Samstag, 6. September 2008

Peinlicher Auftritt der NPD in Neukölln

  • Anschläge im Vorfeld der Veranstaltung
  • Mehrere verletzte Neonazis bei der Anreise
  • Fast 300 Antifas protestieren trotz kurzer Mobilisierungszeit mit vielfältigen Aktionen gegen NPD
  • Lediglich 21 Neonazis erreichen den Veranstaltungsort des "Ring Nationaler Frauen" - darunter genau vier Frauen
  • Rudower Neonazis bleiben lieber gleich fern
Aktivitäten im Vorfeld
In den Tagen vor der Veranstaltung der NPD, bzw. des "Rings Nationaler Frauen" in der Volkshochschule "Otto Suhr", kam es zu vielfältigen Antifa-Aktionen.
Kurz nach dem Bekanntwerden des Veranstaltungsortes wurden Plakate und Flugblätter produziert, die von Neuköllner_innen größtenteils in Eigenregie hergestellt und verteilt wurden. So gelang es trotz der kurzen Zeit viele Menschen zu informieren und für die Gegenproteste zu gewinnen.
In der Nacht zu Freitag gab es zudem laut Medienberichten (u.A. Morgenpost, Berliner Kurier, Berliner Zeitung etc.) mehrere Anschläge. Bei diesen wurde die Eingangstür des Veranstaltungsortes beschädigt, die Fassade mit Parolen verschönert und das Haus von Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky mit roten und schwarzen Farbflaschen beworfen. Nach Angaben des Tagesspiegels, liegt der Zeitung ein Selbstbezichtigungsschreiben vor, indem sich ein "Kommando Otto Suhr" zu der Tat bekennt. Die Täter_innen sollen Buschkowsky in dem Schreiben beschimpfen und von einem "Vorgeschmack" sprechen.

Die Aktionen am Freitag
Bereits bei der Anreise zu der Veranstaltung wurden laut unterschiedlichen Berichten die Neonazis direkt mit antifaschistischem Protest konfrontiert. Eine körperliche Auseinandersetzung im Boddin-Kiez endete mit mehreren verletzten Rechten, die "zusammengeschlagen und ausgeraubt" wurden (Zitat: Stella Hähnel
Viele Anwohner_innen hatten Transparente auf den Balkonen aufgehängt, mit denen sie ihren Protest gegen die NPD äußerten – nicht wenige Neuköllner_innen eilten spontan aus umliegenden Cafes, um sich dem Protest gegen die Neonazis anzuschließen.
NPD/ RNF). Passant_innen berichteten von flüchtenden Neonazis auf der Karl-Marx-Straße. Weitere zehn NPDler, die mit dem Bus aus Richtung Treptow kamen, wurden von 15 Bullen in einem Wanderkessel durch den Kiez geschleust und mussten sich dem lautstarken Unmut der Neuköllner Bevölkerung aussetzen. Weitere Neonazis gingen offenbar auf dem Hinweg ganz verloren. Jedenfalls hieß es zu Beginn der NPD-Veranstaltung, dass noch Kameraden vermisst würden. Diese tauchten auch später nicht mehr auf. (Wer noch einen solchen Kameraden findet, kann ihn gerne bei den örtlichen Antifas abgeben.)

An der Gegenkundgebung Hermannstr./ Boddinstr. zu die Grünen Neukölln und aus dem Abgeordnetenhaus, aber auch die Antifa aufgerufen hatten, beteiligten sich ca. 200 Personen. Im Umfeld der Veranstaltung und im Kiez bewegten sich zudem diverse Grüppchen von Antifas, die sich zeitweise auf dem Boddinplatz versammelten und so die NPD-Veranstaltung eingekreist hatten. Neonazis mussten also immer durch Protest hindurch, um zu ihrer Veranstaltung zu gelangen.

