eher beschwörenden denn beruhigenden Sichtweise meldete sich selbst der Regierungschef am Samstag zu Wort: "Das ist doch kein Konzentrationslager. Es steht ihnen (den Migranten) frei, sich ein Bier holen zu gehen", sagte der Medienzar und Milliardär Berlusconi in der ihm eigenen launigen Wortwahl. Sein Innenminister kündigte unterdessen an, am Dienstag nach Tunesien zu reisen, um mit seinem Amtskollegen und mit dem tunesischen Präsidenten Ben Ali zu besprechen, wie die etwa 1200 Tunesier auf Lampedusa zurückgeführt werden können. "Wer meint, er könnte ungestört illegal nach Italien einreisen, hat sich geirrt," erklärte Maroni in einem Interview mit dem "Corriere della Sera".

"Ein Problem, das ganz Europa betrifft"

Dass es brennt, konnte er jedoch nicht verbergen: "Die EU wird die Grenzstaaten nicht mit dem Problem alleinlassen, das ganz Europa betrifft, nicht nur Italien." Brüssel hat der dramatischen Lage am Südsaum Europas Vorrang eingeräumt, und EU-Justizkommissar Jacques Barrot wird auf Lampedusa erwartet. Dabei macht diese Insel zwar die Schlagzeilen, doch große Probleme gibt es nicht nur dort.

Zum Beispiel Malta. "Erschreckend" sei die Lage in den beiden Aufnahmezentren für Flüchtlinge des kleinsten EU-Staates, hielt eine UN-Beobachtergruppe nach fünftägiger Malta-Visite jetzt fest. "Wir haben einen achtjährigen Jungen gesehen, der dort überhaupt nicht festgehalten werden dürfte, und einen HIV-infizierten und an Windpocken erkrankten Mann in einer Isolierzelle statt im Hospital", klagte UN-Berichterstatterin Manuela Carmena Castrillo. In Malta kamen 2008 über 2700 Flüchtlinge an, 1000 mehr als 2007. Seit Spanien Abkommen mit einigen Herkunftsländern geschlossen hat, um die Zahl der Ankömmlinge zu senken, versuchen viele Afrikaner ihr Glück andernorts im Mittelmeer. Eine Vereinbarung zwischen Tripolis und Rom, die diese Menschenflut eindämmen soll, trägt aber bisher noch keine Früchte.

Während die linke Opposition in Rom von einem Scheitern der Migrationspolitik spricht, Menschenrechtsverletzungen anprangert und den Kopf des Ministers fordert, sieht sich dieser nur bestätigt: Die Flüchtlinge konnten die Insel nicht verlassen, also ist dies der ideale Ort: "Das bestätigt nur unsere Entscheidung, dass alle von Lampedusa aus abgeschoben werden müssen." Jetzt sei Hilfe von Brüssel gefragt. Italien, Griechenland, Zypern und Malta hätten gemeinsam nachdrücklich von der EU verlangt, "dass die Kommission eingreift und dieses Problem der illegalen Einwanderung in die Hand nimmt." Bis das der Fall sein kann, werden mehr Verzweifelte von Nordafrika Kurs auf die Insel nehmen, das Sprungbrett nach Europa trotz allem ansteuern.

Samstag, 24. Januar 2009

Flüchtlinge brechen aus Lager aus


Weiter Chaos auf Lampedusa

Hunderte Flüchtlinge sind aus einem Auffanglager auf der italienischen Insel Lampedusa ausgebrochen, um gegen die neuen Abschiebeverfahren zu demonstrieren. Die verheerende Lage in dem Lager hat sich zwar wieder etwas entspannt - doch noch immer ist es deutlich überbelegt.

Von Gregor Hoppe, ARD-Hörfunkstudio Rom

"Freiheit" und "Hilfe" haben sie gerufen, die Flüchtlinge, die ohne größere Probleme und gewaltfrei aus dem Aufnahmelager auf Lampedusa ausbrachen und zum Rathaus der kleinen Insel zogen. Eine weitere Eskalation, die die Notlage der Menschen zeigt. Wie die Flüchtlinge das umzäunte Lager so einfach verlassen konnten? Der für Flüchtlingsfragen zuständige Präfekt aus dem Innenministerium, Mario Morconi, erklärte das so: "Dies ist ein Aufnahmelager. In Verwahrungslagern anderswo in Italien herrschen schärfere Sicherheitsvorkehrungen."

Und wie soll es nun weitergehen? Morconi verweist auf seinen Dienstherren in Rom, Innenminister Roberto Maroni von der separatistischen Lega Nord. Dieser hatte beschlossen, auf Lampedusa eine Militärbasis zu einem neuen Abschiebelager für Bootsflüchtlinge umzufunktionieren. Plan des Ministers war es, zum Zweck der Abschreckung keinen der Menschen, die in halb abgewrackten Schiffen an der Insel anlanden, mehr nach Norden weiterzuschicken. Damit war aber absehbar, dass die Kapazitäten auf Lampedusa binnen weniger Tage hoffnungslos überbelegt sein würden. Und so kam es auch.

