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Freitag, 11. Juni 2010

Hotmail Israel umgeleitet

Die israelische Domain von Microsofts beliebtem Webmail-Dienst Hotmail wurde gestern von türkischen Angreifern auf eine andere Website umgeleitet.
Auch die Adresse der israelischen Homepage des Portals MSN war von der Umleitung betroffen. Unter der Überschrift "Befreit Palästina" wurden Äußerungen gegen jüdischen Glauben geäußert.
Microsoft wurde nach Angaben von Christopher Budd, Response Manager bei der Trustworthy Computing Group des Softwarekonzerns, gegen 13:30 Uhr deutscher Zeit auf das Problem aufmerksam und leitete umgehend Ermittlungen ein, berichtet 'Neowin'.

Budd zufolge gab es keinen direkten Angriff auf die Microsoft-Websites. Stattdessen hatten die Angreifer sich gegenüber einem Domain-Registrar als Microsoft ausgegeben und eine Umleitung der Internet-Adressen auf andere Server veranlasst. Inzwischen sind die Websites wieder normal erreichbar.

Microsoft kündigte weitere Untersuchungen an und will derartige Vorfälle durch neue Vorsichtsmaßnahmen künftig verhindern.

Montag, 24. Mai 2010

Umstieg auf Linux: Daten von Windows übernehmen


Von Robert Seetzen

Wer rechtzeitig auf offene Dateiformate setzt, hat beim Wechsel von Windows zu Linux leichtes Spiel. Schwieriger wird es mit Dateien in proprietären Formaten, doch auch da gibt es Mittel und Wege. Mit ein wenig Planung finden letztlich fast alle Dokumente, Mails und Multimediadaten den Weg ins neue System.


Selten treten die Vorteile offener Standards und freier Software deutlicher zutage als während eines Systemumstiegs. Wo wichtige Daten etwa im Open Document Format gespeichert sind, stehen sie unter Linux ebenso problemlos zur Verfügung wie unter Windows, während bei komplexen OOXML-Dokumenten von Microsoft Office oft nicht einmal die Darstellung unter Linux gelingt. Die Probleme, die bei der Übernahme von Daten auftreten, reichen von winzig bis unlösbar. Dieser Artikel zeigt zunächst, wie Sie die Datenmigration planen sollten, und liefert dann Praxiswissen für den Datentransfer von Office-, Mail- und Multimedia-Dateien.

Planungshilfe
Der Idealfall ist die unmittelbare Weiterverwendung der mit Windows erzeugten Dateien unter Linux, lesend wie schreibend und möglichst ohne Abstriche an Inhalt und Aussehen. Das gelingt dann, wenn Sie schon unter Windows Programme verwendet haben, die es auch für Linux gibt, etwa OpenOffice, den Video-Editor Avidemux oder Gimp oder wenn die Daten in einem offenen Format vorliegen wie SVG-Vektorgrafiken. Auch Bilder in den Bitmap-Formaten BMP, JPG, PNG und TIFF, Textdateien und Dokumente im Rich-Text-Format können Sie problemlos weiter unter Linux verwenden.

Ist das Originalformat einer Datei unter Linux nicht gebräuchlich, sichten Sie zunächst unter Linux das Import-Menü der passenden Programme und suchen dort nach den unterstützten Formaten. Selbst wenn ein Programm das Dateiformat der Windows-Anwendung nicht lesen kann, bietet diese eventuell den Export in ein Format an, das das Linux-Programm kennt. Ein Beispiel dafür sind Adressverwaltungen, die in der Regel den Export der Kontakte als vCard beherrschen. Als Faustregel gilt, dass ältere Formatversionen eher Unterstützung finden als die jeweils neueste. Wenn ein Programm die Speicherung im Format einer älteren Version zulässt und damit keine allzu schmerzhaften Detailverluste einhergehen, sollten Sie diese Option bei Import-Problemen zumindest testen.

Wo Dateien nicht mehr bearbeitet, sondern nur angezeigt werden sollen, kommt auch die Konvertierung in ein portables, von möglichst vielen Programmen unterstütztes Nur-Lese-Format wie PDF in Frage. Falls die jeweilige Software keine PDF-Ausgabefunktionen mitbringt, übernimmt ein als Druckertreiber angemeldeter Dienst wie etwa das Open-Source-Programm PDFCreator unter Windows die Konvertierung.

Auch das Web 2.0 eröffnet Möglichkeiten zu Datenmitnahme oder Daten-Sharing: Wer Office-Aufgaben in " Google Text & Tabellen" erledigt, kann von jedem System mit einem Browser auf die dort erstellten Dokumente zugreifen. Ein weiteres Beispiel sind Bookmark-Synchronisationsdienste und Social-Bookmark-Seiten, mit denen Ihnen Ihre Lesezeichen überall zur Verfügung stehen.

Kann eine Datei weder im Originalformat genutzt, noch mit vertretbarem Aufwand in ein für die Verwendung unter Linux geeignetes Format übertragen werden, bieten der Windows-Emulator Wine oder sein kommerzielles Pendant CrossOver vielleicht einen Ausweg. Informationen darüber, welches Windows-Programm wie gut unter Wine oder CrossOver läuft, finden Sie auf der Homepage der beiden Projekte . Wenn selbst das nicht gelingt - viele Multimedia-Anwendungen laufen nur instabil mit Wine -, bleibt immer noch die Möglichkeit, Windows und das Originalprogramm in einer Virtualisierungs-Software wie VirtualBox zu betreiben.


Office-Dateien retten
Eine nahtlose Migration von Texten, Tabellen, Präsentationen und Datenbanken scheitert in vielen Fällen an der unter Windows eingesetzten Bürosoftware. Auf fast allen Windows-Rechnern arbeiten Programme der Office-Suite von Microsoft, deren Dateiformate von anderen Office-Programmen nur bedingt unterstützt werden. So bleiben wichtige Eigenschaften des Layouts bei Importversuchen in andere Programme oft ebenso auf der Strecke wie die vom Anwender erstellten Makros.

Einige der für diesen Artikel durchgeführten Tests mit Office-Dateien verschiedener Formatversionen dokumentieren das Dilemma der Anwender. Zwar gelang es in jedem Fall, den Inhalt der MS-Office-Dateien zu importieren, das Ausmaß der Verluste an der Seitengestaltung und anderen Eigenschaften ließ sich jedoch kaum vorhersagen. So zeigte OpenOffice zwar sämtliche Inhalte aus einer kleinen, mit Grafik und Text versehenen Beispielbroschüre vollständig an, übernahm aber das Layout nicht korrekt. Noch dramatischer sah es beim Import der OOXML-Version der Datei aus, die nicht einmal mehr entfernt an das Original erinnerte.

Wesentlich bessere Import-Ergebnisse erzielt beim OOXML-Format das kostenpflichtige SoftMaker Office 2010. Die wenigen hier erkennbaren Unstimmigkeiten waren durchweg mit Abweichungen der im System verfügbaren Schriftarten erklärbar. Auch weitere unter Linux mit SoftMaker Office 2010 geöffnete Word-Testdokumente wurden, von den erwähnten Font-Problemen abgesehen, fast originalgetreu dargestellt. Ein Testdurchlauf mit Excel-Tabellen lieferte weniger überzeugende Ergebnisse, hier zeigen sowohl OpenOffice als auch SoftMaker Office Stärken und Schwächen. Eine etwas aufwendiger als Rechnung formatierte Tabelle gelangte in OpenOffice nahezu unverändert zur Anzeige, der Start eingebetteter Makros endet jedoch stets mit einem Basic-Laufzeitfehler. PlanMaker aus dem SoftMaker-Office-Paket zeigt die Tabelle ebenfalls an, ignoriert VBA-Makros aber generell. Eine einfache, in PowerPoint gestaltete Präsentation öffneten OpenOffice und SoftMaker gleichermaßen ohne erkennbare Fehler, auch die OOXML-Variante der Datei verursachte beiden Programmen keine Probleme. Da von SoftMaker Office eine kostenlose Testversion zur Verfügung steht , muss man nicht die Katze im Sack kaufen, sondern kann es unverbindlich ausprobieren, wenn OpenOffice mit vorhandenen Dokumenten nicht zurechtkommt.

