Montag, 28. Juni 2010

Polizei wirft Isaf Tötung von acht Zivilisten vor

Afghanistan

Nach Berichten der afghanischen Polizei haben Isaf-Soldaten im Süden des Landes acht Zivilisten getötet. Die Internationale Schutztruppe weist die Vorwürfe zurück. Die Opfer seien Bewaffnete.

Kabul - Zivile Opfer bei Militäraktionen sorgen immer wieder für große Wut bei der afghanischen Bevölkerung - jetzt sollen angeblich Isaf-Soldaten bei einem Angriff in der südafghanischen Provinz Kandahar acht Zivilisten getötet haben. Wie der stellvertretende Polizeichef der Provinz, Mohammad Shah Farooqi, am Montag mitteilte, starben die Männer, als Nato-Soldaten am Morgen zwei Gebäude in einem Vorort der Millionenstadt Kandahar stürmten. Es gebe keine Beweise dafür, dass die Todesopfer in "regierungsfeindliche Aktivitäten" verwickelt gewesen seien, so Farooqi weiter.

In einer in Kabul verbreiteten Erklärung der Isaf heißt es dagegen, bei dem gemeinsamen Einsatz afghanischer und internationaler Truppen seien "ein Taliban-Kommandeur und mehrere Bewaffnete" getötet worden. Zuvor hätten die Aufständischen die Soldaten aus den Häusern heraus beschossen.

Ein blutiger Anschlag erschütterte derweil die zentralafghanischen Provinz Ghasni. Mindestens acht Zivilisten sind dabei getötet worden, unter ihnen Frauen und Kinder. Der selbstgebaute Sprengsatz explodierte im Bezirk Andar, wie die Polizei mitteilte. Die Bombe zerstörte einen Minibus. Ein Polizeisprecher machte die radikalislamischen Taliban für den Anschlag verantwortlich. Das Attentat sollte demnach die internationalen Truppen der Nato treffen.

Zahlreiche ausländische Soldaten waren in den vergangenen Tagen in Afghanistan ums Leben gekommen - nach offiziellen Angaben starben vier Norweger, sechs weitere Soldaten wurden am Wochenende getötet.

Türkei soll Luftraum für Israel gesperrt haben

Die Türkei zieht harte Konsequenzen aus Israels Militäraktion gegen Gaza-Aktivisten vor vier Wochen: Einem Pressebericht zufolge dürfen israelische Flugzeuge nicht mehr den türkischen Luftraum durchqueren.

Mit der Sperrung des Luftraums reagiert die türkische Regierung auf die israelische Militäraktion gegen eine Flotte mit Hilfsgütern für den Gaza-Streifen vor vier Wochen. Das erklärte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan Reportern in Kanada.

Erdogan bekräftigte zum Abschluss des G-20-Gipfels in Toronto zudem, dass sein Land von Israel eine Entschuldigung erwarte. Zudem müsse Israel eine internationale Untersuchung des Vorfalls zulassen und die Blockade des Gaza-Streifens vollständig aufheben.

Erdogan äußerte die Hoffnung, dass ein für Anfang Juli geplantes Treffen zwischen US-Präsident Barack Obama und dem israelischen Regierungschef Benjamin Netanjahu einen "positiven" Effekt auf die israelische Haltung in der Angelegenheit haben könne. Zugleich erneuerte Erdogan die Kritik an dem Einsatz gegen die Gaza-Flotte. "Niemand kann davon sprechen, dass Israel angegriffen wurde", sagte Erdogan. "Wäre eine einzige Waffe gefunden worden, wäre das eine große Neuigkeit seitens Israel. Aber es gab keine Waffen."

Bei dem Angriff am 1. Juni in internationalen Mittelmeergewässern waren neun pro-palästinensische Aktivisten getötet worden, unter ihnen acht Türken und ein türkischstämmiger US-Bürger. Die Türkei rief daraufhin ihren Botschafter aus Israel zurück und sagte gemeinsame Militärmanöver ab. Ankara fordert von Israel die Rückgabe der beschlagnahmten Schiffe und eine Entschädigung der Opfer.

Die türkisch-israelischen Beziehungen sind seit dem Vorfall äußerst angespannt. Ankara erwägt nach Angaben aus türkischen Diplomatenkreisen eine Herabstufung der diplomatischen Beziehungen mit Jerusalem.

Israelischer Handelsminister: Auch Baumaterialien dürfen nach Gaza
Unterdessen hat Israel iranischen Aktivisten einer möglichen neuen Flottille mit Lieferungen für den Gaza-Streifen mit Verhaftung gedroht. "Sie werden nicht durchkommen, wir lassen kein Schiff durchkommen - es sei denn, sie sind bereit, in Aschdod anzulegen", sagte der israelische Handelsminister Benjamin Ben-Elieser der "Financial Times Deutschland". "Das ist ein Ticket ohne Rückfahrschein. Sie kommen rein, aber sie kommen nicht mehr hinaus."

Eine iranische Flottille vor der Küste Gazas würde zu einer gefährlichen Konfrontation mit Israel führen. Teheran hatte zuvor gar erwogen, eigene Schiffe durch Elitesoldaten der iranischen Revolutionsgarde schützen zu lassen. Iran gilt als Waffenlieferant der im Gaza-Streifen herrschenden radikalislamischen Hamas. Iranischen Presseberichten zufolge erwägen iranische Aktivisten und Politiker nun, an Bord libanesischer Schiffe in das Gebiet zu gelangen.

Ben-Elieser kündigte an, dass Israel im Zuge der Lockerung der Blockade künftig auch Baumaterialien in den Gaza-Streifen lassen werde. "Wenn es um Zement für Bauzwecke geht, gibt es kein Problem", sagte Ben-Elieser. Auch weiteres Material für die Sanierung werde man passieren lassen. Man wolle der Welt zeigen, dass das Problem mit dem Gaza-Streifen "keine humanitäre Frage" sei. Israel will dem Handelsminister zufolge auch palästinensische Exporte aus dem Gaza-Streifen ermöglichen.

Ben-Elieser verbat sich jedoch ausländische Einmischung. Bundesaußenminister Guido Westerwelle hatte Anfang vergangener Woche eine "komplette Öffnung" des Gaza-Streifens gefordert. "Wenn es um Sicherheit geht, würde ich Deutschland keine Ratschläge geben", sagte Ben-Elieser. Dasselbe gelte auch andersherum.

G20 in Toronto: This is what democracy looks like!!

ImageAm Samstag fand die größte Demonstration der G20 Proteste in Toronto statt. Trotz strömenden Regens fanden sich insgesamt mehrere zehntausend Menschen am frühen Nachmittag im Queenspark zusammen, um gegen den Gipfel der Mächtigen zu demonstrieren. Die anfangs breite und friedliche Demonstration endete in jedoch in Riots und Polizeipression. Während den Ausschreitungen im Finanzsektor Torontos schaute die Polizei noch tatenlos zu - erst später wurden hunderte Demonstrierende festgenommen, die aber offensichtlich nichts mit den RandaliererInnen zu tun hatten.
 
Zwei breite Bündnisse hatten zu den Protesten aufgerufen : das erste umfasste vor allem Gewerkschaften und größere Umweltorganisationen, das zweite radikalere Gruppen mit einer umfassenderen Kritik und einem konfrontativeren Aktionskonzept, welches einen Marsch Richtung Zaun vorsah. Angeführt wurde die Demo von einem Frauenblock, dahinter folgten die Arbeiterorganisationen, im Anschluss verschiedene andere Organisationen und Gruppen, u.a. Kein Mensch ist illegal und indigene Organisationen. Der erste Versuch sich Richtung Zaun zu bewegen, wurde schnell von der Polizei buchstäblich zurück geknüppelt, wobei mehrere Menschen blutende Wunden davon trugen.