Insgesamt erreichten schließlich 21 Neonazis den Veranstaltungsort, um nach weniger als 45 Minuten Vortrag schon wieder die Segel zu streichen und sich im Wanderkessel zurück eskortieren zu lassen. Unter den Anwesenden befanden sich der Anmelder Hans-Joachim Henry (stellv. Landesvorsitzender NPD Berlin), Sebastian Schmidtke (JN Berlin), Robert "Beinbruch" Marilow (NPD-Kreisvorsitzender Spandau) und Jörg (NPD-Landesvorsitzender Berlin) und Stella Hähnel (NPD/ Pressesprecherin des "Ring Nationaler Frauen"). Letztere trat als Referentin auf und beschwerte sich in ihrem Vortrag, dass ihre neue Wohnanschrift in Mellensee (Teltow-Fläming) von der Antifa bereits veröffentlicht wurde, noch bevor sie sich beim Bürgeramt umgemeldet hätten. Rudower Neonazis oder Berliner Kameradschafter ("Autonome Nationalisten") trauten sich offensichtlich nicht nach Nord-Neukölln.


Das Bezirksamt, die NPD und die Polizei
Insgesamt lässt sich feststellen, dass die NPD-Veranstaltung in Nord-Neukölln überhaupt nur durch die enge Kooperation von Bezirksamt, NPD und Polizei ermöglicht wurde. Gemeinsam wurde versucht, die Veranstaltung vor der Öffentlichkeit geheim zu halten und so den legitimen Protest zu schwächen. Es wäre eigentlich schon Skandal genug, dass das Bezirksamt der NPD Räumlichkeiten zur Verfügung stellt, doch hier wurde zusätzlich noch versucht, durch Stillschweigen den Protest dagegen zu erschweren.
Auch wird die Behauptung aus dem Bezirksamt, dass der Bezirk keine Spielräume bei solchen Entscheidungen hätte, durch ständige Wiederholung nicht richtiger. Zum einen muss das Bezirksamt Neukölln dem Berliner Landesverband der NPD keine Räume zur Verfügung stellen, zum anderen zeigen Beispiele aus anderen Bezirken, dass es offenbar sehr wohl möglich ist, anders mit Raumanfragen der NPD umzugehen.
Ein Beispiel hierfür wäre z.B. der Nachbarbezirk Treptow-Köpenick. Lediglich die lokale NPD-Fraktion darf dort Veranstaltungen durchführen, dabei konfrontiert mit einem strengen Vertrag der ihnen wenig Handlungsräume für ihre Propagandashows lässt. Die Raumanfrage für die heutige Veranstaltung wurde ebenfalls beim Bezirksamt Treptow-Köpenick gestellt, und laut stellv. Bezirksbürgermeister Schneider der NPD-Berlin verwehrt. Denn der Bezirk sei lediglich verpflichtet, der Fraktion solche zur Verfügung zu stellen, nicht derem Landesverband. In Neukölln haben die beiden NPD-Verordneten Sturm und Vierk
noch nicht einmal den Fraktionsstatus.

Fazit
Es ist gelungen, dem Bezirksamt, der Polizei und der NPD einen Strich durch die Rechnung zu machen. Es ist nicht möglich, still und heimlich eine NPD-Veranstaltung in Nord-Neukölln über die Bühne zu bringen. Denn eine Veranstaltung in unserem Kiez bedeutet vor allem eins: Ärger!

Wir betrachten den Naziaufmarsch am 23.08. durch Britz und jetzt die Veranstaltung in Neukölln als Warm-Up für den Widerstand gegen die angekündigte Neonazi-Demo am 06.12. in Berlin. Wir finden, der vielfältige Protest, ob Kundgebung, verbaler Protest oder militante Aktionen, spielt sich langsam gut ein: Der Dezember kann kommen!

Weitere Hintergründe, Informationen und Kontaktmöglichkeiten gibt es unter anderem bei:
http://www.antifa-neukoelln.de.vu/
http://www.abso-berlin.tk/
http://www.antifa-recherche-neukoelln.de.vu/

Freitag, 29. August 2008

Zum Abschluss einmal schwules Gold

Die Olympiade ist vorbei. Unter den Medaillen-Gewinnern in Peking ist auch der offen schwule Matthew Mitcham.

Von Carsten Weidemann 11.000 Sportlerinnen und Sportler traten an, um ein paar Dutzend Gold-, Silber- und Bronze-Medaillen unter sich aufzuteilen. Unter den jubelnden Gewinnern ist auch der 20-jährige Turmspringer Matthew Mitcham, der am vergangenen Wochenende beim letzten Sprung ein verloren geglaubtes Match gegen seinen Konkurrenten Zhou Luxin gewann.

