Freitag, 25. Mai 2007

Rufus Wainwright: "Sex ist mächtiger als Intellekt"

Der kanadische Singer-Songwriter im Gespräch über Musik, Drogen und Todessehnsucht:

"Wagner war so selbstsicher. Ich habe genug von Schwäche. Sie langweilt mich", sagt Rufus Wainwright, in einen Sommeranzug von Etro gekleidet und mit vier Windhunden an der Leine, während der Aufnahmen für VANITY FAIR auf Schloss Steinhöfel in Brandenburg. Seit fast einer Dekade steht er auf großen und kleinen Bühnen und hat sich, obwohl seine Musik und seine Person schwer einzuordnen sind, klug seinen Platz erobert. "Rufus ist der beste Songwriter unserer Zeit", sagt Elton John.

Aufgewachsen ist der 33-jährige Kanadier in einer Musikerfamilie: Vater Loudon Wainwright III und Mutter Kate McGarrigle sind bekannte Folkmusiker. Inzwischen lebt er in New York, er ist jedoch auch regelmäßig in Berlin anzutreffen: Vergangenen Sommer nahm er in Köpenick unter der Aufsicht von Pet Shop Boy Neil Tennant das Album "Release The Stars" auf. Auch seinen Freund lernte er in Berlin kennen. Mindestens ebenso eindrucksvoll wie seine Musik ist Wainrights stets tadellose Erscheinung: Marc Jacobs und Viktor & Rolf haben ihm schon Kreationen gewidmet. Nach dem Shoot sitzt er in engen Jeans, schwarzem T-Shirt und Weste auf der Schlossterrasse und trinkt Mineralwasser.

  • Mit welcher Melodie sind Sie heute erwacht?
Die Rolling Stones sangen "Sympathy For The Devil". Ich träumte, Keith Richards sei gestorben. Darüber lag Schostakowitschsv 5. Sinfonie, der Triumphmarsch, der eigentlich ein Todesmarsch ist. Das erinnerte mich an die Kriegssituation, in der ich mich mit meiner Karriere befinde.
  • Sie fühlen sich bedroht?
Ich übertreibe. Aber ich habe gelernt, der Musikindustrie zu misstrauen.
  • Wann haben Sie zuletzt geweint?
Während einer Opernvorstellung, "Die Meistersinger von Nürnberg". Mich rührt und fasziniert, dass Wagner dem Tod Leben einhauchen konnte. Eigentlich weine ich jedes Mal in der Oper.
  • Könnten Sie jetzt auf der Stelle weinen?
Warten Sie, ich versuche es für Sie. (schließt die Augen) Nein, es geht nicht.
  • Gay, Homo, Fag, Queen, Queer – welches Wort mögen Sie am liebsten?
Da bin ich altmodisch: Ich mag Gay, weil es fröhlich bedeutet.
  • Wer war der erste schwule Mann, den Sie kannten?
Der Gitarrist meiner Mutter. Er starb vor Kurzem, hat sich leider totgetrunken. Ich war fünf, als ich verstand, wer er ist. Meine Mutter mochte ihn sehr, zugleich war sie abgestoßen von ihm, weil er sehr feminin und depressiv war, ein Verlierer. Als ich mich outete, fürchtete meine Mutter, ich würde enden wie ihr Gitarrist
  • Haben Sie jemals auf einer Beerdigung gesungen?
Ja, auf der von Lance Loud. Er war der erste Amerikaner, der sein Coming-out im TV hatte. Das Leben der Louds wurde in den 70ern als Realityshow gefilmt. Lance führte mich in die Welt der "beautiful losers" von Los Angeles ein.
  • Welches Lied wählten Sie?
„Somewhere Over The Rainbow“.
  • Ihr neues Album "Release The Stars" haben Sie in Berlin aufgenommen: Sie sind durch Deutschland gereist. Was sahen Sie?
Zuerst kaufte ich Lederhosen, fuhr in die Alpen und schrieb Gedichte mit einer Pfauenfeder. In Weimar empfand ich die Romantik am stärksten, Neuschwanstein und Bayreuth haben mich tief berührt. Dabei weiß ich, dass hier auch das Böse zu Hause war. Leider hat der Nationalsozialismus in den Hintergrund gedrängt, dass Deutschland im 19. Jahrhundert das kulturelle Zentrum der Welt war.
  • Ihr Freund ist aus Berlin. Wie haben Sie einander kennengelernt?
Ich hatte nie einen festen Freund, nur Affären und kurze Beziehungsversuche. Mein Freund Jörn Weisbrodt arbeitete für die Berliner Staatsoper. Er kam zu meinem Konzert in der Passionskirche. Wir sind seit zwei Jahren zusammen. Inzwischen wohnen wir am Gramercy Park in New York.
  • Sehr gut gefällt mir der Song "Between My Legs". Ein Liebeslied für Ihren Freund?
Oh, vielen Dank. Zu diesem Lied inspirierte mich Tommy Hotpants, ein Barkeeper und Gelegenheitsstricher.
  • Würden Sie manchmal lieber dessen Leben führen als das des Popstars?
Popmusiker sind heute sehr konservativ. Sie sind Wertpapierhändler ihrer Seelen, die sie in Geld eintauschen. Mein Ziel ist, Komponist zu werden.
  • Was raten Sie einem jungen Künstler, der sich überlegt, wie offen er mit seiner Homosexualität umgehen soll?
Wäre ich mit dieser Frage strategischer umgegangen, hätte ich mehr CDs verkauft. Aber ich bin zu sehr in meiner Musik versunken, um komplizierte Geschichten zu erfinden. Die Homophoben, die mit unausgesprochenem Schwulsein so viel weniger Probleme haben, sollen wissen: Ich schlafe mit Männern, und ich habe sehr guten Sex.
  • Als Sie klein waren, veröffentlichte Ihr Vater das Lied "Rufus Is A Tit Man". Wann haben Sie verstanden, was es bedeutet?
Sofort. Meine Mutter erzählte es mir, wie allen, nach ein paar Drinks: Mein Vater saugt an ihrer Brust, ich an der anderen. Feministinnen hatten mit diesem Lied ein Problem, ich finde es eine wunderschöne Vorstellung.
  • Wollen Sie Kinder?
Mein Freund möchte sehr gerne. Ich eigentlich nicht.
  • Können Sie sich vorstellen zu heiraten?
Ich weiß nicht. Einerseits ist es wunderbar, dass Männer jetzt Männer heiraten können, andererseits fällt es mir leichter, monogam zu leben, je weniger Regeln es gibt. Für mich ist jeder Tag eine Ehe und jeder Tag eine Scheidung.
  • Sie sind kein Typ für feste Bindungen?
Nein. Obwohl ich zurzeit monogam bin, glaube ich, dass die spontane Begegnung – zwei Männer, die Sex haben, ohne sich zu kennen – eine gewaltige Kraft freisetzt. Sex ist mächtiger als Intellekt. Aber ich habe mich entschieden, mich auf diesen Mann, den ich liebe, einzulassen.
  • Was war Ihr bislang mutigster Aufzug?
Auf der Bühne trug ich Engelsflügel und einen String von der Reeperbahn. Während ich mein Lied "Gay Messiah" sang, ließ ich mich kreuzigen in einer hellblauen Tunika.
  • Wie lang überlegen Sie am Morgen, was Sie anziehen?
Nicht lange. Morgens bin ich gern nackt, liege auf dem Bett und betrachte meinen Po und meine hübsche Brust.
  • Marc Jacobs hat Ihren nackten Körper auf ein T-Shirt gedruckt. Sehen Sie das oft bei Konzerten?
Ja. Das ist sehr erfreulich.
  • Mit 23 zogen Sie nach Los Angeles. Wie haben Sie sich zurechtgefunden?
Kenneth Anger, der das großartige Klatschbuch "Hollywood Babylon" geschrieben hat, kam in einem gelben Anzug vorbei, wir gingen Spaghetti essen. Eine bessere Einführung als von diesem Prinzen der Dunkelheit kann man nicht bekommen. Einmal trafen wir Marianne Faithfull, und weil ich gelesen hatte, dass sie nicht mehr trinken würde, erzählte ich ihr stolz, dass auch ich jetzt abstinent sei. Da erst bemerkte ich das Glas Martini in ihrer Hand.
  • Abstinent blieben Sie nicht lange. Wie kam die Droge Crystal Meth in Ihr Leben?
Lance Loud nahm mich mit zu seinem Dealer, einem Cousin von Harrison Ford. Er sah aus wie Indiana Jones, nur in einer sehr schwulen Variation, mit seinen ganzen Pudeln.
  • Welches Gefühl assoziieren Sie mit Crystal Meth?
Ein schönes. Ich hing ständig in Whirlpools rum und hatte unglaublich viel Sex. Mein Hauptproblem mit dieser Droge ist: Sobald ich sie nehme, blendet sich mein Wissen über Safer Sex aus. Ich habe mit vielen Männern geschlafen, die HIV-positiv waren, ohne Kondome. Es ist mir ein totales Rätsel, dass ich mich nicht infiziert habe.
  • Wie nah waren Sie dem Tod?
Ich habe ihn gesehen, bei dieser schlimmen Orgie: zwei Prostituierte und ich. Dazu hörten wir meine Musik. Wenn ich high bin, höre ich mich gerne. Auf einmal sah ich die Dunkelheit des Todes in der Ecke stehen, physisch anwesend im Raum. Ich war weder ängstlich noch schockiert. Ich glaube, ich wollte Sex mit dem Tod haben. Ein großartiger Orgasmus ist ein kleiner Tod. Wie absolut großartig muss dann der große Tod sein. So habe ich damals gedacht.
  • Was hält Sie davon ab, rückfällig zu werden?
Ich weiß sicher, auch wenn ich mich nur am Wochenende wegschießen würde, dass ich mich mit HIV infizieren würde.
  • Wie alt werden Sie?
Nachdem ich die 27 überlebt habe, werde ich wahrscheinlich sehr alt. Wie ein versteinerter Baum in der Wüste, 200 Jahre. Leider habe ich in Los Angeles auch eine Neigung zum betrunkenen Autofahren entwickelt. Zugetankt über den Mulholland Drive, wie in einem verfickten David-Lynch-Film, dazu meine Musik hören. Dann über den Abgrund hinausfahren, das wäre ein wahnsinniger Orgasmus.