Kurze Zeit später sammelten sich zahlreiche DemonstrantInnen, um von einer Kreuzung aus zurück Richtung Innenstadt zu marschieren, während der größte Teil der Demo sich zum Ausgangspunkt zurück bewegte.

Im Finanz- und Geschäftsviertel kam es dann zu Riots; mehrere Fensterscheiben von Geschäften wurden eingeschlagen und an zwei Stellen wurden Polizeifahrzeuge angezündet. Allerdings wird mittlerweile selbst in der Mainstreampresse darüber spekuliert, dass diese absichtlich dort stehen gelassen wurden und alte Schrottkarren waren, um die Bilder zu bekommen, die die Sicherheitsmaßnahmen und die spätere Repression rechtfertigen sollten.

Die Hauptdemonstration zog derweil weiter zum Ausgangspunkt im Queens Park. Die organisierten GewerkschaftlerInnen und andere, die von außerhalb kamen, verließen den Queenspark schon bald mit Bussen. Viele andere blieben aber im Park um sich auszutauschen und den Tag zu reflektieren. Schon nach kurzer Zeit wurden die Demonstrierenden dort von der Polizei eingekesselt; es kam zum Einsatz von Tränengas und Gummigeschossen. Mehrere Menschen wurden zudem von Polizeipferden niedergetrampelt. Eine typische Strategie der Polizei war es dabei hier wie auch an vielen anderen Stellen, die Menge zunächst "nur" einzukesseln oder zurückzutreiben, um dann urplötzlich und ohne erkennbaren Anlass vorzustürmen und einzelne Menschen herauszuziehen und festzunehmen, meist äußerst brutal. Festzuhalten ist dabei, dass der Queens Park als geschützte "Free Speech Area " deklariert war und von den Menschen, die sich zu diesem Zeitpunkt im Park aufhielten, keine Gewalt ausging.

Nach einiger Zeit formierte sich eine Demonstration und brach aus dem Park aus, um durch eine der zentralen Geschäftszentren Torontos zu marschieren. Die Menschen auf der Demo skandierten "Whos Streets? - Our Streets!!". Dies entsprach diesmal tatsächlich den Tatsachen, denn weit und breit war zunächst keine Polizei zu sehen, während die gesamte Strasse von Demonstranten eingenommen war. Wichtig dabei ist die Tatsache, dass es bei dieser Demonstration keinerlei Sprühereien oder Sachbeschädigungen gab obwohl bzw. genau weil keine Polizei vor Ort war.

In den Nebenstraßen wurden aber schon Hundertschaften von Riot-Cops mit Bussen angefahren. Diese Cops setzten die Demonstration dann später in der Nähe des "Novotel Hotel" fest und kesselten hunderte von AktivistInnen. Zu diesem Zeitpunkt waren kaum noch Medien vor Ort. Die wenigen JournalistInnen, die am Ort des Geschehens waren, wurden von der Polizei auch gewaltsam des Platzes verwiesen.

Das Vorgehen der Polizei war dabei so brutal und gegen eine komplett friedlich Menge gerichtet, dass selbst Mainstream-Reporter wie der bekannte Fernsehjournalist Steve Paikin von einer "furchtbaren Nacht für die Demokratie in Toronto" sprachen und erklärte, so eine gruselige Situation habe er in fast 30 Jahren als Journalist noch nie erlebt, selbst in Bosnien oder Israel nicht.

 
http://www.tvo.org/cfmx/tvoorg/theagenda/index.cfm?page_id=3&action=blog&subaction=viewpost&blog_id=43&post_id=12960

Außer den beim Novotel festgenommenen ca. 150 Menschen gab es noch zahlreiche weitere, so dass die Bilanz am Ende der Nacht bei etwa 500 Gefangenen lag.

Schon in der Nacht von Freitag auf Samstag wurden OrganisatorInnen, und einige, die die Polizei für solche hielten, in den frühen Morgenstunden in ihren Wohnungen festgenommen (PDF). Dabei drang die Polizei zumindest teilweise ohne Haft- oder Durchsuchungsbefehl in Privatwohnungen ein und bedrohte Menschen mit Schusswaffen.
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Ergänzungen

Achtung Spaltung!
 
Die Spaltung zwischen friedlich und militant nimmt mal wieder ungeheuerliche Ausnahme an. Jetzt muss sogar behauptet werden, dass die Polizeifahrzeuge, die auf den Fotos nicht besonders schrottreif wirken, absichtlich für den "Schwarzen Block" bereitgestellt werden. Der dann wohl ohnehin nur aus Agent Provokateuren bestand. Es ist kaum zu glauben, wie hiermit der militante Widerstand diskreditiert wird.

Wir unschuldigen armen, friedlichen, ehrliche Demonstranten wurden dann das Opfer und das Ziel, anstatt die bösen Schwarzvermummten, die wahren Täter.

Warum immer wieder "friedliche" Demonstrierende Ziel von Polizeigewalt werden, diese Analyse sollte mal in Angriff genommen werden. Hat das evt. nichts mit einem marodierend durchs Viertel ziehenden schwarzen Block zu tun? Sondern sucht sich die Polizei nicht ganz bewusst immer auch die Massendemonstrationen bei diesen Events als Angriffsziel aus? Macht es da nicht Sinn endlich mal bewusst über Strategien gegen die staatlich gewollte Gewalt nachzudenken. Anstatt später immer wieder zu jammern, wir waren friedlich?

Nein, auch ihr seit eine Störung der Ordnung und auch für den friedlichen Protest sind zehntausende PolizistInnen im Einsatz. Glaubt nicht, dass die Einsatzleitungen, rund um den Globus, nicht genau wüsste, dass der friedliche Protest keine Verantwortung für miltanten Widerstand trägt? Wie naiv seit ihr eigentlich? Empört euch deshalb darüber, dass ihr vom Staat bewusst atackiert wird und arbeitet euch nicht immer an dem schwarzen Block ab. Dieser greift euch nicht mit Knüppeln, Tränengas und Wasserstrahl an und überführt euch in Gefangenensammelstellen!

Macht euch weniger Gedanken darüber, ob es Sinn macht sich militant in Form von Sachbeschädigung gegen Symbole des Kapitalismus zu wehren." Ihr habt doch eure Entscheidung getroffen und macht es nicht Sinn sich Gedanken über die die tatsächlich herrschende Gewalt zu machen, die das kapitalistische System zu verantworten hat. Die Gewaltfrage in unseren Reihe müsste sich endlich auf diesen Terror beziehen...

Die Analyse, ob brennende Polizeiwagen oder friedliche Großdemonstrationen den Kapitalismus mehr erschüttern, hat an sich keine Bedeutung.

Eat The Rich, witch?

Die Kosten für Demonstrationen neu berechnet 28.06.2010 - 10:31
Der Sicherheitseinsatz kostet allein 930 Millionen Kanada-Dollar, umgerechnet 729 Millionen Euro.

Das ist 'ne schöne Stange Geld, so ein bisschen demonstrieren. Den Haupteil sacken sich ja wie immer die Polizist_Innen ein. Hat sich echt gelöhnt. ACBC

Ein Superbulle namens Rotti

Prozess um tödliche Polizeischüsse

Der Zivilfahnder Roland R. steht vor Gericht, weil er einen Kriminellen erschossen hat. Intern gilt er als leistungsstark, sein kalter Blick beeindruckt die Freunde des Getöteten.

VON PLUTONIA PLARRE

Roland R. (2.vr.) mit Anwälten und einem Mitangeklagten im Gericht

"Der Motor war aus, als der Schuss fiel", versichert die 15-jährige Antonia S. Der Motor des Jaguars sei angesprungen, kurz darauf habe es geknallt, erinnert sich hingegen die 40-jährige Lehrerin Christiana L. Die Aussagen der Zeugen sind widersprüchlich. Dabei geht es um die entscheidende Frage im Prozess gegen drei Polizisten. Ist der 26-jährige Dennis J. mit einem Jaguar auf Beamte zugefahren, bevor er erschossen wurde? Dann wären die tödlichen Schüsse in Notwehr gefallen. Oder stand der Wagen noch, als die Schüsse fielen? Dann wäre es Totschlag.