Er bringt damit nicht nur die erste Goldmedaille beim Turmspringen seit 1924 nach Australien. Er ist zudem einer der wenigen offen homosexuellen Athleten, die in Peking angetreten sind.
Mitcham ist nun nicht der erste offen schwule Profisportler seiner Disziplin.

Zuvor ging auch der Amerikaner Greg Louganis an die Öffentlichkeit, jedoch mit einem entscheidenden Unterschied. Louganis bekannte sich erst, nachdem er seine Karriere beendet hatte, Mitcham tat dies eher nebenbei vor dem Höhepunkt seiner Karriere. Die jüngere Generation der Sportler hat offensichtlich weniger Ängste.


"Schwul zu sein und Kunstspringer, das sind zwei völlig unterschiedliche Bereiche meines Lebens,"
meinte er dazu in einem Interview. "Natürlich gibt es auch Berührungspunkte, weil manche Leute Vorbehalte haben. Aber alle, mit denen ich diesen Sport zusammen ausübe, waren sehr hilfsbereit."

Nachdem das schwul-lesbische Sportmagazin Outsports eine große Story über die homo- und bisexuellen Teilnehmer der Olympiade veröffentlicht hatte, und Mitcham für die Redaktion jetzt der große Held ist, kam jedoch Kritik auf.

Die frühere Olympiateilnehmerin Laureen Meece, die im Jahr 2000 im Judo antrat, meint einen unglaublichen Druck der Community gegenüber den Profisportlern wahrzunehmen: "Die Community sollte es homosexuellen Athleten selber überlassen außerhalb der Öffentlichkeit mit ihrer Angelegenheit klarzukommen. Im Namen des Olympischen Geistes und der Menschlichkeit, haltet die Klappe und lasst diese Athleten sich auf ihre Ziele konzentrieren, auf die sie so hart hin gearbeitet haben", meinte sie in einer Kolumne des Magazins "Express Gay News".

Montag, 4. August 2008

Obama als Wegbereiter des „Antichristen"

Auch in den deutschen Medien wird der US-amerikanische Präsidentschaftskandidat Barack Obama immer häufiger "Messias" genannt

Im Januar 2008 tritt er in der Wochenzeitung Die Welt als „Der Messias aus Greenwood" auf während das Deutschlandradio im Februar noch „Auf der Suche nach dem Messias" ist. Es ist auch nichts nahe liegender, als im Juli 2008 zur Reise Obamas in den Nahen Osten zu titeln: „Messias im Heiligen Land".

Während die Bezeichnung in Europa jedoch eher positiv konnotiert ist, wird in US-Blogs schon einmal gefragt: „Obama, the coming American Jesus?" und Anhänger des evangelikalen Fundamentalismus in den USA verstehen solche Zuweisungen auch eher als Alarmsignal.

Neben dem „Erlöser Jesus" gibt es auch noch seinen Gegenspieler, den Antichrist, der laut Bibel aber ebenso charismatisch auftritt und ebenfalls die Rettung verspricht, in Wirklichkeit aber für die Mächte des Bösen arbeitet.

Hal Lindsey, ein einflussreicher christlicher Publizist, der genau wie John Hagee und Rod Parsley eine eigene Sendung auf dem weltweit größten christlichen Fernsehsender TBN hat, glaubt in Obama Parallelen zum Antichrist zu erkennen. Mit Blick auf den Berlinbesuch des Demokraten erklärte er in seiner Kolumne, dass dieser zwar nicht der Antichrist sei, aber zumindest seine Ankunft mit vorbereite:

"Amerika hat niemals in seiner Geschichte derart vielen Krisen gleichzeitig ins Gesicht geblickt wie heute. Der Krieg gegen Al-Kaida und den islamischen Terrorismus, die Irankrise, Afghanistan, die Verbreitung von Nuklearwaffen, der steigende Ölpreis, der fallende Dollarkurs, feindliche Akronyme wie OPEC, NAM, OIC, UN. ... Obama hat Recht, wenn er sagt, dass die Welt für jemanden wie ihn reif ist - eine messiasgleiche Gestalt, charismatisch und wortgewandt, die scheinbar auf alle Fragen der Welt eine Antwort kennt.