Einen klaren Vorsprung hat OpenOffice beim Zugriff auf Datenbanken. SoftMaker Office 2010 bietet überhaupt keine Datenbankunterstützung, OpenOffice kann Access-Datenbanken zumindest auf Umwegen öffnen. Voraussetzung ist allerdings ein zuvor durchgeführter Export in ein bekanntes Datenformat wie DBF oder die Übertragung der Datenbankinhalte an einen mit OpenOffice ansprechbaren Datenbankserver. In MS Access gestaltete Formulare, Reports oder Programmierungen müssen nach einer Linux-Migration aber in jedem Fall vollständig neu implementiert werden. Wo solche Schritte an dem damit verbundenen Aufwand scheitern, bleibt als Alternative der Einsatz des Originalprogramms unter Linux. Ein für MS Office übrigens durchaus gangbarer Weg, da sowohl das kostenlose Wine als auch das kommerzielle CrossOver alle MS-Office-Versionen bis Version 2007 unterstützen. Wer die Installation des Office-Pakets komfortabel mit einem Installationsassistenten durchführen und bei Problemen professionellen Support nutzen will, ist mit CrossOver besser beraten. Wine-Nutzer sparen die für CrossOver fälligen Lizenzgebühren, müssen für einen reibungslosen Office-Betrieb jedoch einige manuelle Detailarbeiten durchführen.

Unsere Versuche, Office-Dokumente via "Google Text & Tabellen" unter Linux verfügbar zu machen, verliefen je nach Komplexität der Datei sehr unterschiedlich. Makros blieben erwartungsgemäß außen vor, ebenso mehrspaltige Formatierungen oder eingebettete Bildobjekte. Der reine Textinhalt blieb intakt, auch Schriftformatierungen wurden weitgehend übernommen. Für Dokumente mit einer Größe von mehr als 500 KByte, OOXML-Tabellendokumente oder Datenbanken können Sie den Google-Dienst jedoch nicht nutzen.


Mail und Bookmarks
Wesentlich einfacher gestaltet sich der Import von Mail-Archiven und Bookmarks. Leicht haben es vor allem Anwender von Thunderbird und Firefox. Beide Programme übernehmen unter Windows auch von Haus aus Datenbestände von Outlook und Outlook Express sowie dem Internet Explorer, unter Linux müssen Sie entsprechende Plug-ins nachrüsten. Einfacher ist es für Nutzer der Microsoft-Mailer daher, die Daten unter Windows von Thunderbird importieren zu lassen, was das Programm beim ersten Start nach einer Rückfrage automatisch erledigt.

Danach müssen Sie die Daten nur noch in das Thunderbird-Profil-Verzeichnis unter Linux kopieren. Unter Windows landen die importierten Daten im Ordner "C:\Users\\AppData\Roaming\Mozilla-Thunderbird\Profiles\.default". Neben den Mails befinden sich dort auch alle Einstellungen Ihrer Mail-Konten, die Sie durch Kopieren des kompletten Verzeichnisinhaltes gleich mitnehmen können. Damit Thunderbird unter Linux ein Profilverzeichnis anlegt, müssen Sie das Programm einmal starten. Danach gibt es in Ihrem Home-Verzeichnis den Ordner .thunderbird, in dem Sie das Profilverzeichnis, dessen Name auf .default endet, finden. Achtung: Während Sie den Inhalt des Windows-Profilordners kopieren, darf Thunderbird nicht laufen.

Ist ein Mail-Import unter Windows nicht möglich oder gewünscht, bleibt als Lösung ein Export der Outlook-Bestände in das Mbox-Format, das die meisten Linux-Mailer importieren können. Für das DBX-Format von Outlook Express übernimmt das Kommandozeilenwerkzeug DbxConv diese Aufgabe. Das auch unter Linux lauffähige readpst verarbeitet die PST-Dateien von Outlook. Die Adressen werden beim Konvertieren als vCard gespeichert und lassen sich so leicht in Evolution und Kontact übernehmen. Auch die meisten anderen Windows-Mailer, etwa Pegasus Mail und The Bat, bieten einen Export ins Mbox-Format an, im Menü firmiert er bei einigen Programmen unter dem Namen "Export nach Unix-Mailbox".

Wollen Sie dauerhaft parallel von beiden Systemen aus auf Mails zugreifen, sollten Sie einen IMAP-Zugang nutzen, bei dem E-Mails nicht wie bei dem POP3-Protokoll abgeholt, sondern auf dem Server des Providers verwaltet werden. Die meisten Anbieter haben den IMAP-Zugriff im Angebot, oft jedoch kostenpflichtig. Einen kostenlosen IMAP-Account kann man beispielsweise bei Google Mail nutzen. Auf einen IMAP-Account können Sie auch das gesamte, unter Windows per POP3 abgeholte Mail-Archiv übertragen, sodass Sie auch unter Linux Zugriff auf die alten Mails haben.

Besonders einfach ist die Übernahme der Lesezeichen, sei es aus Internet-Explorer, Opera oder Firefox. Alle drei Anwendungen bieten in der Lesezeichenverwaltung die Option, Bookmarks im HTML-Format zu exportieren. Diese HTML-Datei können Sie danach unter Linux sowohl mit Firefox als auch mit dem KDE-Browser Konqueror importieren. Will man Windows und Linux parallel nutzen, ist es mit einem Import nicht getan, da man unter beiden Systemen immer auf den gleichen Lesezeichenbestand zugreifen will. Dazu nutzt man am besten einen Synchronisationsdienst, etwa den Mozilla-eigenen Dienst Weave oder das Plug-in Xmarks. Auch Google bietet eine Online-Lesezeichenverwaltung, für die es ein passendes Firefox-Plug-in gibt. Wer seine Bookmarks zusätzlich veröffentlichen will, ist bei Delicious oder Digg richtig, die es auch erlauben, bereits angelegte Lesezeichen-Sammlungen zu importieren.


Grafik und Multimedia
Nur wenige Probleme gibt es bei der Übernahme von Audio-, Video- und Fotosammlungen. Haben Sie, wie im Artikel zur Software-Installation ab Seite 12 beschrieben, das Medibuntu-Repository eingebunden, kann Ubuntu mit fast jedem Multimediaformat umgehen. Außen vor bleiben allein DRM-geschützte Dateien.

An Grenzen stoßen Sie bei der Übernahme von Grafik- oder Multimedia-Projekten, die Sie noch nicht fertiggestellt haben, da die Windows-Programme wie etwa Corel Draw, Adobe Photoshop und Video-Editoren in der Regel ein eigenes Dateiformat nutzen. Sie können zwar mit Corel Draw erstellte Grafiken von dem Linux-Zeichenprogramm Inkscape importieren lassen, das Resultat lässt sich jedoch nicht zuverlässig voraussagen. So können etwa eingebundene Bitmaps Probleme verursachen oder gruppierte Objektgruppen kaputtgehen. Derzeit unterstützt Inkscape Corel-Draw-Dateien bis Version 14. Als Alternative zu Inkscape kommt auch das eher unbekannte Illustrationsprogramm sK1 für den Import von Corel-Draw-Grafiken in Frage, darüber hinaus beherrscht es wie Inkscape auch den Umgang mit Illustrator-Dateien.

Von Adobe Photoshop erzeugte Dateien mit der Endung .psd können Sie mit Gimp öffnen. Das gelingt auch bei Dateien, die viele Ebenen enthalten, die Weiterbearbeitung ist allerdings nur eingeschränkt möglich. So übernimmt Gimp beispielsweise Textebenen aus Photoshop als normale Ebene, sodass Sie den Text nicht mehr bearbeiten können. Bei nicht abgeschlossenen Projekten, die mit proprietären Programmen erstellt wurden, ist es immer die bessere Entscheidung, sie zunächst unter Windows fertigzustellen. Viel entspannter können Nutzer der für Windows und Linux verfügbaren Open-Source-Programme Gimp, Audacity und Avidemux an den Systemwechsel herangehen: Wer eines dieser Programme für Foto-, Sound- oder Videoprojekte unter Windows genutzt hat, kann die Arbeit unter Linux sofort wieder aufnehmen.