Seit Anfang Mai versucht das Landgericht Neuruppin die Umstände aufzuklären, unter denen der Neuköllner Kleinkriminelle Dennis J. am Silvesterabend 2008 in dem brandenburgischen Örtchen Schönfließ von einem Berliner Polizisten erschossen wurde. Am heutigen Montag werden die Plädoyers von Staatsanwaltschaft, Nebenklagevertretern und Verteidigung erwartet. Möglicherweise fällt auch schon das Urteil.

Der 36-jährige Polizeikommissar Roland R. ist wegen Totschlags angeklagt. Der Zivilfahnder hatte sein ganzes Magazin - acht Schuss - leergefeuert, als er den per Haftbefehl gesuchten Dennis J. festnehmen wollte. Der hatte in einem gestohlenen Jaguar sitzend auf seine Freundin gewartet. Der tödliche Schuss wurde in einem rechten Winkel durch die Fensterscheibe der Fahrertür aus maximal 1,50 Entfernung abgegeben. Vor Gericht sagt R., er habe schießen müssen, weil sein Leben und das seiner zwei an dem Einsatz beteiligten Kollegen in Gefahr gewesen sei. Diese, ein 59-Jähriger und ein 32-Jähriger, sind wegen versuchter Strafvereitelung angeklagt. Sie sollen absichtlich weggesehen haben, um R. zu decken.

Sieben Menschen starben 2009 in Deutschland durch Polizeikugeln. 2008 waren es zehn, 2007 zwölf. Die Erfahrung ist: Verfahren werden in der Regel eingestellt, weil den Polizeischützen eine Notwehrlage zugutegehalten wird. Schon dass die Staatsanwaltschaft Neuruppin wegen des Falls Schönfließ Anklage wegen Totschlags erhoben hat, ist somit eine kleine Sensation. "Die Geschichte riecht", hatte ein hoher Beamter aus Brandenburg nach dem Vorfall zu Journalisten gesagt, als die Mikrofone aus waren.

Nach Dennis J. war mit drei Haftbefehlen schon seit längerer Zeit gefahndet worden. Der Neuköllner war, was man gemeinhin einen Strauchdieb nennt. Sein Strafregister wies 160 Eintragungen auf, zumeist Einbrüche und Diebstähle. Auch im Knast saß er schon. Wirklich schwere Taten hat er aber nie begangen. J. war schwer zu fassen. Einmal konnte er entwischen, weil er gegen einen Polizisten Pfefferspray eingesetzt hatte.

Der Polizeikommissar Reinhard R. ist ein großer, durchtrainiert wirkender Mann mit kurzen dunklen Haaren und gebräuntem Teint. Seit der Tat ist er vom Dienst suspendiert. Den Gerichtssaal betritt er in der Regel leise lächelnd und Kaugummi kauend. R. und seine mitangeklagten Kollegen Heinz S. und Olaf B. sind Zivilfahnder des Abschnitts 25 am Kurfürstendamm. R. habe es sich zur Hauptaufgabe gemacht, Haftbefehle zu vollstrecken, sagt der Abschnittsleiter vor Gericht. Allein 2008 habe R. 65 Beschuldigte gefasst. "Das ist außergewöhnlich viel." Es gebe Beamte, die brächten es im Jahr auf 20 Festnahmen. R. sei "ungewöhnlich leistungsstark". Mitte November 2008 hatte er die Fahndung nach Dennis J. übernommen. Eigentlich sei es kein Fall von besonderer Priorität gewesen, sagt der Abschnittsleiter. "Wir hatten schon mal einen, der wurde mit 19 Haftbefehlen gesucht."

Mit großem Engagement, Jagdeifer trifft es besser, machte sich R. an die Arbeit. Schon bald hatte er herausgefunden, dass sich der Gesuchte mit der 17-jährigen Andrea* aus Schönfließ trifft. Das Mädchen wohnt noch zu Hause, der Stiefvater ist Bundespolizist. An Weihnachten klärte R. die Eltern über den Umgang ihrer Tochter auf. Die reagierten geschockt und waren sofort einverstanden, als R. vorschlug, man könne Andrea als vermisst anzeigen und dann versuchen, über ihr Handy auch den Aufenthalt von J. zu orten. In Wirklichkeit wurde Andrea nicht vermisst. Dass solche Machenschaften nicht rechtsstaatlich sind, hatte R. schon bei anderen Fahndungen wenig interessiert.

Der 24-jährige Antonios S. ist ein guter Kumpel von Dennis J. Die beiden haben früher zusammen das eine oder andere Ding gedreht. Auch bei Antonios S. sprach R. mehrfach vor. "Er hat sich mir mit seinem Spitznamen Rotti vorgestellt", erzählt S. vor Gericht. Der Name komme daher, dass er mal einen Rottweiler gehabt habe. "Seine Augen gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. Er hatte einen kalten Blick", sagt der Zeuge über R. Der Beamte sei ihm geradezu fanatisch vorgekommen: "Er wollte den Dennis auf jeden Fall." Als Antonios S. den Gerichtssaal verlässt, bleibt er kurz vor dem Angeklagten stehen und raunt: "Schäm dich!"

Der Schwager von Dennis J., der 29-jährige Gebäudereiniger Kemal K., berichtet im Zeugenstand von einem Telefonat mit R. "Der muss aufpassen, wenn wir ihn kriegen", habe R. gesagt. "Nicht, dass bei der Festnahme irgendwas Schlimmes passiert."

Der entscheidende Tipp kam aus Andreas Familie. Am Silvesternachmittag erhielt R. den Hinweis, dass der Gesuchte Andrea am Abend abholen werde. R. und sein Kollege Olaf B. warfen sich sofort in den Dienst-Opel. Unterwegs holten sie den kampfsporterprobten Kollegen Heinz S. ab. Die Zeit drängte so, dass S. nicht mal seine Dienstwaffe holen konnte. In Schönfließ wartete Dennis J. im silberfarbenen Jaguar auf seine Freundin. Um 18.14 Uhr überschlugen sich die Ereignisse. In weniger als 30 Sekunden feuerte R. sein ganzes Magazin leer. J. starb durch einen aus nächster Nähe abgegebenen Steckschuss in die Brust.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der erste Schuss der tödliche war und dass der Jaguar bei der Schussabgabe stand. Erst nach diesem Schuss habe der mit Kokain zugedröhnte J. den Wagen angelassen und versucht zu fliehen. Er kam 200 Meter weit. Dann brach er tot hinter dem Steuer zusammen.

Die Verteidigung hingegen argumentiert, dass das Auto gefahren sei und den Beamten S. "durch eine Art Stoß" zu Fall gebracht habe. Die Schüsse seien in Notwehr abgegeben worden.

Im Verlauf des Prozesses hat sich der Eindruck verdichtet, dass sich das genaue Geschehen vor Ort nicht mehr aufklären lässt. Die beiden wichtigsten Zeuginnen widersprechen sich. Auch aus den Gutachten der Sachverständigen lässt sich keine Klarheit ableiten.

Denn Polizei und Kripo sind bei den Ermittlungen extrem viele Pannen unterlaufen. Der gravierendste Fehler war, dass in der Tatnacht nur eine ungefähre, aber keine detailgenaue Zeugenvernehmung erfolgte. Es fehlen Unterschriften auf den Vernehmungsprotokollen, Tatortskizzen sind nicht mehr zuzuordnen. Zwei der acht Patronenhülsen wurden erst Tage später bei der Tatrekonstruktion entdeckt. Sie waren an der Heckscheibe und in der Scheibenwischermulde des Polizei-Opel festgefroren.