Henning Kober / VANITY FAIR

Gesetze aus dem Staat New York

1. Frauen dürfen sich oben-ohne in der Öffentlichkeit bewegen, es sei denn, sie machen dies zu gewerblichen Zwecken.
Sehr wichtig! Schließlich weiß jeder, wie gern deutsche Frauen barbusig über die Straße laufen. Grundsätzlich liegt es natürlich an Ihrer Anatomie, ob die Leute Ihnen Geld geben wollen, oder ob sie von Ihnen Schmerzensgeld verlangen werden. Sollte man Sie mit Geld bewerfen, was sicherlich nach gewerblicher Nutzung ihrer Oberweite aussieht, haben Sie keine Angst! Tun Sie einfach so, als sammelten Sie Geld für irgendein afrikanisches Land. Damit sind Sie nicht mehr gewerbetreibend, sondern Sie prostituieren sich für karitative Zwecke. So wie es Angelina Jolie zum Beispiel auch tut.

2. Es ist gegen das Gesetz, jemandem aus Spaß einen Ball an den Kopf zu werfen.
Genau. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Steine werfen wesentlich mehr Spaß macht. Außerdem ist es völlig legal.

3. Beim Aufzugfahren darf keine Unterhaltung entstehen, sondern jeder sollte, mit vor dem Körper gefalteten Händen, geradeaus auf die Tür schauen.
Man kann sich darüber streiten, ob dies ein New York spezifisches Gesetz oder vielmehr ein Naturgesetz ist. Fakt ist allerdings folgendes: Mit der heutigen Bedrohung durch biochemische Kampfstoffe, ist neben der Unterhaltung in Aufzügen auch das Ablassen körpereigener Gase strikt untersagt. Überlegen Sie sich also genau, ob Chili der richtige Snack ist, bevor Sie sich zur Aussichtsplattform vom Empire State Building aufmachen.

4. Von einem Gebäude springen wird mit dem Tod bestraft.
Kapitän Offensichtlich schlägt wiedereinmal zu. Dieses Gesetz wurde vor der Erfindung des Basejumpings erlassen, daher ist unklar, ob die Ausübung dieses Extremsports auch mit dem Tod bestraft wird. Vielleicht probieren Sie es einfach einmal aus und schildern dann Ihre Erfahrungen (am besten in Form eines Nachrufs, oder so).

5. Das Grüßen von Bürgern des Staates durch das Ansetzen des Daumens an der eigenen Nase, gefolgt vom Wackeln mit den Fingern der selben Hand, ist verboten.
Heben Sie lieber eine Hand ihrer Wahl und strecken den Mittelfinger zum Gruß aus. Wahlweise können Sie auch die Worte „Fuck you!“ oder „Piss off!“ dieser reizenden Geste folgen lassen. Die Reaktionen darauf sind unterschiedlich, aber seien Sie sicher, dass Ihnen niemand einen Ball zum Spaß an den Kopf werfen wird. Das ist ja schließlich verboten.

6. Flirten wird mit einer Strafe von $25 belegt.
Sparen Sie sich also das lästige Vorspiel und fragen Sie nur, wessen Wohnung für den Geschlechtsakt benutzt werden soll.

7. Sonntags ist das spazieren gehen mit einem Eishörnchen in der Tasche verboten.
Tragen Sie lieber ein Eichhörnchen in der Tasche. Das hinterlässt in der Regel auch keine Krümel.

8. Rohe Hamburger dürfen nicht verkauft werden.
Tja, scheint so, als ob McDonald’s und Burger King als kulinarische Highlights Ihres Urlaubs irgendwie ausfallen, hm? Macht aber gar nichts, denn Sie können immer noch an jeder Ecke einen rohen Hotdog käuflich erwerben.

9. Während eines Konzerts ist es illegal Erdnüsse zu essen und auf dem Bürgersteig rückwärts zu laufen.
Sehr viel gibt es hierzu nicht zu sagen. Lassen Sie es einfach sein.

