Freitag, 3. September 2010

"Eine Art Bazillen-Bruderschaft"

Forscher über bewusstes HIV-Riskieren

So genannte Barebacker riskieren bewusst eine Infektion mit dem Aids-Virus. Der Forscher Tim Dean hat dieses Phänomen innerhalb der Schwulen-Szene analysiert.

"Eine Subkultur innerhalb der Subkultur": Barebacking unter schwulen Männern. Foto: gschpænli / photocase.com

taz: Herr Dean, Sie haben in den USA den Fall der deutschen Popsängerin Nadja Benaissa in den Medien verfolgt. Was haben Sie dabei beobachtet?
Tim Dean: In gewisser Weise ruft dieser Fall eine heterosexuelle Fantasie hervor - die aber daneben ging: Du bekommst die Gelegenheit, mit diesem sehr attraktiven Popstar Sex zu haben, ohne dass ein Kondom verlangt wird. Hinterher findest du dann heraus - nicht etwa, dass sie schwanger ist und du dafür verantwortlich bist, sondern dass du HIV positiv bist und sie dafür verantwortlich ist.
Nadja Benaissa ist verurteilt worden. Halten Sie diese Reaktion für angemessen?
Die Entstehung: Barebacking ("ohne Sattel reiten") entstand nach 1996 in den USA mit dem Aufkommen der Kombitherapie, die die Lebenserwartung von HIV-Infizierten deutlich verlängerte. Eine Frage seitdem: Ob und wann müssen überhaupt noch Kondome verwendet werden?

Die Ausprägungen: Barebacking kann jede Form von Sex ohne Kondom bedeuten, sowohl zwischen Hetero- als auch Homosexuellen, wie auch zwischen zwei HIV-positiven Partnern. Extremen "Hardcore-Barebackern" geht es auch um den Kick der Infizierung mit HIV. Auch in Deutschland gibt es eine Barebacking-Szene.

Diesen Text und viele mehr lesen Sie in der aktellen sonntaz vom 4./5. September – ab Samstag zusammen mit der taz am Kiosk oder in Ihrem Briefkasten. Foto: taz
Gesetze, die eine HIV-Übertragung kriminalisieren, sind schlechte Gesetze. Sie stammen in der Regel aus einer frühen Zeit der Aids-Epidemie, als HIV noch als unweigerlich tödlich verstanden wurde. Sie sind ein Produkt der Aids-Hysterie, der Angst vor Homosexualität, sogar der Angst vor Sex. Das heißt, dass sie ein irrationales Element an sich haben, was natürlich immer eine schlechte Basis für Gesetze ist.

Wie sollte man stattdessen damit umgehen?
Sex sollte eine Frage des gegenseitigen Einverständnisses sein, beide Partner sollten dabei informiert sein. Man sollte sich darüber klar sein, wie viel Risiko man auf sich nehmen will, wenn man Sex hat. Das fällt bei verschiedenen Leuten offensichtlich sehr unterschiedlich aus. Für einige gilt: Je riskanter der Sex, desto schärfer. In den Vereinigten Staaten wird Sicherheit gegenwärtig in allen Lebensbereichen fetischisiert. In einer solchen gesellschaftlichen Situation will man manchmal genau das Gegenteil von Sicherheit.

In Ihrem Buch beschreiben Sie die Barebacking-Szene, in der es genau um dieses Risiko geht.
"Barebacking" ist ein komplexer Begriff und kann vieles bedeuten. Nadja Benaissa hatte, könnte man sagen, "Bareback-Sex", also ungeschützten Geschlechtsverkehr. Aber ich bezweifle, dass sie oder ihr Partner das so gesehen haben. Sie dachten einfach, sie hatten ganz gewöhnlichen Sex. Barebacking bedeutet allerdings mehr als ungeschützter Verkehr. In der üblichen Definition ist gemeint: risikoreicher Sex, bei dem man sich mit Absicht einer Gefahr aussetzt, zum Beispiel der Ansteckung mit HIV. In dem Buch geht es speziell um Barebacking unter schwulen Männern. Eine Subkultur innerhalb der Subkultur, in der die Beteiligten das Risiko von Sex ohne Kondom willentlich auf sich nehmen.

Sie sprechen in Ihrem Buch von "Verwandtschaft", um die Bindung HIV positiver schwuler Männer innerhalb der Bareback-Szene zu beschreiben. Inwiefern gehen diese Männer eine besondere Beziehung ein?
Als in den USA über die Legalisierung der Homoehe diskutiert wurde, fand ich interessant, wie Barebacker ein paralleles Verständnis von Verwandtschaft entwickeln. Da geht es um "Befruchten und Züchten", darum, den Virus im Körper anderer Männer zu züchten oder um eine "Bazillen-Bruderschaft". Es geht nicht um die staatliche Anerkennung von Bindungen, sondern um Formen von Beziehungen, die man "inzestuös" nennen könnte. Das Virus eines anderen Mannes in den Körper zu bekommen, bedeutet für diese Männer eine Beziehung, die in gewisser Weise anhaltender oder tiefgehender ist als ein Ehering.

Das Phänomen, das Sie ansprechen, wird in der Gesellschaft tabuisiert und ignoriert.
Auch die schwule Community redet nicht allzu offen darüber. Es gibt diese Angst, dass das Klischee vom kranken, psychisch gestörten oder pathologischen Schwulen wiederbelebt wird. Mir ist es wichtig, dieses Phänomen zu erforschen, ohne diese Kultur zu verdammen oder zu feiern.

Wenn es in der Barebacking-Szene um sexuelles Risiko geht, wer genau sucht dabei welches Risiko?
Im Präventions-Diskurs über Barebacking gibt es die fälschliche Annahme, dass Barebacking von Männern ausgeht, die sogenannte Tops sind - also Männer, die andere Männer penetrieren - und die sich nicht um Kondome scheren, einfach weil sich Sex ohne Kondom besser anfühlt. In der Subkultur ist das aber anders: Die sogenannten "Bottoms" - also die passiven Sexpartner, jene, für die es sich überhaupt nicht unbedingt anders anfühlt, ob der "Top" ein Kondom trägt oder nicht - sind es, die wollen, dass kein Kondom benutzt wird.

Was hat der passive Sexpartner davon, sich bewusst dem Infektionsrisiko auszusetzen?
Es ist kein Geheimnis, dass Schwule auf Männlichkeit stehen. Eine der Motivationen innerhalb der Bareback-Szene ist, dass es dich männlicher macht, wenn du dich penetrieren lässt. Konventionell gedacht bedeutet Penetration, verweiblicht zu werden. Barebacking kehrt diese hartnäckige Idee um: Von verschiedenen Männern penetriert zu werden, ihr Sperma in sich aufzunehmen, heißt hyper-maskulin zu werden. Mich fasziniert an der Barebacking-Subkultur auch, wie die Penetration von einem Zeichen weiblicher Verletzbarkeit zu einem Symbol maskuliner Stärke macht.

Könnte es sein, dass Barebacker glauben, ihr Sexleben wäre sozusagen "entspannter", sobald sie infiziert sind?
Klar. Barebacking hat vielfältige und widersprüchliche Motivationen. Einer der Gründe kann die paradoxe Idee sein, dass ich mir in dem Moment, wo ich das Virus habe, über eine HIV-Ansteckung keine Sorgen mehr machen muss. Eine gewisse Unsicherheit ist damit abgeschafft. Aber diese Logik erklärt noch nicht, warum auch das Virus selber in der Subkultur fetischisiert wird.

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