Gefunden in: Sonderheft vom Computermagazin c't "Ratgeber Linux"

Sonntag, 23. Mai 2010

Bewusst sperrangelweit offene W-Lan-Netze

Freifunk und Co.

Ein offenes W-Lan-Netz zu haben, ist ein juristisches Risiko, denn bei Missbrauch haftet der Betreiber. Für viele Internetnutzer aber ist das Überzeugungssache: Es geht darum, den öffentlichen Raum online zu bringen - und es gibt Wege, sich dabei abzusichern.

Internet-Nomaden aller Länder vereinigt euch. Frei nach diesem Motto könnten die Visionen der Firma Fon und des Berliner Freifunk-Netzwerks überschrieben sein. Die 2006 gegründete Firma Fon will weltweit Nutzer dazu animieren, "Bandbreite zu teilen" und will damit Geschäfte machen. Bei der nicht kommerziellen Freifunk-Initiative ist zumindest das Prinzip des globalen Teilens der Funknetze ein ähnliches. Für Ernst Ahlers von der Zeitschrift "c't" sind die beiden Alternativen derzeit noch der sicherste Weg, sein W-Lan mit dem Nachbarn zu teilen.

Rein technisch ist es simpel, das private W-Lan zum Hotspot zu machen - auch ohne Fon oder Freifunk: einfach den Zugang nicht verschlüsseln. Doch um unerbetenen Datenverkehr möglichst zu filtern, ist mehr erforderlich: "Sie müssten zum Beispiel eine Firewall installieren, die Filesharing erkennt und unterbindet", rät Ahlers. Die Einrichtung im Alleingang sei "keine Lappalie". "Und Sie werden zum Kleinprovider - mit allen rechtlichen Konsequenzen. Im Zweifelsfall würde der Staatsanwalt bei Ihnen klingeln."

Begehen Surf-Gäste Urheberrechtsverletzungen, würde der W-Lan-Betreiber identifiziert, denn gesurft wird nur über eine IP-Adresse. Unerfahrenen Bastlern rät Ahlers: "Lassen Sie die Finger davon, es sei denn, Sie wissen, was Sie tun."

Vergleichsweise sicher sei der Weg zum öffentlichen Hotspot dagegen über die beiden derzeitigen Alternativen. Der nicht kommerziellen, community-basierten Initiative Freifunk bescheinigt Ahlers "sichere Hotspots". Surfen darf dort nur, wer registriert ist. Beim kommerziellen Anbieter Fon gewährleiste ein Protokoll, dass Teilnehmer eindeutig identifizierbar seien: "Fon führt ein Log, wer wann wo online war", sagt Ahlers.

Die Idee: Teilen, um überall kostenlos online sein zu können
Was Fon und Freifunk nicht anbieten, ist der eigentliche Internetzugang, den der User über Internet-Provider erhält. Und da fangen die Probleme an. Das Unternehmen Fon stellt lediglich die "Infrastruktur zur Authentifizierung" bereit und spezielle Breitbandrouter mit eigener Betriebs-Software, die laut Ahlers zwei "Funkzellen" realisiert. Kostenpunkt: ab 30 Euro. "So haben Sie ein privates und ein öffentliches W-Lan."

Die Grundidee von Fon und Freifunk ist zwar bestechend: Innerhalb der Community stellen die Mitglieder ungenutzte Kapazitäten einer Flatrate für den Datentransfer anderen Teilnehmern zur Verfügung. Fon verfolgt dabei allerdings ein Geschäftsmodell, das vom Oberlandesgericht Köln im vergangenen Jahr als wettbewerbswidrig erachtet wurde, da die weitere kommerzielle Auswertung das wirtschaftliche Konzept des eigentlichen Providers störe.

Doch das Urteil ist bis dato nicht rechtskräftig, da Fon Revision beantragt hat. Die Entscheidung des Bundesgerichtshofes (BGH) steht noch aus. SPIEGEL ONLINE titelte jüngst: "BGH könnte offenen Hotspots den Garaus machen". Der BGH prüft derzeit, wer für einen Missbrauch eines offenen W-Lan-Anschlusses haftet und ob Hotspots künftig besser gegen den unberechtigten Zugriff von Dritten gesichert werden müssen.

Scheinbar unbeeindruckt wird auf der Fon-Homepage weiter geworben: Wer seinen Zugang zum Fon-Hotspot mache, könne sogar Geld verdienen. Denn bei Fon zahlt für den Zugang, wer sein Netz nicht öffnet, aber die Infrastruktur nutzt. An diesen Gebühren würden wahre Foneros, wie die Mitglieder genannt werden, beteiligt.

Die Provider wollen das alles nicht
Den Internet-Providern in Deutschland ist das Thema "Bandbreite teilen" ein Dorn im Auge. Beim Kundendienst der Deutschen Telekom, deren Tochter T-Mobile selbst 8.000 Hotspots betreibt, heißt es: "Es ist laut unseren Allgemeinen Geschäftsbedingungen nicht gestattet, einen T-Home Hotspot Dritten zu überlassen." Den Anbietern ist es lieber, weitere Anschlüsse "an den Nachbarn zu verkaufen", sagt Ahlers. "Nach unserem Wissen erlaubt kein Provider derartiges Untervermieten." In der Praxis spiele das aber keine Rolle, weil kein Provider den Verkehr aufgrund des Fernmeldegeheimnisses analysieren dürfe.

Ahlers geht davon aus, dass "das BGH-Urteil keine Auswirkungen auf Fon haben wird". Die Nutzer seien schließlich klar identifiziert. Zumindest Mitglieder, die keinen Profit anpeilen und ihr Funknetz kostenlos anbieten, dürften unbehelligt bleiben. Für das Café an der Ecke mit öffentlichem Hotspot aber sieht Ahlers ein Ende der digitalen Leichtigkeit. "Ich fürchte, das wird kommen", sagt er und meint die Personenkontrolle bei Kaffee oder Burger. Technisch realisierbar wäre der Check über fernauslesbare Personalausweise mit Funkchips, wie sie ab November unters Volk gebracht werden sollen. "Das Café könnte - um auch dem Datenschutz genüge zu tun - zum Beispiel nur die Personalausweisnummer auslesen und im Beschwerdefall einreichen." Weniger Hürden sieht Ahlers auf Hotelbetreiber zukommen, deren surfende Gäste ihre Daten in der Regel hinterlegten.

Aber Hotspots sind für Ahlers ohnehin eher eine aussterbende Gattung. Schließlich bekomme der Kunde allerorten UMTS-Sticks, die "für zwei Euro" Tagesrate uneingeschränktes mobiles Surfen ermöglichten. Auch für Smartphones gebe es mittlerweile konkurrenzfähig günstige Datentarife. Die unkontrollierte Fremdnutzung durch Dritte ist in beiden Fällen ausgeschlossen.

Von Stefan Robert Weißenborn, ddp

Donnerstag, 20. Mai 2010

Google bläst zum Codec-Angriff

Von Felix Knoke

Jetzt geht es Adobe und Apple an den Kragen: Google will Web-Entwickler mit einem freien Videoformat hinter sich scharen. Außerdem: Kartenbetrüger von Hackern enttarnt, Adobe & Apple auf Kuschelkurs und FTC dreht bösem Web-Anbieter den Saft ab. Das und mehr im Überblick.

Jetzt geht es Adobes Flash-Videos und Apples Lieblings-Video-Codec H.264 an den Kragen: Das Internetunternehmen, schreibt ORF Futurezone, hat auf seiner Entwicklerkonferenz I/O den Videocodec VP8 des kürzlich übernommenen Unternehmens On2 für die lizenzfreie Nutzung als Open Source veröffentlicht. Zusammen mit dem ebenfalls lizenzfreien Audiocodec Ogg will Google so ein neues, für Internetbelange optimiertes Videoformat WebM anbieten. Es geht darum, Flash verschwinden zu lassen - und alles Multimediale zum integralen Bestandteil des Geschehens im Browser zu machen. Gut für das Web-Unternehmen Google, weniger gut für alle, die auf proprietäre Software oder Hardware setzen.