Statt den Beschuldigten R. nach dem Vorfall von seinen Kollegen zu trennen, saßen die drei Beamten stundenlang zusammen in der Polizeiwache Hennigsdorf. Es bestand also Gelegenheit, die Verteidigungsstrategie abzusprechen. Zudem wurde R. wurde von einem Brandenburger Kollegen so oft belehrt, dass er die Aussage verweigern könne, bis er kapiert hatte, dass es besser ist, den Mund zu halten.

Normalen Beschuldigten ergeht es anders, zumal wenn sie in Neukölln wohnen und einen Migrationshintergrund haben. Dennis J.s Freunde, die den Prozess als Zuschauer verfolgen, wissen, wie das ist. Der eine oder andere hat im Knast gesessen. Fragt man die jungen Männer nach ihren Erfahrungen mit der Polizei, lautet die Antwort: "Wir werden grundsätzlich verdächtigt und schikaniert." Sie haben den Eindruck, dass mit zweierlei Maß gemessen wird, wenn Polizisten angeklagt sind. Warum, so fragen die Freunde des Getöteten, hat das Gericht ausgerechnet den Unfallsachverständigen Ulrich Wanderer zum Gutachter bestellt, der in der gleichen Sache für R.s Verteidiger ein Privatgutachten gemacht hatte?

Wenn das Gericht das Urteil fällt, kommen drei Möglichkeiten in Betracht: R. wird im Sinne der Anklage des vorsätzlichen Totschlags oder wegen fahrlässiger Tötung schuldig befunden. Die dritte Variante wäre: Freispruch, nach dem Grundsatz: Im Zweifel für den Angeklagten. Egal, wie das Gericht entscheidet, eines ist sicher: Den Geruch, dass er ohne Not einen fliehenden Eierdieb abgeknallt hat, wird R. nicht mehr los.

Demokratie aus dem Transistorradio

Vor den Wahlen heute schüren Burundis Parteien Kriegsangst. Daher bringen 15 Radiosender ein gemeinsames Programm: Frieden. 

SIMONE SCHLINDWEIN

Anstehen vorm Wahllokal in Burundis Hauptstadt Bujumbura.

Evariste Nzikobanyanka ist gestresst. Schon wieder klingelt das Telefon. Der Burundier schaut gebannt auf den Bildschirm in seiner fensterlosen, gepolsterten Tonkabine, mit der Maus aktiviert er die Aufnahme. Gleichzeitig legt er am Telefon einen Schalter um. Die Stimme des Anrufers wird nun aufgezeichnet.

Dann spricht er ins Mikrofon: "Hallo? Nenn bitte Namen und Standort, bevor du den Bericht absetzt." Am anderen Ende der Leitung meldet sich der Korrespondent aus einem Armenviertel am Stadtrand von Bujumbura, der Hauptstadt von Burundi. In der vergangenen Nacht sind dort zwei Granaten explodiert.

Nzikobanyankas Aufnahmestudio befindet sich im "Haus der Presse" von Bujumbura, nicht weit entfernt vom Hauptquartier der Armee. Auf der Straße marschieren Soldaten. Das "Haus der Presse" ist hinter Mauern verborgen. Im großen Saal im Erdgeschoss, wo sonst Minister Pressekonferenzen geben, sind Tische zusammengerückt. Hinter Laptops hocken Redakteure und schneiden hektisch Tonschnipsel aneinander. In 20 Minuten wird die nächste Sendung ausgestrahlt: eine Bilanz der fünfjährigen Herrschaft von Präsident Pierre Nkurunziza.
Ruanda: Die Macht von Radiosendern im Afrika der Großen Seen zeigte sich beim Völkermord in Ruanda 1994, als Armee und Hutu-Milizen über 800.000 Tutsi töteten. Der Privatsender "Radio des Milles Collines" hetzte gegen die Tutsi-"Kakerlaken" und rief während der Massaker die Bevölkerung auf, "das Werk zu vollenden".

Burundi: Ebenso wie sein Nachbarland Ruanda ist die Geschichte Burundis von einer langen Hutu-Tutsi-Konfrontation geprägt. Ein Bürgerkrieg zwischen Tutsi-dominierter Armee und Hutu-Rebellen ab 1993 forderte 300.000 Tote. Die größte Hutu-Rebellenbewegung CNDD-FDD (Nationalkomitee zur Verteidigung der Demokratie) übernahm 2005 nach einem Friedensabkommen die Macht.

Wahlen: Burundis Präsidentschaftswahl heute boykottiert die Opposition. Es tritt nur Amtsinhaber Pierre Nkurunziza an, der ehemalige CNDD-Rebellenführer. Seine schärfsten Gegner heute sind nicht Tutsi, sondern konkurrierende ehemalige Hutu-Rebellenführer. Sie wollen die Wahlen mit Gewalt verhindern.
Einer hat sich abgesetzt
Für den heutigen Montag sind in Burundi Präsidentschaftswahlen angesetzt, die Stimmung ist aufgeheizt. Mehr als 40 Granaten sind in den letzten zwei Wochen explodiert, 30 Parteibüros der jetzigen Regierungspartei und früheren Hutu-Rebellenarmee CNDD-FDD (Nationalkomitee zur Verteidigung der Demokratie/Kräfte zur Verteidigung der Demokratie) wurden abgebrannt, Dutzende Menschen erschossen.

Der Führer der größten Oppositionspartei und ehemaligen Hutu-Rebellenarmee FNL (Nationale Befreiungsfront), Agathon Rwasa, hat sich aus der Hauptstadt davongestohlen. Es gibt Gerüchte, dass er sich Richtung Ostkongo in die Berge abgesetzt habe, um dort frühere Kämpfer zu mobilisieren.

In der morgendlichen Redaktionskonferenz diskutieren 30 Radioredakteure lautstark darüber. Radiochef Evariste Nzikobanyanka hat am Vortag seine Reporter losgeschickt, um herauszufinden, welche Pläne Rwasa wirklich verfolgt. Dann schwenkt die Debatte um: Wann werden die Wahlergebnisse feststehen? Wohl schon am Dienstag, sind sich die Redakteure einig.

Da die Oppositionsparteien aus Protest über vermeintliche Wahlfälschung bei den Kommunalwahlen im Mai ihre Kandidaten zurückgezogen haben und zum Boykott aufrufen, hat das Volk nur die Möglichkeit, für Präsident Nkurunziza zu stimmen - oder gar nicht zu wählen. Die CNDD-FDD mobilisiert ihrerseits alle Kräfte, um die Wahlbeteiligung hochzuschrauben.

Die Angst vor einem neuen Bürgerkrieg hat die Journalisten alarmiert. Deswegen haben sich fünfzehn unabhängige Radiostationen zusammengeschlossen, um heute am Wahltag mit geeinter, neutraler Stimme zu sprechen. "Synergy" heißt das Projekt. Rund 50 Redakteure, die von den teilnehmenden Sendern geschickt wurden, haben sich im "Haus der Presse" versammelt.

Und fast hundert Reporter tragen aus dem ganzen Land Nachrichten zusammen. Gemeinsam arbeiten sie an einem Programm, das auf allen Frequenzen ausgestrahlt werden soll. Sie wollen live über Unregelmäßigkeiten berichten, Wähler und Nichtwähler interviewen und direkt nach Schließung der Wahllokale die Ergebnisse melden, damit später nicht mehr betrogen werden kann.

"Wir wollen mit einer Stimme sprechen, um die Bevölkerung nicht noch weiter zu desorientieren", begründet Corneille Nibaruta, Chefkoordinator von "Synergy" und Vorsitzender des Radioverbandes, die Aktion. "Wir wollen unsere Aufgabe als Mediatoren wahrnehmen, sonst explodiert das Land. Wir fordern Politiker aller Parteien auf, sich an einen Tisch zu setzen und der Gewalt abzuschwören."