10. Es ist für einen Vater verboten, seinen Sohn „faggot“ (Schwuchtel) oder „queer“ (Tunte) zu nennen, wenn er dadurch auf das mädchenhafte Verhalten seines Kindes aufmerksam machen will.
In der Praxis haben sich Schläge und Tritte in New York als praktikabler erwiesen, zumal sie auch medienwirksamer sind. Sollten Sie einen jährlichen Aufenthalt in New York planen, seien Sie gewarnt, wenn Sie sich strikt an Gesetz Nummer sechs halten (Flirtverbot). Sie sollten am besten niemanden „faggot“ oder „queer“ nennen, da Sie nie sicher sein können, dass der betreffende Junge nicht vielleicht doch Ihr Sohn ist.

Mann stichtaatsanwalt nieder

Vermutlich aus Rache über eine zurückliegende Verurteilung hat ein 75-jähriger Mann in Schweinfurt einen Staatsanwalt mit mehreren Messerstichen schwer verletzt.

Ein Schweinfurter Staatsanwalt ist am Donnerstag in seinem Büro durch mehrere Messerstiche schwer verletzt worden. Ein 75 Jahre alter Mann aus dem Landkreis Bad Kissingen wurde noch am Tatort festgenommen, wie Polizei und Staatsanwaltschaft mitteilten. Gegen den Mann wird nun wegen eines versuchten Tötungsdeliktes ermittelt. Der 48-jährige Staatsanwalt wird in einer Klinik behandelt. Lebensgefahr besteht nicht.
Hintergrund der Tat ist den Angaben zufolge offenbar ein Strafverfahren aus dem Jahr 2006, bei dem der Rentner wegen eines Verstoßes gegen das Waffengesetz zu einer geringfügigen Geldstrafe verurteilt worden war.
Dieses Verfahren sei von dem 48 Jahre alten Staatsanwalt betrieben worden, hieß es.
„Was ihn dazu bewegt hat, den Staatsanwalt, der ihn zwar angeklagt, aber nicht verurteilt hat, niederzustechen, weiß ich nicht. Das lässt viele Fragen offen“, sagte Leitender Oberstaatsanwalt Rainer Vogt auf die Frage, ob es sich um einen Racheakt handelt. Derzeit werde geprüft, ob der 75-Jährige nach der Behandlung seiner Verletzungen im Krankenhaus in eine psychiatrische Klinik kommt oder dem Ermittlungsrichter vorgeführt wird. „Die Tat und der mögliche Hintergrund sind psychologisch nicht nachvollziehbar“, sagte Vogt.
Die Verurteilung zu einer Geldstrafe sei nicht so schwerwiegend gewesen.
Der mutmaßliche Täter wurde wegen einer Platzwunde am Kopf nach der Tat ebenfalls in einer Klinik behandelt. Er soll am Freitag einem Haftrichter vorgeführt werden.

Donnerstag, 24. Mai 2007

Afrikanische Geschäfte

Ein Kommentar von Manfred Schäfers

Kaum entschuldet, beschäftigen Afrikas Kredite schon wieder die Weltgemeinschaft. Das hat zwei Gründe: Erstens vergeben nunmehr Schwellenländer wie China in wachsendem Maße Darlehen an afrikanische Staaten. Sie stoßen in die Lücke, die die traditionellen Geberländer mit ihrer zurückhaltenden Kreditpolitik eröffnet haben. Rohstoffe gegen frische Darlehen lautet das blühende Geschäft auf dem schwarzen Kontinent. Zweitens sorgen Fälle für Schlagzeilen, in denen Spekulanten Schuldtitel mit hohen Abschlägen gekauft haben, um später die Forderung mit Zins und Zinseszins einzuklagen. Die jüngst kritisierten "Geierfonds" profitieren von der gestiegenen Zahlungsfähigkeit der Schuldnerländer durch den Schuldenerlass, der doch eigentlich den Armen in Afrika zugutekommen sollte.

Seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts sollten immer neue Initiativen den hochverschuldeten Ländern Luft verschaffen. Erst verschob der Kreis der Geberstaaten, der Pariser Club, nur Tilgungstermine, doch später wurden auch Verbindlichkeiten erlassen. 1999 vereinbarte die Gruppe aus acht wichtigen Industrieländern (G 8) in Köln, den ärmsten Ländern ihre Schulden bis zu 90 Prozent zu erlassen. Dies wurde an Maßnahmen zur Armutsbekämpfung und politische Reformen - gute Regierungsführung, Demokratie, Menschenrechte - gebunden.

Sechzehn afrikanischen Ländern wurden die Schulden vollständig erlassen

Peer Steinbrück sieht Chinas Engagement in Afrika mit Skepsis

In die Gruppe der hochverschuldeten armen Staaten (Heavily Indebted Poor Countries, HIPC) fallen derzeit achtundvierzig Staaten, die meisten davon liegen im südlichen Afrika - alles Länder mit einem Pro-Kopf-Einkommen von weniger als 900 Dollar im Jahr. Als Kriterium für den Schuldenerlass gilt eine Auslandsverschuldung von mehr als 150 Prozent der Exporterlöse oder mehr als 250 Prozent der Staatseinnahmen. Vor zwei Jahren beschloss die G 8, in besonders harten Fällen die Schulden völlig zu streichen. Zwanzig Länder wurden seither vollständig von ihren Schulden befreit, sechzehn davon in Afrika.

Doch auf dem G-8-Finanzministertreffen am vergangenen Wochenende war schon wieder davon die Rede, dass die Schuldenspirale neu starten könnte. Gastgeber Peer Steinbrück malte das Gespenst der gelben Gefahr auf dem schwarzen Kontinent an die Wand. Er wies warnend auf Chinas Engagement in Afrika hin. Tatsächlich haben die Machthaber in Peking wenig Skrupel, wenn es darum geht, ihre Rohstoffinteressen abzusichern. Sie arbeiten auch mit Potentaten zusammen, die der Westen meidet. Und sie haben keine Scheu, Prestigeobjekte wie Präsidentenflugzeuge, Regierungspaläste oder Sportstadien zu finanzieren. Das Vorgehen des neuen Geberlandes, das selber noch von Deutschland Entwicklungshilfe erhält, wird im Westen zunehmend kritisch beäugt.

Das Auftreten Chinas

Präsident von Botswana: Festus Mogae

In Afrika sieht man die Sache nüchterner. Der Präsident von Botswana, Festus Mogae, mahnte dieser Tage auf dem Weltbankforum in Berlin, das Engagement Chinas in Afrika mit größerer Gelassenheit zu sehen. Man müsse genau prüfen, was langfristig gut für die afrikanischen Staaten sei. Tatsächlich hat das Auftreten Chinas und anderer Schwellenländer wie Indien auf dem Kontinent aus afrikanischer Sicht nicht nur negative Seiten. Die Konkurrenz belebt vielmehr das Geschäft. Wenn mehr Unternehmen ihre Rohstofflager ausbeuten wollen, dann lässt das die Preise steigen. Und nicht nur das: Die Entwicklungsländer emanzipieren sich von den alten Kolonialmächten, wenn sie auf einmal die Möglichkeit erhalten, auch mit anderen Ländern zu verhandeln.