Als Teil von HTML 5 können WebM-Videos direkt in Websites eingebaut werden, ohne sie erst etwa in Adobes Flash-Format bringen zu müssen. ZDNet.de schreibt dazu: Viele Browser-Anbieter, darunter Apple, Mozilla, Microsoft, Google und Opera, wollen Videos direkt in Websites integrieren, ohne dass dafür ein Plug-in wie Flash benötigt wird. Auf der Projekt-Website heißt es: " Das WebM-Projekt will ein hochwertiges, offenes Videoformat für das Internet entwickeln, das für alle kostenlos ist." Doch das wichtigste Argument gilt für Entwickler und Videoanbieter: Für WebM fallen keine Lizenzgebühren an, ganz im Gegensatz zu Apples und Adobes patentbewehrtem Lieblingsformat H.264, dem darüber hinaus sogar noch eine Patentklage droht.

Allerdings läuft WebM nur in passender Software-Umgebung. Neue Browser sollen automatisch WebM verstehen, für aktuelle Versionen müssen Entwicklerversionen heruntergeladen werden. Microsoft, Opera und Mozilla haben bereits ihre Unterstützung für WebM zugesagt. Bei YouTube werden ab sofort alle Videos im WebM-Format gespeichert.

Doch um WebM das Internet erobern zu lassen, fehlt noch eine umfassende Hardware-Unterstützung: Nur wessen Videodaten direkt von einem Prozessor entschlüsselt werden können, darf auf Erfolg auf mobilen Geräten hoffen, wo eine Hardwareunterstützung von Videocodecs eine längere Akkulaufzeit bedeutet. Ars Technica schreibt der WebM-Beteiligung von Firmen wie AMD, Arm, Nvidia und Qualcomm deshalb eine besondere Bedeutung zu - allesamt Chip-Hersteller und Hardware-Produzenten.

Noch mal Google: Kooperation mit Staatsanwaltschaft angekündigt
Einen Tag nach Bekanntwerden des Ermittlungsverfahrens gegen Google hat der Internetkonzern seine Kooperationsbereitschaft mit der Staatsanwaltschaft bekundet. "Wir arbeiten zusammen mit den relevanten öffentlichen Stellen, um ihre Fragen zu beantworten", erklärte Google am Donnerstag.

Die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt wegen des Verdachts des Abfangens von Daten beim Straßenfotodienst Street View gegen unbekannte Mitarbeiter von Google. Der Datenabgriff über offene W-Lan-Netze sei erfolgt, als Fahrzeuge des Konzerns mit aufmontierten Kameras deutsche Innenstädte abfotografierten.

Google hatte am Wochenende eingeräumt, die dabei gesammelten Daten gespeichert zu haben. Ein Sprecher beteuerte aber, dass dies unabsichtlich geschehen sei. Die Staatsanwaltschaft will nun prüfen, wie belastbar die Vorwürfe gegen den Konzern sind. "Es wird vor allem zu klären sein, ob das Delikt vorsätzlich begangen worden ist", erklärte Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers.
apn
Adobe & Apple: Streithähne halten wieder zusammen
Wie passend: Pünktlich zu Googles Angriffssignal gegen Konkurenten mit "A" verbünden sich die alten Feinde Adobe und Apple - die beiden Firmen, die sich im Streit um die Zukunft des Web-Videos öffentlichkeitswirksam in die Haare bekamen.

Am Mittwoch teilte Adobe Systems Tausenden Software-Entwicklern mit, dass man künftig in Sachen Web-Video gut findet, was Apple gut findet, nämlich HTML5. Ein HTML5-Plug-in für die Creative Suite 5 ist quasi eine Einladung an Web-Entwickler, Adobes Flash-System zu kannibalisieren. Via HTML5 sollen Web-Videos Plug-in-frei auf iPhones, iPods und iPads dargestellt werden können - was auf diesen Geräten mit Flash wegen Apples Flash-Verweigerung nicht möglich war.

Adobes Chef-Entwickler Kevin Lynch: "HTML5 ist großartig."

Ob er damit meint: Großartig, weil HTML5 zwar WebM versteht, aber auch H.264 und wir so im Notfall einfach unser Flashvideo-Plug-in entsorgen und mit einer HTML5-Entwicklungsumgebung weitermachen können? Adobe, so viel ist klar, hat in diesem Formatkrieg die ungünstigste Position. Die Entscheidungen fallen entweder auf Browser/OS- oder auf Web-Video-Anbieter-Seite. Adobe steht dazwischen, muss mit beiden Seiten koalieren - und arbeitet trotz der Apple-Allianz eben auch mit Google zusammen, um Flashvideos auf Android-Handys darstellen zu können ...

Kartenbetrüger von Hackern enttarnt
Hacker sind in ein Forum für Kartenbetrüger eingebrochen, haben die Forumseinträge, Nachrichten und IP-Adressen der rund 5000 Mitglieder in drei Dateien bei Rapidshare veröffentlicht. Sicherheitsexperte Brian Krebs zitiert aus einer Nachricht, welche die Hacker diesen Dateien anhefteten: "Viele von Euch kennen diesen wuchernden deutschen 'Untergrund'-Scheiß namens Carders.cc." Es handele sich dabei um einen "Marktplatz, der randvoll mit allem Illegalen und Schlechten" sei: Geldkartenbetrug, Abzocke, Drogen, Waffen und haufenweise Kiddies (wohl: Scriptkiddies, junge Möchtegernhacker).

Die Veröffentlichung der möglicherweise brisanten Daten soll dem Carder-Treiben ein Ende bereiten - und anderen Möchtegernhackern eine Lehre sein: Das Forum war dermaßen schlecht abgesichert, dass es den guten Hackern (Krebs nennt die ganze Aktion "sehr retro") mühelos gelang, an die Daten zu gelangen. Mit der Veröffentlichung auch von massenweise geklauten Kreditkartendaten könnten Banken nun die Bestohlenen warnen und Karten sperren. Mittlerweile soll sich laut Szeneblog Gulli.com ein Betreiber des Cracker-Forums zu Wort gemeldet haben. Der Dateneinbruch sei "ein dunkler Tag für die Szene, auch wenn sich jetzt viele schadenfroh im Keller einen ablachen. Leider wissen oder verstehen diese Menschen nicht, was für Konsequenzen so etwas haben kann."

Ob der Datenveröffentlichung nun eine Polizeiaktion folgt, ist unklar. Durch die Veröffentlichung geschah bereits eine Gefahrenabwehr, welche die Auswertung solcher durch gute Hacker veröffentlichten Daten erschwert. Eine individuelle Warnung der betroffenen Karteninhaber erscheint angesichts der Flut von gestohlenen Kartendaten durch automatisierte Botnetze unrealistisch.

FTC dreht bösem Web-Anbieter den Saft ab
Die amerikanische Handelsaufsichtsbehörde FTC hat den berüchtigten Internetanbieter 3FN endgültig dichtgemacht. 3FN bot aktiv seine Dienste als perfekte Plattform für Spam, Botnets, Kinderpornographie und andere bösartige und illegale Inhalte an, schreibt die FTC in einer euphorischen Pressemitteilung. Alle Rechner des Unternehmens wurden beschlagnahmt, die Betreiber müssen 1,08 Millionen Dollar (850.000 Euro) an unrechtmäßigen Einnahmen an die FTC überweisen.

3FN war eine Spam-Schleuder. Als die FTC im Juni 2009 eine einstweilige Verfügung gegen 3FN erwirkte und das Unternehmen seine Dienste einstellen musste, fiel das Spam-Aufkommen kurzzeitig um 15 Prozent. 3FN hatte aktiv um Spammer geworben und seine Angestellten in der Errichtung von Botnetzen ausgebildet.

Mittwoch, 12. Mai 2010

Server-Crash blockiert viele deutsche Webseiten

Plötzlich kamen nur noch Fehlermeldungen: Am Mittwochmittag waren zahlreiche deutsche Webseiten nicht erreichbar, auch der E-Mail-Verkehr kam ins Stottern. Schuld war ein großer Server-Crash bei der Adresszentrale Denic - inzwischen soll der Fehler behoben sein.