In keinem anderen Land Afrikas rund um die Großen Seen leisten Journalisten einen so entscheidenden Beitrag zum Dialog und zum Frieden wie hier in Burundi. Als Ikone dieses verantwortungsbewussten burundischen Journalismus gilt Adrien Sindayigaya, Gründer des unabhängigen Radiostudios Ijambo. Der 42-Jährige steht in seinem Büro vor einem Aktenschrank und zeigt auf das Kunstwerk, das daraufgemalt ist: eine Frau, die auf einem Kohleofen Reis kocht und dabei Radio hört; daneben zwei Soldaten, die in der Kaserne sitzen und Radio hören; darunter ein Rebell, der mit Fernglas auf einem Baum Wache hält - und Radio hört.

Aufruf zum Massenmord
"Das Radio ist hier ein sehr mächtiges Medium", sagt Sindayigaya. In einem Land, in dem viele Menschen von nicht mal einem Dollar pro Tag überleben müssen, in dem rund 80 Prozent weder lesen noch schreiben können, ist das Radio das einzige Medium, das alle erreicht.

Was das bedeuten kann, zeigte sich 1994 in Ruanda, als die Hutu übers Radio zum Massenmord an den Tutsi aufgerufen wurden. Burundis Bürgerkrieg hatte damals gerade begonnen: Tutsi-Soldaten hatten den gewählten Hutu-Präsidenten ermordet, Hutu griffen zu den Waffen. Das Armenviertel Kamenge am Rande von Bujumbura, von Hutu bewohnt, wurde von der Armee abgeriegelt. Es entwickelte sich zur Hochburg radikaler Rebellen.

In Kamenge, wo 1993 der Bürgerkrieg begann, haben jetzt junge Männer Trommeln aufgestellt. Die Frauen hinter ihren Gemüseständen singen ein Lied. Ein Priester predigt laut. Viele der Jugendlichen haben Narben im Gesicht, an Armen und Schultern - es sind ehemalige Rebellen. Sie tanzen und singen. Zwischen den jungen Männern steht ein älterer Mann mit Brille. Er hält ein dröhnendes Radio in der Linken. Mit der Rechten salutiert er. Ein Taxifahrer schüttelt den Kopf: "Die Leute in Burundi lassen sich stets von zwei Stimmen verleiten: von der Kirche und vom Radio."

In seinem Büro in Bujumburas Innenstadt seufzt Sindayigaya, wenn er an den Bürgerkrieg zurückdenkt. Dann zeigt er auf die schusssichere Weste, die an einem Haken hängt. "Wir hatten damals, ähnlich wie in Ruanda, auch nur einen einzigen Sender, der mit seinen Hasstiraden ethnische Gewalt entfachte", sagt er. Hutu zogen sich in Hutu-Viertel zurück, Tutsi in Tutsi-Viertel, jeder hatte seine eigene Wahrheit.

"Wir Journalisten beschlossen damals, einen Dialog zu starten", erzählt Sindayigaya. Mit Unterstützung der US-Nichtregierungsorganisation "Search for Common Ground" (SCG) gründete Sindayigaya 1995 mit vier Kollegen mitten in der Hauptstadt das Radiostudio Ijambo. In gemischten Teams aus Hutu und Tutsi zogen sie durch die Stadt. "Wir haben damals sämtliche Tabus gebrochen", lächelt Sindayigaya.

Die Sensation im Studio
Tabus zu brechen - dies wurde zum Leitmotiv von "Studio Ijambo". Sindayigaya lud Hutu- und Tutsi-Politiker zu Talkrunden ein. Der Journalist hatte keine leichte Aufgabe: Immer wieder musste er sie ermahnen, sich nicht gegenseitig zu beleidigen. Eine Sensation gelang ihm im Jahr 2000, mitten im Krieg. Sindayigaya öffnet die Tür zum Studio und zeigt auf das Mischpult. "Ich saß hier mit zwei Offizieren der Armee."

Dann deutet er auf das Telefon: "Über die internationale Leitung haben wir den Rebellensprecher angerufen, der damals in Deutschland im Exil lebte." Dies sei das erste Mal gewesen, dass die Kriegsgegner direkt miteinander gesprochen haben. Es ist nicht zuletzt Journalisten wie Sindayigaya zu verdanken, dass danach ein Friedensprozess begann.

Diese Journalisten sind heute in Burundi eine einflussreiche junge Elite. "Wir haben uns eine relative Unabhängigkeit erkämpft", sagt Corneille Nibaruta, Vorsitzender des burundischen Radioverbandes. Finanziell sei es natürlich schwierig. Kaum ein Unternehmen schalte Werbung, und die Frequenzgebühren seien hoch. Deswegen fürchtete Nibaruta, dass die Parteien diese Finanznot ausnutzen und die Radios als Sprachrohre instrumentalisieren.

Zum Beispiel der Privatsender Rema-FM, der enge Kontakte zur Regierungspartei unterhält. Als einziger Sender hat sich Rema "Synergy" nicht angeschlossen, im Gegenteil: "Dieser Sender macht unverschämt viel Lärm für den Präsidenten, in einem aggressiven Tonfall", sagt Nibaruta. "Wenn wir jetzt nicht kämpfen, dann enden wir wie die Medien in Ruanda, die dort an der ganz kurzen Leine gehalten werden."

Bislang sieht es nicht danach aus, dass die Oppositionsparteien in den politischen Prozess zurückkehren und den Pluralismus verteidigen. "Die Wahlen sind für mich vorbei", sagt Alexis Sinduhije und schlägt auf den Tisch. Der Chef der Oppositionspartei MSD (Bewegung für Sicherheit und Demokratie) ist in Burundi ein respektierter Mann. Er war ein Kollege Sindayigayas bei "Studio Ijambo" und Gründer des ebenfalls unabhängigen Senders "Radio Publique Africaine". 2008 kürte ihn das Time Magazine zu einem der 100 einflussreichsten Menschen der Welt. Aber dann ging er in die Politik.

Die "teuflischen Monster"
Zu Sinduhijes Anhängern zählen zahlreiche Journalisten und junge gebildete Burundier. Sinduhije hat keine Furcht, seine Frustration hinauszuposaunen: Vergangenes Jahr verbrachte er vier Monate im Gefängnis. Er bezeichnet die Clique um Präsident Nkurunziza als "teuflische Monster".

Jetzt parkt ein Polizeiwagen in Sinduhijes Hofeinfahrt in einem Mittelklasseviertel der Hauptstadt, Leibwächter stehen am Tor. "Es war keine gute Entscheidung, meinen Job als Journalist an den Nagel zu hängen und in die Politik zu gehen", bilanziert Sinduhije auf seiner Veranda. Als Journalist hätte er mehr bewegen können. Nun bleibt ihm höchstens noch die Flucht. Auch gegen ihn hat Rema-FM gehetzt, zwanzig seiner Parteimitglieder wurden ermordet. Alexis Sinduhije fürchtet, dass bald auch auf seiner Veranda eine Granate explodiert.

Sonntag, 27. Juni 2010

Mesut Özil betet für seine tote Großmutter Münevver

Ozil to be WC 2010 star ?

Zwei Tage nach dem Tod seiner geliebten Großmutter Münevver (+ 73) soll Mesut Özil (21) die DFB-Auswahl ins Viertelfinale führen. Wie schafft er das?

Der Tod seiner Oma ist für Özil ein großer Verlust. Bruder Mutlu (25) überbrachte Freitag die traurige Nachricht. Der gläubige Moslem sagte alle Gesprächstermine ab und fuhr in eine Moschee, um zu beten. Danach stand der Siegtorschütze über Ghana wieder auf dem Platz. Traurig, aber konzentriert.Während Vater Mustafa (42) umgehend in die Türkei zur gestrigen Beerdigung in Hisiroglu (220 km nördlich von Ankara) reiste, blieb Özil in Südafrika. Er spielt heute auch für seine geliebte Münevver.