Die neue Freiheit erfordert verantwortungsvolleres Handeln der Regierungen in Afrika. Sie müssen selbst darauf achten, dass die Kredite produktiv genutzt werden. Nur wenn die daraus fließende Rendite für das Land größer ist als die damit verbundene Zinslast, ist ein Abrutschen in die Überschuldung nicht zu befürchten. Dann gibt es keinen Grund, warum Schuldtitel des Landes unter Wert gehandelt werden sollten. Damit gäbe es auch nichts, worauf sich die vielgeschmähten Geierfonds stürzen könnten. Diese nutzen lediglich die Regeln der Finanzmärkte und des Rechts aus. Wer mit steigenden Rohstoffpreisen vom Weltmarkt profitiert, muss damit rechnen, dass dieselben Gesetze für seine Schuldtitel gelten.

Das Beispiel Sambia

Luftballon auf einer Protestveranstaltung gegen die Politik der G-8-Staaten

Der jüngst diskutierte Fall zeigt zudem, dass die betroffenen Länder nicht immer nur das unschuldige Opfer sind. Sambia war im April von einem Londoner Gericht verurteilt worden, dem amerikanischen Fonds Donegal 17 Millionen Dollar zu zahlen. Das Land hatte 1979 von Rumänien 15 Millionen Dollar erhalten, um Traktoren kaufen zu können. Donegal hatte 1999 die Forderung für gut 3 Millionen Dollar erworben. Dem stimmte der damalige sambische Präsident zu, der dafür eine Million Dollar erhalten haben soll.

Die Regierungen in Afrika sind somit gefragt. Sie müssen sicherstellen, dass die Einnahmen aus Rohstoffverkäufen und Krediten produktiv genutzt werden und nicht in dunklen Kanälen versickern. Deswegen sind transparente und kontrollierte öffentliche Haushalte so wichtig. Die Finanzminister der G 8 wollen dabei unterstützend wirken. Sie haben auch Regeln für eine verantwortungsvolle Kreditvergabe entwickelt. Die Minister wollen darüber im November im Kreis der G 20 beraten, zu der Gruppe aus Industriestaaten und Entwicklungsländern gehört auch China. Das alles kann helfen. Doch letztlich liegt es an den Ländern Afrikas, zu beweisen, dass sie nach der Entschuldung in der Lage sind, aus Fehlern zu lernen und ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Frau und Tochter lebten 22 Jahre lang neben der Leiche des Vaters

"Ich geh' noch mal raus", hatte der Arzt 1985 zu seiner Frau gesagt. Er kam nie zurück. Jetzt wurde bei Bauarbeiten in Bergholz-Rehbrücke nahe Potsdam seine Leiche entdeckt. Sie lag in einem Taubenschlag über der Garage.

Potsdam - Das Skelett sei jetzt bei Bauarbeiten entdeckt worden, teilte die Staatsanwaltschaft heute mit. Es gebe keinen Hinweis auf Fremdverschulden, auch wenn das Ergebnis der toxikologischen Untersuchung noch ausstehe, sagte ein Sprecher der Behörde.

Bauarbeiter hatten das Skelett am Montag gefunden, als sie Platten aus Wellasbest von der Garage entfernten. Frau und Tochter des Arztes waren geschockt. Sie wohnten seit 22 Jahren ahnungslos direkt neben der Leiche.

Nach den Aussagen der Frau hatte sich ihr Mann 1985 kurz nach seinem 50. Geburtstag mit den Worten verabschiedet: "Ich geh' noch mal raus." Sie erinnere sich an den Tag so, als wäre es gestern gewesen, sagte die Frau der Polizei. Eine Durchsuchung von Haus, Grundstück und Garage war nach dem Verschwinden des Mannes ergebnislos geblieben.

Möglicherweise hatte der passionierte Jäger das Grundstück gar nicht verlassen, sondern war gleich in den Verschlag über der Garage gestiegen. Bei der Leiche wurden Abschiedsbriefe gefunden, sagte Lehmann. Außerdem hatte er eine Decke, ein Kissen und eine Flasche Schnaps bei sich.

Mittwoch, 23. Mai 2007

Frankfurt - Bermudas - Moskau

Diese Melange könnte einem Hollywood-Streifen entstammen: Ein Korruptions- und Geldwäscheskandal rund um ein russisches Telekommunikationskonglomerat, mittendrin ein ranghoher politischer Würdenträger, ehemalige Mitarbeiter einer deutschen Bank, ein dänischer Rechtsanwalt sowie Hunderte Tarnfirmen in Offshorezentren wie Zypern und den Bermudas. Diese Bausteine eines Wirtschaftskrimis sind freilich nicht erfunden, sondern ergeben die äußerst reale Geschichte über Veruntreuung staatlichen Eigentums, den undurchsichtigen Kampfs eines russischen Oligarchen gegen die Putin-Regierung und die korrupten Geschäftsmethoden im „wilden Osten“.

Es ist aber auch die Geschichte einer offenbar überforderten Frankfurter Justiz, die den Kampf gegen das operative Zentrum eines internationalen Geldwäscheapparats mit nur einem Staatsanwalt bestreitet – und das, obwohl sich die Hinweise auf eine direkte Verbindung zum Korruptionsskandal bei Siemens verdichten.

Die Ermittlungen gegen Andreas de Maizière wurden eingestellt

Seit fast drei Jahren ermittelt die Staatsanwaltschaft beim Oberlandesgericht Frankfurt wegen Geldwäsche gegen elf Beschuldigte, darunter einige ehemalige Mitarbeiter der Commerzbank. Im Kern geht es um den Vorwurf, die Beschuldigten hätten von Deutschland aus über Fonds- und Holdinggesellschaften der Offshorezentren Zypern und Bermudas einen Geldfluss organisiert, der verschleiern sollte, dass die Gelder durch Untreue zu Lasten des russischen Staates und durch Korruption erwirtschaftet wurden.

Wer ist „Zeuge Nummer 7“?

Im Zentrum der Verdächtigungen steht ein dänischer Anwalt, der angibt, seit den neunziger Jahren ein Imperium russischer Firmen aufgebaut zu haben. Die wichtigste Holding dieser Unternehmensgruppe ist der auf den Bermudas beheimatete IPOC International Growth Fund, der laut eigener Darstellung vor allem in Hochtechnologieunternehmen investiert. Ein Schiedsgericht – also ein privates Gericht, das ohne Einfluss des Staates entscheidet – in Zürich kam allerdings im vergangenen Jahr zu dem Ergebnis, dass der dänische Anwalt den tatsächlichen Besitzer dieser Holding verschleiert habe: Der wirtschaftliche Besitzer der IPOC sei – zumindest in den Jahren 2001 und 2002 – der „Zeuge Nummer 7“ gewesen.

Auch gegen Klaus-Peter Müller wird nicht mehr ermittelt

Wer ist dieser ominöse Zeuge Nummer 7? Im Schiedsgerichtsurteil vom 16. Mai 2006 heißt es, er sei „ein bedeutender hochrangiger Amtsträger mit Verantwortung für die (Telekommunikations-)Branche“. Das deutet auf den russischen Telekommunikationsminister Leonid Reiman hin. Reiman leugnet seine Verwicklung: Er sei nie ein direkter oder indirekter Eigner von Anteilen an den IPOC- Fonds gewesen.

Der 49 Jahre alte Minister gilt als Vertrauter des russischen Präsidenten Wladimir Putin aus Sankt Petersburger Tagen und ist ein auf der internationalen politischen Bühne gerngesehener Gast. Erst vor zwei Monaten präsentierte sich Reiman gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf der Computermesse Cebit in Hannover, deren Partnerland Russland 2007 war. Dort fand die Kanzlerin warme Worte für das Engagement Russlands, Informationstechnologie und Telekommunikation intensiv zu fördern und die russisch-deutsche Partnerschaft auf weitere wichtige Wirtschaftsfelder zu erweitern.