Hamburg - Für viele Büroarbeiter begann die zweite Hälfte des Arbeitstages am Mittwoch mit Fehlermeldungen. "Server nicht erreichbar", "The requested URL could not be retrieved", "Error 503 Service Unavailable" - typische Fehlermeldungen, die seit etwa 13 Uhr auf vielen Computerbildschirmen zu lesen waren. Nutzer berichten von zumindest teilweise nicht mehr erreichbaren Webseiten.

Schuld am Netzausfall sind Server-Probleme bei der Denic, der deutschen Domainverwaltungsstelle, die für alle Webseiten mit der Endung .de im Namen zuständig ist. Wie die Domainfactory in einem Live-Ticker meldet, sind dort zeitweilig alle sechs Nameserver ausgefallen.

Diese Server sorgen dafür, dass eine Webadresse wie www.spiegel.de in eine computertaugliche Netzadresse nach dem Schema 192.168.0.155 übersetzt wird. Nur wenn diese Server richtig funktionieren, bekommt man auch die gewünschte Website angezeigt, nachdem man eine Adresse in den Browser eingetippt oder einen Link angeklickt hat.

Darüber, was zu den Störungen der Server geführt hat, liegen der Denic selbst zur Zeit noch keine Erkenntnisse vor. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE konnte Denic-Mitarbeiter Miro Braun lediglich ausschließen, dass der Ausfall Folge eines kontrollierten Denial-of-Service-Angriffs durch Hacker ist. Bei dieser Art von Netzattacke werden Server durch tausende gleichzeitiger Anfragen aus dem Netz überlastet.

Am Mittwochnachmittag gegen 15:14 Uhr meldete die Domainfactory, dass die Denic-Techniker offenbar Erfolg hatten und die Denic-Nameserver wieder laufen. Dennoch sind einer Stichprobe von SPIEGEL ONLINE zufolge immer noch einige Seiten nicht erreichbar. Der Grund hierfür dürfte die Vernetzung von Nameservern, die etwa bei DSL-Providern stehen, mit denen bei Denic sein. Da diese Server sich regelmäßig bei der Denic aktualisieren, dürften auch sie von der Panne beeinflusst worden sein. Bis das Netz für alle Websurfer wieder fehlerlos zugängig ist, könnte es also noch eine Weile dauern.

Freitag, 19. März 2010

Spam: User erhält 1.000 $ Schadensersatz pro Mail

Ein Gericht im US-Bundesstaat Kalifornien hat einem Internet-Nutzer einen hohen Schadensersatz nachdem er von einem Unternehmen unerwünschte Werbe-E-Mails zugeschickt bekam.

Sollte das Beispiel Schule machen, wäre der Versand von Spam alles andere als profitabel - zumindest wenn die Absender eindeutig zu identifizieren sind. Die Firma Trancos muss dem Kläger Daniel Balsam nun zumindest 7.000 Dollar Schadensersatz zuzüglich der Anwaltskosten für das Verfahren zahlen.

Dabei hatte der Anwender gar nicht besonders viele Spam-Nachrichten erhalten. Der Richter fand eine Schadensersatz-Summe von 1.000 Dollar für die ungewollte Belästigung jedoch angemessen - auch wenn der Nutzer nicht einmal auf einen Link in der E-Mail geklickt hatte.

Mit Schlüsselbegriffen wie "Bezahlte Umfrage" und "Ihr Business" habe der Absender versucht, den Nutzer zu täuschen. Hinzu kam, dass sich die Firma hinter Pseudonymen versteckte. Die Adresse des Empfängers wurde außerdem von Dritten erworben, so dass keinesfalls eine Einwilligung des Users zum Kontakt mit der Firma vorliegen konnte.

Der Fall ist in seiner Form vergleichsweise einzigartig. Bisher gelang es meist nur Providern oder anderen größeren IT-Unternehmen erfolgreich vor Gericht gegen Spammer vorzugehen. Schließlich ist es notwendig, den Absender eindeutig zu identifizieren, was vor allem für Privatleute nicht einfach ist.

Donnerstag, 18. März 2010

Der große Auto-Hack

In Texas hat der 20-jährige Omar Ramos-Lopez ein webbasiertes Fahrzeugsteuerungssystem geknackt, das eigentlich dem Diebstahlschutz dient. 100 Autos verweigerten den Dienst.

VON Ben Schwan


Omar Ramos Lopez - MéxicoDie kleine schwarze Kiste ist eigentlich eine clevere Idee des modernen Kapitalismus: Autohändler in den USA montieren sie in auf Pump gekauften Karossen, um den Besitzer im Falle eines zu argen Zahlungsrückstandes deutlich auf sein Versäumnis aufmerksam machen zu können. Das Diebstahl- oder auch Kreditschutzsystem lässt sich zudem sehr einfach bedienen: Eine Web-Oberfläche erlaubt es dem Händler direkt am PC, Fahrzeuge aus der Ferne außer Dienst zu stellen - die zudem dann gleich mal laut hupen, damit es die Nachbarschaft mitbekommt. Anschließend können sie per Sachpfändung wieder abgeholt werden.


Allerdings scheint die Technologie nicht besonders sicher zu sein. Im texanischen Austin wurde in dieser Woche Omar Ramos-Lopezn (20), der mehr als 100 Fahrzeuge im Stadtgebiet über diese Technik lahmlegte, festgenommen. Offensichtlich handelte es sich bei dem großen Auto-Hack um eine Racheaktion: Omar war zuvor selbst bei einem Fahrzeughändler angestellt gewesen.

"Wir dachten anfangs, dass es sich um ein mechanisches Problem handelt", kommentierte ein Manager des Autohauses gegenüber dem US-Nachrichtendienst "Wired News". Dann habe es aber "Hunderte Kunden gleichzeitig" gegeben, die sich beschwerten. Einige mussten das Hupen die halbe Nacht über ertragen. "Das einzige, was half, war die Entnahme der Batterie."

Das Diebstahlschutzssystem stammt vom US-Unternehmen Pay Technologies. Es kann die Hupe aktivieren oder das ganze Fahrzeug außer Betrieb setzen, allerdings nicht mitten in einer Fahrt. Omar hatte seinen Angriff indes nicht besonders gut verschleiert: Er griff mit seinem heimischen Internet-Zugang auf die zentrale Kontroll-Website zu. Über die dabei hinterlassene Adresse konnten die Polizisten ihn schließlich ermitteln und festnehmen.

Freitag, 7. August 2009

Die Mär vom unknackbaren Ausweis

von Felix Knoke

Einem britischen Hacker ist es gelungen, den als unknackbar eingeführten E-Pass binnen weniger Minuten zu knacken.

Die Onlineredaktion der englischen Zeitung "The Daily Mail" schaute einem britischen Hacker über die Schultern, wie er binnen Minuten einen neuen, angeblich sicheren E-Pass knackte und mit neuen Informationen bestückte.

Britischer elektronischer Reisepass: Die mit RFID-Chips aufgerüsteten Ausweisdokumente sind stark umstritten (und auch in Deutschland Pflicht)
Eigentlich wollte das Vereinigte Königreich mit diesen Pässen in den nächsten Jahren für mehr Sicherheit im Land sorgen, zunächst nur ausländische Arbeiter sollen den Ausweis bei sich tragen: Ein in die Plastikkarte eingelassener Chip speichert Informationen über den Ausweisträger: Name, Geburtsdatum, körperliche Erscheinung, Fingerabdrücke ...

Doch genau diese Informationen hat der auf Hacking spezialisierte IT-Experte Adam Laurie jetzt erst auslesen, verändern und wieder auf den Chip aufspielen können. Wenn ein Polizist bei einer Personenkontrolle diesen manipulierten E-Pass elektronisch einsehen wollte, bekäme er diese Meldung zu Gesicht: "Ich bin ein Terrorist, erschießt mich bei Sichtkontakt."

Nur um das klar zu machen: Das ist britischer Humor.