4:1 Deutschland müllert England home


So hoch hat Deutschland gegen England noch nie gewonnen. In einem Achtelfinal-Drama siegten Joachim Löws Männer 4:1, Thomas Müller als Star des Spiels traf gleich zweimal - doch ein nicht gegebenes Tor für die Gegner wird noch Diskussionen nach sich ziehen.

Hamburg - Ganz ruhig schlich Joachim Löw nach dem Abpfiff von seiner Bank in Richtung Englands Trainer Fabio Capello. Ein kurzer Handschlag, beide verzogen keine Miene. Hätte man die 90 Minuten im Free-State-Stadion von Bloemfontein zuvor nicht gesehen, man hätte aus den Reaktionen der beiden nicht absehen können, wer das Spiel gewonnen hat.

Dabei hat die deutsche Nationalelf bei ihrem 4:1 (2:1)-Erfolg im Achtelfinale der WM ihre beste Turnierleistung gezeigt - und den Erzrivalen England deklassiert. "Ich bin sehr stolz auf die Mannschaft", sagte Bastian Schweinsteiger. Auch Lukas Podolski strahlte. "Wir haben von hinten bis vorne eine sehr gute Leistung gezeigt." Die deutsche Nationalelf trifft nun am Samstag im Viertelfinale (16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) auf den Sieger der Partie zwischen Argentinien gegen Mexiko.

Die deutsche Mannschaft lief in der gewohnten 4-2-3-1-Formation auf. Dabei konnte Bundestrainer Joachim Löw auf den defensiven Mittelfeldspieler Bastian Schweinsteiger zurückgreifen, der sich im Gruppenspiel gegen Ghana eine Verhärtung im Oberschenkel zugezogen hatte. Auch Jérôme Boateng, der aufgrund einer Wadenverhärtung auszufallen drohte, konnte von Beginn an mitwirken. Für Stürmer Cacau, der wegen einer im Training erlittenen Bauchmuskelzerrung nicht dabei war, spielte nach seiner abgelaufenen Sperre Miroslav Klose. Die Engländer begannen mit derselben Formation, die gegen Slowenien siegreich war.


Das Spiel begann temporeich: In der fünften Minute tauchte Mesut Özil vor dem englischen Tor auf, scheiterte aber aus spitzem Winkel bei seinem Versuch, Towart David James zu tunneln. Die anschließende Ecke brachte nichts ein.

Deutschland kontrollierte die Partie, der Ball lief gut durch die eigenen Reihen, England wurde früh beim Aufbauspiel gestört. In der elften Minute agierte Lukas Podolski egoistisch, als er einen vielversprechenden Angriff mit einem Schuss abschloss, der abgeblockt wurde.

Capellos grimmige Miene wurde nur noch grimmiger
Gefährliche Torraumszenen blieben auf beiden Seiten die Ausnahme - was vor allem daran lag, dass die Teams taktisch sehr gut organisiert waren und nur wenig Räume boten. Und so musste eine ungewöhnliche Situation für den ersten Treffer herhalten: Ein weiter Abschlag von Torwart Manuel Neuer landete in der englischen Hälfte, niemand fühlte sich zuständig, bis der Ball am englischen Strafraum ankam, wo sich Stürmer Klose gegen Innenverteidiger Upson extrem zweikampfstark zeigte, sich im Laufduell durchsetzte und den Ball im Fallen vorbei an James legte - 1:0 für Deutschland (20.).

Englands Antwort war ein Schuss von Barry, den Neuer aber sicher festhalten konnte. Trainer Fabio Capello lief anschließend wutentbrannt an den Rand seiner Coaching-Zone und gab seinen Spielern Anweisungen. Seine ohnehin so grimmige Miene wurde nur noch düsterer. Denn eine Traumkombination von Sami Khedira und Thomas Müller landete schließlich bei Klose, der frei an Keeper James scheiterte.

Deutschland hatte kurz danach doch Grund zum Jubeln: Müller passte perfekt auf Podolski, der auf der linken Seite unbehelligt den Ball annehmen und aus spitzem Winkel durch die Beine von James schießen konnte - 2:0 für Deutschland.

"Bei meinem Tor hatte ich ein bisschen Glück", kommentierte Podolski seinen Treffer.

Es ging Schlag auf Schlag, diesmal allerdings auf der Gegenseite: Frank Lampard scheiterte in der 35. Minute aus sechs Metern an Neuer. Kurz darauf hätte Klose fast den dritten Treffer erzielt. Stattdessen köpfte Upson nach schlechtem Stellungsspiel von Boateng eine Flanke zum Anschlusstreffer ins Tor - 1:2 für England. Schweinsteiger beschwerte sich nach dem Spiel: "Wir dürfen nicht so leichtfertig eine 2:0-Führung hergeben. Das darf nicht sein."


In der 40. Minute hielt der Geist von Wembley Einzug - mit verteilten Rollen. Als Frank Lampard aufs Tor von Manuel Neuer schoss, prallte der Ball - wie 1966 Schuss beim Schuss von Geoff Hurst auf das Tor von Hans Tilkowski - hinter Keeper Neuer von der Unterlatte auf den Boden. 1966 gab Schiedsrichter Gottfried Dienst den Treffer nach langen Diskussionen. 2010 war die Situation ungleich eindeutiger, Schiedsrichter Jorge Larrionda aus Uruguay entschied dennoch, dass der Ball nicht im Tor war - eine klarer Fehler wie die Fernsehbilder im Anschluss zeigten (siehe auch Fotostrecke oben). DFB-Präsident Theo Zwanziger sagte in der Pause der ARD: "Selbst ich habe von der Tribüne aus geglaubt, dass der Ball drin war."

Torwart Neuer gestand nach dem Spiel:"Ich habe nicht gesehen, ob der Ball drin war. Nachdem ich mich umgedreht habe, habe ich mich nur auf den Ball konzentriert." Die Brisanz der Szene war ihm dabei bewusst. "Ich habe mich natürlich beeilt, nach vorne zu kommen, damit die Schiedsrichter nicht auf die Idee kommt, dass der drin war."

Zur Pause blieb es bei der knappen Führung für Deutschland. Beide Trainer ließen ihre Mannschaft in der zweiten Halbzeit unverändert. In der 47. Minute sah Abwehrspieler Arne Friedrich nach einem Foul die Gelbe Karte. Und die englische Nationalelf erhöhte den Druck, ein Freistoß von Lampard landete an der Latte (53.). Eine schwache Rückgabe von Lahm, der nicht seinen besten Tag erwischte, konnte Neuer ganz knapp vor Defoe retten (57.).

Die Moral der Engländer war gebrochen
Die deutsche Abwehr geriet immer stärker unter Druck, eine Flanke nach der anderen wurde von der rechten Seite in den Strafraum geschlagen, ein Abnehmer fand sich aber meist nicht. Völlig überraschend dann der dritte Treffer für die Deutschen: Schweinsteiger passte nach einem Konter auf Müller, der Flügelspieler zog ab und der Ball landete vorbei am unglücklich agierenden James im Netz - 3:1 für Deutschland.

Die Moral der Engländer war gebrochen, in der der 70. Minute konnte Özil von der linken Seite mustergültig in die Mitte querlegen, dort hatte erneut Müller keine Mühe den Ball unterzubringen - 4:1 für Deutschland.

Auf die Frage von einem ARD-Reporter, was er davon hielte, zum besten Nachwuchsspieler des Turniers gewählt zu werden, antwortete Müller: "Warum nicht? Ich habe noch einen Platz in der Vitrine übrig."