Lager ist weiter deutlich überbelegt

Inzwischen hat sich die Lage in der bislang einzigen Unterkunft jedoch wieder etwas entspannt. Knapp 80 Frauen wurden in das neue Lager verlegt. Und mehr oder weniger stillschweigend schicken die Behörden seit kurzem die Flüchtlinge nun doch wieder in den Norden des Landes, in andere italienische Auffanglager. Im Ursprungslager verblieben sind nun rund 1300 Flüchtlinge, das sind allerdings immer noch 50 Prozent mehr als die vorgesehenen Aufnahmekapazität. Rom kündigte zudem an, in der nächsten Woche mit nordafrikanischen Regierungen Abkommen zu schließen. So soll die Abschiebung der Bootsflüchtlinge beschleunigt werden. Fraglich ist, ob die betreffenden Regierungen - vor allem Libyen - dabei die gleiche Eile verspüren wie Italien.

Flüchtlinge erheben schlimme Beschuldigungen

Auf Lampedusa kursieren von Seite der Flüchtlinge die schlimmsten Beschuldigungen gegenüber den Behörden: Von Elektroschocks und chemischer Ruhigstellung ist die Rede. Vorwürfe, die der Präfekt aus dem Innenministerium der Aufmerksamkeit der Medien zuschreibt: "Ich kann vom Menschlichen her verstehen, dass die Hoffnung oder die Verzweiflung die Menschen zu allen möglichen Dingen bringt. Es gibt hier Journalisten, es gibt die internationalen Hilfsorganisationen, und die Beamten, die jeden Tag die Lage besehen – ich weiß ehrlich gesagt nicht, was die Auswanderer alles erzählen." Allerdings protestiert auch das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR gegen die Zustände und die Behandlung der Aufnahmesuchenden auf Lampedusa. Oppositionsabgeordnete sind vor Ort und erheben gleichfalls schwere Vorwürfe gegen die Regierung.

Eines scheint festzustehen: Mit seinem Plan, keine weiteren Verlegungen mehr von Lampedusa vorzunehmen, hat Innenminister Maroni das Chaos sehenden Auges in Kauf genommen. Und sich damit auch um die letzten Sympathien der Inselbewohner gebracht.

Freitag, 9. Januar 2009

Kinder ein zweites Mal Richtung Afrika ausgebüxt!

Junge und Mädchen nutzten Mittagsschlaf der Eltern, um sich davonzustehlen.

Hannover - Zum zweiten Mal innerhalb einer Woche sind ein sechsjähriger Junge und ein fünfjähriges Mädchen aus Langenhagen bei Hannover mit dem Ziel Afrika von Zuhause ausgebüxt.

Am Montag schlichen sie sich aus der Wohnung ihrer Patchworkfamilie, während die Eltern einen Mittagsschlaf machten, wie die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" (HAZ) am Mittwoch berichtete.

Zufällig sei die Mutter des Mädchens wachgeworden und habe das Verschwinden bemerkt. Die Kinder standen zu diesem Zeitpunkt in Sichtweite des Hauses an einer Bahnhaltestelle, wie das Blatt weiter meldete. Der Vater des Jungen habe die Kinder dort gesehen und noch einholen können.

Noch am selben Nachmittag habe er einen Riegel gekauft und ihn so hoch an der Wohnungstür befestigt, dass die Kinder nicht drankommen. Das Ergebnis bleibt abzuwarten: Den Schlüssel für die am Montag verschlossene Wohnungstür holten die Ausreißer auch von einem hohen Schrank, wo der Vater ihn zur Sicherheit hingelegt hatte.

Das erste Mal waren die beiden am Neujahrsmorgen ausgerissen - damals noch mit ihrer siebenjährigen Schwester. Sie wollten nach Afrika, "weil es da so schön warm ist", um zu heiraten.

Während die Eltern noch schliefen, packten sie ihre drei Trolleys mit Badesachen, Luftmatratze, Verpflegung und Sonnenbrillen. Sie kamen allerdings nur bis zum Hauptbahnhof Hannover, wo sie die Bundespolizei aufgriff.

Freitag, 2. Januar 2009

Afrikanische Flüchtlinge in Italien

Sie drängen sich in den Kähnen, scheuen selbst die Todesgefahr nicht: Jedes Jahr flüchten Tausende aus Afrika. Ihr Zielort: die italienische Insel Lampedusa, für viele das Tor zur Hoffnung.

Das "Tor nach Europa" steht an einem unwirtlichen Ort. Der Wind fegt über das nackte, von Steinbrocken übersäte Kap unweit des Hafens von Lampedusa. Die Reste von Weltkriegsbunkern verrotten in der salzigen Luft. Aus dieser Ödnis ragt ein sandfarbenes Monument sechs Meter hoch empor. Das Eisenportal ist mit Keramikplatten verkleidet, auf denen, als Reliefs, Hände und Köpfe zu sehen sind, zerlatschte Schuhe, zerbrochene Tontöpfe, ein löchriger Hut. "Porta di Lampedusa - Porta d'Europa" steht auf dem Denkmal. Es ist den Menschen gewidmet, die auf der Flucht vor Hunger und Krieg übers Meer verloren gingen.