Persönlich bereichert und Geld veruntreut

Das Schiedsgericht in der Schweiz rückt den russischen Amtsträger in ein gänzlich anderes Bild: Der Zeuge Nummer 7 habe sich bei der Privatisierung eines Telekommunikationsunternehmens auf Kosten des russischen Staates persönlich bereichert und damit nach russischem Recht die Straftat der Veruntreuung begangenen, heißt es im zweiten Teilschiedsspruch, der der F.A.Z. vorliegt. Das Schiedsgericht stützt sich auf Zeugenaussagen, nach denen unter anderem eine Tochtergesellschaft aus den Händen der staatlichen Telekom-Holding Svyazinvest nach und nach ohne entsprechende Gegenleistung in eine private Gesellschaft übertragen wurde. Aufsichtsratsvorsitzender der Svyazinvest ist der russische Telekommunikationsminister Reiman.

Schon zwei Jahre zuvor kam eine Untersuchung von Forensikern der Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers zu dem Ergebnis, dass einige der Gesellschaften des weitverzweigten IPOC-Geflechts Tarnfirmen ohne operatives Geschäft oder eigene Mitarbeiter sind. In dem Report aus dem Jahr 2004 wird zudem der – durch das spätere Schiedsgerichtsurteil erhärtete – Verdacht geäußert, das die Aktivitäten der IPOC dem „üblichen Schema von Geldwäsche“ ähnelten.

Gesteuert wurde diese Geldwäsche offenbar aus Frankfurt heraus. Hier ermittelt der zuständige Staatsanwalt. Ein von ehemaligen sowie mittlerweile freigestellten Commerzbank-Mitarbeitern gegründetes Unternehmen soll die Geldwäsche unter anderem mit Hilfe der IPOC organisiert haben, lautet der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. Ausgelöst wurden die Ermittlungen auch durch eine Strafanzeige der russischen Konglomerats Alfa Group. Deren Besitzer, der ebenfalls nicht gänzlich unumstrittene russische Oligarch Michael Friedman, streitet sich seit mehreren Jahren mit der IPOC über Anteile an einem weiteren russischen Telekommunikationsunternehmen namens Megafon. Der Rechtsstreit hat zeitweise Gerichte und Schiedsstellen in einem halben Dutzend Ländern beschäftigt.

„Ein typisches Flaschenhalsproblem“

Durch diese juristischen Scharmützel in unterschiedlichen Rechtsräumen wird die Luft für die IPOC-Gruppe allmählich dünner: Neben dem rechtskräftigen Züricher Urteil gibt es ein weiteres Schiedsgerichtsurteil aus Stockholm, das ebenfalls nicht zu Gunsten der IPOC ausfiel. Und selbst die Bermudas wollen nicht länger als Heimat für eine möglicherweise in Geldwäsche verwickelte Unternehmensgruppe herhalten: Im Februar beantragte die dortige Regierung die Abwicklung der IPOC International Growth Fund und acht mit ihr zusammenhängender Gesellschaften.

In Deutschland dagegen gehen die Ermittlungen eher schleppend voran. 15 bis 20 Ermittler des Bundeskriminalamtes haben sich jahrelang mit dem Fall beschäftigt, in sechs Ländern Durchsuchungen initiiert und eine immense Menge an Datenmaterial beschlagnahmt, die aneinandergelegt rund 200 Kilometer Papier entspricht. Mit diesen Aktenbergen beschäftigt sich nun ein einziger Staatsanwalt. Dieser wurde überdies mittlerweile von seinem bisherigen Posten als Dezernent der Abteilung Banken und Steuern der Frankfurter Staatsanwaltschaft zur Generalstaatsanwaltschaft befördert, hat den IPOC-Fall aber mitgenommen.

„Das ist nun ein typisches Flaschenhalsproblem. Der sitzt jetzt auf den Unterlagen und kann sie nicht bearbeiten, weil er dafür nicht freigestellt wird“, heißt es in Justizkreisen. Andere würden als Hobby angeln, der als äußerst profilierter Wirtschaftsrechtsexperte geltende Staatsanwalt habe diesen Fall, wird sarkastisch angemerkt.

Die „Eingreifreserve“ kommt nicht zum Zuge

Zur gleichen Zeit sind bei der Münchener Staatsanwaltschaft fünf Staatsanwälte damit beschäftigt, mit Hochdruck den Korruptionsskandal bei Siemens aufzuklären Im Gegensatz zu Frankfurt hat München – wie viele andere Großstädte – für derart heikle und schwergewichtige Fälle eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft. Dafür hat Hessen aber nach den Worten eines Sprechers des Justizministeriums eine „Eingreifreserve“ bei der Generalstaatsanwaltschaft, die aus acht Staatsanwälten bestehe und flexibel einsetzbar sei. Warum diese Reserve für den Geldwäsche-Fall nicht herangezogen werde, wollte er nicht kommentieren. „Hätte der Staatsanwalt einen zweiten Mann an seiner Seite, würde es viel schneller gehen“, heißt es in Justizkreisen.

Und so konzentrierte sich der Staatsanwalt zunächst auf die prominenteren Verdächtigen. Schon vor einem Jahr wurden entsprechende Ermittlungen gegen Commerzbank-Vorstandssprecher Klaus-Peter Müller eingestellt. Vor einigen Wochen hat der Staatsanwalt die Beweiserhebung in einem weiteren Fall beendet: Das Verfahren gegen das ehemalige Commerzbank-Vorstandsmitglied Andreas de Maizière wurde nach Informationen der F.A.Z. in der vergangenen Woche ebenfalls eingestellt. De Maizière war vor zwei Jahren zurückgetreten, nachdem die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) ihm vorgeworfen hatte, er habe es versäumt, die bankinterne Überwachungsstelle einzuschalten.

Das Ermittlungsverfahren gegen den dänischen Anwalt und eine Reihe ehemaliger Commerzbank-Mitarbeiter, die zum Teil nach ihrem Ausscheiden eine eigene, mit IPOC verbundene Gesellschaft gegründet haben, kommt dagegen nicht von der Stelle. Angeblich sollen die Verteidiger erst anfangs der zweiten Jahreshälfte Akteneinsicht erhalten. Eine Anklageerhebung in diesem Jahr ist damit nahezu ausgeschlossen. Der Verteidiger des dänischen Anwalts wollte die Vorwürfe gegen seinen Mandaten nicht kommentieren.

Verbindung zum Siemens-Skandal über Zypern?

Wie zu hören ist, hat der Staatsanwalt noch nicht einmal die Zeit gefunden, seine Kollegen in München zu besuchen. Das dürfte aber dringend notwendig sein, denn es verdichten sich die Hinweise einer Verbindung beider Fälle: Eine ebenfalls der IPOC zugerechnete russische Leasing-Gesellschaft wird von den Behörden verdächtigt, von internationalen Konzernen Bestechungsgelder kassiert zu haben. Das Leasingunternehmen sei der „bevorzugte Zulieferer“ der staatlichen Telekomholding Svyazinvest. Wer als Telekomausrüster an Svyazinvest liefern wolle, der müsse den Umweg über diese Gesellschaft nehmen, so lautet der Vorwurf.