England kam nur noch vereinzelt vor das deutsche Tor. Gerrads Schuss in der 81. Minute lenkte Neuer mit einer Klasseparade noch um den Pfosten. Die deutliche Führung nutzte Löw, um den Reservisten noch Einsatzzeit zu verschaffen. So feierte der Leverkusener Stefan Kießling seine WM-Premiere, als er in der 83. Minute für Özil eingewechselt wurde. Zuvor hatte Löw schon Mario Gomez und Piotr Trochwoski für Müller und Klose gebracht (71.).

Worauf es nun im Viertelfinale ankommt, erklärte Podolski: "Wir dürfen nicht den Fehler von nach dem Australienspiel wiederholen. Wir müssen weiter konzentriert bleiben."

Sollte die Konzentration da sein, muss die Mannschaft von Löw noch nicht einmal einen Lionel Messi fürchten. Das denkt auch Schweinsteiger: "Wenn wir das zeigen, was wir heute getan haben, dann können wir gewinnen."

Deutschland - England 4:1 (2:1)1:0 Klose (20.)
2:0 Podolski (32.)
2:1 Upson (37.)
3:1 Müller (67.)
4:1 Müller (70.)


Deutschland: Neuer - Lahm, Mertesacker, Friedrich, Jérôme Boateng - Khedira, Schweinsteiger - Müller (72. Trochowski), Özil (ab 83. Kießling), Podolski - Klose (ab 72. Gomez)
England: James - Johnson (ab 87. Wright-Phillips), Upson, Terry, Ashley Cole - Milner (ab 64. Joe Cole), Lampard, Barry, Gerrard - Defoe (ab 71. Heskey), Rooney
Schiedsrichter: Jorge Larrionda (Uruguay)
Zuschauer: 40.510 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Friedrich - Johnson

Großdemos in Toronto

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Trotz eines Großaufgebots der Polizei randalieren Autonome stundenlang in Torontos Innenstadt. Über 400 Personen wurden festgenommen. Das Anliegen des Protests geht völlig unter.

VON MALTE KREUTZFELDT
Die Randalierer demolieren - die Polizei schaut nahezu tatenlos zu.

Für die Staatschefs der G8 und der G20 mag das Gipfeltreffen aufgrund von Meinungsverschie-denheiten und voraussichtlich fehlender Ergebnisse ein wenig enttäuschend gewesen sein – für die Polizei in Toronto war es ein völliges Desaster. Es waren surreale Szenen, die sich am Samstagnachmittag (Ortszeit) auf der Haupteinkaufsstraße der kanadischen Stadt abspielten: Mehrere hundert Demonstranten, viele von ihnen ganz oder teilweise vermummt, zogen durch die Stadt und zertrümmerten in aller Ruhe die Scheiben und Leuchtreklamen von Banken und Ketten wie Starbucks und McDonalds – umgeben von fassungslosen Passanten und völlig unbehelligt von der Polizei, die buchstäblich nicht zu sehen war.

Zuvor waren ungefähr 10.000 Menschen - und damit deutlich weniger als bei früheren Gipfeln - bei kräftigem Regen durch Toronto gezogen. Neben größeren Blöcken von Gewerkschaften und Greenpeace waren Gruppen aller Art beteiligt, die von der Bekämpfung der Armut über Freiheit für Tibet, den Kommunismus, die Neu-Untersuchung der Anschläge vom 11. September bis zum Stopp der Ölsand-Förderung in Kanada so ziemlich sämtliche linken Forderungen auf die Straße trugen. War eine gemeinsame, gar auf den Anlass des G20-Treffens bezogene bezogene Forderung schon während der Demonstration nur schwer auszumachen, so geriet das Anliegen der friedlichen Protestierer im Laufe des Tages immer weiter in den Hintergrund.

Denn etwa zur Mitte der Demonstration, als diese dem Sicherheitszaun rund um das G20-Konferenzzentrum am nächsten war, verließ ein Teil der Demonstranten die geplante Route. Ein Versuch, eine massive Polizeikette zu durchbrechen, um sich dem Zaun weiter zu nähern, scheiterte; mehrere Menschen wurde dabei am Kopf verletzt. Kurze Zeit später wurden zwei Polizeiautos demoliert und eins in Brand gesteckt – unter den hilflosen Blicken der überfordert wirkenden Polizei. Auch der Kamerawagen eines örtlichen Fernsehsenders wurde angegriffen. Anschließend zogen die Demonstranten in die Innenstadt, wo zwei weitere Polizeiwagen in Brand gesteckt und zahlreiche Scheiben eingeschmissen wurden. Erst nach Stunden rückte die Polizei in die Innenstadt vor, wobei auch Tränengas zum Einsatz kam. Am Abend und in der Nacht wurdennach Polizeiangaben 412 Demonstranten festgenommen.

Der Verlauf der Demonstration dürfte in Kanada eine große Debatte über die Sicherheitsstrategie auslösen. In Toronto waren am Samstag 12.000 Polizisten im Einsatz. Um Festnahmen zu erleichtern, hatte die Stadt Sonderregeln in Kraft gesetzt, die leichtere Festnahmen ermöglichen. Für den Schutz der Gipfeltreffen hatte das Land insgesamt 900 Millionen Euro ausgegeben, und damit weit mehr als jemals zuvor bei einem Gipfel. Viel gebracht, so am Samstag die Stimmung in der Innenstadt von Toroto bei Demonstranten wie Passanten gleichermaßen, hat das offenbar nicht.

Ihr seid fällig, Tommys!

KOLUMNE VON DENIZ YÜCEL

Experten-Check beweist: Tommys ohne Chance. Besser: gleich bedingungslose Kapitulation!

DIE KEEPER: Tommy-Keeper David James (29, mit Portsmouth Tabellenletzter) gilt als Elfmeter-Spezialist. Grund: Hält im Tommy-Training alle Elfer. Unser Manuel Neuer (24) hat auch schon viele Elfer gehalten – in der Champions League und gegen echte Gegner. Außerdem weiß er, wie’s geht: Bei der Junioren-EM stand er im Tor, als unsere Jungs die Tommys mit 4:0 wegputzten.

DIE AUSSENBAHN: Ashley Cole (29) wurde bekannt, weil er Zeitungen verklagte, die mit gepixeltem Foto von einer Homo-Orgie mit Premier-League-Fußballern berichtet hatten. Anfang 2010 trennte sich Girls-Aloud-Sängerin Cheryl Ann Cole von ihm. Warum bloß? Claudia Schattenberg (25) denkt überhaupt nicht an Trennung. Sie ist in Südafrika, unterstützt ihren (unseren!) Philipp Lahm (26) mit Liebes-Doping. Drei Tage nach dem WM-Finale wird geheiratet. Und wir wissen schon, welches Geschenk unser Kapitän für seine Claudia hat. Ein goldenes…

DIE ABWEHRRECKEN: Tommy-Terry John (29) ist der Stinkstiefel: Spannt bestem Freund und Teamkollegen Model-Frau (33) aus, zettelt bei der WM Meuterei gegen Coach Capello an, fordert nach peinlichem 0:0 gegen Algerien Bier, mosert, wenn er nicht stinkstiefeln kann: „Mir war im Leben noch nie so langweilig wie bei dieser WM.“ Unser Arne Friedrich (31) macht nichts davon. Dafür macht er seinen Job. Und das verdammt gut (taz.de-Note 1+) Kein Wunder, dass jetzt die Tommy-Clubs (gehören alle Ausländern) scharf sind auf Arne con Carne!

DIE LINKSKRACHER: Tommy-Kapitän Steven Gerrard (30) kannte nur Linksverkehr, nicht linkes Mittelfeld, bis Coach Capello ihn nach Links schickte. Seitdem verschollen. Auch Lukas Podolski (25) wurde nach links befohlen. Clever: Poldi kannte den Daumen-Trick, seitdem Super-Zauber mit links!