Und Die Bibel sagt, dass solch ein Führer schon bald erscheinen wird. Es wird nicht Barack Obama sein, aber Obamas Weltreise hat uns einen Vorgeschmack auf den Empfang gegeben, der ihm geboten wird.

Er wird vermutlich auch in einer europäischen Hauptstadt stehen, die Völker der Welt ansprechen und ihnen sagen, dass er derjenige ist, auf den sie alle gewartet haben. Und er kann eine ebenso wilde und enthusiastische Begrüßung erfahren, wie sie Obama in Berlin erfahren hat.

Diesen Führer nennt die Bibel den Antichrist. Und es scheint offensichtlich, dass die Welt nun bereit ist, mit ihm Bekanntschaft zu machen. "

Lukas Mihr

Sonntag, 6. Juli 2008

Südafrika: HIV-Medikament als Droge missbraucht

Die Gesundheitsamt in der südafrikanischen Großstadt Durban warnen Aids-Patienten vor Kriminellen, die in Überfällen das HIV-Medikament Stocrin erbeuten.

Das Medikament wird mit Marihuana vermischt und dann in den Townships der Stadt als Droge verkauft. Zuvor hatten sich mehrere ausgeraubte Patienten bei der Polizei gemeldet. Berichte, dass Angestellte von Krankenhäusern das antiretrovirale Medikament im großen Stil an Drogendealer verkaufen, wiesen die Behörden zurück.

Das Rauchen der Mischung soll einen besonders intensiven Rauschzustand hervorrufen. Allerdings warnen Gesundheitsexperten vor den nicht abschätzbaren Risiken der Mischdroge: "Die Verbindung zwischen Stocrin und Marihuana ist sehr gefährlich und kann zum Tode führen. Die Mischung schwächt das Immunsystem und verringert die Widerstandsfähigkeit des Körpers erheblich", erklärte Anwar Jeewa, Chef einer lokalen Klinik.

In Südafrika sind Schätzungen zufolge 5,3 Millionen Menschen HIV-positiv, mehr als in jedem anderen Land. 21,5 Prozent der erwachsenen Bevölkerung tragen den Virus in sich (vgl. Schweiz: 0,4 Prozent, Österreich: 0,3 Prozent, Deutschland: 0,1 Prozent).