Ein gefälschter E-Pass wäre das ideale Hilfsmittel für diverse Betrügereien - aber auch für Terroristen, vor denen sich zu schützen der E-Pass ja erst eingeführt wurde. "The Daily Mail" befindet: Diese Hacker-Demonstration sollte der letzte Nagel in den Sarg des 5,4-Milliarden-Pfund-Sicherheitsprogrammes der Regierung sein. Ein natürlich völlig übereilter Schluss: Datenschutzprobleme und der starke Verdacht der Manipulierbarkeit elektronisch auslesbarer Dokumente interessierten auch den deutschen Gesetzgeber in keiner Weise. In Deutschland gelang es einem Hacker bereits im Januar 2006, die Daten eines elektronischen Passes zu entschlüsseln.

Donnerstag, 16. Juli 2009

Die teuersten Glimmstengel der Welt

Das Zigaretten immer teurer werden, ist nicht zu übersehen. Aber 23 Billiarden Dollar für eine einzige Schachtel Kippen erscheint selbst hartleibigen Nicht-Rauchern als happig.

Diese 17-stellige Summe wurde dieser Tage dem US-Bürger Josh Muszynski aus Manchester (US-Staat New Hampshire) in Rechnung gestellt. Er hatte an einer Tankstelle per Kreditkarte die Glimmstengel erworben und stellte Tage später fest, dass sein Konto daraufhin mit 23.148.855.308.184.500 Dollar belastet worden war. Dies ist ungefähr das zweitausendfache der US-Staatsschulden, und man kann dem Mann nachsehen, dass ihn daraufhin eine gewisse Panik befiel.

Dummer Rechenfehler

Eine schnelle Prüfung ergab: Es hatte sich nicht um eine besonders seltene Tabakart gehandelt. Auch war der hohe Preis keine Folge einer Steuererhöhung gieriger Finanzminister. Vielmehr hatte der Kollege Computer sich verrechnet, weil er "vorübergehend" falsch programmiert worden war.

Bei den zuständigen Banken zeigte man sich kulant und verzichtete auf die Begleichung der Schuld und erließ Muszynski auch die Überziehungsgebühr. Die immerhin war überrschend günstig: Für 23 Billiarden betrug sie gerade mal 15 Dollar.

Dienstag, 30. Juni 2009

Neues ZDF-Nachrichtenstudio

Mit einer projizierten Kulisse, 3-D-Grafiken und größeren Talkblöcken will das ZDF seine Nachrichtensendungen für jüngere Zuschauer attraktiver machen. VON DANIEL BOUHS

Aus der 30 Millionen Euro teuren "Grünen Hölle" wird künftig die Welt erklärt

Die Revolution kommt ganz in Grün daher, beansprucht 690 Quadratmeter und hat den Gebührenzahler knapp 30 Millionen Euro gekostet. "Grüne Hölle" nennen sie im ZDF schon scherzhaft ihr neues Nachrichtenstudio, aus dem vom 17. Juli an "heute"-Nachrichten und "heute journal" senden sollen.

Das Studio, in dem dieser Tage noch fleißig geprobt wird, ist bis auf einen riesigen Holztisch komplett leer. Ein Computer wird die Kulisse hinter dem Moderator in grüne Wände und Böden hinein berechnen. Und wenn es sein muss, auch mal ganze Flugzeuge, Kollegen oder die Kanzlerin.

"Information, wie wir sie heute präsentieren, wird für junge Leute immer uninteressanter", sagt Heiner Butz. Er war einst die rechte Hand von Wolf von Lojewski und fungiert nun als Projektleiter des neuen Studios. Butz sagt: "Wir setzen dieser Entwicklung etwas entgegen."

So werden sich Claus Kleber und Konsorten etwa von ihrem Tisch abwenden. Dann drehen sie sich nach hinten, wo ein Computer eine 3-D-Grafik einblendet. An diesen Modellen werden sie etwa den Unterschied einer alten Glühbirne zu einer Energiesparlampe erklären, die Absturzursache eines Flugzeugs erläutern oder demonstrieren, warum in Köln das Stadtarchiv einbrach. Weil das aufwändig ist und für jede Sendung neu einstudiert werden muss, sollen diese Passagen gelegentlich schon vor der Sendung aufgezeichnet werden.

Außerdem schreiten die Moderatoren künftig auch zu einem anderen Teil ihres riesigen Tisches, den sie "Informationskreuz" nennen. An einem "Dialogflügel" wollen sie häufiger als bisher mit Gästen plaudern. Vor allem das "heute journal" soll sich mehr denn je als Gesprächssendung profilieren.

Dafür stehen in dem neuen Studio zwei Roboter: Kameras, die von einer Firma gefertigt wurden, die sonst Fließbänder bei Opel bestückt. Ihre Gelenkarme schwenken nun also auch für das Fernsehen, nicht um Autos, sondern um Gesprächspartner herum. Die wiederum können auch aus einem künstlichen Schaufenster blicken, wenn sie es nicht ins Studio schaffen.

Bisher ist es ja so, dass Moderator und Gesprächspartner sich lediglich in einem geteilten Bildschirm begegnen, dabei aber aneinander vorbeisehen und den Zuschauer angucken. "Mit der neuen Technik können wir Gespräche endlich auflösen, wie das bisher nur in Talkshows geklappt hat", sagt Butz.

Ein Blick auf letzte Proben zeigt: Die neue Anmutung der Sendung wirkt ungewohnt, aber nicht albern. Das ZDF macht seinen Zuschauern nichts vor. Sie können immer erkennen, dass ihnen etwas Künstliches vorgesetzt wird. Dennoch dürfte für den Sender die Gefahr bleiben, dass vor allem das graumelierte Publikum zu "Tagesschau" und "Tagesthemen" wechselt.

Deren Kulisse ist zwar auch projiziert. Von 3-D-Grafiken, hantierenden Moderatoren und Talkrunden ist dort aber wenig zu sehen. Bisher, denn auch in Hamburg arbeiten sie an einem neuen Studio. Erste vage Pläne sehen aufwändige Kamerafahrten vor. Moderatoren könnten zudem durch Bildschirmberührung Grafiken steuern.

Nur an Erklärräume denken sie bei der "Tagesschau" nicht. Chefredakteur Kai Gniffke sagt: "Wir haben keine Zeit, mit den Moderatoren Effekte und den Gang um Animationen zu proben oder sogar aufzuzeichnen."

Samstag, 27. Juni 2009

Filesharing: Universal Music muss Klage fallen lassen

Das Major Label Universal Music musste eine Klage gegen den US-Bürgerin Mavis Roy fallen lassen. Diesem wurde vorgeworfen, Urheberrechtsverletzungen über eine Filesharing-Plattform begangen zu haben.

Der Musikkonzern stützte sich in dem Verfahren auf Beweise, die von der Firma MediaSentry gesammelt wurden. Dessen Status als Privatermittler ist bei Rechtsexperten ohnehin umstritten, was zu einer Ablehnung der gesamten Beweisführung durch das Gericht führen könnte.

So weit kam es im aktuellen Fall aber gar nicht. Die Verteidigung konnte nachweisen, dass die Vorwürfe vollkommen haltlos sind, weil Roy zum fraglichen Zeitpunkt der Taten nicht einmal einen Computer besaß. MediaSentry hatte hier also offenbar eine Fehler beim Sammeln und Auswerten der IP-Adressen gemacht.

Dass die Frau in die Schusslinie geriet, liegt offenbar daran, dass ihr Haushalt über einen nicht genutzten Internet-Anschluss verfügt. Diese sind inzwischen Oft Bestandteil eines Gesamtpakets für Kabelfernsehen. In der Vergangenheit kam es bereits häufiger vor, dass der Musikbranchenverband RIAA Klagen gegen angebliche Rechteverletzer einleitete, die sich letztlich als Kinder, Rentner ohne Computer oder gar Tote herausstellten. Der Verband kündigte deshalb vor einiger Zeit an, keine neuen Prozesse mehr gegen Privatpersonen führen zu wollen.

Dienstag, 23. Juni 2009

Überwachung made in Germany

M. Balser, H. Leyendecker und H. Martin-Jung

Teheran verfügt über ein System zur Kontrolle des Datenverkehrs - am Aufbau war Siemens beteiligt.

Hört der BND mit?