Wie viele Bootsflüchtlinge im Kanal von Sizilien zwischen Afrika und der kleinen italienischen Insel Lampedusa ertrinken, verdursten oder an Erschöpfung sterben, weiß niemand. Hilfsorganisationen schätzen, dass es Jahr für Jahr Aberhunderte sind. Viele dieser Unglücklichen werden nie geborgen. Wenige fanden auf dem Friedhof von Lampedusa ein Grab.

Dort liegt, zwischen schmucken Kapellen der Insel-Familien, ein Stück graubraune, steinige Erde. Ein Gottesacker. Auf Sandhaufen stehen Kreuze aus alten Holzlatten. "O3 M3 und ähnliche Ziffernfolgen bezeichnen namenlose Tote. Das ist alles, was von der Hoffnung übrig blieb.

Lampedusa, Endstation Sehnsucht? Für viele Flüchtlinge aus Asien und Afrika, die in fauligen Holzkähnen meist von den Küsten Libyens losfahren, ist es so. Doch die Todesgefahren schrecken die Menschen nicht. Das italienische Innenministerium teilte jetzt mit: 2008 flohen 37.000 Menschen übers Meer nach Italien. Das sind 75 Prozent mehr als im Jahr davor. 31.000 dieser "Disgraziati", dieser "Unglücklichen", wie die Italiener sagen, landeten auf Lampedusa.

Wie dramatisch die Lage auf der Insel ist, zeigten die vergangenen Tage. Da das Meer ruhig war, wagten sich Tausende auf die Überfahrt. Immer wieder sichtete das Militär Kähne voller Menschen im Meer. Die Küstenwache geleitete sie an eine Hafenmole von Lampedusa. Jeden Abend sahen die italienischen Bürger in den Nachrichten, wie die Boote durchs nachtschwarze Wasser heranglitten. Oft waren so viele Menschen darauf, dass sie nur stehen konnten. Aneinander gepresst, mit Wollmützen gegen die Kälte geschützt, überstanden sie die Reise. "Aiuto", war ihr erster Ruf. "Hilfe."

Symbol für Hoffnung und Furcht

Das für 850 Menschen angelegte, moderne und gut geführte Auffanglager der Insel war wieder einmal überfüllt. Diesmal waren auch viele allein geflohene Jugendliche dabei. Nach einigen Tagen werden die Menschen meist in andere Lager auf Sizilien und dem Festland ausgeflogen. Wer keinen Asylantrag stellt, findet sich oft mit einem Ausreisebefehl allein in Italien wieder. Viele tauchen ab. Sie suchen sich einen der illegal angebotenen Jobs in der Landwirtschaft, der Industrie oder als Haushaltshilfe und hoffen auf eine der Amnestien, mit denen die Regierungen in Rom alle paar Jahre Hunderttausende Menschen "legalisiert".

Ahmed - er heißt in Wirklichkeit anders - ist einer derer, die es geschafft haben. Er stammt aus Bangladesch. Von da aus schlug er sich nach Libyen durch. Dort schuftete er zwei Jahre, um das Geld für die Überfahrt auf einem der Seelenverkäufer zu verdienen. Von Lampedusa aus wurde er in ein Lager im kalabrischen Crotone gebracht, aus dem er entweichen konnte. Heute lebt er als Gehilfe eines italienischen Elektrikers in Rom.

Die Aussicht auf ähnliche Schicksale wird 2009 wieder Zehntausende Asiaten und Afrikaner zu der lebensgefährlichen Reise verleiten. Lampedusa ist für sie ein Symbolort der Hoffnung, einem trostlosen Leben in der Dritten Welt zu entrinnen. Lampedusa ist aber zugleich der Platz, an dem sich die Ängste vieler Europäer festmachen, ihr Kontinent werde von Einwanderern "überflutet".

So gewann die italienische Rechte unter Silvio Berlusconi die Parlamentswahl vom April auch mit dem Versprechen, sie werde die Flucht übers Meer stoppen. Doch ein Vertrag mit Libyen, der gemeinsame Patrouillen im Meer vorsieht, fruchtete bislang nichts. Innenminister Roberto Maroni von der Regional-Partei Lega Nord verlangt nun, Libyen unter Druck zu setzen. Zugleich kündigte er an: "Wer in Lampedusa an Land geht, wird künftig binnen Tagen in seine Heimat zurückgebracht, ohne vorher in andere italienische Auffangzentren zu kommen."

Vor Neujahr wurden prompt 44 Ägypter von Lampedusa nach Kairo geflogen.

Für sie war die Insel eine Endstation Sehnsucht. Für andere wird Lampedusa tatsächlich zum Tor in ein besseres Leben. So erzählen Mitarbeiter des Auffanglagers von einem Nigerianer, der fragte, ob vor einigen Monaten seine schwangere Frau da gewesen sei. Sie war es. Die italienische Polizei machte sie in einem Haus für junge Mütter in Pescara ausfindig - der Nigerianer lernte endlich seine kleine Tochter kennen.