Im Kongo gehören brutale sexuelle Übergriffe zum Alltag - Ein Hospital hilft

Vergewaltigung als Instrument der Kriegsführung: Mit dieser brutalen Gewalt gegen Frauen wird der kongolesische Gynäkologe Dennis Mukwege täglich konfrontiert. In seiner Klinik im Kongo behandelt er die Opfer. Das sind die Momente, vor denen sich Dennis Mukwege fürchtet. Wenn ihn eine 14-jährige Patientin fragt: "Doktor, kann ich später Sex haben und Kinder bekommen?" Was bleibt ihm anderes übrig, als der Jugendlichen die ganze Wahrheit zu sagen? Und die lautet: "Nein, das wird nicht möglich sein." Dann gerät Mukwege in die Lage, nicht mehr die professionelle Distanz bewahren zu können, ein Panzer, mit dem er sich ausstattet, um das Elend in seiner Klinik zu ertragen. Und er ringt mit den Tränen. Der 53-jährige Mukwege leitet am Rande der Stadt Bukavu im Osten der Demokratischen Republik Kongo das evangelische Panzi-Hospital. Das Krankenhaus ist Zuflucht für tausende Frauen, die Opfer scheußlicher Vergewaltigungen wurden. Marodierende Milizen machen trotz des Friedensabkommens von 2002 den Tropenwald an der Grenze zu Ruanda immer noch unsicher. "Jede Nacht passiert etwas", sagt Mukwege. Wenn die Mitglieder der Milizen vergewaltigen, geht es nicht um ein einseitiges Ausleben sexueller Lust auf Kosten anderer Menschen. Der sexuelle Übergriff ist Teil der Kriegsführung, zynisch geplant und bestialisch ausgeführt. Mukwege sagt: "Die Zerstörung der Frauen zielt auf die Zerstörung der Gemeinschaft." Die Soldaten wollen damit die Männer und Väter der Frauen demoralisieren. Der Mediziner: "Wenn die sehen, was mit ihren Frauen und Töchtern geschieht, verlieren sie ihre Energie und ihren Willen." Für die Frauen, sagt Mukwege, sei es nach der Behandlung ganz schwer, in ihre Dörfer zurückzukehren. Sie fühlen sich schuldig und müssen damit rechnen, dass sie von ihren Gatten verstoßen werden, auch weil diese Angst vor Ansteckung haben. Viele Frauen infnzieren sich bei den Übergriffen mit dem Aids-Virus. Seit den ersten demokratischen Wahlen nach langer Zeit im Jahr 2006 ist es in der Demokratischen Republik Kongo, dem früheren Zaire, zwar ruhiger geworden. Im Osten des Landes flammen aber nach wie vor Unruhen auf. Milizen und Rebellen nisten sich vor allem in den ländlichen Regionen ein. Die kongolesische Armee verfügt über 100 000 Soldaten. Sie hat es aber zusammen mit der Blauhelm-Truppe der Vereinten Nationen bisher nicht geschafft, diese marodierenden Truppen in den Griff zu bekommen. Es ist Mukwege unerklärlich, dass es nicht möglich ist, diese bewaffneten Milizionäre in Schach zu halten. Er schätzt, dass bisher 300 000 Frauen vergewaltigt worden sind. "Nirgendwo ist es so schlimm wie in der Kivu-Region", sagt Mukwege. Zum Gynäkologen wurde Mukwege in Frankreich ausgebildet. Seine Arbeit am Panzi-Hospital nahm er 1999 auf. Die erste Patientin, die er behandelte, war eine Frau, die sich in einem fürchterlichen Zustand befand. Bei der Vergewaltigung wurde ihr ganzes Becken zerstört. Die Befunde, die Mukwege mit seinen jetzt vier Assistenten antrifft, sind kaum zu beschreiben. Durch Mehrfachvergewaltigungen und durch Penetrierung mit Stöcken und Macheten sind Vagina und Blase fürchterlich zugerichtet. Bakterielle Infektionen, Geschlechtskrankheiten sind die Folge. Mukwege versucht, den Frauen auch mit plastischen Rekonstruktionen zu helfen. Doch oft muss er erfahren, dass die Schädigungen irreversibel sind. Die Frauen verlieren ihre Fruchtbarkeit, leiden unter Fisteln und Inkontinenz und wegen der Vernarbungen unter Schmerzen beim Verkehr. Genauso schlimm, wenn nicht noch schlimmer sind die psychischen Folgen. "Wir versuchen, das Selbstwertgefühl der traumatisierten Frauen zu heben, schon vor der Operation", sagt Mukwege. "Wir versuchen, ihnen ihre Würde zurückzugeben und ihre Schuldgefühle zu nehmen." Am Hospital verfügt Mukwege über 250 Betten für die misshandelten Frauen. Inzwischen wurden mit Geld der Unicef mobile Kliniken eingerichtet. Damit vermögen die Ärzte, die Frauen in ihren Dörfern aufzusuchen und zu behandeln. Das ginge nicht ohne eine UN-Eskorte. Die Gegend ist zu gefährlich. Muss Mukwege nicht um sein eigenes Leben und das seiner Familie fürchten? "Ich denke, wir sind moralisch geschützt", erwidert der Mediziner und hofft auf die Wirkung der Berichte übersein Hospital in den internationalen Medienl. Der qualifizierte Gynäkologe könnte außer Landes gehen, einen Job in sicherer Umgebung annehmen. Aber das lehnt er ab. "Die Frauen, ihre Kraft und ihr Mut - das hält mich in Bukavu", sagt er. Das Schlimmste für Mukwege ist, wenn eine Patientin zu ihm zurückkehrt, als Opfer eines zweiten Übergriffs. Er berichtet vom Schicksal einer 14-Jährigen, der dies widerfahren ist. Mukwege: "Das ist schwer zu verkraften. Da krampft mir das Herz." Info Dr. Dennis Mukwege nimmt während seines Aufenthalts in Deutschland am Mittwoch, 2. Juli, um 20.00 Uhr im Tübinger Kino Museum an einer Podiumsdiskussion über "Sexuelle Gewalt im Kongo" teil. Zuvor zeigen das Deutsche Institut für Ärztliche Mission und Amnesty International zum Thema den Film "Im Schatten des Bösen".