"Wir gehen zur Kundgebung, betet für uns." - "Der Marsch hat begonnen und befindet sich an der Teheraner Uni." Beim Internetdienst Twitter konnte die Welt in der vergangenen Woche verfolgen, wie sich iranische Oppositionelle im Internet organisierten. Doch seit die Protestwelle ihren Höhepunkt erreichte, zog die Regierung vielen Anbietern den Stecker.

Zahlreiche Webseiten ließen sich nicht mehr aufrufen. Doch offenbar haben die Kontrolleure der Mullahs noch ganz andere Methoden: Iran hat voriges Jahr eines der ausgefeiltesten Systeme zur Kommunikations-Überwachung des eigenen Volks aufgebaut - auch mit Hilfe deutscher Technik, wie am Montag das Wall Street Journal berichtete.

Welche Inhalte einzelne Personen im Internet besuchen, wer welche E-Mail schreibt oder Fotos verschickt - all das lässt sich in einem hochmodernen Kontrollzentrum in Teheran verfolgen. Nach Angaben beteiligter Unternehmen kann das Regime Nachrichten auf Schlüsselworte durchsuchen, sie mitlesen und sogar verändern.

Der deutsch-finnische Telekomkonzern Nokia Siemens räumte am Montag die Lieferung "relevanter" Bauteile ein. Sie sei in der zweiten Hälfte des Jahres 2008 erfolgt, sagte ein Sprecher in London. Kritik daran wies die Tochter der Technologiekonzerne Siemens und Nokia zurück. Man habe alle Gesetze eingehalten. Vergleichbare Technik werde an viele Länder geliefert, um Terrorismus, Drogenhandel oder sonstige kriminelle Aktivitäten zu bekämpfen.

Kontrolle in weiten Teilen
Das Kontrollzentrum haben die Unternehmen beim iranischen Telekom-Regierungsmonopolisten im Rahmen eines größeren Vertrags für Netzwerk-Technologie installiert. Nach Angaben aus Siemens-Kreisen lässt sich mit dem installierten System nicht nur das Netz, sondern auch der Telefonverkehr überwachen. Da in Iran alle Kommunikationsstränge beim Staat zusammenlaufen, ist davon auszugehen, dass die Behörden Gespräche in weiten Teilen kontrollieren.

Die von Nokia Siemens Network entwickelte Technik kann Datenpakete in Sekundenbruchteilen öffnen, den Inhalt durchsuchen und weiterreichen. Die Belauschten merken davon nichts - in der digitalen Welt ist es vorbei mit verdächtigem Knacksen in der Leitung. Internetnutzer registrierten lediglich, dass es seit Beginn der Unruhen erheblich länger dauert, Seiten abzurufen.

Festnetz- und Mobilgespräche
Auf der Firmen-Webseite wird die "Intelligence Plattform" als Allzweckwaffe angepriesen. "Das Problem ist heutzutage nicht die Sammlung von Daten", heißt es dort, "sondern die Datenanalyse". Es gehe darum, "Punkte zu verbinden, Informationen in einen Zusammenhang zu stellen und Schlussfolgerungen hinsichtlich ihrer Bedeutung zu ziehen".

Mehr als 90 ihrer "Monitoring Center" und "Intelligence Platform"-Systeme hat Nokia Siemens in 60 Ländern verkauft. An Irans Netzwerkbetreiber TCI sei nur ein System geliefert worden, das inländische Telefonate, Festnetz- und Mobilgespräche überwachen könne, teilte das Unternehmen am Montagnachmittag mit.

Spionage und Abwehr
Längst ist es kein Geheimnis mehr, dass auch Geheimdienste Verbindungen zu Telekommunikationsfirmen unterhalten, um an vertrauliche Informationen zu kommen. So ist die Nokia-Siemens-Mutter Siemens mit den deutschen Nachrichtendiensten gut vernetzt.

Das Unternehmen ist nicht nur Hauslieferant des Bundesnachtendienstes (BND). Der BND hatte auch ein Interesse, dass Siemens im Nahen Osten mit Telefonanlagen ins Geschäft kam - auch in Iran. Mit Wirtschaftsförderung hing das nicht zusammen, sondern eher mit dem Kernbereich geheimdienstlicher Arbeit: Spionage und ihrer Abwehr.

Alle Geheimdienste setzen darauf, dass Konzerne in schwierigen Situationen als eine Art technischer Dienst aushelfen. Dazu kann gehören, dass ein Geheimdienst indirekt Zugang zu den Eingangsschlüsseln bekommt oder dass Ingenieure Einblick in Bunker erhalten, die aus der Luft nicht auszuspähen sind. Ob die Zusammenarbeit zwischen Siemens und dem BND in Iran geklappt hat oder nicht, ist Spekulation.

BND-Hilfe für Siemens-Mitarbeiter
Beide Seiten sind allerdings an einem kontinuierlichen Kontakt interessiert. So hat der BND geholfen, wenn Siemens-Mitarbeiter in arabischen Ländern Probleme bekamen oder gar entführt wurden. Im Siemens-Vorstand gab es früher zumindest einen Kontaktmann, der Ansprechpartner für den deutschen Auslandsdienst war.

Nachrichtendienste trauen selbst den Freunden nicht. Als das Bundeskanzleramt in Berlin in den neunziger Jahren gebaut wurde, bekamen einige ausländische Konzerne bei Telefontechnik nicht den Zuschlag, weil befürchtet wurde, dass beispielsweise die Amerikaner dann in der deutschen Regierungszentrale lauschen würden.

(SZ vom 23.06.2009)

Mittwoch, 18. März 2009

Dieser Virus weiß, wo Sie wohnen

GEO-MALWARE

Schon wieder ist ein Computer-Wurm im Umlauf, der seinen Empfänger lokalisieren kann. Experten befürchten darin einen Trend: Die Computerangriffe werden gezielter personalisiert - und am Ende klicken Nutzer häufiger auf bösartige Seiten.

Malware-Verursacher haben offenbar ortsbezogene Informationen für personalisierte Computerangriffe entdeckt. Wie verschiedene US-Medien berichten, ist zum wiederholten Mal ein Wurm im Umlauf, der mit Hilfe der IP-Adresse den Standort eines Computernutzers feststellt und ihm dann vermeintliche Sensationsmeldungen aus seiner Stadt schickt.

Bereits im Februar soll der unter dem Namen Waledac bekannte Computer-Wurm erstmals mit diesem Verfahren verbreitet worden sein. Seinerzeit kursierten E-Mails mit falschen Gutscheinen, aktuell sind es gefälschte Meldungen, in denen angeblich die Nachrichtenagentur Reuters über einen angeblichen Bombenanschlag berichtet.

Der Wurm nutzt dabei einen sogenannten Geo-IP-Dienst, um den ungefähren Aufenthaltsort eines Spam-Mail-Empfängers festzustellen, wenn der auf einen Link in der Mail klickt - und ihm dann eine Nachricht mit dem Namen seiner Stadt in der Browser-Titelleiste und im Text zu bieten. Dann ist der Nutzer nur noch einen Klick vom Waledac-Wurm entfernt. Im aktuellen Fall wird vermeintlich eine Version des Flash-Players angeboten, um ein Video zum Thema abspielen zu können. Hinter dem Download verbirgt sich dann der Wurm.

Ortsbezogene Information eröffnet eine neue Dimension für Malware-Produzenten, da Viren, Trojaner und Würmer auf diesem personalisierten Weg eine größere Chance haben, Computernutzer zu erreichen - zumal mit zunehmendem Bedürfnis der Menschen, auch unterwegs jederzeit online zu sein und sich mitzuteilen, der Kreis der potentiellen Opfer und auch die Relevanz ortsbezogener Information zunimmt.

"Irgendwann werden Kriminelle, die PC-Malware entwickeln, sich auf mobile Geräte konzentrieren. Die Frage ist nicht, ob sie es tun werden, sondern wann und wie", wird Patrik Runald, Chief Security Advisor bei der Internet-Sicherheitsfirma F-Secure, auf readwriteweb.com zitiert.