Die Ermittler mutmaßen, das Unternehmen verlange Bestechungsgelder sowohl von den Ausrüstern als auch von Svyazinvest selbst. Vor kurzem erst feierten die Leasingfirma und Siemens, 1000 Geschäfte miteinander abgewickelt zu haben. Bislang können die Ermittler offenbar noch keinen direkten Geldfluss zwischen Siemens und IPOC beweisen. In Justizkreisen ist allerdings zu hören, das BKA suche derzeit nach einer Gesellschaft auf Zypern, die ebendiese Verbindung hergestellt habe.

Derweil fürchtet der Reiman-Gegner Friedman offenbar, dass ihm im Streit über die Megafon-Anteile die Felle davonschwimmen. Im März kommenden Jahres wird in Russland der Präsident gewählt, und die Unsicherheit über die Zeit danach ist groß. In seinem Interesse liegt somit eine schnelle Gerichtsentscheidung in Frankfurt. Er hofft darauf, dass das deutsche Gericht ein mögliches Geldwäsche-Urteil damit begründet, dass Reiman seine Besitztümer durch illegale Handlungen nach russischem Recht angehäuft hat. Das Kalkül: Würde ein deutsches Gericht dem russischen Bären mit diesen Argumenten auf der Nase herumtanzen, entstünde ein großer außenpolitischer Druck auf Putins Regierung.

„Größter Polizeieinsatz aller Zeiten“

Im Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg, wo an Sommernachmittagen fettige Schwaden aus den Grillfeuerstellen die Luft schwängern, trafen sich am vergangenen Samstag etwa zweihundert Globalisierungsgegner, um in aller Öffentlichkeit und zur Verwunderung türkischer Grillwürstchenfreunde ein Blockadetraining für den G-8-Gipfel abzuhalten.

In den Nächten davor und danach brannten in Berlin abermals Autos. Fünfundvierzig Fahrzeuge wurden in diesem Jahr bereits angezündet. Prominentestes Opfer der bundesweiten Anschlagserie war Anfang der Woche in Hamburg der Chefredakteur der „Bild“-Zeitung. Bei einem Brandanschlag auf zwei Polizeiautos am vergangenen Freitag in Berlin-Spandau filmte eine Videokamera die Täter von der „Militanten Gruppe“ (mg), die sich zu den Brandanschlägen bekannte.

Allerlei Sicherheitsmaßnahmen und Drohgebärden

Zu ihrem Bedauern versäumte die Polizei es aber, die Aufnahmen zu speichern. Auch sonst wurde zu den zahlreichen Anschlägen im Vorfeld des G-8-Treffens der Staats- und Regierungschefs der führenden westlichen Industrienationen und Russlands kaum Ermittlungserfolge erzielt. Der Verfassungsschutz versucht mit mäßigem Resultat, in der militanten linken Szene Erkenntnisse über geplante Straftaten zu sammeln. Vorletzte Woche entschloss sich die Bundesanwaltschaft daher, ihre Informationsbasis zu verbreitern, indem sie mit Hilfe von neunhundert Polizisten insgesamt vierzig Wohnungen, Häuser und Vereinsräume vor allem in Hamburg und Berlin durchsuchen ließ. Ermittelt wurde und wird gegen zwei Gruppen wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung.

Grüne, Linke und Globalisierungsgegner bezeichneten diese Durchsuchungen als überzogen und warfen den Sicherheitsbehörden vor, sie wollten den Protest gegen die Globalisierung „kriminalisieren“. Jedenfalls ergreifen Polizei und Nachrichtendienste zum Treffen der Staats- und Regierungschefs allerlei Maßnahmen, die das Land noch nicht gesehen hat. Dazu gehören auch Drohkulissen. Beinahe im Stundentakt warnen Behördenchefs und Innenminister Schäuble (CDU) vor Anschlägen und Gewalttaten und setzten zugleich eine Ausnahmeregelung nach der anderen in Kraft.

So gerät, wie schon zur Fußball-WM, der Schengen-Vertrag zum Wegfall der Einreisekontrollen vorübergehend außer Kraft, Unterbindungsgewahrsam wird angekündigt und Gefangenensammelstellen eingerichtet. Potentielle Gewalttäter erhalten vorbeugende Hausbesuche der Polizei, Meldeauflagen werden verhängt. Aus Gefängnissen in Mecklenburg-Vorpommern werden Häftlinge in andere Bundesländer verlegt, um Platz für G-8-Zuläufe zu schaffen.

Ein zwölf Kilometer langer Stahlzaun

Für großes Interesse sorgte in dieser Woche die Nachricht, dass die Polizei – nach Art des Staatssicherheitsdienstes der DDR – von Verdächtigen Geruchsproben erhoben habe, denen im Verdachtsfall Schnüffelhunde folgen könnten. Dagegen erhob sich Protest, obwohl die Bundesanwaltschaft erklärt hatte, die Proben seien bei der Mai-Razzia von „fünf oder sechs“ Beschuldigten in einem Ermittlungsverfahren genommen worden.

Symbol des aufwendigen Sicherheitskonzepts ist ein zwölf Kilometer langer Stahlzaun, der um den Tagungsort, eine Hotelanlage in Heiligendamm an der Ostsee, gezogen wurde. Dem Zaun darf man sich während des Gipfeltreffens nur bis auf zweihundert Meter nähern. Zum Schutz der Anlage und der dahinter versammelten Politiker und ihrer Berater bieten Bund und Länder insgesamt 16.000 Polizisten auf, der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft, Freiberg, sprach vom „größten Polizeieinsatz aller Zeiten“. Zudem werden mehr als eintausend Bundeswehr-Soldaten eingesetzt, die nach Angaben aus dem Verteidigungsministerium überwiegend für Versorgungs- und Sanitätsaufgaben eingesetzt werden sollen.

Seeseitig wurde in dieser Woche mit weiteren Schutzmaßnahmen begonnen, die in der Geschichte der Bundesrepublik beispiellos sind. Beim Besuch des amerikanischen Präsidenten Bush hatten bereits Fregatten und Schnellboote von Küstenwache und Marine vor der mecklenburgischen Ostseeküste patrouilliert, zum G-8-Gipfel lassen die Sicherheitsbehörden ein mehr als vier Kilometer langes Netz ausbringen, das gemeinsam mit Kampftauchern den Unterwasserbereich vor Heiligendamm vor Eindringlingen schützen soll. Dabei achten die Sicherheitsbehörden nicht bloß auf Linksextremisten oder NPD-Anhänger und deren Kundgebungen, sondern suchen auch nach Hinweisen auf möglicherweise geplante Anschläge auf das Politiker-Treffen oder andere Ziele in Deutschland, etwa von Islamisten. Mit gutem Grund, denn während des letzten G-8-Treffens in Gleneagels in Schottland waren am 7. Juli 2005 bei vier Anschlägen in Londoner U-Bahnen und Bussen 56 Menschen getötet worden, darunter vier der Terroristen.