RAIMUND WEIBLE

Das Märchen der Lehmkekse


Haiti ist eines der Länder unseres Berichtsgebietes, das nur sehr selten in den Nachrichten auftaucht. Während der vergangenen Monate las, sah und hörte man allerdings ungewohnt viel von dem Staat, der sich eine Insel mit der Dominikanischen Republik teilt und doch einer völlig anderen Welt anzugehören scheint. Die globale Lebensmittelkrise war in aller Munde und Haiti eines der Paradebeispiele. Die Lage im ärmsten Land Lateinamerikas war so dramatisch, dass das hungrige Volk rebellierte, durch die Straßen marodierte, alles kaputt schlug, was ihm in den Weg kam und sogar den Premierminister absetzte. Schlimmer noch, aus lauter Verzweiflung aßen die Menschen Dreck - „Kekse" aus Lehm, mit denen sie wenigstens für kurze Zeit das nagende Gefühl im Magen lähmten.

Bei unserer Landung in Port au Prince waren wir deshalb natürlich sehr neugierig auf diese Kekse, die zum Symbol des Hungers auf Haiti geworden waren. Lange mussten wir nicht suchen, da stießen wir auf Madame Richemé, die vor ihrem Haus untertellergroße beige Fladen in langen Reihen ausgelegt hatte. Sie führte uns in den Hinterhof und zeigte uns, wie sie aus Lehm, Wasser, ein bisschen Öl und Salz einen „Teig" anfertigte, den sie dann in der Sonne trocknen ließ. Selbst die Unerschrockenen unter uns waren unserem einheimischen Mitarbeiter Stanley dankbar, als er uns das Probieren ersparte und repräsentativ für uns alle den obligatorischen Höflichkeitsbissen nahm. Der Gedanke, dass es sich hier um ein Nahrungsmittel der äußersten Not handeln muss, lag nahe.

Tatsächlich ist es so, dass die Kekse zu den günstigsten Lebensmitteln auf Haiti zählen und deshalb hauptsächlich von den Ärmsten der Armen gegessen werden. Doch Madame Richemé erzählte uns auch, dass sie unter schwangeren Frauen sehr beliebt sind und viele Haitianer ihnen sogar homöopathische Eigenschaften nachsagen. Das war schon immer so und hat nichts mit der Lebensmittelkrise zu tun.

Die gibt es auf Haiti, und sie hat viele Gesichter. Aber der Verzehr von Dreck ist keines davon. Deshalb sollte dieses Bild auch nicht als Symbol des Hungers missbraucht werden - so eindrucksvoll es auch gewesen wäre.

Montag, 30. Juni 2008

Wut über Spot: Heinz stoppt Homo-Werbung

Der Lebensmittelkonzern Heinz hat in England einen schwulen Werbespot nach Protesten aus dem Programm genommen.

Grund seien negative "Konsumenten-Rückmeldungen" gewesen. Die britische Werbeaufsicht hat über 200 Beschwerden über den Spot erhalten. Darin beanstanden Eltern den 30-Sekunden-Spot als "anstößig" und "ungeeignet". Eine Mutter schrieb in einem Brief, sie hätte ihren Kindern nun erklären müssen, was ein schwules Paar ist. Die Werbung durfte nicht im Rahmen von Kinderprogrammen ausgestrahlt werden, weil britischem Recht zufolge in diesem Umfeld nicht für sehr fetthaltige Produkte geworben werden darf.

Heinz stellte in dem Spot vor gut einer Woche eine neue Delikatess-Majonäse vor. Darin schmiert ein Italo-New-Yorker seinen Kindern, die ihn als "Mum" bezeichnen, Brote. Am Ende des Filmchens küsst er seinen Freund.

