Montag, 26. November 2007

Kunststreit um küssende Polizisten

Russische Künstlergruppe erregt Aufsehen

Mit knutschenden russischen Polizisten im eingeschneiten Birkenwald sorgt die sibirische Künstlergruppe «Blue Noses» in Russland für Aufsehen. Es ist nicht das erste Mal.

Fundamentalisten der Russisch-Orthodoxen Kirche und Rechtsextreme verwüsteten in Moskau schon Ausstellungen mit provozierenden Werken dieser modernen Künstler. Als «Schande für Russland» und «Pornografie» stempelt nun sogar Kulturminister Alexander Sokolow die Arbeiten ab.

Galerie wehrt sich

Sein Zorn trifft nicht zuletzt die weltberühmte staatliche Tretjakow-Galerie in Moskau, die auch solche Kunst präsentiert. Das Kunstmuseum wehrt sich nun erstmals öffentlich gegen eine von der Kunstszene beklagte zunehmende Einmischung des Staates in die Kunstfreiheit.

«Hier wird die Tretjakow-Galerie in den Dreck gezogen, das darf niemand, auch nicht der Minister. Ich fordere eine öffentliche Entschuldigung», sagt Museumsdirektor Walentin Rodionow. Sein neben der Ermitage in St. Petersburg wichtigstes Kunstmuseum in Russland schickte im Oktober die Sonderschau «Sots Art» über politische Kunst aus Russland nach Paris.

Doch die Fotocollagen der Künstler Wladislaw Misin und Alexander Schaburow von den «Blue Noses» durften wieder nicht ausser Landes - wie schon im Frühjahr für eine Ausstellung der Städtischen Galerie in Dresden.

Erinnerungen an Sowjet-Zensur

Der Leiter der Abteilung für moderne Kunst der Tretjakow, Andrej Jerofejew, warnt vor einer Zensur und Selbstzensur wie zu Sowjetzeiten. «Das Verhalten des Ministers erinnert stark an die sowjetische Zensurpraxis, die ja eigentlich abgeschafft ist, jetzt laufen diese Prozesse eher unterschwellig ab», meint Jerofejew.

«Es geht um den Ruf unserer Nationalgalerie!», begründet Sokolow sein Engagement. «Natürlich masst sich die Regierung keine Expertenmeinung an, wird doch aber wohl noch eine Bewertung abgeben dürfen», sagt Sokolow. Russland zeige mit offiziellen Ausstellungen wie derzeit im Pariser Maison Rouge der Welt sein Gesicht, da sei «politische Provokation» fehl am Platz.

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Viele der satirischen Fotocollagen zeigen nackte Menschen in sexuellen Posen auf einer abgewetzten sowjetischen Wohnzimmercouch- mit aufgeklebten Gesichtern von Prominenten wie Prinzessin Diana, aber auch von Adolf Hitler, George W. Bush, Wladimir Putin oder Saddam Hussein.

Die Aufnahme der küssenden Polizisten mit dem Titel «Die Epoche der Nachsicht» ist durch den Skandal in Moskau inzwischen zu einem der bekanntesten Kunstwerke geworden. Es gehe hier um den Traum, dass alle gnädig und zärtlich miteinander umgehen, erklärt der
Künstler Schaburow.

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