Für fünfzig Euro ein „Gipfel-Ticket“

Der gewaltige Schutzaufwand, der an die einhundert Millionen Euro kosten wird, ist gleichwohl geeignet, die Veranstaltung zu diskreditieren, noch bevor ein Wort gesprochen wurde und kann damit bereits den Erfolgen der G8-Gegner zugerechnet werden. Doch die Bestrebungen, etwa der Vereinigung „Block G8“ gehen darüber hinaus. Weil sie voraussichtlich Anreise und Transport der Staats- und Regierungschefs nicht verhindern kann, will man sich, so ein Aufruf im Internet, „darauf konzentrieren, die Zufahrtsstraßen zum abgelegenen Tagungsort (zu) besetzen und blockieren, die der Tross von DiplomatInnen, ÜbersetzerInnen und Versorgungsfahrzeugen passieren muss, um nach Heiligendamm zu gelangen. Wir wollen den G-8-Gipfel real und effektiv unterbrechen und von seiner Infrastruktur abschneiden!“

Die Protestierer und Blockierer bereiten sich – ähnlich wie die Polizei – generalstabsmäßig auf die Ereignisse vor. Der größte Teil der etwa 100.000 Demonstranten, die zwischen 2. und 8. Juni an der Küste erwartet werden, will friedlich demonstrieren gegen die Ungerechtigkeiten in der Welt oder auch gegen die „Kriegsverbrecher der G8“ (so ein Aufruf). Deshalb haben Gewerkschaften, christliche Organisationen, Linke und Grüne Busse und Züge bestellt, für die man sich Tickets kaufen kann – ganz nach Art deutscher Revolutionen. Das Busticket etwa kostet zehn Euro bei der Linken, bei der Gewerkschaftsjugend kann man für fünfzig Euro ein „Gipfel-Ticket“ im Zeltlager Bützow buchen, bei Attac kostet die Mitreise in einem der Sonderzüge zur Rostocker Großdemonstration 55 Euro. Insgesamt werden in drei Zeltlagern Übernachtungsplätze für etwa 15.000 Demonstranten angeboten. Außerdem wurde in einer ehemaligen Schule in Rostock Evershagen ein so genanntes „ Covergence Center (CC)“ eingerichtet, sozusagen das Hauptquartier des Protests.

Geruchsproben in Gläsern

Ähnlich wie Fingerabdrücke oder eine DNA-Spur an einer Zigarette gehören auch Geruchsspuren zum Repertoire der Strafverfolgung. Verfolgt werden solche Spuren von besonders ausgebildeten Hunden. Zum Abgleich einer vorgefundenen Geruchsspur - etwa an einem Kleidungsstück, das an einem Tatort aufgefunden wurde - können Verdächtige veranlasst werden, eine Geruchsprobe abzugeben. Das geschieht etwa, indem von dem Probengeber einige Zeit ein Metallröhrchen umfasst und dann in einem Glas luftdicht verschlossen wird. Die Polizei braucht zur Erhebung einer Geruchsprobe, anders als bei einem DNA-Vergleich, keine richterliche Anordnung. Der Verfassungsschutz hat sich nach Auskunft des Innenministeriums seit einigen Jahren dieser Methode der Spurenerhebung. Die Bundesanwaltschaft sieht in einem positiven Geruchsvergleich lediglich ein Indiz, der Beweiswert wird als geringer eingeschätzt als beispielsweise ein Fingerabdruck oder eine DNA-Spur.

Die DDR-Staatssicherheit (Stasi) hatte zur Erfassung und späteren Jagd auf Regimegegner von diesen unbemerkt Geruchsproben erhoben, etwa indem Tücher auf Sitzkissen gelegt wurden, auf denen Dissidenten bei Verhören saßen. Die Tücher wurden dann in Einmachgläsern luftdicht verpackt und gelagert. Spürhunde der Stasi hätten dann später einen Dissidenten anhand der Geruchsprobe suchen und finden sollen. Beispiele für eine erfolgreiche Verwendung dieser Methode sind nicht bekannt. Sie gilt als ein Symbol für den menschenverachtenden, zynischen Charakter des SED-Regimes.


Politische Verwicklungen bleiben ungeklärt

Sanja Blagojevic | © Deutsche Welle.

Im Jahrhundertprozess um den Mord an dem serbischen Ministerpräsidenten Zoran Djindjic wurden zwar Urteile gesprochen. Doch die Hintergründe blieben im Dunkeln:

Genau drei Jahre und fünf Monate hat es gedauert, bis Milorad Ulemek, Spitzname Legija, und sein Kamerad Zvezdan Jovanovic offiziell als Mörder des serbischen Ministerpräsidenten Djindjic bezeichnet werden können.

Es war ein schwieriger Prozess mit mehr als 150 Verhandlungstagen. Mehr als 100 Zeugen wurden angehört, zwei wichtige Zeugen wurden ermordet, die Schwester von Zoran Djindjic wurde angegriffen, der Hauptrichter trat zurück. Und das ist nur ein Teil der Hindernisse, die den Prozess begleitet haben. Ein Prozess, der mit Recht als der Komplizierteste in der serbischen Justizgeschichte bezeichnet wird. Am Ende gab es Höchststrafen für die beiden Hauptangeklagten - 40 Jahre.

Nicht sehr überzeugend

Doch es bleiben Fragen, vor allem nach möglichen Hintermännern. Denn der Verdacht besteht weiterhin, dass Ulemek und Jovanovic nur ausführten, was andere, mächtigere Leute planten. Auf diese Fragen gab der Mammutprozess aber keine Antworten. Vielleicht wollte er sie auch nicht geben. Es scheint, dass nur die Anklage an die Geschichte glaubt, Zvezdan Jovanovic, ein ehemahliger Polizist, habe aus Angst vor dem Haager Tribunal auf Premier Djindjic geschossen. Zumindest stand es so in seinem Plädoyer. Nicht sehr überzeugend.

Sogar die Vertreter der Familie Djindjic, die mit der Anklage auf einer Seite stehen, haben nicht an diese Version geglaubt. Es muss einen politischen Hintergrund geben, da sind sich viele Beobachter sicher. Denn auch wenn Legija und Jovanovic zu einer Sondereinheit gehörten, so konnten sie nicht so einfach ein Attentat auf den Ministerpräsidenten organisieren. Es muss Helfer gegeben haben. Und das hat der Prozess auch gezeigt.

Codename "Säbel"

Am 12. März wurde Ministerpräsident Djindjic ermordet. Danach wurde der Ausnahmezustand in Serbien aufgerufen, eine umfassende Polizeiaktion unter dem Codenamen "Säbel" begann. Schnell wurde bekannt, wer die Täter waren, nämlich Mitglieder einer Polizei-Sondereinheit, bekannt als Rote Barette, sowie Mitglieder des Zemun-Klans, einer Mafia-Gruppe. Zvezdan Jovanovic von den Roten Baretten wurde verhaftet. Er packte aus und erklärte, er persönlich habe den Ministerpräsidenten Djindjic getötet. Er legte ein umfangreiches Geständnis ab. Milorad Ulemek - Legija - verschwand spurlos.

Das Prozess begann am 22. Dezember 2003. Nach der Verlesung des Geständnisses von Zvezdan Jovanovic blieb nur wenig Raum für Zweifel, ob tatsächlich Zvezdan Jovanovic Djindjic´s Mörder war. Es gab keine neuen Skandale, keine neuen Spekulationen. Alles schien seinen Gang zu gehen. Dann kam der Machtwechsel in Serbien. Mit Kostunica als neuem Premierminister entstand ein anderes politisches Klima. Plötzlich wurden die Täter als Helden gesehen.