"Wir hören Konsumenten zu", erklärte Nigel Dickie von Heinz UK. "Wenn die Konsumenten Bedenken gegen eine Werbekampagne haben, erkennen wir das an". Er entschuldigte sich bei allen, die den Spot als Ärgernis empfanden.

Homo-Gruppe ruft zum Boykott auf

Die Homo-Gruppe Stonewall zeigte sich entsetzt, dass der "harmlose" Spot abgesetzt wurde. Sie forderte schwule und lesbische Konsumenten zum Boykott von Heinz-Produkten auf.

Auch in den USA sorgte der Spot für Aufregung, obwohl Heinz ihn dort nicht ausstrahlte. Der Kommentator Bill O’Reilly vom konservativen Meinungskanal Fox News Channel nannte die Werbung "verwirrend": "Ich will Majonäse und keine küssenden Typen", so seine Zusammenfassung.

US-Kommentator Bill O'Reilly regt sich über den Werbespot auf.

Fußballnation Spanien: Nun gibt es ein einigendes Band

Ein Gespräch mit Javier Marías, einen Tag vor dem Finale. Der Schriftsteller hatte gerade etwas für eine spanische Zeitung geschrieben, Gedanken eines Fußballfans, der mehr als ein halbes Menschenalter nach dem einzigen Europameisterschaftsgewinn 1964 vor der zweiten Chance steht: Seine Mannschaft in einem großen Finale siegen zu sehen. Und er war verwirrt. Es falle ihm schwer, schrieb er, das gegenwärtige Nationalteam wirklich als eigenes zu begreifen, spanische Mannschaften spielten immer komplexbeladen und mit tausend Ängsten, außerdem spielten sie selten gut und schon gar nicht so gut wie gegen Russland. Er, Marías, habe fast das Gefühl, es mit einer Bande von Hochstaplern zu tun zu haben. Sollten „wir“ wirklich so brillant sein? Wenn es doch Wahrheit wäre bis zum Ende! Wenn die Spanier ihre Charaktermängel und ihr traditionelles Pech ein für allemal beiseitelegen könnten!

Jetzt haben sie es. Und sind sie mit einem Schlag andere geworden: Europameister. Damit ist Spanien gewissermaßen Deutschland. Nicht fußballerisch, natürlich nicht, sondern in einem tieferen Sinn. Sie haben aufgeholt und dieselbe Siegeserfahrung gemacht. Wer weiß, vielleicht gewöhnen sie sich daran! Wir kennen die Symptome ja seit dem Klinsmann-Jahr 2006. Es ist der Glaube, die Hürde überspringen, die Spötter zum Schweigen bringen und das ganze lärmende Land hinter sich vereinen zu können. Früher hätte man gedacht, das regelten Geschichte und patriotische Taten, zumal in einer anbetungsbereiten Gesellschaft wie der spanischen. Heute wissen wir, dass man ein paar Männer in kurzen Hosen, jubelnde Frauen mit angemalten Gesichtern und die Fernsehkameras der Welt dafür braucht. Nicht Feierlichkeit, sondern ansteckende Fröhlichkeit ist gefragt. Ein fast siebzigjähriger Trainer hatte eine Vision, und seine Mannschaft, von der niemand vor dem Turnier bei den Journalisten auf der Starliste stand, hat sich im Lauf von vier Wochen in alle Herzen gespielt.

In einem Land voller Streitlust und Selbstzerfleischung

Solange in Deutschland noch keine Fahnen aus den Häusern hingen und Wimpel am Autodach flatterten, wussten wir nicht genau, was das ist: Fahnen nach draußen zu hängen. Spanien ging es damit nicht viel besser. Ein vaterlandsliebender Teil der Gesellschaft zeigte zwar Flagge (und Stiere), hin und wieder sogar mit graphischer Erinnerung an die Franco-Zeit. Doch andere hatten dazu keine Lust. Das Misstrauen gegenüber dem Begriff „Nation“ ist ausgeprägt, und das Wort „Patriotismus“ hat es ähnlich schwer wie in Deutschland. Zu vieles daran ist durch Autoritarismus und Diktatur in Misskredit geraten. Patriotismus, das klingt nach Benutzbarkeit, Willfährigkeit und dumpfem Herdentrott.