DIE MITTE: Gareth Barry (29) hat fast 400 Premier-League-Spiele gemacht, trotzdem kennt ihn kein Schwein. Mesut Özil (21) hat 3 WM-Spiele gemacht, schon liebt ihn die ganze Welt. Gaucho-Coach Maradona (49) nennt seinen Spielmacher „Lionel Mesut“, um ihn stark zu reden. Süper!

DIE ZENTRALEN: Frank Lampard (32) gilt als wichtigster Tommy. Grund: Verwandelte mal einen Elfer – bei der 2:3-Heim-Schlappe gegen Kroatien, mit der die Tommys die EM 2008 verpassten. Trotzdem wählten sie „Fat Frank“ zum „Man oft the Match“ („Tommy des Spiels“). Unser Wichtigster ist Bastian Schweinsteiger (25). Und der kann alles, nicht nur Elfer: Kämpfen, Dribbeln, Treffen. Kein Wunder, dass Real Madrid für unseren Basti-Fantasti Übersteiger-Schweinsteiger 55 Millionen Euro hinblättern will – mehr als Staatshaushalte von Tuvalu, Nauru, Anguilla und Niue zusammen (alle jenseits von Afrika).

DIE KNIPSER: Wayne Rooney (24) lässt sich von fieser Tommy-Nazi-Propaganda anstecken, tönt: „Ich will Deutschland aus dem Turnier werfen.“ Typisches Tommy-Großmaul! Denn der „Pitbull“ bellt, beißt aber nicht, steht in der WM-Statistik auf peinlichem letzten Platz (3 Spiele/0 Tore). Wir fahren gegen Engeland, hieß es am Samstag, als sich unsere Jungs auf den Weg nach Bloemfontein machten. Als erster im Flieger: Miro Klose (31). Kein Wunder, unser Knipser darf nach fieser FIFA-Sperre wieder mitspielen, ist heiß. Aber: Er macht seine Tore, überlässt die Sprüche anderen. Und, Englischmann: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.

DIE ALTLASTEN: Dank Kevin-Prince Boateng (23, für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen) sind wir Michael Ballast (33) los. Der macht sich jetzt sogar nützlich, geht mit seinem Schreib-Schreib im Tommy-Blatt „The Times“ den Tommy-Fans mächtig auf den Keks („Ich hoffe, Deutschland schlägt England“). Tommy-Altlast

David Beckham (35) sitzt in Südafrika auf der Bank (Achillessehne!), geht mit seinen Styling-Tipps den Tommy-Spielern mächtig auf den Keks. („Ich empfehle Pure Instinct – eine warme, sanfte Mischung aus Tabakblättern, Eichenbaummoos und Zedernholz geben dem Duft Lederaromen“).

DIE COACHS: Tommy-Coach Fabio Capello (64) ist zwar kein Tommy, aber der Ober-Raffke unter den Nationaltrainern (4 Millionen Euro Jahresgehalt, offizieller Wohnsitz in Steueroase!) und Kumpel von Ober-Paten Berlusconi (73). Peinliche Capello-Analyse nach peinlicher Tommy-Vorrunde: „Wenn du unter großem Druck stehst, arbeiten die Beine manchmal nicht normal.“ Unser Trainer Joachim Löw (50) ist bisschen spröde, aber Sportsmann: „Wer uns kennt, der weiß, dass wir keine Macht- oder Geldgier haben, es geht uns um die Entwicklung der Mannschaft.“ Auch Jogi ist Pate – aber von zwei Kindern in Ghana und einem Fußballplatz in Ruanda (alles Afrika). Tolle Jogi-Analyse nach toller Vorrunde: „Gut, durch so ein Stahlbad zu gehen.“

DIE LEHRMEISTER: „Bester“ Tommy aller Zeiten, Bobby Charlton (72, Wembley-Schummeltor 1966!) ist bloß „Sir“, aber völlig senil, brabbelt nur wirres Zeug: „Fußball auf Malta ist wie in der Sahara.“ Franz Beckenbauer (64), unser bester aller Zeiten, ist Kaiser und topfit, gibt unseren Jungs tolle Tipps: „Wir haben mehr Power als die Engländer. Es wird wieder eine Schlacht.“ Und wir schlachten sie!

Polizei verhaftet Giuseppe Falsone

Falsone vor und nach seiner Nasen-OP: Die Ermittler konnte er damit nicht foppenWochenlang hatten Ermittler Giuseppe Falsone observiert, dann schlugen sie zu. Mit ihrem Coup in Marseille ging der Polizei einer der meistgesuchten Männer Italiens ins Netz - ein Freund von Superboss Bernardo Provenzano, der versucht hatte, sich per Nasen-OP einer Festnahme zu entziehen.

Marseille - Er gilt als Statthalter der Cosa Nostra in der Provinz Agrigento: Zehn Jahre lang war der heute 40-jährige Giuseppe Falsone untergetaucht, wurde 2004 in Abwesenheit wegen Mordes, Erpressung und Mafia-Zugehörigkeit zu lebenslanger Haft verurteilt. Jetzt ging der Sohn eines Mafioso den Ermittlern ins Netz.

Ein mobiles Einsatzkommando aus Palermo und Agrigent stellte den Capo in einer kleinen Straße im Hafengebiet von Marseille. Falsone war allein, wollte gerade in seine Wohnung gehen, die seit zwei Monaten von den Ermittlern observiert wurde, schreibt die römische Tageszeitung "La Repubblica". Er habe bestritten, ein sizilianischer Mafioso zu sein, und den Ermittlern einen französischen Pass mit italienischem Namen präsentiert, hieß es.

Fünf Mobiltelefone fand die Polizei in Falsones Wohnung, mit der Heimat kommunizierte der Capo übers Internet. "Ohne den Einsatz von Abhörtechnik wären wir Falsone nie auf die Spur gekommen", sagte der stellvertretende Staatsanwalt der Anti-Mafia-Abteilung von Palermo Fernando Asaro. Giuseppe Falsone habe sich sehr umsichtig bewegt, dabei aber seine Geschäfte keineswegs vernachlässigt.

Im April, als er vermutlich in der südfranzösischen Stadt eintraf, hatten die Ermittlungen gegen Falsone begonnen. Die Behörden wurden durch einen gefälschten Bootsführerschein auf ihn aufmerksam, dessen Besitzer der Polizei bekannt war. Offenbar wollte der Mafia-Boss sich dauerhaft in Marseille niederlassen. Nun wird er voraussichtlich an Italien ausgeliefert.

Schon der Superboss Bernardo Provenzano war 2003 nach Marseille gekommen, um sich einer Prostata-Operation zu unterziehen. Falsone war ein treuer Weggefährte Provenzanos, tauschte mit ihm die berühmten "Pizzini" aus, kleine Zettel mit wichtigen Informationen und kodierten Botschaften. Darin ging es den Ermittlern zufolge um millionenschwere Deals und Aufträge. Provenzano selbst war 40 Jahre auf der Flucht, bis er im April 2006 verhaftet wurde.

Erst vor zwei Jahren war Falsone nur knapp einer Festnahme entgangen. Damals vergaß er bei seiner hastigen Flucht auf seinem Bett einige Kopien von einer Internetseite, auf der die besten französischen Schönheitschirurgen ihre Dienste anboten, berichtet die römische Tageszeitung "La Repubblica".

Schon Falsones Vertrauter Giuseppe Sardino hatte die Ermittler auf die Spur geführt: "Giuseppe Falsone hat eine fixe Idee, er will unbedingt sein Aussehen verändern", sagte er der Polizei, nachdem er sich zur Kooperation entschlossen hatte. Und genau das ist auch geschehen. Falsone ließ sich die Nase operieren - aus dem einst eher groben Bauernantlitz wurde das eines gutaussehenden Mannes. Erkannt wurde er trotzdem.