Welche Rolle spielt der Innenminister?

Ein guter Moment für den Hauptverdächtigen Milorad Ulemek, aus seiner Wohnung herauszukommen, in der er sich 14 Monate lang versteckt hatte - unter Beobachtung ehemaliger Polizeikollegen. Doch statt in eine Zelle wurde Legija ins Innenministerium, zum persönlichen Gespräch mit dem Innenminister Jocic gebracht. Worüber sie damals sprachen, weiß nur ein kleiner Kreis von Leuten. Immerhin endete Legija am Ende da, wo er von Anfang an hingehörte, im Gefängnis, wo er jetzt auch lange bleiben wird.

Dennoch: Viele fragten sich, was das politische Theater mit Legija und dem Innenminister zu bedeuten hat. Was hat der Innenminister Dragan Jocic Legija versprochen? Es ist schwer zu glauben, dass ein Krimineller von Legijas Kaliber sich so einfach der Polizei gestellt hat. Zum Glück waren seine Hoffnungen auf einer Lüge aufgebaut. Denn lügen können serbische Politiker sehr gut. Vielleicht ist in diesem Fall Legija darauf reingefallen.

Und gerade diese Politiker, denen Legija blind geglaubt hat, wollen die Anwälte der Familie Djindjic im Gericht stehen sehen. Die Zeugenaussagen von Ministerpräsident Kostunica und seinem Lieblings-Innenminister Dragan Jocic könnten vielleicht bei der Aufklärung des Mordmotivs und der Suche nach den eigentlichen Anstiftern helfen. So bleiben viele Fragen noch offen. Zu viele, um so einen wichtigen Prozess ad acta zu legen.

Dienstag, 22. Mai 2007

BGH hebt Freispruch für Dorfbäcker auf

Von Julia Jüttner

Der Prozess um den brutalen Bankraub im baden-württembergischen Siegelsbach wird neu aufgerollt. Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe hob den umstrittenen Freispruch gegen den einzigen Verdächtigen, den Dorfbäcker, auf.

Karlsruhe - Dorfbäcker Alfred B. muss erneut wegen des brutalen Raubmordes in der Sparkasse seiner Heimatgemeinde Siegelsbach im Landkreis Heilbronn vor Gericht. Die Beweiswürdigung des Landgerichts Heilbronn sei fehlerhaft, hieß es zur Begründung. Der 1. Strafsenat des BGH hob damit den Freispruch auf und folgte der Forderung der Bundesanwaltschaft und der vier Nebenkläger. Das Landgericht Stuttgart soll noch einmal über den Banküberfall vom 7. Oktober 2004 verhandeln, bei dem eine Frau erschossen und zwei Männer lebensgefährlich verletzt worden waren.

Das Urteil der Heilbronner Richter sei "rechtsfehlerhaft", hatte Bundesanwalt Wolfram Schädler in der Revisionsverhandlung angeführt. Wesentliche Umstände seien im Rahmen der Gesamtwürdigung nicht im ausreichenden Maße erörtert worden. Daher plädierte Schädler dafür, den Prozess an ein anderes Gericht als das Landgericht Heilbronn zurück zu verweisen.

Das hatte auch Tobias Göbel, Vertreter der Nebenkläger, beim Einreichen des Revisionsbegründung beantragt. Denn: "Es würde mich ausgesprochen überraschen, wenn ein Landgericht im zweiten Verfahren einen Freispruch fällen würde", sagte der Rechtsanwalt vor Bekanntgabe der BGH-Entscheidung SPIEGEL ONLINE. Wesentliche Umstände und Indizien, die gegen den Angeklagten sprächen, seien vom Landgericht nicht ausreichend berücksichtigt worden.

Das Landgericht Heilbronn hatte den heute 49- jährigen Alfred B. im April 2006 vom Vorwurf des Mordes und des zweifachen Mordversuches freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft hatte dem ehemaligen Dorfbäcker vorgeworfen, im Oktober 2004 die Sparkassenfiliale in seinem Heimatort Siegelsbach überfallen zu haben. Dabei soll er die 65 Jahre alte Gisela C. erschossen haben. Ihren damals 66-jährigen Ehemann zwang der Täter auf die Knie und schoss ihm ins Genick. Der Rentner überlebte. Ebenso der 29 Jahre alte Kassierer der Bank, Torsten M., dem der Schädel mit dem Pistolenknauf zertrümmert wurde. Außerdem entkam der Bankräuber mit 33.514 Euro Beute.

"Es wurde getarnt und getäuscht"

Die beiden überlebenden Opfer identifizierten Alfred B. als Täter. Ein anderer Zeuge sagte vor Gericht aus, den Dorfbäcker zur Tatzeit am Ortsausgang gesehen zu haben. Es gab eine Fülle von Indizien, die im Gesamtkomplex gegen den Bäcker sprach; jedes einzelne Indiz jedoch hinterließ bei der Schwurgerichtskammer Zweifel - und sie sprach Alfred B. frei.

Aus diesen Gründen ist dieser Fall beispiellos in der deutschen Justizgeschichte: Die Karlsruher Richter mussten entscheiden, ob der Freispruch bestehen bleibt oder ob der Fall neu aufgerollt werden muss. Entscheidend war, ob das 175-seitige Urteil der Heilbronner Kammer aus Sicht des BGH handwerkliche Fehler enthält.

Der Vorsitzende des 1. Strafsenats, Armin Nack, begründete die Aufhebung des Urteils mit Mängeln in der Beweiswürdigung. Das Landgericht habe beispielsweise die entlastende Aussage des Hauptbelastungszeugen, der den Angeklagten zur Tatzeit gesehen haben will, wie er Richtung Ortsausgang fuhr, in der Würdigung der Beweise als zutreffend vorausgesetzt, anstatt sie mit anderen - belastenden - Indizien abzugleichen.

Die Verteidigung des Dorfbäckers hatte schon im Vorfeld der heutigen BGH-Entscheidung damit gerechnet, "dass wir wieder ganz am Anfang stehen", sagte Anke Stiefel-Bechdolf. Doch die 52-Jährige will sich für den neuen Prozess Verstärkung holen. "Ich will nicht zum Geisterfahrer werden und Fehler machen, die ich anderen vorwerfe, nur weil ich in meiner Meinung festgelegt bin und keine andere zulasse."

Denn als Verteidigerin hatte Stiefel-Bechdolf der Polizei und der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, "nicht objektiv" gewesen zu sein. "Es wurde getarnt und getäuscht. Man kann Akten so schreiben, dass sie zumindest ein derart schlüssiges Bild ergeben und kein anderes mehr zulassen, weil man sich darauf fixiert."

Die damalige Kammer unter dem Vorsitzenden Richter Wolfgang Bender, die danach aufgelöst wurde, sei "mutig gewesen, weil sie sich nicht hat bedrohen lassen", so Stiefel-Bechdolf. In der Urteilsbegründung stehe ein prägnanter Satz des Vorsitzenden Richters, sagte die Juristin. "Für Gefälligkeitsurteile steht diese Kammer nicht zur Verfügung. Die Kammer kann es mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren, diesen Menschen zu verurteilen."

Nun wird das Landgericht Stuttgart noch einmal über die Schuld des Alfred B. entscheiden müssen.

Mit Material von ddp und dpa