Vertrauen in Demokratie schwindet

WOLF SCHMIDT

Ein Drittel der Bürger glaubt nicht, dass Demokratie Probleme lösen kann. Jeder Zweite kann sich laut Studie vorstellen, kommendes Jahr nicht zur Bundestagswahl zu gehen.

Das Vertrauen der Deutschen in die Demokratie schwindet. Das ist das Ergebnis einer Umfrage, die von der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung an diesem Montag veröffentlicht wird. Jeder Dritte glaube danach nicht mehr daran, dass die Demokratie noch die Probleme lösen kann. In Ostdeutschland ist es mehr als jeder Zweite (53 Prozent). "Das sind erschreckende Ergebnisse", sagte Studienleiter Frank Karl von der Ebert-Stiftung der taz.

Für die Studie hat das Münchner Meinungsforschungsinstitut Polis/Sinus 2.500 Bundesbürger befragt. Eine Unzufriedenheit mit dem Funktionieren des demokratischen Systems haben Sozialforscher immer wieder festgestellt - ohne grundsätzliche Zweifel an der Staatsform zu messen. So hatte etwa der Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer zum Erscheinen der Langzeitstudie "Deutsche Zustände" im Dezember von einer wachsenden Unzufriedenheit mit dem demokratischen System gesprochen - "die Demokratie an sich" aber nicht in Gefahr gesehen.

Auch die Ergebnisse der Studie der Ebert-Stiftung deuten darauf hin, dass die Befragten insbesondere unzufrieden damit sind, wie sich die Demokratie momentan präsentiert. Nach Angaben von Karl bejahten 25 Prozent aller Befragten die Aussage: "Mit der Demokratie, wie sie heute bei uns ist, habe ich nichts zu tun." In Ostdeutschland seien es sogar 41 Prozent.

Diese hohen Werte haben die Forscher überrascht. Ziel der Studie war ursprünglich, herauszufinden, warum immer mehr Menschen den Wahlen fernbleiben. Laut der Umfrage kann sich jeder Zweite vorstellen, kommendes Jahr nicht zur Bundestagswahl zu gehen.

Als einen wichtigen Grund für die Demokratiedistanz nennen die Forscher das Gefühl der zunehmenden sozialen Ungerechtigkeit in Deutschland. Fast 60 Prozent finden laut der Umfrage, dass es in Deutschland ungerecht zugeht. Persönlich ungerecht behandelt fühlen sich 26 Prozent der Befragten.

Unter den Demokratiefernen sind laut Karl denn auch Arbeitslose und Hartz-IV-Empfänger überrepräsentiert. Jeder Achte lebt in Deutschland an der Armutsgrenze, ohne Sozialleistungen wäre es jeder Vierte. Das geht aus dem jüngsten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung hervor - um dessen Interpretation sich das Kabinett wochenlang gestritten hatte. Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich laut Bericht weiter geöffnet.

Doch auch in den anderen Gesellschaftsschichten sei die Demokratiedistanz weit verbreitet, finden nun die Forscher der Ebert-Stiftung. "Das deutet darauf hin, dass viele Menschen fürchten, demnächst abzurutschen, und sie machen das System dafür verantwortlich", sagte Karl.

Wenig überraschend ist daher, dass insbesondere auch das Vertrauen in Politiker und die Parteien laut der Studie auf einem äußerst niedrigen Niveau sind. Nur ein Drittel der Befragten ist der Ansicht, dass die Politiker ihre Politik an den Wünschen der Bevölkerung ausrichten.

Für die Zukunft sehen viele Deutsche darum auch schwarz. Nur jeder Dritte sieht den kommenden fünf Jahren mit Zuversicht entgegen. 57 Prozent der Befragten stehen den Sozialreformen in Deutschland skeptisch gegenüber und verlangen mindestens eine Reformpause.

Grünen-Parteichefin Claudia Roth sagte der taz: "Die Ergebnisse der Studie sind alarmierend." Roth macht fehlende Bildungschancen verantwortlich. Aber auch das "groteske Schauspiel zwischen Selbstzerfleischung und Zusammenhalt" der großen Koalition befördere die Politikverdrossenheit.