Freitag, 20. Februar 2009

Die heiße Show der Daten-Piraten

Die heiße Show der Daten-Piraten

Von Ralf Sander

Während es im Stockholmer Gerichtssaal beim Raubkopierer-Prozess gegen die Betreiber der Website The Pirate Bay paragrafentrocken zugeht, tobt draußen ein schrilles Medienspektakel. Die Angeklagten verstehen es seit Jahren, sich als moderne Robin Hoods zu inszenieren. Ihre schärfste Waffe ist das Internet.

Knapp 50 Euro sind kein Schnäppchen für eine Eintrittskarte. Schon gar nicht für einen Prozess, für den im Normalfall Tickets überhaupt nicht verkauft werden. Doch in diesem Verfahren gegen die Verantwortlichen des Internetportals The Pirate Bay am Gericht in Stockholm ist nichts normal. Und wo die Nachfrage größer ist als das Angebot, blüht der Schwarzmarkt. Der Journalist Oscar Swartz ist für das US-Magazin "wired.com" vor Ort und berichtet, wie er am ersten Verhandlungstag in einer Ecke der Eingangshalle des Gerichts konspirativ einen Platz im voll besetzten Verhandlungssaal gekauft hat. "Der Pirate-Bay-Prozess ist die heißeste Show in Stockholm", sagt Swartz. Und damit genau das, was die Angeklagten wollen.

Vor Gericht stehen Fredrik Neij, Gottfrid Svartholm Warg und Peter Sunde. Sie betreiben das Internetangebot The Pirate Bay (TPB), ein Verzeichnis für Musik, Filme, Bücher, Software, Videospiele und fast alles andere, das sich digitalisieren lässt. Es gibt viele Websites dieser Art, doch mit rund 1,6 Millionen eingetragenen Dateien gilt TPB als die größte.

Viele, sehr viele der aufgelisteten Werke werden ohne Zustimmung der jeweiligen Rechteinhaber zum Download angeboten. The Pirate Bay macht zwischen legal und illegal erstellten Dateien keinen Unterschied und führt alles gleichberechtigt in seinem Verzeichnis. Deshalb liegen Neij, Warg und Sunde seit Eröffnung der Piratenbucht im Jahr 2003 im Clinch mit Anwälten der Musik-,. Film-, Buch- und Softwarebranche. Die Anklage, die zum Prozess führte, lautet dann auch "Beihilfe zur Urheberrechtsverletzung". (Ausführlichere Informationen zu den juristischen und technischen Hintergründen finden Sie in dem Artikel "Darum geht es im Pirate-Bay-Prozess"). Es gibt außerdem einen vierten Angeklagten, Carl Lundström. Der Geschäftsmann soll The Pirate Bay finanziell unterstützt haben, er ist aber eher eine Randfigur.

Spott und Hähme

Kurz nach dem Start des Angebots vor mehr als fünf Jahren trafen die ersten Schreiben von Juristen ein: Musikverlage forderten die Löschung der Links zu illegal vervielfältigter Musik. Filmstudios drohten mit Schadenersatzklagen wegen Raubkopien von Blockbustern, die über The Pirate Bay zu finden waren. Immer wiesen die Schweden alle Vorwürfe von sich, löschten keinen einzigen Eintrag in ihrer Suchmaschine. Ihre Argumentation war jedes Mal die Gleiche wie auch zurzeit vor Gericht: The Pirate Bay beherberge keine einzige Raubkopie, sondern zeige lediglich den Weg, wo etwas zu finden sei - ob legalen oder illegalen Ursprungs. Das sei nach schwedischem Gesetz rechtmäßig.

Doch bei dieser rationalen Argumentation beließen es die "Piraten" nicht: In ihren Antwortschreiben verspotteten sie die Gegenseite, stellten die Anwälte als Idioten dar und benutzten auch mal "Fuck yourself" als Grußformel. Zudem veröffentlichten sie die Korrespondenz für jeden sichtbar auf ihrer Website. (Beispiele finden Sie in der Bilderstrecke "Dreiste Zitate der Pirate-Bay-Macher".)

Ihre Unverfrorenheit und ihr provokantes Vorgehen haben Anakata, Tiamo und Brokep - so lauten die Pseudonyme von Warg, Neij und Sunde - im Netz zu Kultfiguren gemacht. Viele sahen in ihnen eine Art Asterix und Obelix, die in ihrem gallischn Dorf umzingelt sind und dennoch nicht aufgeben. In diesem Fall ist der Feind aber nicht das römische Heer, sondern die Unterhaltungsindustrie, die einen Kampf um die Wahrung ihrer Urheberrechte in Zeiten des Internet führt.

Server werden beschlagnahmt

Daran änderte auch eine Polizeiaktion am 31. Mai 2006 nichts, in deren Verlauf TPB-Server beschlagnahmt wurden. Die Website verschwand aus dem Netz, war jedoch bereits am 2. Juni wieder erreichbar - dank neuer Server außerhalb Schwedens. Gewürzt war die neue Seite mit einer neuen Provokation: Das Piratenschiff im TPB-Logo schoß mit Kanonenkugeln auf den berühmten Hollywood-Schriftzug.

Die Schweden feierten sich als Sieger und nutzten die neu gewonnene Aufmerksamkeit, um eine politische Diskussion loszutreten. Durch die Beschlagnahme der Server war nicht nur The Pirate Bay vom Netz verschwunden, sondern weitere, völlig unbeteiligte Webangebote, darunter auch ein oppositioneller Nachrichtendienst aus Rußland. The Pirate Bay und andere Organisationen warfen außerdem dem US-amerikanischen Filmverband MPAA vor, politischen Druck ausgeübt zu haben und so indirekt verantwortlich für die Polizeiaktion zu sein. In Schweden begann eine gesellschaftliche Diskussion über politische Einflußnahme, aber auch über das Urheberrecht. Aus dem Pirate-Bay-Team trat Peter Sunde als Pressesprecher verstärkt in die Öffentlichkeit. Die Nutzerzahlen des Angebots verdoppelten sich.

Dass sich das Verfahren nun zu einem Medienspektakel entwickelt, ist vor allem das Werk der drei jungen Schweden. Sie haben von Anfang an verstanden, sich als Widerstandskämpfer gegen eine als gierig empfundene Unterhaltungsindustrie zu inszenieren - als Robin Hoods 2.0, mit Homepage und Community statt Pfeil und Bogen.

Auf den Straßen und im Netz

Um das Gerichtsgebäude herrschte am ersten Verhandlungstag fast Volksfeststimmung: Unterstützer der Angeklagten zeigten ihre Solidarität. Mitglieder des "Piratenbüros" und der "Piratenpartei" - Organisationen, die beide auf politischer Ebene für eine Neuordnung des Urheberrechts kämpfen - waren vor Ort. Die großen schwedischen Tageszeitungen sind mit Bloggern vertreten. Ein alter Bus dient als Pressezentrum für Bürgerjournalisten. Die Gänge des Gerichts sind verstopft mit Fotografen. Und der öffentlich-rechtliche Sender SVT2 überträgt den Ton aus dem Gerichtssaal komplett ins Internet - ein Novum in der schwedischen Gerichtsgeschichte. Bilder aus der Verhandlung sind nicht erlaubt.

The Pirate Bay wollte den Audiostream der Verhandlung ursprünglich selbst übertragen. Der Antrag wurde vom Gericht aber abgelehnt. Der Informationsstrom über den Prozeß ist im Web trotzdem gewaltig. Im Mikroblogging-Dienst Twitter werden Kurznachrichten zum Thema im Sekundentakt in verschiedenen Sprachen veröffentlicht. Jede noch so kleine Entwicklung wird in Echtzeit verbreitet (zum Beispiel zu finden unter dem Twitter-Suchbegriff #spectrial). Wo die Sympathien vieler Twitternder liegen, ist eindeutig: Als beispielsweise Staatsanwalt Hakan Roswall im Saal Probleme hat, seinen Rechner zu bedienen, ergießen sich sofort Ströme von Spott und Häme ins Netz.

Inzwischen kursiert sogar ein Lied zum Prozess: Star wider Willen ist Staatsanwalt Roswall. Seine ins Netz übertragenen Argumente haben findige Musiktüftler namens OBD zusammengeschnitten und mit Elektrobeat unterlegt. Die TPB-Show geht weiter.